Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Montag, 27. März 2017

IV. Dein Mann kommt mit? Gastmahl mit Corinna - Leseprobe aus Buch I "Einzig Corinna"

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem vierten Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es zumersten, zweiten und dritten Kapitel)
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!

Kapitel 4: Dein Mann kommt mit? Gastmahl mit Corinna

Mit leisem Quietschen öffnete sich der Blick zum Garten. Das kleine Gartentor saß demnach in Angeln aus Metall. Länger nicht geölt… Ein Rasseln ließ Naso nach unten sehen.
Eine Kette.
„Du hast ihn tatsächlich angekettet!“
Das Gastmahl des jungen Ovid
©:  CC-0 Public Domain (freie Verwendung)
Corinna bedachte Naso mit einem vorwurfsvollen Blick. „Es steht dir nicht zu, mich deswegen zu tadeln. Dir nicht - du wurdest frei geboren… Es ist zu seinem eigenen Schutz. Du weißt, was man mit flüchtigen Sklaven macht...“
Naso erschauerte. Instinktiv suchte er nach Anzeichen der Peitsche. Doch der Sklave wich wieder in sein überdachtes Eckchen zurück und kauerte sich fest in seinen Mantel. Naso warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. Immerhin hatte Corinna für einen Dreifuß mit heißen Kohlen gesorgt. Auch trug er geschlossene Stiefel und eine Mütze. Wahrscheinlich hatte sie sogar recht und fürchtete nicht ohne Grund was geschehen sollte, würde man ihn da draußen erwischen…
Corinna wechselte zu einem Lächeln und legte einen Arm um Nasos Schultern.
„Sieh dir lieber mein Gärtchen an. Das wolltest du doch schon die ganze Zeit, oder?“
Naso war überrascht: Im Gärtchen plätscherte ein Brunnen vor sich hin, kunstvoll eingefasst in Gestein, über dem zwei winzige Treppchen zur Eingangstür führten. Ringsum kleine Bäume und Sträucher, wilder Wein, Efeu und Blumen - eine Pinie, ein Feigen- und ein Maulbeerbaum. Gerade genug Platz dazwischen, um ins Haus zu gelangen. Hätte nicht bald der Winter begonnen und wären nicht viele Blätter bereits herabgefallen, die Illusion wäre perfekt gewesen: Wie die heilige Grotte einer Nymphe - mit dem Quellheiligtum in der Mitte…

Samstag, 25. März 2017

naves longae – Antiker Seekrieg (mos et miles V)

navis longa: Römische Kriegsmarine: Taktik periplous: Aufbrechen der Linien
cb periplous ©:  S. Gerlinger CC-BY 4.0 de
Antike Kriegsschiffe haben am Bug (vorne) einen Rammsporn und werden von Ruderern angetrieben. Reine Segelschiffe sind dagegen nur bei einigen keltischen Stämmen zu finden. Die Kriegsschiffe des Mittelmeeres sind im Vergleich zu Lastschiffen recht lang und schmal, weshalb sie im Lateinischen mit navis longa bezeichnet werden, „Langschiff“. Je nach Anzahl der Ruderreihen werden diese Schiffstypen auch „Fünfruderer“, „Vierruderer“, „Dreiruderer“, etc. genannt: Quinquireme (bzw. nach dem griechischen Vorbild: Pentere), Quadrireme, Trireme, Bireme... Römische Kriegsschiffe sind zusätzlich mit Torsionsgeschützen bewaffnet. Die Segel werden vor dem Gefecht abmontiert, damit die Steuerleute, die Geschützmannschaft und die Soldaten mehr Platz haben und nicht von (herunterfallenden) Segeln und Tauen behindert werden.
Im Wesentlichen gelten folgende 3 Grundformen als die häufigsten klassischen Taktiken:
  1. Direkt auf das gegnerische Schiff zuhalten, rammen und versenken (der Stoß mit dem Rammsporn wird dicht unter der Wasseroberfläche gesetzt).
  2. Rammen, um die Schiffe zu verkeilen und im Enterkampf Mann gegen Mann den Sieg suchen. 
  3. Dicht am Gegner vorbeifahren, ohne zu kämpfen: Die Ruder des gegnerischen Schiffes werden „abgefahren“ und zerbrechen (die eigenen werden vorher ein­ge­zogen). Der Gegner wird so manövrierunfähig gemacht. Diese Taktik erfordert wendige Schiffe und hohe Geschick­lichkeit und Übung der Steuerleute.
Natürlich wird die Taktik immer an die jeweiligen Umstände und an den Gegner angepasst. In der Regel kann die Flotte mit den besseren Steuerleuten und Ruderern eine Seeschlacht schnell für sich entscheiden. Der Nahkampf Mann gegen Mann ist fast nie von großer Bedeutung.

Samstag, 25. Februar 2017

Liebe unter den Sittengesetzen des Augustus: Historisch-politischer Hintergrund zum ersten Band der „Liebesleiden des jungen Ovid“

Gerlinger Historischer Roman P. Ovidius Naso Ovidroman
© Fran Recacha,  Titelbildentwurf des Ovid-Verlag
Rom 19-18 v. Chr.: Gaius Octavius, offiziell Gaius Julius Caesar Octavianus, wie er seit seiner testamentarischen Adoption durch Caesar heißt, beherrscht die Stadt. Doch lässt er sich seit der Verleihung eines religiösen Ehrentitels 27 v. Chr. von allen „Augustus“ nennen, „der Erhabene“. 
Augustus festigt langsam aber unaufhaltsam seine 31. v. Chr. errungene Herrschaft. In kleinen wohldosierten Schritten passt er das politische System der Realität an und prägt die Gesellschaft um, wobei er vielfältigste Medien zur propagandistischen Inszenierung einsetzt. 19 v. Chr. übernimmt er die allgemeine Leitungsgewalt über die Konsuln, die -zumindest offiziell- zuvor immer noch die höchste Staatsgewalt und Exekutive dargestellt haben.
Doch das Volk ist gut auf ihn zu sprechen. Augustus stärkt sein Ansehen und schmückt Rom als kulturelles Zentrum des Weltreichs aus. Der Literaturbetrieb wird von den Werken bestimmt, die das Regime des Augustus unterstützen, feiern und preisen, wie dem Römerepos des gerade verstorbenen Vergil. Im „Blut- und Boden-Epos“ der Aeneis preist Vergil die göttliche Bestimmung Roms zur Weltmacht und Augustus als ihren Führer und gottgesandten Knaben. Kein Wunder, das Vergilius im Kaiserhaus überaus beliebt ist.
Wer jedoch nicht zum politischen Programm passt, hat weniger Glück: Augustus beherrscht virtuos alle Medien und lässt gnadenlos zensieren. Ganze Gesamtwerke werden für immer ausgelöscht, der Dichter Gallus in den Selbstmord getrieben. Opposition wird oft geräuschlos gebrochen, notfalls brutal.
Und noch in das intimste Privatleben greift Augustus ein: Er verlangt nicht nur von seinen weiblichen Familienmitgliedern und sich selbst einen untadeligen, sittsam-keuschen und höchst langweiligen Lebenswandel, sondern bringt auch eine äußerst rigide Sitten- und Ehegesetzgebung ein, die Heirat verlangt und Fremdgehen als Straftat kriminalisiert.
Eine vorbildliche Frau sitzt den ganzen Tag brav zu Hause und spinnt Wolle -wenn sie nicht gerade mit Kindern und Haushalt beschäftigt ist-, während der Mann neue Völker erobert, so die veraltete Moralvorstellung. Die Ehe wird zum Zwang, das Kinderzeugen ist kein Spaß mehr, sondern verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Drückend steigt der Konformitätsdruck, Gleichschaltungstendenzen machen sich breit sowie weitgehende soziale Kontrollen.
            Alle passen sich an. Alle? Nein nicht alle. Ein kleines Häuflein schreibt weiter an Liebes­gedichten, die nicht zum ultrakonservativen Rollback passen. Einige modern gesinnte junge Ritter veranstalten Demonstrationen zur Abschaffung der Gesetze (Suet.Aug.34). Ein Dichter fängt jetzt erst richtig an, Gedichte zu schreiben, nimmt den Zeitgeist auf, parodiert ihn auch zum Gutteil und schreibt seine witzig-provokanten AMORES: Publius Ovidius Naso.

Sonntag, 19. Februar 2017

proelium – Die römische Armee im Gefecht (mos et miles IV)


Die Aufstellung
Im traditionellen konsularischen Doppelheer stehen ursprünglich zwei römische Legionen (je 4.000-6.000 Mann) im Zentrum, flan­kiert von zwei Legionen italischer Bundesgenossen. Die Reiterei steht außen auf den beiden Flügeln. Vor der ersten Schlachtreihe beziehen die Plänkler Stellung (ferentarii, velites…): Diese sind Leichtbewaffnete, die versuchen, die gegnerische Ordnung zu stören und sich zurückzuziehen, bevor es mit dem ersten Aufeinanderprall des Nahkampfes „richtig“ los geht. Dabei handelt es sich (fast) immer um ausländische Truppen, berühmt sind die kretischen Bogenschützen und die balearischen Schleuderer. Haben sie ihre Salven an leichten Wurfspießen, Pfeilen und Schleuderkugeln verschossen, ziehen sie sich eilig hinter die eigenen Reihen zurück.
Die Taktik wird dadurch bestimmt, wie man seine Soldaten entsprechend einem vorher überlegten Schlachtplan aufstellt; dazu musst man die geg­nerische Auf­stellung und die örtlichen Verhältnisse (Hügel, Fluss, Lager...) berücksichtigen. Man kann beispielsweise seine Truppen nach hinten tief staffeln, um durch die gegnerische Mitte durchzubrechen (beliebt bei germanischen Stämmen, besonders im sogenannter Eberkopf bzw. Keil), oder dünn in breiter Linie aufstellen, um den Gegner einzukreisen.
Die vorausschauende Wahl der Aufstellung ist eine der wichtigsten Aufgaben des Feldherrn, denn ist eine Schlacht erst einmal im Gang, kann der Feldherr im Wesentlichen „nur“ noch warten, ob sein Schlachtplan aufgeht, Reserven an benötigte Abschnitte nach vorne schicken, wankende Truppen anfeuern (lassen) und erschöpfte durch neue Truppenteile ersetzen (lassen).

Die Feldherrenrede
Steht die Aufstellung, so hält der Feldherr eine Ansprache, um seine Truppen anzufeuern, dann marschiert das Heer in Schlachtordnung dem Feind entgegen.

Die Schlachtordnung
Als spezifische Schlachtordnung geben römische Autoren meist nur die Anzahl der Schlachtreihen der Legionen an (acies), die Plänkler der Hilfstruppen (ferentarii) bleiben hier fast immer unerwähnt. Standardgemäß wird in drei Reihen vorgerückt, in der sogenannten acies triplex, der berühmten „dreifachen Schlachtordnung“. Am Häufigsten ist in der Kohortentaktik das 4-3-3 System zur Aufstellung einer Legion (legio) mit 10 Kohorten, es gibt aber auch 4-4-2 und 5-3-2. In der Abbildung unten steht jeder Block für eine Kohorte (cohors: 3x manipulum / 6x centuria zu max. 100 Mann):
Dreifache Schlachtreihe der Römer auf Lücke in Kohortentaktik
acies triplex I ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de cb

Samstag, 28. Januar 2017

III. Recht ist‘s und billig mein Flehen: Treffen mit Corinna - Leseprobe aus Buch I "Einzig Corinna"

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem dritten Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es zumersten und zweiten Kapitel).
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!

Kapitel 3:Recht ist‘s und billig mein Flehen: Treffen mit Corinna
Naso spähte zur Sonnenuhr. Die neunte Stunde des Tages hatte bereits begonnen, kein Zweifel.
»Immer noch nicht!«
Er war pünktlich gewesen: Die achte Stunde. Früher Nachmittag. Siebzehnter Tag vor den Kalenden des November.
Überpünktlich sogar. Und es war auch der richtige Ort:

Dort wo der Nymphenbrunnen beim Marmortempel der Venus
            weit durch die Lüfte die Gischt spritzt mit des Rohrdruckes Kraft.

cb ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de
Hohe Fontänen schossen lebenslustig aus den Wasserspeiern gen Himmel, zerstoben in unzähligen Tröpfchen, sanken in nebligen Schwaden herab und flossen schäumend über den Abfluss. Die marmorne Figurengruppe glänzte golden in der Sonne. Einzig Neptun spie seine Fluten ein wenig missmutig aus. Ob es ihn störte, dass sein wallender Bart etwas Moos angesetzt hatte?
Dennoch: Ein sehr lieblicher Ort.
Nur Corinna fehlte.
Wo blieb sie nur? Schließlich hatte sie selbst eben diese Verse aus den Ratschlägen des Propertius stehen lassen, als sie Ort, Treffpunkt und Zeit in Nasos Wachstäfelchen geritzt hatte.
Eine Verabredung für den nächsten Tag. Nicht mehr und nicht weniger.
So lehnte Naso lässig am Rande des Brunnens und hielt Ausschau.
Das heißt er wollte lässig erscheinen, doch je länger er wartete, desto mehr verkrampfte er sich und desto unsicherer wurde er.
»Und wenn sie doch nicht kommt? Habe ich mir das Ganze am Ende nur eingebildet? Nein, ich bin doch nicht verrückt! Die Frau war aus Fleisch und Blut, So etwas Schönes kann man sich gar nicht selbst ausdenken. Aber… vielleicht war ihr Interesse nicht echt? Ich bin einfach zu nervös…! Oh Venus, bitte steh mir bei!«
Naso wartete auf ein Zeichen, doch es kam keines.
Die Torflügel des Tempels blieben so fest verschlossen, wie zuvor.
»Was habe ich mir auch gedacht – dass sie auf einmal von selbst aufspringen, wie das Türflügelwunder in der Aeneis des Vergilius?«
[…]
Er schlenderte zu den Stufen des Tempels. Er hatte gehofft, dass vielleicht ein Priester hineingehen würde und er einen Blick erhaschen könnte. Gerade mal lang genug, um ein Gebet hinterher zu werfen. Doch es kam niemand.
Niemand, der in den Tempel ging.
Nur ein paar Mädchen und Frauen stellten sich zum Wasserholen an. Sie füllten ihre Gefäße am Hahn, gleich neben den Wasserspielen. Ein eigener Wasseranschluss, das war schon etwas, was Naso in seiner Kammer vermisste…
Allmählich lichtete sich die Schlange wieder. Nur ein paar Kinder spielten am Überlauf des Brunnens. Sie ließen kleine Spielzeugboote in der Wasserrinne um die Wette schwimmen und fischten sie wieder heraus, bevor sie durch das Gitter in die Kanalisation gespült werden konnten. Außer den Kindern und den Wasserholerinnen war der Platz nahezu leer.
Corinna war nirgends zu erblicken.
Naso hätte etwas draußen am Altar opfern können, doch er hatte nichts dabei, was sich als Opfergabe eignete.
Immer noch den Tempel fest im Blick, schlenderte er wieder zum Brunnen zurück.
„Geh ruhig nach oben!“, rief ihm eine alte Frau zu, die am Brunnen Wasser holte. Sie lächelte ihn aus ihren Zahnlücken an. Ihr schütteres weißes Haar trug sie sorgsam zu einem Knoten zusammengebunden. Sie trug die vertrauenser­weckende Stola einer ehrbaren Frau. „Decimusss hat Dienssst, er lässt die Türe den ganzzzen Tag auf, fallsss einer ein Votivgeschenk darbringen will“, zischelte sie. „Der nimmt auch Münzzzen, zum Wohle der Göttin.“
Naso dankte der Matrone mit einem freundlichen Wink.
„Danke, aber ich warte hier auf eine Freundin.“
„Sssieht man, Junge. Blumen, wie nett! Hat mein Quintusss mir noch nie gemacht… Du kannssst beruhigt reingehen. Wenn ich mit dem Wasssserholen fertig bin, werde ich warten, bis du wieder draußssen bissst. Sobald eine junge Dame herkommt, werde ich ihr ausssrichten, dassss du noch kurz bei Venusss weilssst.“ Sie lächelte über ihr faltiges Gesicht. „Junge Liebe, sssieht man ssso ssselten! Da helfe ich gerne…“
Naso zögerte, dann rannte er die Stufen empor und klopfte vorsichtig mit dem Fuß an das Tempeltor.
Knarrend öffnete sich der Wächtereinlass des linken Torflügels.
„Ja bitte, was wünschst du von der Herrin Cytherea?“
„Eine Weihegabe. Ein kleines Opfer, um Venus gnädig zu stimmen.“
„Komm!“
Der Priester führte ihn ins Tempelinnere.

Dienstag, 10. Januar 2017

fossa, agger et vallum - Lagerbau (mos et miles III)

castra, fossa, agger, vallum: Legionäre & ihr Marschlager
cb castra h©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de
Die römische Armee ist ständig in Bewegung. Am Ende eines jeden Marsches wird immer ein Lager errichtet. Besonders ausführlich beschreibt das Militärhandbuch Epitoma rei militaris des Vegetius das standardisierte Vorgehen - ganze fünf Kapitel lang (→ Veg.mil.1,21-25).
Noch vor dem Errichten des Marschlagers schickt der Feldherr einen Pioniertrupp unter einem Tribun voraus, um einen geeigneten Lagerplatz ausfindig zu machen. Er sucht einen etwa 800 mal 800 Meter großen Platz, möglichst auf einer Anhöhe. Das Gelände soll einem angreifenden Feind keinerlei Deckung bieten, dafür eine gute Sicht über die Gegend und Wasser in der Nähe haben (extrem wichtig!).
In der Mitte wird das Zelt des Feldherrn (praetorium) errichtet (I). Rote Fahnen an den anderen Stellen zeigen an, wo die Offiziere (III, IV und V) und Legionäre (VI) in ihren Zelten (tentoria) kampieren. Ausländische Hilfstruppen (auxilia) müssen am Lagerrand, an den gefährlichsten Stellen zelten (VII). In unmittelbarer Geschossreichweite am Wall lässt man jedoch eine Schutzzone frei (intervallum).
Wenn möglich, wird das Lager rechteckig angelegt, jedoch immer der Lage angepasst. Von der Mitte der Linie aus, die die Standorte der Legionärszelte angibt, wird das Lager vermessen. In ca. 400 Meter wird die vorderste Verteidigungslinie des Lagers, mit Speeren abgesteckt, danach die drei Hauptstraßen (via principalis, via praetoria, via quintana). Von diesen verläuft eine vom praetorium (I) durch die Lagermitte und wird von den beiden anderen rechtwinklig geschnitten. Die Soldaten heben einen drei Meter tiefen und vier Meter breiten Graben aus (fossa), häufen die Erde auf der dem praetorium (I) nächsten Seite an und flachen sie oben in ungefähr 1¼ m Höhe ab (vallum). An der Vorderseite wird der Hügel mit Rasen vom Graben verkleidet.
Dieser Graben (fossa) und der Schanzaufwurf, bzw. Damm (agger / vallum), sind ungefähr 700 m lang und bilden eine Seite des Lagers. Während ein Teil der Armee mit dem Bau des Schutzwalls beschäftigt ist, halten die Übrigen kampfbereit Wache. Zusätzlich wird das Lager durch Annäherungshindernisse geschützt, wie dem titulus, eine Art dem Lagereingang vorverlegter „Schützengraben“, weiteren Gräben, Fußangeln (mit Widerhaken) usw. Hinzu kommen schuss­bereite Torsionsgeschütze auf dem Lagerwall (tormenta).


Aus der Reihe mos et miles geht es hier↓ zu

I. tiroRekrutenausbildung im römischen Militär
II. maximis itineribus - Auf dem Marsch
III. fossa, agger et vallum - Lagerbau
IV. proelium – Die römische Armee im Gefecht
V. naves longae – Antiker Seekrieg
VI. peregrini: Leistung & Anerkennung von Nichtrömern im römischen Heer
VII. Germanen im römischen Heer - erschreckend effektiv
IIX. cohortes: Taktische Einheiten der römischen Legion
IX. obsidio: Belagerungen in der Antike
X. machinae: Belagerungsgerät der römischen Armee
XI. caedes: Soldaten nach der Schlacht

Mittwoch, 28. Dezember 2016

II. Wie viele Sterne am Himmel ziehen, gibt es Mädchen in Rom zu sehen - Leseprobe aus Buch I "Einzig Corinna"

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem zweiten Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovid – Einzig Corinna" (→ zum ersten Kapitel).
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!

Kapitel 2:
Wie viele Sterne am Himmel ziehen, gibt es Mädchen in Rom zu sehen:
Fundstellen & Befund
Am nächsten Tag erwachte Naso mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen. So gut geschlafen hatte er schon lange nicht mehr. Er öffnete die Fensterläden, die munter in ihren Holzangeln quietschten. Die Septembersonne drang hinein, zugleich mit einem Strom frischer Luft. Es hatte sich deutlich abgekühlt. Naso fröstelte.
»Vielleicht sollte ich doch zu den Thermen, ein schönes heißes Bad…? Hm, nein! Keine Zeit...« entschied er nach kurzem Nachdenken.
Er hatte zu tun. Das erste Gedicht stand, doch sollten noch weitere folgen. Liebesdichtung... Nur worüber sollte er schreiben?
Publius Ovidius Naso - amores 1,2: Fundstellen und Befund einer Liebe
»Wenn ich bedeutender Liebesdichter werden will, dann muss ich wohl zuerst ein Mädchen finden, das es wert ist.«
Naso zog sich die Tunika über den Kopf.
»Kann ja nicht so schwer sein...«
Er suchte und fand seine Tonschüssel in der Ecke. Prima, in der Amphore war auch noch genug, er musste also nicht runter zum Wasserholen. Jedenfalls jetzt noch nicht. Er goss sich das kalte Wasser über den Kopf und begann, sich notdürftig zu waschen.
»Brrr! Ist das kalt! Kalt wie das Wasser im Frigidarium. Hm… mir ein Mädchen zu suchen, dem ich aus ganzem Herzen sagen kann ʺdu gefällst mir als einzigeʺ… So etwas habe ich noch nie getan. Wäre das nicht schlimmer als ein Sprung ins Becken des Frigidariums? So ein Mädchen wird kaum vom blauen Himmel herabgeschwebt kommen... Vielleicht erst einmal Theorie, dann die Praxis - wie in der Ausbildung zum Rechtsgelehrten?«
[…]
[Naso versucht es gleich mit der Praxis und sammelt einen Korb nach dem anderen. Am nächsten Tag gönnt er sich einen Theaterbesuch.]
Als Naso die Treppe zur Zuschauertribüne emporstieg war er überwältigt. Wie Ameisen durcheinander wimmeln, oder Bienen die Blumen und Thymianspitzen umschwärmen, so schienen sich die Ränge unaufhörlich zu füllen: Schwärme fein herausgeputzter Frauen aus unzähligen Aufgängen – und nur wenige mit Begleiter. Wie viele Zuschauer das Halbrund der cavea noch fassen konnte? Zehntausend oder gar Vierzigtausend? Auf jeden Fall ein gewaltiger Bau.
[…]
[Doch auch im Theater erhält Naso nur vernichtende Ablehnung auf seine Anmachsprüche.]
Naso nahm sich ein Herz und auf einer anderen Sitzbank Platz. Wäre doch gelacht, wenn es bei einem anderen Mädchen nicht besser liefe!
Da drüben! Der Mantel einer jungen Dame war zu Boden geglitten:
„Sieh, deine Palla, sie liegt am Boden - darf ich?- ich hebe …“
Entrüstetes Abrücken.
Doch so schnell gab Naso nicht auf. Solange es noch weitere Zuschauerinnen gab, gab es weitere Möglichkeiten:
„Sei doch -ich bitt‘ dich- mal anders! Sag nicht wie andere ʺNeinʺ!“
Kicherndes Kopfschütteln. Immerhin…
„Haben wir etwas gemeinsam? Mag ich doch hübschere Frauen. Bist eine ganz hübsche Frau: Kann das ein Zufall noch sein?“
Desinteressiertes Lächeln.
„Würdest du mir schnell den Weg - zu deinem Herzen aufzeigen?“
„Ach, lass mich in Ruhe!“
„Küssen heißt sprechen: Die Sprache der Liebe. Komm‘ her und sprich mal!“
Erste Ohrfeige.
„Ich hab ‘nen trockenen Mund! Kannst du mir die Zunge kurz leihen?“
Zweite Ohrfeige
Naso musste sich erst einmal setzen. »Warum übertragen sich eigentlich nur Schmerzen so direkt über eine Berührung – Schmerzen und Krankheiten?«, grübelte Naso, als er sich seine gerötete Wange hielt. »Es wäre doch viel besser, wenn auch die Liebe sich auf diese Weise übertragen ließe. Ein Liebender berührt die Auserwählte und schon… Dann hätte eine Ohrfeige wenigstens einen Sinn…«
„He, sieh mal Cynthia! Es ist doch unser Freund Naso, der hier einen Korb nach dem anderen sammelt!“
Überrascht drehte Naso sich um.
Ein paar Bänke hinter ihm, lässig auf der Sitzbank zurückgelehnt, winkte ihm ein Pärchen zu. Beide strahlten um die Wette.

Freitag, 9. Dezember 2016

calceī, soccī, caligae - Schuhe, Socken & Sandalen (Mode und Körperpflege IX)

Bereits steinzeitliche Jäger wissen ihre Füße zu schützen, Kelten lieben vor allem Bund- und Schnabelschuhe. Von klassisch-griechischen Schuh-Modellen sind 82 Namen überliefert (→ vgl. Hurschmann 2001-3, Spalte 254) und in Rom kommen noch einmal etliche hinzu. Es herrscht ein riesiges Angebot an (Halb-)Schuhen, Stiefeln, Sandalen und Pantoffeln zu unterschiedlichstem Gebrauch und Preis und in den vielfältigsten Farben, Formen und Materialien.
Sohle einer caliga mit eisernen Nägeln (clavus, clavi, m.)  beschlagen
caliga with nails ©Matthias Kabel 2005 CC BY-SA 3.0
Der sprachlich geläufigste römische Schuh ist der calceus (auch calcius) ein Halbstiefel, der den ganzen Fuß oft bis zum Knöchel bedeckt und auch ganz geschlossen sein kann, (→vgl. Gell.13,21-22). Sprichwörtlich bedeutet calceōs poscere (wörtlich: die Schuhe fordern) vom Tisch aufstehen. Dabei bevorzugen nicht nur Frauen eine bequeme, teure, weiche und geschlossene Version, Patrizier (calceus patricius), Ritter (calceus equestris) und Senatoren (calceus sēnātōrius) zeigen ihren gehobenen sozialen Stand durch besondere Formen von calceī in dominanten Rottönen.
Als bequeme Halbschuh-Sandale mit von Ösen durchbrochenem, an der Ferse geschlossenem Seitenleder trägt man crepidae, deren Sohlen mit Nägeln verstärkt sind.
Sehr beliebt ist auch die solea, die „SchnürSOHLE“: eine besonders luftige Sandale mit lediglich einem Mittelsteg vom Zehenansatz zur Knöchelmitte, der oben und unten mit einem Riemen zur flachen Sohle gehalten wird.
Im römischen Heer benötigt man wegen des ständigen Marschtrainings besonders haltbares Schuhwerk, die caligae, die als typischer Arbeitsschuh auch von Bauern und Arbeitern getragen werden: hoch geschnürte genagelte Sandalen mit Riemen und Laschen, auch „Soldatenstiefel“ genannt. Sie werden aus einem einzigen großen Lederstück gefertigt, die Sohle verstärkt und mit relativ abriebfesten Eisennägeln (clāvī) ausgestattet, die zugleich ein gutes Profil mit ergonomischer Unterstützung ergeben. Wegen der großen Marschleistung müssen auch diese Nägel gelegentlich ersetzt werden, so dass sich eine große Zahl von ihnen bis heute erhalten hat. Offiziere schlüpfen jedoch in lieber calceī in geschlossener Stiefel-Version – natürlich individuell angefertigt statt Massenproduktion und daher etwas teurer.