Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Mittwoch, 30. Oktober 2019

contio – concilium – comitia: Volksversammlungen und Wahlkörperschaften in Rom


Forum Romanum,  CC BY 4.0,
Landesbildungsserver Baden-Württemberg,
Latein-Portal (https://www.schule-bw.de)
„Volksversammlungen“ gibt es viele im alten Rom, doch nicht alle haben dieselben Befugnisse: Eine contio ist eine rein informelle Veranstaltung ohne Wahl, in comitia centuriata werden die wichtigsten Ämter des cursus honorum mit nach Reichtum gestaffelter Stimmenanzahl gewählt, in concilium populi tributa gibt der Wahlbezirk mit unterschiedslos je einer Stimme pro Wähler den Ausschlag und in einem concilium plebis entscheiden die Plebejer unter Leitung der Volkstribunen – die allerdings meist von führenden Senatoren bestochen werden.

Gewählt wird also zu verschiedenen Anlässen unterschiedlich. Die wichtigste Wahlversammlung ist die

comitia centuriata
  • umfasst Patrizier und Plebejer in fünf Klassen
  • Wahlort: Marsfeld außerhalb der Stadt
  • wählt jährlich die begehrten Stellen der Konsuln und Prätoren
  • alle 5 Jahre Wahl der Zensoren
  • nach Vermögen gestaffelt, die reichsten Hundertschaften (centurien) mit den wenigsten Mitgliedern an Wählern verfügten über die weitaus meisten Stimmen => Sind sich Senatoren und Ritter einig, ist die Wahl gelaufen – was aber zuallermeist nicht der Fall ist.
  • Jede Hundertschaft hat insgesamt nur eine Stimme


  • umfasst Patrizier und Plebejer, verteilt auf die 35 Stämme (tribus)
  • Wahlort: im Comitium auf dem Forum Romanum.
  • wählt jährlich die kurulischen Aedile (aediles curules), Quaestoren und Militärtribunen (tribuni militum).


  • umfasst: Plebejer: ähnlich wie comitia populi tributa, ABER unter Ausschluss aller Patrizier, darf nur von Volkstribunen einberufen werden
  • Wahlort: Comitium auf dem Forum Romanum,
  • wählt jährlich die plebejischen aediles plebis (Ädile) und die Volkstribunen
  • Patrizische Senatoren beobachten die Versammlung häufig von den Stufen der Curia Hostilia aus und versuchten von hier aus, Einfluss auf die Tribunen zu nehmen (von denen meist ohnehin mehrere zuvor von den Senatoren für eigene politische Zwecke „gekauft“ werden können)

Fatalerweise bietet das concilium plebis als ungeplante Nebenentwicklung eine Parallelstruktur, Volksversammlungen einberufen zu können – dies darf in erster Linie der Senat. Das concilium plebis  ist dabei nicht an die Empfehlungen und (Volksversammlungs-)Beschlüsse des Senats gebunden und kann sie niederstimmen – so zum Beispiel im Jugurthinischen Krieg, als das senatus consultum ergeht, die Amtszeit des Quintus Caecilius Metellus Numidicus als kommandierender General zu verlängern, den das Concilium Plebis mit der Ernennung von Gaius Marius verwirft – oder ergänzen: während Caesar durch Beschluss der Volksversammlung zum Prokonsul von Gallia cisalpina und Illyricum ernannt wird, übergibt ihm ein von ihm zu Wege gebrachten senatus consultum auch noch die Gallia transalpina gleich mit.

Schutz gegen Treue: Das Römische Klientelsystem


Das Klientelsystem ist die wichtigste Grundlage der römischen Politik: Weniger bedeutende Römer unterstellten sich und ihre Familien als Klienten (clientes) dem Hausvater einer reichen und mächtigen römischen Familie, ihrem Patron (patronus). Diese Patronatsverhältnisse werden vererbt, können aber auch gewechselt werden, was aber nur selten geschieht.

Im Wesentlichen bietet der Patron seinem Klienten (rechtliche) Sicherheit, Schutz und (Lebens-)Hilfe, vertritt ihn vor Gericht, berät ihn und kümmert sich um seine Versorgung (Verleih von Land und Geld geliehen etc.
Die Klienten bieten ihrem Patron (körperliche) Sicherheit (z.B. als Bodyguards in der Menge), Treue und (Wahl-)Hilfe, bilden seine Gefolgschaft, begleiten ihn in der Öffentlichkeit und helfen beim Wahlkampf.

Wenn ein Klient etwas von seinem Patron will, so macht er ihm morgens die Aufwartung. Allerdings haben nur sehr wichtige Klienten die Chance, von ihrem Patron nach einer zumutbaren Wartezeit persönlich empfangen zu werden. Um alltägliche Belange niedriger gestellter Klienten kümmert sich ein Verwaltungssklave des Patrons: Am frühen Morgen stehen Klienten mit einem leeren Körbchen Schlange. Sie bekommen sportula, die ihnen ihr Patron zukommen lässt: eine kleine Zuteilung von Speisen zum Mitnehmen, v.a. wenn sie arm oder in finanzielle Schieflage geraten (→ Gerlach 2001, S. 16). Mancher Patron lässt der Einfachheit halber lieber gleich Geld auszahlen.

Montag, 30. September 2019

ADHS & Kaiser Claudius: Ein Fazit – Woran litt Kaiser Claudius? (IIX)


Bei Erwachsenen sollen für eine sichere Diagnose in beiden Bereichen jeweils fünf von neun Symptomen erfüllt sein. Bei Kaiser Claudius sind es bei der Unaufmerksamkeit mindestens sieben von neun Symptomen und bei der Hyperaktivität mindestens acht von neun.

Dazu scheint Claudius noch an Begleit- und oder Folgeerkrankungen von ADHS zu leiden: Angststörungen, verzögerten Schlafphasen, Substanzmissbrauch und Störungen des Sozialverhaltens.
In Wikipedia heißt es über ADHS bei Erwachsenen: „Nach einer Studie in den Niederlanden von 2013 waren von 202 erwachsenen ADHS-Patienten 26 % gleichzeitig vom verzögerten Schlafphasensyndrom (Delayed sleep-phase disorder, DSPD) betroffen. In einer Kontrollgruppe von 189 Nicht-Patienten trat DPSD dagegen nur mit einer Häufigkeit von 2 % auf. Darüber hinaus war bei den ADHS-Patienten insgesamt der Schlaf kürzer, die Einschlafphasen länger, und die Mitte des gesamten Nachtschlafs später“.
Auch dies ist bei Sueton für Claudius überliefert: Kaiser Claudius braucht länger zum Einschlafen und schläft nicht vor Mitternacht, seine Nachtruhe ist „überaus kurz“, am Morgen ist er dann so müde, dass er vor Gericht einschläft und ihn die Anwälte kaum wecken können, wenn sie absichtlich laut werden (→ Suet.Claud. 33).
Im sozialen Umgang eckt Claudius durch seine Verhaltensweisen schon seit seiner Kindheit an, was Mutter und Großmutter heftig gegen ihn einnehmen lässt (→ Suet.Claud.3,2). Seine Berichterstatter kritisieren seine „kalten“ oder weit hergeholten Witze, die wohl nicht immer zur Belustigung beitragen (→ Suet.Claud. 21).
Substanzmissbrauch wie mit Alkohol ist bei ADHS signifikant höher als ohne. Dies trifft auch auf Claudius zu (→ Suet.Claud. 5; → Suet.Claud.33: vini appetentissimus). Seine Selbstbeherrschung ist eindeutig gestört, teilweise sogar wie aus dem Lehrbuch für ADHS bei Erwachsenen: „Sie wirken auf ihre Umgebung, als würden sie nicht nachdenken, bevor sie handeln oder sprechen“ (Wikipedia, s.v. ADHS bei Erwachsenen). Ebendas schreibt auch Sueton über Claudius (→ Suet.Claud. 40): ut nec quis nec inter quos, quove tempore ac loco verba faceret, scire aut cogitare existimaretur.

Supermacht im Wüstenkrieg – Sallusts Bellum Iugurthinum


Supermacht im Wüstenkrieg - Sallust Bellum Iugurthinum
Römischer Legionär (Ausschnitt),  CC BY 4.0,
Landesbildungsserver Baden-Württemberg,
Latein-Portal (https://www.schule-bw.de)

Die Supermacht des Mittelmeerraumes gegen einen kleinen Wüstenstaat in Nordafrika. Eigentlich nicht wirklich die ganz große Geschichte, könnte man meinen. Warum hat sich Sallust ausgerechnet diesen Krieg zum Thema einer ganzen Monographie gewählt?

primum quia magnum et atrox variaque victoria fuit, sagt er (→ Sall.Iug. 5,1-2), dein quia tunc primum superbiae nobilitatis obviam itum est; quae contentio divina et humana cuncta permiscuit eoque vecordiae processit, ut studiis civilibus bellum atque vastitas Italiae finem faceret.
Groß, hart und von wechselndem Siegesglück – und weil man der Arroganz der Mächtigen erstmals entgegentrat, eine Auseinandersetzung, die erst mit Bürgerkrieg und der Verwüstung Italiens ein Ende fand.

Der von Sallust beschriebene asymmetrische Krieg gegen den König der Numider wäre tatsächlich relativ unbedeutend, wären nicht bedeutende Entwicklungen damit angestoßen worden.
Mit der erstmaligen Einberufung von besitzlosen capite censi als Soldaten anstatt des Bürgerheeres aus vermögenden Selbstzahlern entstehen nun mächtige Warlords, die sich auf treu ergebene Armeen stützen (in der Schlacht wie auch im Wahlkampf). Es ist der Jugurthinische Krieg, mit dem der Aufstieg des Marius und des Sulla beginnt. Später wird Pompeius unter Sulla Karriere machen, schließlich wird Caesar zum mächtigsten Warlord. Am Ende dieser Entwicklung stehen die Bürgerkriege, in denen die Republik untergeht.
Zudem wirft Sallusts Berichterstattung ein Schlaglicht auf die grassierende Korruption in Rom, die Spaltung der Nobilität und die Arroganz der großen Familien.
Sallusts Monographie eignet sich darüber hinaus auch für Betrachtung von Aspekten der Militär-, Literatur- und Sozialgeschichte: Bisweilen finden sich überraschende Unglaubwürdigkeiten, die schlicht auf traditionelle Ausdrucksformen antiker Historiographie und auf antiken Chauvinismus zurückgehen.
Eine Lektüre, die sich lohnt…