Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Montag, 15. Mai 2017

Körperhygiene: Gurgeln, Nägelschneiden und forma neglecta (Mode und Körperpflege X)

Cleopatra - Kleopatra
cb ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de

Römer verwenden viel Zeit auf Mode & Körperpflege, nicht nur die Frauen, auch Männer der besseren Gesellschaft – selbst wenn die mores maiorum andere Verhaltensvorschriften nahelegen. Waschen, Gurgeln, Zähneputzen und Nägelschneiden ist für beide Geschlechter gesellschaftlich akzeptiert und gehört zur Grundlage der munditia, der „reinlichen Sauberkeit“, zentraler Begriff römischer Körperpflege. Was darüber hinaus geht, unterscheidet sich geschlechterspezifisch.

Frauen
… widmet der Dichter Ovid ein ganzes Ratgeberbüchlein zur Schminkkunde (Medicaminafaciei femineae) in Gedichtform.
In seiner ars amatoria empfiehlt er jedoch den Frauen, teure Mode und Schmuck nicht zu übertreiben, um die Männer nicht damit zu verjagen (→Ov.ars Buch 3, V. 129-132). Er rät stattdessen, die Männer über schlichte Sauberkeit zu packen (→ebd., V. 133) und die Haare entsprechend der Kopfform zu frisieren und im Spiegel zu überprüfen (→ebd., V. 133-178).
In der Frage der passenden Kleidung hält es Ovid hier in V. 179-192 eher mit preisgünstigeren Farb-Varianten als echtem Purpur und echten Goldfäden - „was ist das für ein Wahnsinn, sein Vermögen am Körper zu tragen?“ (V. 172). Besonders scheinen ihm Pastelltöne an Frauen zu gefallen, außerdem namentlich Azurblau-Varianten, Krokus, Rosa, Besch- und Weißtöne, Eichelbraun, Amaryllis und Mandel. Hellhäutigen Frauen rät er im Allgemeinen dunklere Farben, dunkleren Hauttypen zu heller Kleidung.
Bei der Körperpflege an sich (→Ov. ars Buch 3, V.193-234) meint Ovid, echte Römerinnen kaum daran erinnern zu müssen, sich zu waschen, Schweißgeruch zu vermeiden und sich die Beine zu rasieren – sie sind ja nicht aus dem letzten Kaff in der Provinz. Römerinnen dächten ja auch von selbst daran, ihre Zähne zu putzen, Mundgeruch zu bekämpfen, der Natur mit Puder, Rouge und Schminke nachzuhelfen und Parfüm zu benutzen.

Männer…
… sollen sich dagegen weder schminken noch parfümieren. Nach Ovid steht ihnen eher eine Art gepflegte Vernachlässigung (→Ovid ars Buch 1, V. 505-524):

Dienstag, 2. Mai 2017

V. Da! Corinna kommt! - Leseprobe aus Buch I "Einzig Corinna"

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem fünften Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es zumersten, zweitendritten und vierten Kapitel)
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!
Kapitel 5: Da! Corinna kommt!
Auch der nächste Tag verlief nicht so, wie Naso es sich gewünscht hätte. Zwar leugnete Corinna tatsächlich mit fester Stimme, dass sie sich ihm hingegeben habe. Titus sei dafür viel zu betrunken gewesen. »Immerhin, wenn nicht ihr Körper, so war wenigstens ihre Stimme loyal geblieben«, dachte Naso.
Doch wollte sie ihn weder besuchen kommen, noch lud sie ihn zu sich ein. Und dies änderte sich auch in den folgenden Tagen nicht.
[…]
Es schien, als habe er mit der Welt abgeschlossen, auch mit Corinna.
cb ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de
[…]
Naso schrieb wieder.
Er arbeitete wie ein Besessener.
Allerdings nicht an seiner humorvollen Dichtung über Liebesleid. Er hatte alle Liebesdichtung beiseite gewischt und mit ihr zugleich alle Vorstellungen von reiner Liebe mit ihr.
Er war gefangen im dunkelsten Winkel menschlichen Empfindens.
Dunkler noch als die Jahreszeit, dunkler als alles, was er bisher getan oder gelesen hatte, seit sein Bruder gestorben war.
Medea.
Lange hatte er den Entwurf dieser Tragödie verborgen und seitdem nie wieder hervorgeholt – bis jetzt.
Medea - in leidenschaftlicher Liebe zu Iason entbrannt. Medea – erst lebensrettende, dann todbringende Zauberin. Medea – rasende Mörderin, die ihre Opfer zerstückelte.
Selbst beim Dichten liefen Naso kalte Schauer über den Rücken. Noch immer musste er allein beim Gedanken daran weinen, wie Medea ihren Bruder tötete, zerstückelte und die Leichenteile bei ihrer Flucht verteilte. Auf diese Weise aus Kolchis zu entkommen, den eigenen Vater aufzuhalten, indem er die Leiche seines Sohnes aufsammeln musste – wer konnte nur bereit sein, diesen Preis für seine Liebe zu bezahlen?
Medea.
[…]
Grausiger Inhalt, verewigt in nachtschwarzem Wachs, gepresst ins unerbittliches Ebenholz der Schreibtafeln.
Es gab gute Gründe, dass Naso seine Medea bisher unter Verschluss gehalten hatte. Manchmal war ihm, als würde sein eigener Text ihn zu verwandeln trachten. Manchmal schien ihm, als sei etwas erwacht, etwas Unheimliches, und wolle nach ihm greifen. Manchmal fühlte es sich an, als wollten Wahnsinn und Zerrissenheit tief aus Medeas Inneren entkommen und auf ihn überspringen: Ein Sog, der aus der dunkelsten Psyche entsprang und ihn für immer zu verschlingen drohte, ihn unaufhaltsam in einen gähnenden Abgrund zog - ein schwarzer Schlund der Verzweiflung.
Trotz allem, oder gerade deswegen wuchs die Tragödie wie von selbst. Medea schuf ihre eigenen Gesetze, nahm Form an und alles in Anspruch. Naso musste sein Talent beherrschen, anstatt ihm nachzugeben. Er konnte sich kaum noch losreißen, schrieb nächtelang durch, die Geräusche seiner Umwelt drangen nicht mehr bis zu ihm durch. Medea erschuf sich eine eigene Existenz, tief in ihrem Schöpfer. Daneben gab es nichts mehr, nur Dunkelheit und drückende Stille, die schwer auf Nasos Trommelfell lastete. Das einzige, was er wahrnahm, waren schwarze, wirbelnde Wolken von Nichts, die sich in seiner Schreibtafel zu einer zähen Masse verdichteten und seine Ohren wirkungsvoller verschlossen als das Wachs des Odysseus bei den Sirenen.
Dunkle Ringe bildeten sich unter Nasos Augen.
Nach mehreren durchwachten Nächten in Folge spürte er ein seltsames Gefühl. War es die Müdigkeit, die an ihm hochkroch? Nein, es war irgendwie anders - wie halb im Schlaf und dennoch wach.
Naso versuchte aufzustehen.
Er konnte nicht.
Er konnte keinen einzigen Muskel bewegen.
Kalter Schweiß lief seinen Nacken entlang. Panik breitete sich in ihm aus. Aus dem Schwarz des Wachses schienen Stimmen aufzusteigen, wie dunkler Nebel, der empor wallte und ihn schließlich rundum einhüllte.
„Naso… Naaaso“, schienen sie mit lockender Frauenstimme zu flüstern.
»Medea? Bei allen Göttern! Ein Geist, geboren aus Wachs und Tinte? Kann sie etwa noch in bloßen Buchstaben zaubern, retten oder gar zerstören?«
Servare potui; perdere an possim, rogas? – Bewahren, das konnte ich; verderben, ob ich das kann, fragst du?“
Dieselben Worte, die er Medea gerade noch in den Mund gelegt hatte, schienen sich nun an ihn selbst zu richten.
„Medea?“
„Erkennst du mich nicht?“, antworteten die Stimmen. „Sieh nur, in der Ecke: Da liegt noch ein anderes Werk… Brenne! Sag dich los von Thalia, höre nicht auf Erato! Nur Melpomene sollst du lauschen, der einzig wahren der Musen! Weg mit Erato! Verbrenne die Liebe! Katharsis - Reinige dich! Vernichte sie im alles reinigenden Feuer! Sie schafft nichts, außer grenzenlosem Leid…“

Montag, 24. April 2017

peregrini: Leistung & Anerkennung von Nichtrömern im römischen Heer (mos et miles VI)

Fremdländische Soldaten Roms: auxilia et peregrini
cb peregrini ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de
Aus heutiger Sicht ist es vorstellbar, dass die bedeutenden Leistungen und der Einsatz der römischen Bundesgenossen und Hilfstruppen, die ja auf Seiten der Römer für die eigene, für die „gerechte Sache“ eintreten, besonders gewürdigt werden, um zur Nachahmung zu motivieren. Dazu ist die römische Gesellschaft jedoch nicht bereit.

Politik und Leistungseinschätzung:

Perspektivische Kampf­fähigkeit

Wer in Schlachtenberichten nicht groß erwähnt wird, war auch nicht besonders effektiv, könnte man meinen. Doch stellen gerade die fremdländischen Truppen die effektivsten Spezial- und Kommando-Einheiten: Angefangen bei der Hilfstruppen-Reiter die in der neueren Forschung als Elite-Einheit gelten, setzt sich auch bei den Fußtruppen der Auxiliaren mehr und mehr die Anerkennung ihrer Effektivität durch, z.B. als Einheiten für spezielles Terrain, ungünstiges Gelände für schwerbewaffnete römische Legionäre (→ Gerlinger 2008, S. 292).
Diese Einsicht in die Leistungsfähigkeit römischer Hilfstruppen wird jedoch kaum von den erhaltenen Texten der römischen Zeitgenossen geteilt; ganz im Gegenteil führen sowohl die latinischen wie auch alle anderen Bundesgenossen und die peregrinen Hilfstruppen literarisch meist ein Schattendasein in römischen Kampfbeschreibungen: Selbst wenn ein Sieg historisch im Wesentlichen den Hilfstruppen zu verdanken ist, müssen sie sich literarisch häufig mit einer Statistenrolle begnügen, während die Legionäre im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Diese Darstellungsart erfahren vor dem Bundesgenossenkrieg noch die Latiner, die Auxiliaren insgesamt jedoch bis in die Kaiserzeit. (→ Gerlinger 2008, S. 292-293, wie auch im Folgenden ebd., ff.).
Wenn man diese „Ausländer“ so gerne als Leistungsträger im Heer einsetzt, warum bekommen sie keine Anerkennung? Nun, die Römer sind ein stolzes Volk. Verzichten will niemand auf peregrine Kämpfer, aber ihre gesellschaftliche Stellung in Rom ist geringer: Sie erhalten weniger Sold gegenüber den römischen Legionären und müssen am Lagerrand campieren. Geschätzt werden sie dennoch von den hohen Offizieren: Sowohl Scipio als auch Pompeius und Caesar umgeben sich als Leibwache mit Elitekämpfern fremdländischer Herkunft. Es herrscht ein beträchtlicher Unterschied zwischen der tatsächlichen Anerkennung der Leistungsfähigkeit der Auxiliaren durch historische Persönlichkeiten, die selbst gerne auf fremde Völker zurückgreifen, und der Wirkung auf das römische Wahlvolk, die eine literarische Hervorhebung der Hilfstruppen verursacht.
Bei Caesar kann man dies besonders gut beobachten: Als Feldherr greift er sehr stark auf fremde Truppen zurück, stellt als erster eine ganze römische Legion aus Fremdländern auf (legio V alaudae) und ist unter anderen sogar mit einem Bankier punisch-hispanischer Herkunft befreundet, dem er seine Geschäfte anvertraut. Als Autor jedoch distanziert er sich stets von allen „unzuverlässigen Fremdländern“, gibt niemals die genaue Stärke seiner eigenen Hilfstruppen an, sondern lässt sie mitsamt Leistungen und Leistungsfähigkeit so weit wie möglich unerwähnt. Ganz „politischer Autor“ wirft Caesar dagegen seinem Gegner Pompeius die Fülle der Hilfstruppen vor, hierbei sogar möglichst oft mit genauen Zahlenangaben. Die Leistungen der fremden Völker werden dann im Kontrast zu den Römern der gegnerischen Seite überraschend positiv hervorgehoben. Außerdem legt Caesar großen Wert darauf, das Ausländertum seiner Gegner im Bürger­krieg zu betonen. So äußerst sich Caesar z.B. äußerst negativ über die Barba­ren­an­sammlung bei seinen Gegnern, wie bei Afranius und Petreius, denen er vorwirft, alle Arten Hispanier und allerlei Barbaren in ihren Truppen zu beherbergen (Caes.civ.1,38,3).

Montag, 27. März 2017

IV. Dein Mann kommt mit? Gastmahl mit Corinna - Leseprobe aus Buch I "Einzig Corinna"

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem vierten Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es zumersten, zweiten und dritten Kapitel)
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!

Kapitel 4: Dein Mann kommt mit? Gastmahl mit Corinna

Mit leisem Quietschen öffnete sich der Blick zum Garten. Das kleine Gartentor saß demnach in Angeln aus Metall. Länger nicht geölt… Ein Rasseln ließ Naso nach unten sehen.
Eine Kette.
„Du hast ihn tatsächlich angekettet!“
Das Gastmahl des jungen Ovid
©:  CC-0 Public Domain (freie Verwendung)
Corinna bedachte Naso mit einem vorwurfsvollen Blick. „Es steht dir nicht zu, mich deswegen zu tadeln. Dir nicht - du wurdest frei geboren… Es ist zu seinem eigenen Schutz. Du weißt, was man mit flüchtigen Sklaven macht...“
Naso erschauerte. Instinktiv suchte er nach Anzeichen der Peitsche. Doch der Sklave wich wieder in sein überdachtes Eckchen zurück und kauerte sich fest in seinen Mantel. Naso warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. Immerhin hatte Corinna für einen Dreifuß mit heißen Kohlen gesorgt. Auch trug er geschlossene Stiefel und eine Mütze. Wahrscheinlich hatte sie sogar recht und fürchtete nicht ohne Grund was geschehen sollte, würde man ihn da draußen erwischen…
Corinna wechselte zu einem Lächeln und legte einen Arm um Nasos Schultern.
„Sieh dir lieber mein Gärtchen an. Das wolltest du doch schon die ganze Zeit, oder?“
Naso war überrascht: Im Gärtchen plätscherte ein Brunnen vor sich hin, kunstvoll eingefasst in Gestein, über dem zwei winzige Treppchen zur Eingangstür führten. Ringsum kleine Bäume und Sträucher, wilder Wein, Efeu und Blumen - eine Pinie, ein Feigen- und ein Maulbeerbaum. Gerade genug Platz dazwischen, um ins Haus zu gelangen. Hätte nicht bald der Winter begonnen und wären nicht viele Blätter bereits herabgefallen, die Illusion wäre perfekt gewesen: Wie die heilige Grotte einer Nymphe - mit dem Quellheiligtum in der Mitte…

Samstag, 25. März 2017

naves longae – Antiker Seekrieg (mos et miles V)

navis longa: Römische Kriegsmarine: Taktik periplous: Aufbrechen der Linien
cb periplous ©:  S. Gerlinger CC-BY 4.0 de
Antike Kriegsschiffe haben am Bug (vorne) einen Rammsporn und werden von Ruderern angetrieben. Reine Segelschiffe sind dagegen nur bei einigen keltischen Stämmen zu finden. Die Kriegsschiffe des Mittelmeeres sind im Vergleich zu Lastschiffen recht lang und schmal, weshalb sie im Lateinischen mit navis longa bezeichnet werden, „Langschiff“. Je nach Anzahl der Ruderreihen werden diese Schiffstypen auch „Fünfruderer“, „Vierruderer“, „Dreiruderer“, etc. genannt: Quinquireme (bzw. nach dem griechischen Vorbild: Pentere), Quadrireme, Trireme, Bireme... Römische Kriegsschiffe sind zusätzlich mit Torsionsgeschützen bewaffnet. Die Segel werden vor dem Gefecht abmontiert, damit die Steuerleute, die Geschützmannschaft und die Soldaten mehr Platz haben und nicht von (herunterfallenden) Segeln und Tauen behindert werden.
Im Wesentlichen gelten folgende 3 Grundformen als die häufigsten klassischen Taktiken:
  1. Direkt auf das gegnerische Schiff zuhalten, rammen und versenken (der Stoß mit dem Rammsporn wird dicht unter der Wasseroberfläche gesetzt).
  2. Rammen, um die Schiffe zu verkeilen und im Enterkampf Mann gegen Mann den Sieg suchen. 
  3. Dicht am Gegner vorbeifahren, ohne zu kämpfen: Die Ruder des gegnerischen Schiffes werden „abgefahren“ und zerbrechen (die eigenen werden vorher ein­ge­zogen). Der Gegner wird so manövrierunfähig gemacht. Diese Taktik erfordert wendige Schiffe und hohe Geschick­lichkeit und Übung der Steuerleute.
Natürlich wird die Taktik immer an die jeweiligen Umstände und an den Gegner angepasst. In der Regel kann die Flotte mit den besseren Steuerleuten und Ruderern eine Seeschlacht schnell für sich entscheiden. Der Nahkampf Mann gegen Mann ist fast nie von großer Bedeutung.

Samstag, 25. Februar 2017

Liebe unter den Sittengesetzen des Augustus: Historisch-politischer Hintergrund zum ersten Band der „Liebesleiden des jungen Ovid“

Gerlinger Historischer Roman P. Ovidius Naso Ovidroman
© Fran Recacha,  Titelbildentwurf des Ovid-Verlag
Rom 19-18 v. Chr.: Gaius Octavius, offiziell Gaius Julius Caesar Octavianus, wie er seit seiner testamentarischen Adoption durch Caesar heißt, beherrscht die Stadt. Doch lässt er sich seit der Verleihung eines religiösen Ehrentitels 27 v. Chr. von allen „Augustus“ nennen, „der Erhabene“. 
Augustus festigt langsam aber unaufhaltsam seine 31. v. Chr. errungene Herrschaft. In kleinen wohldosierten Schritten passt er das politische System der Realität an und prägt die Gesellschaft um, wobei er vielfältigste Medien zur propagandistischen Inszenierung einsetzt. 19 v. Chr. übernimmt er die allgemeine Leitungsgewalt über die Konsuln, die -zumindest offiziell- zuvor immer noch die höchste Staatsgewalt und Exekutive dargestellt haben.
Doch das Volk ist gut auf ihn zu sprechen. Augustus stärkt sein Ansehen und schmückt Rom als kulturelles Zentrum des Weltreichs aus. Der Literaturbetrieb wird von den Werken bestimmt, die das Regime des Augustus unterstützen, feiern und preisen, wie dem Römerepos des gerade verstorbenen Vergil. Im „Blut- und Boden-Epos“ der Aeneis preist Vergil die göttliche Bestimmung Roms zur Weltmacht und Augustus als ihren Führer und gottgesandten Knaben. Kein Wunder, das Vergilius im Kaiserhaus überaus beliebt ist.
Wer jedoch nicht zum politischen Programm passt, hat weniger Glück: Augustus beherrscht virtuos alle Medien und lässt gnadenlos zensieren. Ganze Gesamtwerke werden für immer ausgelöscht, der Dichter Gallus in den Selbstmord getrieben. Opposition wird oft geräuschlos gebrochen, notfalls brutal.
Und noch in das intimste Privatleben greift Augustus ein: Er verlangt nicht nur von seinen weiblichen Familienmitgliedern und sich selbst einen untadeligen, sittsam-keuschen und höchst langweiligen Lebenswandel, sondern bringt auch eine äußerst rigide Sitten- und Ehegesetzgebung ein, die Heirat verlangt und Fremdgehen als Straftat kriminalisiert.
Eine vorbildliche Frau sitzt den ganzen Tag brav zu Hause und spinnt Wolle -wenn sie nicht gerade mit Kindern und Haushalt beschäftigt ist-, während der Mann neue Völker erobert, so die veraltete Moralvorstellung. Die Ehe wird zum Zwang, das Kinderzeugen ist kein Spaß mehr, sondern verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Drückend steigt der Konformitätsdruck, Gleichschaltungstendenzen machen sich breit sowie weitgehende soziale Kontrollen.
            Alle passen sich an. Alle? Nein nicht alle. Ein kleines Häuflein schreibt weiter an Liebes­gedichten, die nicht zum ultrakonservativen Rollback passen. Einige modern gesinnte junge Ritter veranstalten Demonstrationen zur Abschaffung der Gesetze (Suet.Aug.34). Ein Dichter fängt jetzt erst richtig an, Gedichte zu schreiben, nimmt den Zeitgeist auf, parodiert ihn auch zum Gutteil und schreibt seine witzig-provokanten AMORES: Publius Ovidius Naso.

Sonntag, 19. Februar 2017

proelium – Die römische Armee im Gefecht (mos et miles IV)


Die Aufstellung
Im traditionellen konsularischen Doppelheer stehen ursprünglich zwei römische Legionen (je 4.000-6.000 Mann) im Zentrum, flan­kiert von zwei Legionen italischer Bundesgenossen. Die Reiterei steht außen auf den beiden Flügeln. Vor der ersten Schlachtreihe beziehen die Plänkler Stellung (ferentarii, velites…): Diese sind Leichtbewaffnete, die versuchen, die gegnerische Ordnung zu stören und sich zurückzuziehen, bevor es mit dem ersten Aufeinanderprall des Nahkampfes „richtig“ los geht. Dabei handelt es sich (fast) immer um ausländische Truppen, berühmt sind die kretischen Bogenschützen und die balearischen Schleuderer. Haben sie ihre Salven an leichten Wurfspießen, Pfeilen und Schleuderkugeln verschossen, ziehen sie sich eilig hinter die eigenen Reihen zurück.
Die Taktik wird dadurch bestimmt, wie man seine Soldaten entsprechend einem vorher überlegten Schlachtplan aufstellt; dazu musst man die geg­nerische Auf­stellung und die örtlichen Verhältnisse (Hügel, Fluss, Lager...) berücksichtigen. Man kann beispielsweise seine Truppen nach hinten tief staffeln, um durch die gegnerische Mitte durchzubrechen (beliebt bei germanischen Stämmen, besonders im sogenannter Eberkopf bzw. Keil), oder dünn in breiter Linie aufstellen, um den Gegner einzukreisen.
Die vorausschauende Wahl der Aufstellung ist eine der wichtigsten Aufgaben des Feldherrn, denn ist eine Schlacht erst einmal im Gang, kann der Feldherr im Wesentlichen „nur“ noch warten, ob sein Schlachtplan aufgeht, Reserven an benötigte Abschnitte nach vorne schicken, wankende Truppen anfeuern (lassen) und erschöpfte durch neue Truppenteile ersetzen (lassen).

Die Feldherrenrede
Steht die Aufstellung, so hält der Feldherr eine Ansprache, um seine Truppen anzufeuern, dann marschiert das Heer in Schlachtordnung dem Feind entgegen.

Die Schlachtordnung
Als spezifische Schlachtordnung geben römische Autoren meist nur die Anzahl der Schlachtreihen der Legionen an (acies), die Plänkler der Hilfstruppen (ferentarii) bleiben hier fast immer unerwähnt. Standardgemäß wird in drei Reihen vorgerückt, in der sogenannten acies triplex, der berühmten „dreifachen Schlachtordnung“. Am Häufigsten ist in der Kohortentaktik das 4-3-3 System zur Aufstellung einer Legion (legio) mit 10 Kohorten, es gibt aber auch 4-4-2 und 5-3-2. In der Abbildung unten steht jeder Block für eine Kohorte (cohors: 3x manipulum / 6x centuria zu max. 100 Mann):
Dreifache Schlachtreihe der Römer auf Lücke in Kohortentaktik
acies triplex I ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de cb

Samstag, 28. Januar 2017

III. Recht ist‘s und billig mein Flehen: Treffen mit Corinna - Leseprobe aus Buch I "Einzig Corinna"

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem dritten Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es zumersten und zweiten Kapitel).
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!

Kapitel 3:Recht ist‘s und billig mein Flehen: Treffen mit Corinna
Naso spähte zur Sonnenuhr. Die neunte Stunde des Tages hatte bereits begonnen, kein Zweifel.
»Immer noch nicht!«
Er war pünktlich gewesen: Die achte Stunde. Früher Nachmittag. Siebzehnter Tag vor den Kalenden des November.
Überpünktlich sogar. Und es war auch der richtige Ort:

Dort wo der Nymphenbrunnen beim Marmortempel der Venus
            weit durch die Lüfte die Gischt spritzt mit des Rohrdruckes Kraft.

cb ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0 de
Hohe Fontänen schossen lebenslustig aus den Wasserspeiern gen Himmel, zerstoben in unzähligen Tröpfchen, sanken in nebligen Schwaden herab und flossen schäumend über den Abfluss. Die marmorne Figurengruppe glänzte golden in der Sonne. Einzig Neptun spie seine Fluten ein wenig missmutig aus. Ob es ihn störte, dass sein wallender Bart etwas Moos angesetzt hatte?
Dennoch: Ein sehr lieblicher Ort.
Nur Corinna fehlte.
Wo blieb sie nur? Schließlich hatte sie selbst eben diese Verse aus den Ratschlägen des Propertius stehen lassen, als sie Ort, Treffpunkt und Zeit in Nasos Wachstäfelchen geritzt hatte.
Eine Verabredung für den nächsten Tag. Nicht mehr und nicht weniger.
So lehnte Naso lässig am Rande des Brunnens und hielt Ausschau.
Das heißt er wollte lässig erscheinen, doch je länger er wartete, desto mehr verkrampfte er sich und desto unsicherer wurde er.
»Und wenn sie doch nicht kommt? Habe ich mir das Ganze am Ende nur eingebildet? Nein, ich bin doch nicht verrückt! Die Frau war aus Fleisch und Blut, So etwas Schönes kann man sich gar nicht selbst ausdenken. Aber… vielleicht war ihr Interesse nicht echt? Ich bin einfach zu nervös…! Oh Venus, bitte steh mir bei!«
Naso wartete auf ein Zeichen, doch es kam keines.
Die Torflügel des Tempels blieben so fest verschlossen, wie zuvor.
»Was habe ich mir auch gedacht – dass sie auf einmal von selbst aufspringen, wie das Türflügelwunder in der Aeneis des Vergilius?«
[…]
Er schlenderte zu den Stufen des Tempels. Er hatte gehofft, dass vielleicht ein Priester hineingehen würde und er einen Blick erhaschen könnte. Gerade mal lang genug, um ein Gebet hinterher zu werfen. Doch es kam niemand.
Niemand, der in den Tempel ging.
Nur ein paar Mädchen und Frauen stellten sich zum Wasserholen an. Sie füllten ihre Gefäße am Hahn, gleich neben den Wasserspielen. Ein eigener Wasseranschluss, das war schon etwas, was Naso in seiner Kammer vermisste…
Allmählich lichtete sich die Schlange wieder. Nur ein paar Kinder spielten am Überlauf des Brunnens. Sie ließen kleine Spielzeugboote in der Wasserrinne um die Wette schwimmen und fischten sie wieder heraus, bevor sie durch das Gitter in die Kanalisation gespült werden konnten. Außer den Kindern und den Wasserholerinnen war der Platz nahezu leer.
Corinna war nirgends zu erblicken.
Naso hätte etwas draußen am Altar opfern können, doch er hatte nichts dabei, was sich als Opfergabe eignete.
Immer noch den Tempel fest im Blick, schlenderte er wieder zum Brunnen zurück.
„Geh ruhig nach oben!“, rief ihm eine alte Frau zu, die am Brunnen Wasser holte. Sie lächelte ihn aus ihren Zahnlücken an. Ihr schütteres weißes Haar trug sie sorgsam zu einem Knoten zusammengebunden. Sie trug die vertrauenser­weckende Stola einer ehrbaren Frau. „Decimusss hat Dienssst, er lässt die Türe den ganzzzen Tag auf, fallsss einer ein Votivgeschenk darbringen will“, zischelte sie. „Der nimmt auch Münzzzen, zum Wohle der Göttin.“
Naso dankte der Matrone mit einem freundlichen Wink.
„Danke, aber ich warte hier auf eine Freundin.“
„Sssieht man, Junge. Blumen, wie nett! Hat mein Quintusss mir noch nie gemacht… Du kannssst beruhigt reingehen. Wenn ich mit dem Wasssserholen fertig bin, werde ich warten, bis du wieder draußssen bissst. Sobald eine junge Dame herkommt, werde ich ihr ausssrichten, dassss du noch kurz bei Venusss weilssst.“ Sie lächelte über ihr faltiges Gesicht. „Junge Liebe, sssieht man ssso ssselten! Da helfe ich gerne…“
Naso zögerte, dann rannte er die Stufen empor und klopfte vorsichtig mit dem Fuß an das Tempeltor.
Knarrend öffnete sich der Wächtereinlass des linken Torflügels.
„Ja bitte, was wünschst du von der Herrin Cytherea?“
„Eine Weihegabe. Ein kleines Opfer, um Venus gnädig zu stimmen.“
„Komm!“
Der Priester führte ihn ins Tempelinnere.