Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Montag, 18. Mai 2015

X. Wie lange noch? Leseprobe aus "Catilina und die Jugend Roms"

Es folgt ein Auszug aus Kapitel Zehn (zweiter Band - bisher gibt es hier Ausschnitte aus dem ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten und neunten Kapitel). Anregungen und Kommentare sind wie immer erwünscht (Rufus.in.Rom@gmail.com)!


Kapitel X: Wie lange noch
Verärgerter Cicero bei seiner Rede "In Catilinam"
Cicero, angewidert von Catilina
[Am nächsten Morgen stehen bewaffnete Soldaten am Hauseingang. Quintus Fabius Sanga ruft seine familia zusammen. Die Briefe an Crassus und die andern Patrizier wurden im Senat vor Zeugen geöffnet und verlesen, über die Erhebung des Manlius wurde beraten. Schließlich wird der Notstand ausgerufen.]
[…]
[Rufus ist im Unterricht nicht bei der Sache, selbst bei der Sage über Romulus und Remus muss er immer nur daran denken, was sein Gastbruder Gaius gerade treibt – und wo. Rufus und Fabiulla werden mitten aus dem Unterricht herausgerufen: Larcia wurde eingeladen, unter ausdrücklichem Wunsch ihrer Gesellschaft...]

In Fulvias geschmackvoll eingerichtetem Triklinium fehlte es wieder an nichts; an nichts außer an der rechten Stimmung: Fulvia bemühte sich, eine gute Gastgeberin zu sein, doch kaute sie andauernd an ihren Nägeln, während Larcia Neuigkeiten berichtete, die bereits jeder wusste.
„Wie lange wir das wohl noch zu erdulden haben müssen? Staatsnotstand – wie schrecklich! Auf den Märkten ist kaum noch etwas zu haben. Ceres sei Dank, dass wir noch unsere eigenen Landgüter haben, jetzt wo man das beste Obst und Gemüse nur noch zu Wucherpreisen unter dem Ladentisch bekommt. Und von dem, was noch öffentlich angeboten wird, wollen wir gar nicht erst reden: fade im Geschmack, zähes Fleisch und vergammelter Fisch!...“
[…]
„Und wieso bitte, kann man sie nicht einfach so verurteilen?“
„ʺWo bitte sind die Beweise?ʺ, würden ihre Unterstützer sagen. Der junge Caesar hat sogar eine flammende Rede gehalten, dass er Aufruhr in keiner Form unterstütze, dass man sich aber strikt an das Gesetz zu halten habe…“
„… und hat damit verdammt recht - in dubio pro reo!“
„Sempronia!“
Fulvia fuhr mit einem Satz von der Speiseliege hoch und riss die Augen auf.
Sempronia nahm ungeniert auf dem mittleren Speisesofa direkt neben Larcia Platz, so dass ihr Platz zum neuen Ehrenplatz zwischen den Damen wurde.
Fabiulla und Rufus sogen überrascht die Luft ein. Sempronia hatte ohne auf eine Einladung der Gastgeberin zu warten einfach den locus consularis für sich in Anspruch genommen. Larcia hatte sich deshalb ursprünglich auf die mittlere Liege begeben, und Rufus neben Fabiulla auf der Randliege Platz nehmen lassen.
Larcia zog gekränkt beide Augenbrauen hoch. Sempronias Verhalten sprach jeder Etikette Hohn.
Fulvia starrte Sempronia immer noch an, als sei sie ein Gespenst.
»Wie kann man sich denn vor einer so netten Frau so fürchten?«, wunderte sich Rufus. Erneut bewunderte er ihre Erscheinung. Sempronia war vielleicht nicht mehr ganz so jung wie andere Frauen, ihre Haut nicht mehr ganz so glatt, aber die Eleganz ihrer Erscheinung suchte ihresgleichen. Allein schon ihre Bewegungen verrieten die ganz große Klasse. Die Lachfältchen um ihre Augen und das leicht spöttische Lächeln um ihre Mundwinkel fand Rufus besonders anziehend. »Sollte ich jemals eine Römerin heiraten, dann so eine!«, schwor er sich, während er den Duft ihres verführerischen Parfüms einsog.
„Na was ist?“, riss Sempronia ein Glas an sich. „Bekommt man hier etwa keinen Wein? Oh, was für leckere Häppchen…“
Larcia kämpfte darum, nicht die Beherrschung zu verlieren. Sie setzte sich stocksteif auf und gab sich demonstrativ angewidert, als Sempronia unbekümmert ein paar Pastetchen in die Luft warf und mit dem Mund wieder auffing. Sempronias Stola war dabei so weit entblößt, dass man ihre goldenen Arm- und Fußringe sehen und klappern hören konnte.
Fabiulla kicherte ausgelassen, Rufus war überwältigt von Sempronias Lebensfreude, Larcia sog scharf die Luft ein.
„Außer sich wie billige Akrobatinnen zu verhalten, scheint es manchen Frauen nicht einmal etwas auszumachen, sich vor Männern zu entblößen!“
„Warum auch nicht, wenn es der richtige ist? Und weißt du was? Es macht auch manchen Männern nichts aus – solange sich die richtige Frau entblößt!“
„Fabiulla! Warte vor der Tür! Agahtha, begleite sie! Wie kannst du nur solche Reden vor einem wohlerzogenen Kind aus dem ruhmreichen Hause der Fabii Sangae führen?“
Agatha zog Fabiulla, die ihr Lachen nicht zurückhalten konnte, hinter sich hinaus.
Sempronia kniff die Augen zusammen.
„Wie kannst du dein eigenes Kind nur zu einem Sklaven der Männer erziehen wollen? Glaubst du wirklich, dass unser Leben nur dafür da ist, überkommene Konventionen zu wahren?“
Larcia schloss ihre Augen und wandte sich entrüstet ab.
„Ja, verschließ nur deine Augen vor der Wahrheit und vor dem Leben! Aber glaube nicht, dass ein intelligentes Kind wie deine Tochter glücklich wird, wenn man sie den ganzen Tag einsperrt und Wolle spinnen lässt. Erst redet man ihr ein, dass die arrangierten Hochzeiten nur dazu dienen, den Richtigen für sie zu finden. Dann wird sie verkauft wie ein Stück Vieh, für Ansehen oder für ʺFreundschaftʺ, nur um gerade eine politische Koalition zu besiegeln oder einen Parteifreund näher an sich zu binden. Und sollte sie wirklich einmal mit einem Mann zufrieden sein oder sich gar in ihn verlieben – hopp, ihr nötigt sie zur Scheidung, weil die Politik gerade andere Bindungen verlangt. Willst du das wirklich?
Schau dich doch selbst an, du wirst von deinem Ehemann als reines Repräsentationsobjekt gehalten, wie ein Schmuckstück für Männer, das man vorzeigt, aber das weder einen eigenen Willen hat noch einen haben darf - und als Reproduktionsobjekt, für legitime Nachkommen mit dem Abbild deines gesetzlich anvertrauten Vormunds und Bestimmers. Wo bleibt da die Freude? Sind wir Tuchwalker? Sind wir Legehennen? Wenn ein Mann Spaß dabei haben will, geht er nicht zu seiner Frau sondern ins Bordell: Niemand wird deshalb schlecht über ihn reden sondern man lobt ihn noch dafür, wie es der alte Cato schon tat. So ist es bei den Römern Brauch. Aber was ist mit uns? Wo bleibt unser Vergnügen?“
In Larcias Augenwinkel blitzte eine Träne auf, doch machte sie keine Anstalten, auf Sempronia zu reagieren.
Sempronia beugte sich näher heran, bis ihr Mund beinahe Larcias Ohr berührte.
„Und du? Was ist mit dir und mit deinen Bedürfnissen? Bespricht er seine Handlungen zuvor mit dir und hört er auf dein Urteil? Geschäfte, Politik, Erziehung? Quintus ist auch schon lange nicht mehr so lebendig wie früher, wie man hört. War er es jemals? Geht er auf deine Bedürfnisse ein? Spürt er, was du willst? Nimmt er auf deine Vorstellungen Rücksicht? Und - hast du Vergnügen daran, wenn Quintus dich im Ehebett aufsucht, oder liegst du nur stumm da und wartest reglos, bis es vorbei ist? Und dann lebst du nur noch für das Ziel, noch ein Kind gebären zu dürfen, damit dein Mann dich stolz als ehrbare Matrone herzeigen kann? Oder kommt er schon gar nicht mehr zu dir, sondern sucht sich lieber etwas… Lebendigeres?“
Rufus sah, wie Larcia eine Träne über die Wange lief. Noch immer hielt sie die Lider nach unten gepresst, als höre sie nichts von alledem. Dennoch schien sie schwer getroffen.
Sempronia legte sanft einen Arm um Larcias Schulter.
„Entschuldige, ich wollte dich nicht beleidigen, nur aufrütteln. Du musst dich nicht in ein solches Schicksal fügen. Niemand sollte das müssen, weder Mann noch Frau. Es gibt noch mehr im Leben für eine Frau als nur zu Hause sitzen, Wolle spinnen, Kinder und Unterwerfung! Auch ich habe Kinder, aber es gibt einfach zu viel zu entdecken! Wer sagt, dass sich nur Männer bilden sollen? Mein Decimus lässt mich gewähren, seine Bibliothek steht mir immer offen – und mehr als das! Komm doch einmal mit zu mir, wir sind nicht alleine. Du kannst deine Töchter gerne mitbringen. Es gibt viele Frauen, die so denken wie ich. Fulvia ist auch eine von uns. Das bist du doch noch, nicht wahr?“
Sempronia unterzog Fulvia einem prüfenden Blick.
Fulvias Kopf sank leicht zwischen ihre Schultern.
„Und es gibt auch Männer, die uns unterstützen wollen, veränderungsbereite Männer, mutige Männer wie…“
Larcia riss Sempronias Arm herunter.
„Fulvia! Es tut mir leid, aber wenn du solchen Umgang pflegst, werde ich dich zukünftig nicht mehr mit Kindern besuchen können!“
„Ja, Fulvia achte auf deinen Umgang!“
Sempronia sah Fulvia direkt in die Augen.
„Deswegen bin ich eigentlich hergekommen, als man mir berichtete, wer gerade so zu dir kommt - und geht.“
Fulvia wurde blass.
„Wer kommt und geht - und was du so erzählen könntest. Aber wie ich sehe, sagst du gerade nicht besonders viel. Schade eigentlich, denn schließlich es gerade das, was mich am meisten interessiert, wenn ich meine liebe Freundin besuche. Aber manchmal soll das auch besser sein. Es soll sogar Menschen geben, die das als Verrat sehen würden, wenn jemand einmal zu viel redet, vielleicht als Verrat am eigenen Geschlecht, da eine Frau sittsam und still sein soll, nicht wahr Larcia? Oder als Verrat an der Sache. Ich kenne mich da ja nicht so gut aus, aber ich hörte davon, dass schon viel Blut vergossen wurde – aber immerhin wird man bekannt: Nicht umsonst heißt unser Hinrichtungsfelsen für Verräter nach Tarpeia, die einfach nicht ihren Mund halten konnte…“
Fulvia schwankte. Sie schien einer Ohnmacht nahe.
Sempronia beugte sich zur äußeren Liege hinüber und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Das spöttische Lächeln jedoch blieb.
„Aber teuerste Fulvia, was hast du nur? Das sind doch nur uralte Mythen! Keine Ahnung, wie ich überhaupt auf das Thema zu sprechen kam. Dafür gibt es doch nicht den geringsten Anlass, wie ich sehe. Oder, Fulvia?“
Fulvia zitterte, obwohl ihre Liege direkt neben dem dreifüßigen Kohlerost stand. Sie war kreidebleich.
„Wie blass du geworden bist! Fühlst du dich nicht wohl? Vielleicht eine Erkältung… Ich glaube, ich muss die Arme beruhigen. Ihr geht jetzt besser wieder nach Hause. Am besten bleibe ich gleich über Nacht, lasse meinen Arzt kommen und passe ein wenig auf sie auf. Dafür sind doch Freundinnen da, nicht wahr? In ein paar Tagen hat sie sich wieder vollständig erholt. Dann können wir wieder ein so herrlich kontroverses Schwätzchen halten. Es hat mich gefreut, Larcia, deine Kinder kennen zu lernen und dich wiederzusehen.“
Dann sah sie Rufus an und lächelte.
„Larcia, ich glaube, ich muss mich wirklich bei dir entschuldigen! Wenn ich mir deinen Sohn so ansehe… es gibt wohl doch mehr Abwechslung in deinem Leben, als ich geahnt hätte…“
Larcia rauschte wortlos hinaus, begleitet vom kehligen Lachen Sempronias.
[…]
[Rufus stößt scheinbar zufällig mit Fulvias Sklavin Helena zusammen, die ihm heimlich ein Schreibtäfelchen zusteckt]
Kaum waren sie vor der Tür, da konnte sich Larcia auch schon nicht mehr zurückhalten und ließ ihrem ganzen aufgestauten Ärger freien Lauf. Dass es sich nicht schickte, in einer Sänfte unmittelbar vor dem Hause der Gastgeberin über eine Dame und Gast des Hauses zu schimpfen, schien sie vollkommen vergessen zu haben.
„..und genau das ist auch eingetreten: Vor Frauen wie Sempronia hat man mich gewarnt – und zwar zu recht! Nie mehr setzte ich einen Fuß in das Haus von Fulvia! Ich habe ja immer gewusst, dass sich Fulvias Lebensweise und Ansichten nicht schicken, schon gar nicht für eine Dame von Stand, aber dass es so weit geht… Mit solchem Gesindel zu verkehren – einfach unerhört.“
Larcia zitterte vor Erregung.
„Komm schon Mama, so schlimm kann es doch unmöglich sein. Bisher war es doch auch immer ganz nett bei Fulvia. Und du hast doch gesagt, sie ist immerhin eine Dame von Stand und auch Sempronia….“
Wage nicht, diesen Namen noch einmal in den Mund zu nehmen, oder ich muss ihn dir auswaschen! Ich hätte es wissen müssen. Frauen, die nicht mehr auf die Sitten der Vorväter hören, sind zu allem fähig. Warum habe ich nicht erkannt, dass sich Fulvia mit solchem Gesindel abgibt? Dass sie sich mit solchen verschwenderischen Frauen gemein macht, die über ihre Verhältnisse leben! Zuerst bestreiten sie ihren ungeheuren Aufwand mit körperlicher Unzucht, dann setzt ihr fortschreitendes Alter nur den Möglichkeiten ihres Gelderwerbs, aber nicht ihres Luxuslebens ein Ende. Das sind genau die Art hochverschuldete Frauen, mit denen Verbrecher wie Catilina Umgang pflegen.“
„Woher willst du denn wissen, dass Catilina…“
„Aber das weiß doch jeder! Nicht nur, dass er sich selbst reichen Frauen gegen Geld und Einfluss zur Verfügung gestellt hat, mit Hilfe der Frauen zweifelhafter Herkunft und zweifelhafter Gesinnung will er sicher die städtische Sklavenschaft aufwiegeln, die Stadt anzünden und ihre Männer entweder in die Verschwörung aufnehmen oder lieber gleich umbringen lassen…“
[…]
Rufus tastete nach dem Schreibtäfelchen, wagte jedoch nicht, es zu öffnen.
Ein unangenehmer Geruch schlug ihnen entgegen. Jetzt waren sie schon kurz vor der Wäscherei des Sestius. Jetzt musste er eine Entscheidung fällen, wenn er selbstbestimmt und unbemerkt handeln wollte. Wer war glaubwürdiger – Sempronia oder Larcia?
»Was soll ich tun?«
Rufus versuchte, im Gehen einen kurzen Blick auf den Inhalt des Briefes zu werfen:

ʺAchter Tag vor den Iden des November.
Noch vor Sonnenaufgang soll Cicero ermordet werden: Lucius Vargunteius und Gaius Cornelius kommen zur morgendlichen Salutatio und werden ihm die Kehle aufschlitzen.ʺ

Rufus fiel das Täfelchen aus der Hand. Mit zittrigen Händen versuchte er, es wieder aufzuheben, doch kam ihm jemand zuvor.
„Das nehme besser ich.“
Er blickte in das vernarbte Gesicht, das er nur zu gut kannte: Cicatrix! Doch noch bevor er ihn bitten konnte, ihm die Nachricht zurückzugeben, war Cicatrix schon wieder verschwunden.
»Rufus, bist du schon wieder in jemanden hineingerannt? Na komm schon!«
Fabiulla hatte anscheinend kein Interesse daran, sich alleine die Moralpredigten ihrer Mutter über verkommene Frauen in Rom anhören zu müssen.
„Fabiulla! Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass es sich nicht schickt, in der Öffentlichkeit lauthals aus einer Sänfte zu brüllen!“
»Nicht oft genug«, dachte Rufus und hielt wieder mit der Sänfte Schritt, »nicht oft genug. Hoffentlich kommt der Brief in die richtigen Hände! Und hoffentlich noch rechtzeitig…«
An einem kleinen Eckladen sah er, wie der Verkäufer einem Hähnchen den Hals durchtrennte. Eisige Schauer liefen ihm über den Rücken, wie eine Art Vorahnung.
»Iuppiter, oberster Gott und Beschützer der Römer. Lass dieses Omen bitte fern sein!«

[…]
[Rufus möchte sich mit den Allobrogern beraten, doch diese sind bereits am Feiern, dass Cicero sich in der morgigen Senatssitzung endlich für sie und die Überschuldungsprobleme ihrer Städte einsetzen will. Rufus soll als Teil der Gesandtschaft auftreten, um einen guten, einen zivilisierten Eindruck zu verbreiten, da er sowohl keltisch als auch inzwischen nahezu akzentfreies Latein sprechen könne. Auf dem Weg zum Senatsgebäude begegnen sie überall Wachen. Die curia ist verwaist, die Sitzung ist in den Tempel der Concordia verlegt.]
[…]
Als sie oben angekommen waren versperrten ihnen die Legionäre am Tempeltor den Weg.
„Halt! Durchsuchen!“
„Senator Quintus Fabius Sanga zusammen mit den allobrogischen Gesandten. Wir sind angemeldet.“
Ein Mann mit quergestelltem Helmbusch trat mit verschränkten Armen vor. Seine muskulösen Arme waren voller Narben. Er erinnerte Rufus an seinen alten Ausbilder Haldavvo, der in seinem Stamm der Jugend die militärischen Formationen beibrachte. Außer dass Haldavvo natürlich nicht nach Knoblauch stank sondern nicht einmal Bärlauch mochte.
„Und wenn ihr Iupitter Stator persönlich wärt, ich muss euch zunächst durchsuchen. Waffentragen ist noch immer verboten. Auch für Senatoren.“
Quintus zuckte mit den Achseln.
„Ich habe nichts zu verbergen.“
Die Legionäre erledigten ihre Arbeit ruppig aber sorgfältig. Schließlich ließen sie die Gruppe durch. Rufus zog den Kopf ein, um durch die schmale Pforte zu gelangen.
Kaum war er im Inneren, zuckte er sofort zurück: Ein bärtiger Riese auf einem riesigen Thronsessel schien ihn streng zu mustern.
Sonst schien sich niemand daran zu stören.
Rufus sah genauer hin: Nein, das war nur eine dieser bemalten halbnackten Statuen. Im Licht der vielen Dreifüße schien er sich im gespenstisch flackernden Licht zu bewegen. Warum hatte niemand eine Fackel angezündet oder diese Öllämpchen?
Catugnatos bemerkte seinen Gesichtsausdruck und lächelte.
„Für Senatssitzungen dürfen keine Lampen angezündet werden. Kein Ahnung warum.“
„St!“, mahnte sie Quintus an ihre verabredete Rolle – eine schweigsame.
Rufus runzelte die Stirn. Die Kohlebecken spendeten nicht nur Wärme. Warum war das denn dann nicht auch verboten?
»Diese Römer und ihre ständigen kleinen juristischen Tricks! Als ob es immer nur auf den Wortlaut des Gesetzes ankäme und niemals auf dessen Sinn.«
Rufus erwischte sich dabei, wie er unwillkürlich eine Augenbraue nach oben zog, ganz so wie die römischen Adligen. Er musste grinsen.
Bisher waren nur wenige Senatoren anwesend, die allesamt am äußersten Stuhlring standen. Der Tempel des Iupitter Stator war einer der ganz wenigen runden Tempel in Rom. Anscheinend fand deswegen die Sitzung heute hier statt. In der Mitte waren mehrere Stuhlreihen in zwei Ovalbögen aufgebaut: Platz für mehrere hundert Senatoren. Nach hinten stiegen die Reihen wie im Theater an, dafür hatte man Holzplatten aufgeschichtet. In der einen Schmalseite standen die Bögen zum Doppeltor offen, in der anderen zur Statue. Der Mittelpunkt blieb frei.
Rufus fröstelte. Wo keine Dreifüße standen, war die Luft kalt und doch zugleich auch muffig. Ob der Geruch von der Holzdecke kam? Lauter Kassetten mit Versteifungen und kunstvoll geschnitzten Randstegen. Aber es roch auch nach etwas anderem. Von den Opferungen konnte es nicht stammen, die machte man ja draußen auf dem Altar. Ach richtig, diese Körnchen, die auch Quintus vor dem Hausaltar im Atrium benutzte: tus - Weihrauch, oder so ähnlich, das konnte man ja auch in speziellen Gefäßen schwenken…
Quintus bedeutete ihnen, sich zu setzen. Selbst ging er ein paar Senatoren an, nahm sie freundschaftlich in den Arm und begann auf sie einzureden. Vermutlich alles nur Hinterbänkler: Ritter und Handelsunternehmer. Darunter hatte Quintus viele Freunde und Unterstützer, aber auch viele Gegner, die Steuerpächter, ihre Patrone und ihre Freunde. Für sein Anliegen brauchte Quintus am besten die Unterstützung eines Spitzenpolitikers, wenn nicht gar einen Redner vom Schlage eines Cicero.
Der Konsul war jedoch noch nicht erschienen.
Nach und nach trudelten weitere Senatoren ein. Manche waren wichtiger als andere, das konnte man sofort an den zumeist unterwürfigen Reaktionen der anderen sehen. Catugnatos kannte ein paar vom Sehen, nicht zuletzt vom letzten Prozess der Allobroger gegen ihren korrupten Statthalter Fonteius. Leise flüsternd stellte er sie ihnen vor:
„Der dürre Alte, das ist Catulus, der Führer der Konservativen. Schaut euch nur sein Gesicht an! Er ist wohl noch immer tief gekränkt, dass ihm der Populare Caesar für den Posten des Pontifex Maximus vorgezogen worden war. Behilflich war er uns jedoch noch nicht.“
 […]
„Sanga! Auch wieder einmal im Senat?“
Den Mann, der geradewegs auf Quintus zugelaufen kam, brauchte Rufus niemand vorzustellen.
Marcus Licinius Crassus Dives.
Seine Glatze leuchtete im schummrigen Licht selbst wie ein kleines Kohlenfeuer. Seine sonst nach vorne gekämmten Resthaare hatten beim Abziehen der Kapuze den Halt verloren und sich in unzugänglicheren Regionen der Kopfmitte versteckt.
Quintus schien davon nichts zu bemerken und begegnete ihm mit ausgesuchter Höflichkeit: „Marcus Licinius, ich bin hocherfreut, dass ein so vielbeschäftigter Mann sich an mich zu erinnern weiß.“
„So, wirklich?“, fragte Crassus höhnisch, ohne den ausgestreckten Unterarm entgegenzunehmen. Stattdessen stemmte er drohend beide Arme in die Hüfte. „Ein Spross der hochadligen Fabii und du hast jetzt nichts Wichtigeres zu tun, als dich um Gallier zu kümmern?“
Quintus‘ Lächeln gefror.
„Ich gebe dir einen freundschaftlichen Rat, da du ja im Senat nicht unbedingt zu den Stammgästen gehörst – zumindest nicht zu den Akteuren auf der großen Bühne. Du solltest nicht in falsch verstandener Treue zu sehr an deine gallischen Schutzbefohlenen denken. Denk lieber an deine Wähler und Koalitionspartner! Oder, wenn dir diese Denkweise näher steht, willst du nicht lieber an deine Wirtschaftspartner denken? Wer die großen Pachtunternehmen verärgert und ihre Ritter, der lebt nicht mehr lange –“
Crassus lächelte schmallippisch, während Quintus leicht schockiert eine Augenbraue nach oben zog.
„- politisch meine ich“, setzt Crassus schnell hinzu. „Denke doch nur an deinen Vater und wie er sich im Prozess der Allobroger gegen Fonteius eingesetzt hat: Gegen einen unbescholtenen römischen Bürger der Anklagevertretung zu assistieren und das ausgerechnet gegen unseren Erbfeind: aufrührerische Gallier… Ist der seitdem nur aus dem Senat verschwunden oder ganz aus dem Leben…? Aber schau, unser vorsitzender Konsul hat es auch endlich hierher geschafft. Ich muss jetzt wieder nach vorne, erste Reihe, versteht sich…Vale!“
Damit verschwand Crassus, noch immer schmallippisch lächelnd und ohne zu warten, ob Quintus seinen Gruß erwiderte.
„Beim Teutates, so ein…“
„St! Die Sitzung beginnt.“


Inzwischen war Cicero ruckartig von seiner sella curulis aufgestanden. Die Sitzfläche des Elfenbeinklappstuhls wippte deutlich nach. Mit einer Anrufung der Götter eröffnete Cicero feierlich die Senatssitzung.
Rufus atmete erleichtert auf. Cicero lebte. Jedenfalls für den Augenblick. Aber nein, die Sonne war bereits aufgegangen. Cicero war sicher – zunächst jedenfalls…
Cicero ließ die Anwesenheit überprüfen, dann begann er, über die Lage zu berichten.
Quintus saß mit versteinerter Miene da. Cicero wollte auf mehr hinaus, das war deutlich zu spüren. Vermutlich schrieb Quintus seinen Plan bereits ab, auf das Anliegen der Allobroger zu sprechen zu kommen.
„Werte Mitbürger, sicher habt ihr euch gewundert, über die nächtliche Besetzung des Palatin und all die Wachen in der Stadt….“
„Allerdings! Erkläre uns doch, ob das alles wirklich notwendig ist, oder ob du übergeschnappt bist!“
Allenthalben war zustimmendes Gemurmel zu hören.
„Cicero bauscht die Situation auf!“
„Beim Iupitter, alles Schwindel!“
„Cicero benimmt sich wie ein Tyrann!“
„Nein, wie ein Feigling!“
Da erhob sich die hagere Gestalt des Catulus. Sofort verstummten alle wieder.
„Ruhe! Wer sind wir? Kleine Kinder, die auf kleinliche Streitereien und alten Groll Wert legen oder römische Bürger, denen die Rettung des Staates am Herzen liegen muss? Lasst den Konsul sprechen!“
Nach dieser Intervention kehrte augenblicklich Stille ein.
Als Cicero erklärte, warum die starken Sicherheitsmaßnahmen notwendig seien, hörten ihm alle Senatoren aufmerksam zu. Jedoch zeigten nicht alle Gesichter gleichermaßen Zustimmung. Sura gab ein ums andere Mal einen Zwischenkommentar und grinste hämisch.
„Du meinst, die Lage ist so gefährlich wie am Wahltag, als du dich in einem Panzer verkrochen hast? Na, aber heute droht dir doch gar kein Hitzschlag.“
Einige Senatoren johlten laut, andere lachten. Die Mehrheit verschränkte aber die Arme. Sie wollten Cicero hören. Wenn er so schwere Geschütze auffuhr, musste schon mehr daran sein.
Als Cicero jedoch vom Mordplan an seiner Person, dem turnusgemäß vorsitzenden Konsul berichtete, ernteten Suras Bemerkungen keinen Beifall mehr. Cicero lieferte so viele überzeugende Details, dass niemand mehr an seiner Glaubwürdigkeit zweifelte. Offensichtlich war Marcus Metellus der Bewachung seines Privatgefangenen nur unzureichend nachgekommen und Catilina war es gelungen, im Hause des Marcus Porcius Laeca in der Nacht von den Nonen auf den achten Tag vor den Iden des November eine Versammlung der Mitverschwörer abzuhalten. Dort wurde besprochen, wie Lucius Vargunteius und Gaius Cornelius am siebten Tag vor den Iden sich bei Cicero zum Morgenbesuch anmelden und ihn ermorden sollten, um die Stadt in die Gewalt der Verschwörer zu bringen. Catilina selbst wollte gleich nach Ciceros Ermordung zu Manlius aufbrechen. Cicero kannte den Ort, die auserkorenen Täter und alle Beratenden. Sein Bericht war stimmig und wirkte absolut authentisch.
Selbst Sura verstummte. Ungläubig und mit offenem Mund hörte er sich all das an, was nie hätte an die Öffentlichkeit gelangen können – es sei denn, es gab einen Verräter, der in alles eingeweiht war.
Gerade als Cicero die Senatoren endlich zu entschiedeneren Beschlüssen drängen wollte, ging plötzlich ein Raunen durch die Reihen. Mitten in der Sitzung war Catilina erschienen.
Als wäre nichts gewesen, schlenderte er zu den vorderen Reihen und ließ sich lässig auf einen freien Stuhl fallen.
Cicero verstummte.
Catilina winkte Cicero spöttisch zu, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und grinste.
Um ihn herum entstand Bewegung: Viele Senatoren rückten demonstrativ von ihm ab, alle zunächst Sitzenden stoben auseinander.
»So muss es aussehen, wenn ein Fuchs in einen riesigen Hühnerhof eindringt«, dachte Rufus angesichts der blendend weißen Togen mit Purpursaum, die in Bewegung gerieten.
Aber warum? Rufus dachte an die römischen Gerichtsprozesse. Der Angeklagte musste sich immer demütig zeigen, selbst wenn er auf unschuldig plädierte. Das Auftreten Catilinas zeigte nichts von alledem. Entweder es war eine Provokation oder er wollte sogar, dass man Ciceros Vorwürfen Glauben schenkte und vor Catilina erzitterte.
Während sich ein Kreis leerer Stühle um ihn bildete, ließ sich Catilina nicht im Mindesten beeindrucken. Er behielt sein Grinsen im Gesicht bei.
Cicero blieb ebenfalls ruhig. Still wartete er ab, bis die Senatoren um Catilina neue Sitzplätze gefunden hatten und starrte seinen Widersacher mit ernster Miene an.
Eine quälende Stille trat ein.
Niemand sagte etwas, nicht einmal ein Husten war mehr zu hören.
Cicero wartete.
Catilina rührt sich nicht und grinste Cicero unentwegt an.
Schließlich ging Cicero mit festen Schritten auf Catilina, bis er ihm genau gegenüber stand. Er presste die Lippen aufeinander und – wartete.
„Wie lange noch“, donnerte er auf einmal und füllte mit seiner gewaltigen Stimme den gesamten Tempel aus, „wie lange noch, Catilina, willst du unsere Geduld noch missbrauchen? Wie lange wird uns dein Wahnsinn noch verspotten? Bis wohin wird sich deine zügellose Frechheit noch aufspielen?“
Catilina hielt immer noch grinsend seine Arme hinter dem Kopf verschränkt, aber an seinen Augen war zu erkennen, dass ihn Ciceros Angriff schon nicht mehr amüsierte.
Doch Cicero hatte gerade erst begonnen:
„Haben dich denn in gar keiner Weise die nächtliche Besetzung des Palatin berührt, in gar keiner Weise die bewaffneten Wachmannschaften innerhalb der Stadt, in gar keiner Weise die Furcht des Volkes, in gar keiner Weise der Zusammenschluss aller Patrioten, in gar keiner Weise dieser stark befestigte Sitzungsort hier, in gar keiner Weise der Gesichtsausdruck und das Mienenspiel all dieser Männer? Merkst du denn nicht, dass deine Pläne offen liegen? Dass sich deine Verschwörung durch das Wissen all dieser Männer hoffnungslos verstrickt hat - siehst du das nicht?“
Cicero lief auf und ab, warf seinen Kopf in den Nacken oder senkte sein Haupt, wedelte mit Armen, Händen und Fingern oder ließ sie in der Luft verharren. Jede auch noch so kleine Geste saß perfekt. Seine Stimme variierte, als sei selbst ein lebendiges Wesen: sie sank zu einem tiefen Bass oder steigerte sich bis zu den schrillsten Höhen. Bald war sie kaum noch wahrnehmbar, bald dröhnte sie bis in den hintersten Winkel. Setzte selbst in der größten Erregung standen immer noch bedeutungsschwere Pausen, so dass alle die folgenden Worte mit Hochspannung erwarteten. Cicero setzte seine Hände und sein ausdrucksstarkes Mienenspiel dermaßen gekonnt ein, dass Stimme, Inhalt, Bewegung und Körper zu einem einzigen großen Ganzen verschmolz, zu einem einzigen Argument, zu einem einzigen Vorwurf an Catilina. Noch nie hatte Rufus einen Mann so reden gehört!
Nach und nach begriff Catilina, wie sehr Cicero die Senatoren in seinen Bann gezogen hatte und wie sehr sich die eine allgemeine Stimmung der Ablehnung und des Hasses gegen ihn aufbaute.
Das spöttische Grinsen verschwand. Mit energischem Kopfschütteln versuchte er die Vorwürfe abzustreiten.
„Nein! Alles Lügen! Ich war die ganze Zeit über in Haft – bei Marcus Metellus. Weißt du das etwa nicht mehr?“
Cicero zog die buschigen Augenbrauen zusammen wie ein Vater, der sein Kind ertappt hat und ihm zürnt, da es ihn noch immer anlügt.
Catilina sah sich hilflos einem Sturm der Entrüstung ausgeliefert: Buhrufe, aggressives Zischen und höhnisches Gelächter erschollen im ganzen Rund.
„Was du letzte Nacht, was du vorletzte Nacht getrieben hast, wo du gewesen bist, mit wem du dich getroffen hast, welchen Plan du geschmiedet hast – was glaubst du wohl, wer von uns das NICHT wüsste?“, nahm Cicero die Reaktion seiner Standesgenossen auf.
Catilina wollte etwas erwidern, aber der donnernde Beifall für Cicero ließ ihn nicht zu Wort kommen.
„O tempora o mores - In was für Zeiten leben wir denn und was für Sitten haben wir denn? Der Senat durchschaut es, der Konsul sieht es. Und trotzdem lebt der noch?“
Cicero machte eine gedankenschwere Pause.
„Wie du siehst, ich lebe noch!“, schrie Catilina sofort in die Stille hinein. Und ich habe nicht vor, mich, einen Sergius, aus einer Familie, welche die zahlreichsten Heldentaten für die Republik geleistet hat, von einem dahergelaufenen Hinterwäldler aus Arpinum einschüchtern zu lassen! Glaubt ihr etwa, dass ich, ein Mann von altem Adel, ein Patrizier, die Republik zerstören will, während ein Marcus Tullius, ein dahergelaufener Eindringling – ein inquilinus civis die Republik bewahren will? Siehst du mich Cicero? Ich lebe noch, o ja - und wie ich noch lebe!“
Catilina versuchte im nun einsetzenden Tosen die Urheber zu erkennen und warf einzelnen Senatoren wütende Blicke und Gesten zu. Auch fuhr er sich mit abgespreiztem Daumen über den Hals, um anzuzeigen, dass sie still sein sollten und er genug davon hatte.
Cicero brachte mit ausgebreiteten Armen die Senatoren zum Verstummen.
„Er lebt? Ja und nicht nur das, er kommt sogar in den Senat, er nimmt an der staatlichen Beratung teil, er bestimmt und bezeichnet mit seinen Blicken jeden einzelnen von uns zur Hinrichtung! Wir aber, wir tapferen Männer, wir scheinen unserer Pflicht gegenüber dem Gemeinwesen genüge getan zu haben, wenn wir den Waffen und der Raserei von diesem Kerl da ausweichen.“
Rufus konnte sehen, wie manche Senatoren betreten zu Boden sahen. Schämten sie sich, dass ihren Konsul so lange die Unterstützung versagt hatten, bis es zum Mordanschlag gekommen war?
„Zum Tode, Catilina, hättest schon längst auf Befehl des Konsuls geführt werden müssen und das Verderben auf dich geladen, das du schon lange uns allen vorbereitest!“
Donnernder Beifall erhob sich. Jetzt fuhren sich die Senatoren mit abgespreiztem Daumen über die Gurgel, diesmal jedoch um Catilina offen mit der Hinrichtung zu drohen.
Catilina setzte beide Hände als Trichter vor den Mund und versuchte noch einmal einem Gegenruf.
„Das ist Aufhetzung zum Mord! In der Republik unserer Vorväter hätte kein Senator so etwas je getan, erst recht kein Konsul!“
Cicero brachte die Menge mit der rechten Hand zum Schweigen und wiegte sein Haupt, als würde er Catilinas Argument kurz bedenken.
„Ach wirklich?“, stieß er dann sarkastisch hervor, „Hat etwa der hochangesehene Publius Scipio, der Pontifex Maximus, also nicht den Tiberius Gracchus als Privatmann getötet – und das als der nur unerheblich den Zustand der Republik erschütterte? Und wir sollen als Konsuln einen Catilina ertragen, der den Erdkreis mit Mord und Brandstiftung verwüsten will?“
Wieder erhoben sich wütende Zwischenrufe:
„Töte ihn!“
„In den Tullianum mit Catilina! Lassen wir ihn erdrosseln!“
„Nein, machen wir es selbst, gleich jetzt, gleich hier!“
„Mit eigener Hand, so wie Servilius Ahala den Spurius Maelius!“
Cicero hob die rechte Hand.
„Ja, einst hat es… In der Tat... Senatoren! Senatoren. Jene allzu weit zurückliegenden Ereignisse übergehe ich, aber ja – es hat sie gegeben. Einst hat es einmal in diesem Staate die männliche Tugend gegeben, dass tapfere Männer einen verderblichen Mitbürger mit grausameren Strafen im Zaum hielten, als den härtesten Feind.“
[…]
Cicero war nicht mehr zu bremsen. Ein um das andere Mal wies er auf die Details der Verschwörung hin, Aufstand, Mord- und Brandanschläge und vieles mehr und sparte nicht einmal echtes und vermutetes Fehlverhalten aus Catilinas Privatleben aus. Wie besessen ereiferte Cicero sich in seiner Rede. Wie ein Schauspieler machte er vollen Einsatz von seiner Stimme, seinem Körper, seinen Gesten und seiner Mimik. Zugleich gelang es ihm auch, außer sämtlichen hässlichen Gerüchten noch unumstößliche Tatsachen und überzeugende Argumente einzubauen und auf Catilina abzuschießen.
[…]
Catilina versuchte eine allerletzte Gegenwehr. Er erhob sich, nur um im Mittelgang wieder auf die Knie zu gehen und flehentlich die Hände zu ringen:
„Glaubt…. Glaubt doch nicht leichtfertig, dass…“
„Mörder!“ „Verräter!“
„Ich habe doch seit meiner Jugend so gelebt, dass…“
„Eben drum!“
„Senatoren, Freunde! Ihr kennt doch meine Fähigkeiten – und meine Familie…“
„Nur allzu gut!“
„Verschwinde!“
„Geh ins Exil!“
„Nein, bring dich um!“
Catilina sprang auf, Cicero machte schnell ein paar Schritte zurück.
„DEM wollt ihr also lieber glauben als einem Patrizier? Diesem Feigling, einem ehrlosen Tullius, der noch nicht einmal seinen Militärdienst ordentlich abgeleistet hat? Schaut euch doch nur diesen Schlappschwanz an, DAS soll ein Konsul sein? So ein…“
Doch als Catilina Cicero weiter beschimpfen wollte, gingen all seine Bemerkung im hereinbrechenden Höllenlärm unter.
Cicero gebot dem Krach souverän und mit einem Lächeln Einhalt.
Nun wurde es Catilina endgültig zu viel. Wütend warf er seinen Stuhl nach Cicero und brüllte:
„Ich warne euch! Wenn ich schon von meinen Feinden umzingelt bin und stürzen soll, dann werde ich meinen Brand mit Trümmern ersticken!“
Darauf stürzte er davon. Niemand wagte, ihn aufzuhalten.
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