Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Freitag, 30. Juni 2017

Germanen im römischen Heer - erschreckend effektiv (mos et miles VII)

Germanische Hilfstruppen Trajanssäule
Germane frisch von der Trajanssäule
cb ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de

Das Äußere:
Große Augen, dichtes wildes Haar, blond, rote Kriegsbemalung und mit einem Suebenknoten rechts vorne an der Stirn und - natürlich - in einer Hose:
So stellen sich Römer die Germanen vor – als sie bereits fester Bestandteil des römischen Heeres sind. Jedenfalls sind solche Schreckmasken wie diejenige aus dem British Museum erhalten (Blacas collection GR 1867-5-8.644 →Speidel 1997, S. 24), die man auch heute noch im Karneval tragen könnte. Dagegen wirken die Darstellungen der Trajanssäule (vgl. Abbildung links ←) geradezu schmeichelhaft.
Auf römische Augen wirken Germanen als exotisch. Alles Barbarische der Kelten gilt in gesteigerter Form für Germanen: Sind die Kelten schon riesenhaft, fremdländisch und rothaarig, so werden Germanen als noch größer als die Gallier beschrieben und sie haben auch noch rötere Haare (Strabo 8,290; Caes.Bell.Afr.41: mirifica corpora; Bataver als besonders groß: Tac.hist.5,18; Tac.Germ. 20; →Speidel 1997, S. 14).
Die Rekrutierung
Auch Caesar beschreibt sie als groß und waffengeübt (Caes.Gall.1,39), nimmt germanische Krieger gezielt in römische Dienste und macht sie zum festen Bestandteil des römischen Heeres (Caes.Gall.7,13,1; →Bellen, 1981, S. 14). Unter Augustus und Tiberius findet man Germanen (cohors equitum et peditum Ubiorum) selbst nach der Varusschlacht in römischen Diensten (vgl. → Eck 2004, S. 57).
Die Kampffähigkeit
Caesar beschreibt seine Germanen als ebenso zuverlässig und effizient, wie seine Gallier inneffizient und unzuverlässig sind, bis hin zum Verschulden Größter Niederlagen (z.B. Caes.civ.3,62,1; 3,63,5; 3,59,2) Obwohl er sonst die Effektivität ausländischer Hilfstruppen stets in Abrede stellt, untertreibt oder ganz ausblendet - so gefällt man dem chauvinistischen Publikum in Rom und seinen Wählern. Doch ist jeder Einsatz seiner Germanen von maximalem Erfolg gekrönt (→Gerlinger 2008, S. 318-327). Vermutlich will sich Caesar damit als überragender Feldherr stilisieren, dem es gelingt die wilden Germanenhorden zu domestizieren und zu reibungslos funktionierenden Killermaschinen umzufunktionieren.
Die unzuverlässigen Gallier kann er aus literarischen wie politischen Gründen nicht wertschätzen, immerhin haben sich einige am großen gallischen Aufstand beteiligt.
In späterer Zeit werden die Germanen v.a. für ihre Fähigkeiten als Kampfschwimmer gewürdigt. In voller Rüstung und Montur üben sie Flussüberquerungen (Speidel 1997, S. 23) mit und ohne Pferd (→ebd., S. 26). Bei Tacitus findet man immer wieder Bataver als Eliteeinheiten von Kampfschwimmern ohne Pferd. Das Rekrutentraining ist auch bei Ubiern und Tenkterern ähnlich (Speidel 1997, S. 82; Tac.Germ.32; Senec.Epst.36,7).
Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen: Doch recht kampferprobte Stämme, die jedoch für literarische Stiliserungen, Kontrastwirkungen und sonstige Effekte herhalten müssen.


Aus der Reihe mos et miles geht es hier↓ zu

I. tiroRekrutenausbildung im römischen Militär
II. maximis itineribus - Auf dem Marsch
III. fossa, agger et vallum - Lagerbau
IV. proelium – Die römische Armee im Gefecht
V. naves longae – Antiker Seekrieg
VI. peregrini: Leistung & Anerkennung von Nichtrömern im römischen Heer
VII. Germanen im römischen Heer - erschreckend effektiv
IIX. cohortes: Taktische Einheiten der römischen Legion
IX. obsidio: Belagerungen in der Antike
X. machinae: Belagerungsgerät der römischen Armee
XI. caedes: Soldaten nach der Schlacht

Montag, 26. Juni 2017

VI. tempora noctis eunt - Draußen vor der Tür - Leseprobe aus Buch I "Einzig Corinna"

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem sechsten Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es zumersten, zweitendritten, vierten und fünften Kapitel)
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!

Paraklausithyron - poeta exclusus / Naso vor der Tür
cb ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de

Kapitel 6: tempora noctis eunt - Draußen vor der Tür 


Doch die nächsten Mittage waren nicht so schön wie dieser. Weder im Wetter noch in der Gesellschaft. Corinna war wieder nicht auffindbar. Wo blieb sein Täubchen der Liebe nur?
Naso blieb nur eines: Abzuwarten, ob eine Nachricht von ihr kam und vor sich hin zu brüten. Träge lag er in seiner Kammer und überlegte, ob er es nicht doch noch einmal bei ihr versuchen sollte.
»Vorhin war sie nicht zu Hause… hat jedenfalls Syrus steif und fest behauptet… Einen Moment – hat seine Stimme nicht leicht gezittert…?«
Mit einem Satz sprang er von der Liege zur Tür und schob den Riegel zurück.
»Wenn sie doch zu Hause ist, muss ich sofort hin!«
Doch gleich schob er ihn wieder vor.
»Aber was ist, wenn sie nicht da war, weil sie auf dem Weg zu mir ist? Dann wäre es dumm, ausgerechnet jetzt zu ihr zu eilen…«
Gerade, las er sich wieder von der Türe entfernen wollte, hörte er Schritte.
Er riss den Riegel zur Seite und schwang die Türe auf.
„Endlich, Liebste! Wo warst du nur so lange?“
Mit dem pikend feuchten Schmatzer, der auf seiner Backe landete, hatte er nicht gerechnet.
Naso prallte zurück.
»Seit wann fühlen sich Corinnas Backen wie rauer Bimsstein an?«
Propertius nahm ihn lachend in den Arm.
„Na, mein Liebster, hast du etwa keinen Kuss erwartet?“
Naso wischte sich mit dem Handrücken über die Backe.
„Beim… jedenfalls nicht so einen feuchten! Was hält den Hostia von deiner Kuss-Technik?“
„Nicht allzu viel, sie hält es eher trocken. Kann sie haben! Es gibt ja noch andere, die einen guten feuchten Kuss noch zu schätzen wissen!“ Er zwinkerte ihm vielsagend zu. „Setz dich, ich hab‘ mit dir zu reden!“ Damit ließ er sich auf Nasos Liege plumpsen und winkte ihn näher heran.
Mit schief gezogener Lippe setzte sich Naso daneben. „Reizend, gibst du immer solche Kommandos in fremden Betten?“
„Na, du weißt doch: ʺSchaut mich an, wie ich die Mädchen -gemischt unter Gästen- regiere!ʺ lachte Propertius.
„Na und ich soll dann wohl eines deiner Mädchen sein, oder wie?“
„Du sagst es!“
Naso presste die Lippen aufeinander.
„Komm schon Nasolein, eigentlich müsste ich beleidigt sein!“
„Du, warum?“
„Wo warst du gestern Abend?“
„Gestern Abend? Wieso? Sind wir neuerdings miteinander verheiratet?“
Diesmal presste Propertius die Lippen aufeinander.
Dann erst fiel es Naso wieder ein. Mit der flachen Hand klatschte er sich gegen die Stirn.
„Die Iden des Aprilis! Maecenas Geburtstag…“

Montag, 15. Mai 2017

Körperhygiene: Gurgeln, Nägelschneiden und forma neglecta (Mode und Körperpflege X)

Cleopatra - Kleopatra
cb ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de

Römer verwenden viel Zeit auf Mode & Körperpflege, nicht nur die Frauen, auch Männer der besseren Gesellschaft – selbst wenn die mores maiorum andere Verhaltensvorschriften nahelegen. Waschen, Gurgeln, Zähneputzen und Nägelschneiden ist für beide Geschlechter gesellschaftlich akzeptiert und gehört zur Grundlage der munditia, der „reinlichen Sauberkeit“, zentraler Begriff römischer Körperpflege. Was darüber hinaus geht, unterscheidet sich geschlechterspezifisch.

Frauen
… widmet der Dichter Ovid ein ganzes Ratgeberbüchlein zur Schminkkunde (Medicaminafaciei femineae) in Gedichtform.
In seiner ars amatoria empfiehlt er jedoch den Frauen, teure Mode und Schmuck nicht zu übertreiben, um die Männer nicht damit zu verjagen (→Ov.ars Buch 3, V. 129-132). Er rät stattdessen, die Männer über schlichte Sauberkeit zu packen (→ebd., V. 133) und die Haare entsprechend der Kopfform zu frisieren und im Spiegel zu überprüfen (→ebd., V. 133-178).
In der Frage der passenden Kleidung hält es Ovid hier in V. 179-192 eher mit preisgünstigeren Farb-Varianten als echtem Purpur und echten Goldfäden - „was ist das für ein Wahnsinn, sein Vermögen am Körper zu tragen?“ (V. 172). Besonders scheinen ihm Pastelltöne an Frauen zu gefallen, außerdem namentlich Azurblau-Varianten, Krokus, Rosa, Besch- und Weißtöne, Eichelbraun, Amaryllis und Mandel. Hellhäutigen Frauen rät er im Allgemeinen dunklere Farben, dunkleren Hauttypen zu heller Kleidung.
Bei der Körperpflege an sich (→Ov. ars Buch 3, V.193-234) meint Ovid, echte Römerinnen kaum daran erinnern zu müssen, sich zu waschen, Schweißgeruch zu vermeiden und sich die Beine zu rasieren – sie sind ja nicht aus dem letzten Kaff in der Provinz. Römerinnen dächten ja auch von selbst daran, ihre Zähne zu putzen, Mundgeruch zu bekämpfen, der Natur mit Puder, Rouge und Schminke nachzuhelfen und Parfüm zu benutzen.

Männer…
… sollen sich dagegen weder schminken noch parfümieren. Nach Ovid steht ihnen eher eine Art gepflegte Vernachlässigung (→Ovid ars Buch 1, V. 505-524):

Dienstag, 2. Mai 2017

V. Da! Corinna kommt! - Leseprobe aus Buch I "Einzig Corinna"

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem fünften Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es zumersten, zweitendritten und vierten Kapitel)
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!
Kapitel 5: Da! Corinna kommt!
Auch der nächste Tag verlief nicht so, wie Naso es sich gewünscht hätte. Zwar leugnete Corinna tatsächlich mit fester Stimme, dass sie sich ihm hingegeben habe. Titus sei dafür viel zu betrunken gewesen. »Immerhin, wenn nicht ihr Körper, so war wenigstens ihre Stimme loyal geblieben«, dachte Naso.
Doch wollte sie ihn weder besuchen kommen, noch lud sie ihn zu sich ein. Und dies änderte sich auch in den folgenden Tagen nicht.
[…]
Es schien, als habe er mit der Welt abgeschlossen, auch mit Corinna.
cb ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de
[…]
Naso schrieb wieder.
Er arbeitete wie ein Besessener.
Allerdings nicht an seiner humorvollen Dichtung über Liebesleid. Er hatte alle Liebesdichtung beiseite gewischt und mit ihr zugleich alle Vorstellungen von reiner Liebe mit ihr.
Er war gefangen im dunkelsten Winkel menschlichen Empfindens.
Dunkler noch als die Jahreszeit, dunkler als alles, was er bisher getan oder gelesen hatte, seit sein Bruder gestorben war.
Medea.
Lange hatte er den Entwurf dieser Tragödie verborgen und seitdem nie wieder hervorgeholt – bis jetzt.
Medea - in leidenschaftlicher Liebe zu Iason entbrannt. Medea – erst lebensrettende, dann todbringende Zauberin. Medea – rasende Mörderin, die ihre Opfer zerstückelte.
Selbst beim Dichten liefen Naso kalte Schauer über den Rücken. Noch immer musste er allein beim Gedanken daran weinen, wie Medea ihren Bruder tötete, zerstückelte und die Leichenteile bei ihrer Flucht verteilte. Auf diese Weise aus Kolchis zu entkommen, den eigenen Vater aufzuhalten, indem er die Leiche seines Sohnes aufsammeln musste – wer konnte nur bereit sein, diesen Preis für seine Liebe zu bezahlen?
Medea.
[…]
Grausiger Inhalt, verewigt in nachtschwarzem Wachs, gepresst ins unerbittliches Ebenholz der Schreibtafeln.
Es gab gute Gründe, dass Naso seine Medea bisher unter Verschluss gehalten hatte. Manchmal war ihm, als würde sein eigener Text ihn zu verwandeln trachten. Manchmal schien ihm, als sei etwas erwacht, etwas Unheimliches, und wolle nach ihm greifen. Manchmal fühlte es sich an, als wollten Wahnsinn und Zerrissenheit tief aus Medeas Inneren entkommen und auf ihn überspringen: Ein Sog, der aus der dunkelsten Psyche entsprang und ihn für immer zu verschlingen drohte, ihn unaufhaltsam in einen gähnenden Abgrund zog - ein schwarzer Schlund der Verzweiflung.
Trotz allem, oder gerade deswegen wuchs die Tragödie wie von selbst. Medea schuf ihre eigenen Gesetze, nahm Form an und alles in Anspruch. Naso musste sein Talent beherrschen, anstatt ihm nachzugeben. Er konnte sich kaum noch losreißen, schrieb nächtelang durch, die Geräusche seiner Umwelt drangen nicht mehr bis zu ihm durch. Medea erschuf sich eine eigene Existenz, tief in ihrem Schöpfer. Daneben gab es nichts mehr, nur Dunkelheit und drückende Stille, die schwer auf Nasos Trommelfell lastete. Das einzige, was er wahrnahm, waren schwarze, wirbelnde Wolken von Nichts, die sich in seiner Schreibtafel zu einer zähen Masse verdichteten und seine Ohren wirkungsvoller verschlossen als das Wachs des Odysseus bei den Sirenen.
Dunkle Ringe bildeten sich unter Nasos Augen.
Nach mehreren durchwachten Nächten in Folge spürte er ein seltsames Gefühl. War es die Müdigkeit, die an ihm hochkroch? Nein, es war irgendwie anders - wie halb im Schlaf und dennoch wach.
Naso versuchte aufzustehen.
Er konnte nicht.
Er konnte keinen einzigen Muskel bewegen.
Kalter Schweiß lief seinen Nacken entlang. Panik breitete sich in ihm aus. Aus dem Schwarz des Wachses schienen Stimmen aufzusteigen, wie dunkler Nebel, der empor wallte und ihn schließlich rundum einhüllte.
„Naso… Naaaso“, schienen sie mit lockender Frauenstimme zu flüstern.
»Medea? Bei allen Göttern! Ein Geist, geboren aus Wachs und Tinte? Kann sie etwa noch in bloßen Buchstaben zaubern, retten oder gar zerstören?«
Servare potui; perdere an possim, rogas? – Bewahren, das konnte ich; verderben, ob ich das kann, fragst du?“
Dieselben Worte, die er Medea gerade noch in den Mund gelegt hatte, schienen sich nun an ihn selbst zu richten.
„Medea?“
„Erkennst du mich nicht?“, antworteten die Stimmen. „Sieh nur, in der Ecke: Da liegt noch ein anderes Werk… Brenne! Sag dich los von Thalia, höre nicht auf Erato! Nur Melpomene sollst du lauschen, der einzig wahren der Musen! Weg mit Erato! Verbrenne die Liebe! Katharsis - Reinige dich! Vernichte sie im alles reinigenden Feuer! Sie schafft nichts, außer grenzenlosem Leid…“

Montag, 24. April 2017

peregrini: Leistung & Anerkennung von Nichtrömern im römischen Heer (mos et miles VI)

Fremdländische Soldaten Roms: auxilia et peregrini
cb peregrini ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de
Aus heutiger Sicht ist es vorstellbar, dass die bedeutenden Leistungen und der Einsatz der römischen Bundesgenossen und Hilfstruppen, die ja auf Seiten der Römer für die eigene, für die „gerechte Sache“ eintreten, besonders gewürdigt werden, um zur Nachahmung zu motivieren. Dazu ist die römische Gesellschaft jedoch nicht bereit.

Politik und Leistungseinschätzung:

Perspektivische Kampf­fähigkeit

Wer in Schlachtenberichten nicht groß erwähnt wird, war auch nicht besonders effektiv, könnte man meinen. Doch stellen gerade die fremdländischen Truppen die effektivsten Spezial- und Kommando-Einheiten: Angefangen bei der Hilfstruppen-Reiter die in der neueren Forschung als Elite-Einheit gelten, setzt sich auch bei den Fußtruppen der Auxiliaren mehr und mehr die Anerkennung ihrer Effektivität durch, z.B. als Einheiten für spezielles Terrain, ungünstiges Gelände für schwerbewaffnete römische Legionäre (→ Gerlinger 2008, S. 292).
Diese Einsicht in die Leistungsfähigkeit römischer Hilfstruppen wird jedoch kaum von den erhaltenen Texten der römischen Zeitgenossen geteilt; ganz im Gegenteil führen sowohl die latinischen wie auch alle anderen Bundesgenossen und die peregrinen Hilfstruppen literarisch meist ein Schattendasein in römischen Kampfbeschreibungen: Selbst wenn ein Sieg historisch im Wesentlichen den Hilfstruppen zu verdanken ist, müssen sie sich literarisch häufig mit einer Statistenrolle begnügen, während die Legionäre im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Diese Darstellungsart erfahren vor dem Bundesgenossenkrieg noch die Latiner, die Auxiliaren insgesamt jedoch bis in die Kaiserzeit. (→ Gerlinger 2008, S. 292-293, wie auch im Folgenden ebd., ff.).
Wenn man diese „Ausländer“ so gerne als Leistungsträger im Heer einsetzt, warum bekommen sie keine Anerkennung? Nun, die Römer sind ein stolzes Volk. Verzichten will niemand auf peregrine Kämpfer, aber ihre gesellschaftliche Stellung in Rom ist geringer: Sie erhalten weniger Sold gegenüber den römischen Legionären und müssen am Lagerrand campieren. Geschätzt werden sie dennoch von den hohen Offizieren: Sowohl Scipio als auch Pompeius und Caesar umgeben sich als Leibwache mit Elitekämpfern fremdländischer Herkunft. Es herrscht ein beträchtlicher Unterschied zwischen der tatsächlichen Anerkennung der Leistungsfähigkeit der Auxiliaren durch historische Persönlichkeiten, die selbst gerne auf fremde Völker zurückgreifen, und der Wirkung auf das römische Wahlvolk, die eine literarische Hervorhebung der Hilfstruppen verursacht.
Bei Caesar kann man dies besonders gut beobachten: Als Feldherr greift er sehr stark auf fremde Truppen zurück, stellt als erster eine ganze römische Legion aus Fremdländern auf (legio V alaudae) und ist unter anderen sogar mit einem Bankier punisch-hispanischer Herkunft befreundet, dem er seine Geschäfte anvertraut. Als Autor jedoch distanziert er sich stets von allen „unzuverlässigen Fremdländern“, gibt niemals die genaue Stärke seiner eigenen Hilfstruppen an, sondern lässt sie mitsamt Leistungen und Leistungsfähigkeit so weit wie möglich unerwähnt. Ganz „politischer Autor“ wirft Caesar dagegen seinem Gegner Pompeius die Fülle der Hilfstruppen vor, hierbei sogar möglichst oft mit genauen Zahlenangaben. Die Leistungen der fremden Völker werden dann im Kontrast zu den Römern der gegnerischen Seite überraschend positiv hervorgehoben. Außerdem legt Caesar großen Wert darauf, das Ausländertum seiner Gegner im Bürger­krieg zu betonen. So äußerst sich Caesar z.B. äußerst negativ über die Barba­ren­an­sammlung bei seinen Gegnern, wie bei Afranius und Petreius, denen er vorwirft, alle Arten Hispanier und allerlei Barbaren in ihren Truppen zu beherbergen (Caes.civ.1,38,3).

Montag, 27. März 2017

IV. Dein Mann kommt mit? Gastmahl mit Corinna - Leseprobe aus Buch I "Einzig Corinna"

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem vierten Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es zumersten, zweiten und dritten Kapitel)
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!

Kapitel 4: Dein Mann kommt mit? Gastmahl mit Corinna

Mit leisem Quietschen öffnete sich der Blick zum Garten. Das kleine Gartentor saß demnach in Angeln aus Metall. Länger nicht geölt… Ein Rasseln ließ Naso nach unten sehen.
Eine Kette.
„Du hast ihn tatsächlich angekettet!“
Das Gastmahl des jungen Ovid
©:  CC-0 Public Domain (freie Verwendung)
Corinna bedachte Naso mit einem vorwurfsvollen Blick. „Es steht dir nicht zu, mich deswegen zu tadeln. Dir nicht - du wurdest frei geboren… Es ist zu seinem eigenen Schutz. Du weißt, was man mit flüchtigen Sklaven macht...“
Naso erschauerte. Instinktiv suchte er nach Anzeichen der Peitsche. Doch der Sklave wich wieder in sein überdachtes Eckchen zurück und kauerte sich fest in seinen Mantel. Naso warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. Immerhin hatte Corinna für einen Dreifuß mit heißen Kohlen gesorgt. Auch trug er geschlossene Stiefel und eine Mütze. Wahrscheinlich hatte sie sogar recht und fürchtete nicht ohne Grund was geschehen sollte, würde man ihn da draußen erwischen…
Corinna wechselte zu einem Lächeln und legte einen Arm um Nasos Schultern.
„Sieh dir lieber mein Gärtchen an. Das wolltest du doch schon die ganze Zeit, oder?“
Naso war überrascht: Im Gärtchen plätscherte ein Brunnen vor sich hin, kunstvoll eingefasst in Gestein, über dem zwei winzige Treppchen zur Eingangstür führten. Ringsum kleine Bäume und Sträucher, wilder Wein, Efeu und Blumen - eine Pinie, ein Feigen- und ein Maulbeerbaum. Gerade genug Platz dazwischen, um ins Haus zu gelangen. Hätte nicht bald der Winter begonnen und wären nicht viele Blätter bereits herabgefallen, die Illusion wäre perfekt gewesen: Wie die heilige Grotte einer Nymphe - mit dem Quellheiligtum in der Mitte…

Samstag, 25. März 2017

naves longae – Antiker Seekrieg (mos et miles V)

navis longa: Römische Kriegsmarine: Taktik periplous: Aufbrechen der Linien
cb periplous ©:  S. Gerlinger CC-BY 4.0 de
Antike Kriegsschiffe haben am Bug (vorne) einen Rammsporn und werden von Ruderern angetrieben. Reine Segelschiffe sind dagegen nur bei einigen keltischen Stämmen zu finden. Die Kriegsschiffe des Mittelmeeres sind im Vergleich zu Lastschiffen recht lang und schmal, weshalb sie im Lateinischen mit navis longa bezeichnet werden, „Langschiff“. Je nach Anzahl der Ruderreihen werden diese Schiffstypen auch „Fünfruderer“, „Vierruderer“, „Dreiruderer“, etc. genannt: Quinquireme (bzw. nach dem griechischen Vorbild: Pentere), Quadrireme, Trireme, Bireme... Römische Kriegsschiffe sind zusätzlich mit Torsionsgeschützen bewaffnet. Die Segel werden vor dem Gefecht abmontiert, damit die Steuerleute, die Geschützmannschaft und die Soldaten mehr Platz haben und nicht von (herunterfallenden) Segeln und Tauen behindert werden.
Im Wesentlichen gelten folgende 3 Grundformen als die häufigsten klassischen Taktiken:
  1. Direkt auf das gegnerische Schiff zuhalten, rammen und versenken (der Stoß mit dem Rammsporn wird dicht unter der Wasseroberfläche gesetzt).
  2. Rammen, um die Schiffe zu verkeilen und im Enterkampf Mann gegen Mann den Sieg suchen. 
  3. Dicht am Gegner vorbeifahren, ohne zu kämpfen: Die Ruder des gegnerischen Schiffes werden „abgefahren“ und zerbrechen (die eigenen werden vorher ein­ge­zogen). Der Gegner wird so manövrierunfähig gemacht. Diese Taktik erfordert wendige Schiffe und hohe Geschick­lichkeit und Übung der Steuerleute.
Natürlich wird die Taktik immer an die jeweiligen Umstände und an den Gegner angepasst. In der Regel kann die Flotte mit den besseren Steuerleuten und Ruderern eine Seeschlacht schnell für sich entscheiden. Der Nahkampf Mann gegen Mann ist fast nie von großer Bedeutung.

Samstag, 25. Februar 2017

Liebe unter den Sittengesetzen des Augustus: Historisch-politischer Hintergrund zum ersten Band der „Liebesleiden des jungen Ovid“

Gerlinger Historischer Roman P. Ovidius Naso Ovidroman
© Fran Recacha,  Titelbildentwurf des Ovid-Verlag
Rom 19-18 v. Chr.: Gaius Octavius, offiziell Gaius Julius Caesar Octavianus, wie er seit seiner testamentarischen Adoption durch Caesar heißt, beherrscht die Stadt. Doch lässt er sich seit der Verleihung eines religiösen Ehrentitels 27 v. Chr. von allen „Augustus“ nennen, „der Erhabene“. 
Augustus festigt langsam aber unaufhaltsam seine 31. v. Chr. errungene Herrschaft. In kleinen wohldosierten Schritten passt er das politische System der Realität an und prägt die Gesellschaft um, wobei er vielfältigste Medien zur propagandistischen Inszenierung einsetzt. 19 v. Chr. übernimmt er die allgemeine Leitungsgewalt über die Konsuln, die -zumindest offiziell- zuvor immer noch die höchste Staatsgewalt und Exekutive dargestellt haben.
Doch das Volk ist gut auf ihn zu sprechen. Augustus stärkt sein Ansehen und schmückt Rom als kulturelles Zentrum des Weltreichs aus. Der Literaturbetrieb wird von den Werken bestimmt, die das Regime des Augustus unterstützen, feiern und preisen, wie dem Römerepos des gerade verstorbenen Vergil. Im „Blut- und Boden-Epos“ der Aeneis preist Vergil die göttliche Bestimmung Roms zur Weltmacht und Augustus als ihren Führer und gottgesandten Knaben. Kein Wunder, das Vergilius im Kaiserhaus überaus beliebt ist.
Wer jedoch nicht zum politischen Programm passt, hat weniger Glück: Augustus beherrscht virtuos alle Medien und lässt gnadenlos zensieren. Ganze Gesamtwerke werden für immer ausgelöscht, der Dichter Gallus in den Selbstmord getrieben. Opposition wird oft geräuschlos gebrochen, notfalls brutal.
Und noch in das intimste Privatleben greift Augustus ein: Er verlangt nicht nur von seinen weiblichen Familienmitgliedern und sich selbst einen untadeligen, sittsam-keuschen und höchst langweiligen Lebenswandel, sondern bringt auch eine äußerst rigide Sitten- und Ehegesetzgebung ein, die Heirat verlangt und Fremdgehen als Straftat kriminalisiert.
Eine vorbildliche Frau sitzt den ganzen Tag brav zu Hause und spinnt Wolle -wenn sie nicht gerade mit Kindern und Haushalt beschäftigt ist-, während der Mann neue Völker erobert, so die veraltete Moralvorstellung. Die Ehe wird zum Zwang, das Kinderzeugen ist kein Spaß mehr, sondern verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Drückend steigt der Konformitätsdruck, Gleichschaltungstendenzen machen sich breit sowie weitgehende soziale Kontrollen.
            Alle passen sich an. Alle? Nein nicht alle. Ein kleines Häuflein schreibt weiter an Liebes­gedichten, die nicht zum ultrakonservativen Rollback passen. Einige modern gesinnte junge Ritter veranstalten Demonstrationen zur Abschaffung der Gesetze (Suet.Aug.34). Ein Dichter fängt jetzt erst richtig an, Gedichte zu schreiben, nimmt den Zeitgeist auf, parodiert ihn auch zum Gutteil und schreibt seine witzig-provokanten AMORES: Publius Ovidius Naso.