Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Montag, 26. Juni 2017

VI. tempora noctis eunt - Draußen vor der Tür - Leseprobe aus Buch I "Einzig Corinna"

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem sechsten Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es zumersten, zweitendritten, vierten und fünften Kapitel)
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!

Paraklausithyron - poeta exclusus / Naso vor der Tür
cb ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de

Kapitel 6: tempora noctis eunt - Draußen vor der Tür 


Doch die nächsten Mittage waren nicht so schön wie dieser. Weder im Wetter noch in der Gesellschaft. Corinna war wieder nicht auffindbar. Wo blieb sein Täubchen der Liebe nur?
Naso blieb nur eines: Abzuwarten, ob eine Nachricht von ihr kam und vor sich hin zu brüten. Träge lag er in seiner Kammer und überlegte, ob er es nicht doch noch einmal bei ihr versuchen sollte.
»Vorhin war sie nicht zu Hause… hat jedenfalls Syrus steif und fest behauptet… Einen Moment – hat seine Stimme nicht leicht gezittert…?«
Mit einem Satz sprang er von der Liege zur Tür und schob den Riegel zurück.
»Wenn sie doch zu Hause ist, muss ich sofort hin!«
Doch gleich schob er ihn wieder vor.
»Aber was ist, wenn sie nicht da war, weil sie auf dem Weg zu mir ist? Dann wäre es dumm, ausgerechnet jetzt zu ihr zu eilen…«
Gerade, las er sich wieder von der Türe entfernen wollte, hörte er Schritte.
Er riss den Riegel zur Seite und schwang die Türe auf.
„Endlich, Liebste! Wo warst du nur so lange?“
Mit dem pikend feuchten Schmatzer, der auf seiner Backe landete, hatte er nicht gerechnet.
Naso prallte zurück.
»Seit wann fühlen sich Corinnas Backen wie rauer Bimsstein an?«
Propertius nahm ihn lachend in den Arm.
„Na, mein Liebster, hast du etwa keinen Kuss erwartet?“
Naso wischte sich mit dem Handrücken über die Backe.
„Beim… jedenfalls nicht so einen feuchten! Was hält den Hostia von deiner Kuss-Technik?“
„Nicht allzu viel, sie hält es eher trocken. Kann sie haben! Es gibt ja noch andere, die einen guten feuchten Kuss noch zu schätzen wissen!“ Er zwinkerte ihm vielsagend zu. „Setz dich, ich hab‘ mit dir zu reden!“ Damit ließ er sich auf Nasos Liege plumpsen und winkte ihn näher heran.
Mit schief gezogener Lippe setzte sich Naso daneben. „Reizend, gibst du immer solche Kommandos in fremden Betten?“
„Na, du weißt doch: ʺSchaut mich an, wie ich die Mädchen -gemischt unter Gästen- regiere!ʺ lachte Propertius.
„Na und ich soll dann wohl eines deiner Mädchen sein, oder wie?“
„Du sagst es!“
Naso presste die Lippen aufeinander.
„Komm schon Nasolein, eigentlich müsste ich beleidigt sein!“
„Du, warum?“
„Wo warst du gestern Abend?“
„Gestern Abend? Wieso? Sind wir neuerdings miteinander verheiratet?“
Diesmal presste Propertius die Lippen aufeinander.
Dann erst fiel es Naso wieder ein. Mit der flachen Hand klatschte er sich gegen die Stirn.
„Die Iden des Aprilis! Maecenas Geburtstag…“

 […]
[Als Naso zu einer Abendgesellschaft bei Messalla eingeladen wird, kann er nicht ablehnen. Doch ohne seine Corinna langweilt er sich zu Tode, nicht einmal die Anwesenheit des berühmten Horatius und seine Scherze im Wechsel mit Propertius können ihn aufheitern. Als er auch noch erfährt, dass Titus doch noch in Rom weilt, gibt es kein Halten mehr und er stürzt mitten im Trinkgelage davon zu Corinna]

In Messalla Hauschuhen torkelte Naso schwankend durch die Nacht, den Kranz immer noch auf seinem Haupt.
Eine leichte Beute für jeden Räuber, Dieb und Halsabschneider.
Doch er hatte Glück.
Außergewöhnliches Glück.
Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.
»Komisch… ist es schon so spät geworden?“
Niemand machte sich über den offensichtlich betrunkenen und wehrlosen jungen Mann her, der zu allem Überfluss auch noch alleine unterwegs war. Ohne Schutz und ohne Waffen, lediglich mit einer Fackel und einem Kranz stolperte er durch die Subura.
Unbehelligt gelangte er bis zu Corinnas Häuschen auf dem Esquilin.
Vorsichtig schlich er zum Gartentor.
Es war abgeschlossen.
Naso klopfte zaghaft mit dem Fuß dagegen: zweimal langsam und dreimal schnell. Das musste für den Türhüter reichen. Nur nicht zu viel Lärm…
Doch niemand reagierte auf das Klopfzeichen.
»Sie muss es geändert haben!«
Naso beäugte die Mauer. Vorsichtig lehnte er seine Fackel dagegen und überlegte, ob er wieder mit einem Sprung nach oben gelangen könnte.
Doch schon das Hinaufsehen ließ ihn taumeln. Mit einem leisen ʺPlingʺ stützte er sich gegen das kleine Tor.
„Pst, Türhüter?“, flüsterte er. „Bist du da?“
Nichts.
Dann fiel ihm die Kette ein.
„Oh, entschuldige!“, schob er nach, „Natürlich bist du da. Wo könntest du auch hin, angebunden mit der grausamen Kette! Ein Jammer, nicht wahr?“
Von der anderen Seite war nichts zu hören.
[…]
„Die Stunden der Nacht gehen dahin, schlag doch den Riegel aus dem Pfosten!
Schlag ihn raus, so wirst du auch einst von der langen Kette erlöst und du musst nicht ewig Sklavenwasser trinken!“
Naso stieß mit dem Kopf gegen die Tür.
„Ai!“
Das harte Metall ließ ihn zurücktaumeln. Naso tastete nach den Türangeln und Pfosten. Vielleicht war hier ein Durchkommen?
„Du Eiserner, vergeblich hörst du, wie ich bitte, die starrende Tür hat Pfosten aus festem Kernholz, unverrückbar steht sie da…“
Naso schüttelte sich. Der Kranz fiel hinunter. Er hob ihn wieder auf.
„Belagerten Städten nützen verschlossene Tore als Befestigung; mittendrin im Frieden, was fürchtest du da für Waffen? Was wirst du erst dem Feind antun, wenn du so den Liebhaber ausschließt?“
Naso ballte eine Faust und schlug einmal dagegen.
„Die Stunden der Nacht gehen dahin, schlag doch den Riegel aus dem Pfosten!“
Sein Kranz fiel ihm vom Kopf. Er setzte ihn wieder auf.
„Ich komme doch nicht in Begleitung von Soldaten und auch nicht mit Waffen! Allein wäre ich… wenn nicht der wilde Amor mit dabei wäre… also den, selbst wenn ich es wollte, den kann ich nirgendwohin losschicken. Eher kann ich von meinen eigenen Körperteilen getrennt werden!“
Naso lehnte sich an das Tor und keuchte. Erneut fiel ihm der Kranz herunter. Wieder hon er ihn auf.
„Ja, also gut, Amor ist bei mir und… ein mäßiges Weinchen um meine Schläfen und der Kranz, der von meinem feuchten Haar herabgerutscht ist. Wer fürchtet denn schon solche Waffen? Wer würde ihnen nicht lieber entgegen gehen?“
Naso drückte sein Ohr an das Tor, konnte aber keine Reaktion erlauschen. Dafür fiel der Kranz aufs Neue hinunter.
„Die Stunden der Nacht gehen dahin, schlag doch den Riegel aus dem Pfosten!“
Stille.
»Die Stunden der Nacht gehen dahin, schlag doch den Riegel aus dem Pfosten… habe ich das nicht schon vorhin…? Doch! Und auch der Kranz… Immer wieder dasselbe.«
Naso wurde angst. Wenn er immer denselben Satz vorbrachte, dann musste er schon eine ganze Weile vor diesem dämlichen Tor stehen. Und er hatte nichts Besseres zu tun, als immer wieder denselben Satz vorzubringen, ganz so wie das Ticken der Tropfen in Messallas Wasseruhr? Ausgerechnet vor verschlossener Tür… War er denn schon sein eigener Alkaios, dessen literarisches Motiv des Liebhabers vor verschlossener Tür durch die Jahrhunderte weiterentwickelt wurde, war dieses Paraklausithyron entkommen und machte sich nun in der Realität breit?
»Moment, war da nicht ein Geräusch? Nein, nichts. Der Kerl da drin bewegt sich immer noch nicht!«
„Langsam und faul bist du – oder ist es der Schlaf, der sich dem Liebenden gegenüber so übel zeigt und meine Worte in den Wind schlägt, abgeprallt von deinen Ohren? Aber, ich weiß es noch genau, als ich mich vor dir verstecken wollte, da warst du sehr wachsam, noch bis in die Mitte der Nacht hinein!“
»Ja, damals… und jetzt tut er so, als ob ich nicht da wäre und hört mir nicht einmal zu! Wenn von meinen Ohren etwas abprallt, dann nur, wenn ich mich mit einem Mädchen zusammen bin…
„Ah, vielleicht ruht eine Freundin bei dir – ist Nape draußen? Heu, um wie viel besser ist doch dein Schicksal gegenüber meinem! Wenn nur auf diese Weise, ja dann geht auf mich über, ihr harten Ketten!“
Naso streckte beide Arme gen Himmel, so dass der Kranz herabfiel. Mühsam setzte er ihn auf und klopfte mit den Fingerknöcheln gegen das Tor.
„Die Stunden der Nacht gehen dahin, schlag doch den Riegel aus dem Pfosten!“
Naso erwischte sich dabei, schon wieder dieselbe Phrase zu verwenden.
»Beim Hades! Ich bin tatsächlich schon mein eigener amator exclusus, ein Zerrbild des elegischen Systems! Oder…
Täusche ich mich, oder haben die Pfosten soeben ein Geräusch gemacht? Haben die Torangeln sich gedreht? Hat das zitternde Tor einen dumpfen Ton von sich gegeben?«
Angestrengt beobachte Naso das Tor und lauschte in die Nacht.
»Ich habe mich doch getäuscht! Ein lebhafter Windstoß hat nur am Tor gerüttelt… Verdammter Kranz! Schon wieder am Boden… Weh mir! Wie lange hat der Windhauch nur meine Hoffnung weggetragen!«
Naso versuchte dem Wind mit seinen Blicken zu folgen. Gleichzeitig hielt er mit der einen Hand seinen Kranz fest, mit der andern griff er nach seiner Fackel. Sie war bis auf einen armseligen Stumpf heruntergebrannt.
„Wenn du dich noch gut genug an Oreithya erinnerst, Nordwind Boreas, wie du einst die athenische Prinzessin entführt hast, dann komm hierher und drücke mit deinem Blasen das Tor ein, das auf nichts hört!“
Einen hoffnungsvollen Moment lang nahm der Wind zu, ebbte dann aber wieder ab. Ringsum herrschte nur noch undurchdringliche Stille. Das einzige Geräusch war das sanfte Kratzen von Nasos Kranz auf dem gepflasterten Boden und das Rascheln, als er ihn wieder aufhob.
„In ganz Rom schweigt einfach alles – und feucht vom glasklaren Tau gehen die Stunden der Nacht dahin, schlag doch den Riegel aus dem Pfosten!
Oder… ich bin selbst schon entschlossener als Eisen und Feuer, das ich mit meiner Fackel am Leben halte, und greife euer hochmütiges Haus an! Nacht, Liebe und Wein raten nichts Maßvolles: jene kennt keine Scheu, der Weingott und Amor keine Furcht….!“
Naso gab dem Türhüter Zeit, vor seinen wilden Drohungen zu erschauern.
Doch nichts geschah.
„Alles hab‘ ich versucht und dich weder durch Bitten noch Drohungen bewegen können… O du bist selbst noch viel härter als deine Tür! Du verdienst es nicht, die Schwelle eines schönen Mädchens zu bewachen, ein ruheloser Kerker, das wäre was für dich…!“
Naso blickte nach Osten. War dort ein Menschenauflauf zu ihm unterwegs, mit Fackeln, die weithin leuchteten?
Nein, es war Lucifer. Wie aus der Hekale des Kallimachos entsprungen setzte der Lichtbringer bereits seinen taubdeckten Wagen in Bewegung. Unerbittlich zog die Morgendämmerung auf.
Irgendwo krähte ein Hahn und rief die armen Menschen zu ihrer armseligen Arbeit.
Naso schauderte. Wäre er noch Anwalt, dann müsste er jetzt bereits im Tablinium stehen und Klienten empfangen. Ein Glück, dass er jetzt davon frei war. Frei…
»Bin ich wirklich frei? Nicht im Herzen jedenfalls und auch nicht im Kopf, wie es scheint…«
Naso wollte sich kratzen, geriet aber nur an das Laub seines Kranzes, der jetzt erst richtig zu sitzen begann. Er schüttelte den Kopf, doch der Kranz wollte nicht von selbst. Diesmal nicht. Parfüm und Haarwasser hatten sich schließlich doch noch verflüchtigt. Empört zerrte ihn Naso vom Kopf und warf ihn auf die Schwelle vor das Gartentor. Jetzt war er richtig wütend, so sehr, dass er wieder unbewusst zu dichten anfing.

Du aber, Kranz, von den Haaren, nicht glücklich herunter gerissen,
            liege die restliche Nacht, hart auf der Schwelle herum!
Du wirst der Herrin, wenn sie dich morgen geworfen erblicket,
            Zeugnis sein, wie ich so schlecht so viele Zeit hab‘ vertan.
Wie du auch immer dich gibst, höre zum Abschied das Grußwort:
            -schließt einen Liebenden aus- Faulpelz und Mistkerl, leb‘ wohl!
Du auch, du grausames Tor mitsamt der starrenden Schwelle,
            Pfosten und obere Tür, bleibt doch versklavt - und lebt wohl!

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