Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Dienstag, 29. September 2015

Alexandria - wo junge Römer Naturwissenschaften studieren


Auch wenn viele Römer, v.a. die Reichen, einen relativ breiten Zugang zu guter Bildung haben - Naturwissenschaften und Technik wird in Rom kaum gelehrt. Sie zählen noch zur Philosophie und werden auf höchstem Niveau nur in den berühmten griechischsprachigen Zentren des östlichen Mittelmeers unterrichtet, die alle jungen Wissenschaftler anziehen, die sich wirklich für Ingenieurskunst, Mathematik, Physik und Architektur begeistern – und daher auch viele junge Römer.
Athen kann seinen Status als Leuchtfeuer der Gelehrsamkeit jedoch nicht behaupten: Unter den ptolemäischen Herrschern übertrumpft Alexandria mit seiner gigantischen Bibliothek bald Athen und wird so berühmt wie Harvard, MIT (TU Massachusetts), Oxford und Cambridge zusammen. Die Nachfahren des Ptolemaios, des Generals Alexanders des Großen, beherrschen eine Großmacht (von Ägypten über Israel und Syrien bis nach Kleinasien) und bauen ihre Hauptstadt Alexandria zu DER Vorzeigstadt der Antike für Wissenschaft, Kunst und Kultur aus. Gelehrte Reisende werden nach Büchern durchsucht, deren Titel noch nicht in der Bibliothek stehen. Wird keine Kopie abgegeben, wird mancher so lange festgehalten, bis eine Kopie erstellt und der Bibliothek hinzugefügt werden kann. So kommt schnell eine unglaubliche Menge bester Literatur zusammen, beinahe 500.000 Papyrusrollen.
Nur ungestört kann man in Alexandria nicht studieren, die Bevölkerung ist leicht zu Aufständen bereit, vertreibt gelegentlich einen Herrscher (wie z.B. 88 v. Chr. Ptolemaios X.) und versucht, ihn durch einen anderen zu ersetzen, ein Anzeichen des schleichenden Machtverfalls der Ptolemäer. Schon seit 168 v. Chr. treten die Römer als Schutzmacht auf, damals noch gegen die Seleukiden. Vertriebene Monarchen fliehen nach Rom, leihen sich dort größere Summen und lassen sich mit römischer Militärmacht zurückgeleiten, wie Ptolemaios XII. Auletes – der Flötenbläser, Vater der Cleopatra, dem auch der junge Marcus Antonius schon mit Reitereinheiten zu Diensten ist. Wer an Bestechungsgeldern zu kurz kommt versucht im Gegenzug gelegentlich, Ägypten als römische Provinz zu annektieren, wie Crassus 65 v. Chr.

Dienstag, 1. September 2015

Leben und Lieben im alten Rom III: Sitten & Sittengesetzgebung (II)


lex Iulia de adulteriis coercendis, lex Iulia de maritandis ordinibus, lex Papia Poppaea
Bis zum Ende der Republik geht vor allem bei jungen Frauen einiges an althergebrachtem Rollenverständnis verloren. Aber auch für viele Männern, besonders junge Adlige, kann das traditionelle Lebensbild nicht mehr so recht locken. Gegen diese schleichende Veränderung in der Gesellschaft gibt es in der frühen Kaiserzeit plötzlich harte Gegenmaßnahmen: In dem Jahr, indem Ovid den Zeitgeist aufnimmt (zum Gutteil jedoch auch parodiert) und beginnt, seine witzig-provokanten amores zu schreiben (Sternchenthema des Abiturs in Baden-Württemberg 2016 und 2017), versucht der Machthaber Augustus einerseits die hohen Verluste der Bürgerkriege, besonderes unter den alten Adels- und Senatorenfamilien, wieder auszugleichen: Kinder müssen her und dafür auch treue Ehefrauen. Andererseits ist der Zeitpunkt gut gewählt, um die Ausschweifungen und Affären des Kaiserhaus mit einem offiziellen, nie dagewesenen und ultrakonservativen „Rollback" zu vertuschen. Dabei verlangt Augustus nicht nur von allen seinen weiblich Familienmitgliedern (und sich selbst) einen untadeligen, sittsam-keuschen (und höchst langweiligen) Lebenswandel, sondern lässt auch eine äußerst rigide Sitten- und Ehegesetzgebung einbringen, die Heirat verlangt und Fremdgehen als Straftat kriminalisiert. Eine vorbildliche Ehefrau sitzt den ganzen Tag brav zu Hause und spinnt Wolle (wenn sie nicht gerade mit Kindern und Haushalt beschäftigt ist), so die veraltete Moralvorstellung - jedenfalls wie man sich damals die sittsamen Frauen aus Roms (mythischer) Frühzeit vorstellt.
Bei den wichtigsten Gesetzespaketen handelt es sich um:

Dienstag, 18. August 2015

Feldherr, Priester, Superstar - „ICH GERMANICUS!“ 20.06.-1.11.2015


Römer on Tour, Reenactement-Gruppe Legio I Italica / Germanicus 2015

Römer on Tour © VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land,
Photo Hermann Pentermann
Kettenpanzer, Schild in Lederhülle, Wurfspeer, Schwert, Helm, 30kg Gepäck und mühsame Märsche von 15-25km auf genagelten Sohlen... Der Schweiß rinnt in Strömen, aber immerhin haben die Darsteller besseres Wetter als die Legionäre vor über 2.000 Jahren. Und die Italiener der Reenactement-Gruppe Legio I Italica will auch kein Germane in einen Hinterhalt locken, bewerben sie doch eindrucksvoll eine lohnenswerte Sonderausstellung mit Leihgaben aus dem British Museum in London und dem Louvre in Paris. Marscheindrücke kann man auf Römer on Tour, einer speziellen Seite des Museums, abrufen. Zudem bietet der Ausstellungsort Kalkriese vielfältige Programmpunkte an, darunter auch Sommer- und Herbstferienprogramme für Familien und Schüler, Römische Gastmähler, Rollenspiele und Vortragsreihen.
Um sich ein genaueres Bild des Themas machen zu können, folgt hier nun eine verkürzte Wiedergabe aus der Presseinformation des Museums: Die große Sonderausstellung „ICH GERMANICUS! Feldherr Priester Superstar“ in Museum und Park Kalkriese nimmt das Leben und Wirken des römischen Feldherren Germanicus in den Blick. Auf 500 Quadratmetern beleuchtet sie nicht nur die sogenannten „Rachefeldzüge“, in denen Germanicus sechs Jahre nach der Varusschlacht eine gewaltige Streitmacht ins heutige Nordwestdeutschland führte. Sie gibt auch ein umfassendes Bild einer schillernden Persönlichkeit der antiken Welt. „Zu Lebzeiten war Germanicus eine Berühmtheit im gesamten römischen Reich. Er hatte hohe politische und militärische Ämter inne und war aufs engste mit der Kaiserherrschaft verbunden“, so Geschäftsführer Dr. Joseph Rottmann.
Knochengruben und römische Bildkunst
Die thematische Bandbreite spiegelt sich auch in den Objekten der Ausstellung. Neben archäologischen Objekten werden herausragende antike Kunstwerke ausgestellt, wie etwa die kunstvolle Scheide des „Schwert des Tiberius“. „Die vielen öffentlichen Darstellungen von Germanicus zeigen seine herausgehobene Stellung in der römischen Gesellschaft“, so Rottmann. „Grund dafür Germanicus dieses Jahr in den Mittelpunkt einer Ausstellung zu rücken, waren die militärischen Aktivitäten in Germanien vor 2000 Jahren“.
Karriere an den Schaltstellen der Macht
Wenige Jahre nach der Varusschlacht wurde Germanicus Oberbefehlshaber der Truppen an der germanischen Grenze des Römischen Reichs. Damit verfügte der junge Feldherr über eine gewaltige Streitmacht. Fast 50.000 Soldaten in acht Legionen und 1000 Kriegsschiffe sollten die verheerende Niederlage des Varus rächen und die germanischen Stämme endlich unterwerfen. In den Jahren 14 bis 16 n. Chr traf Germanicus mit wechselnden Schlachterfolgen auf Arminius, seit der Varusschlacht der führende Gegenspieler Roms. Es gelang den Römern, zwei verlorene Feldzeichen zurück zu erobern, Arminius schwangere Frau Thusnelda gefangen zu nehmen und die Gefallenen der Varusschlacht zu bestatten. Der Erfolg einer endgültigen Eroberung Germaniens blieb Germanicus jedoch versagt, als er im Jahr 16 n. Chr. nach Rom zurück beordert wurde. Germanicus Popularität hing jedoch nicht alleine an militärischen Erfolgen. In eine mächtige römische Familie hineingeboren, hatte er bereits vor dem Aufenthalt in Germanien Karriere in der Hauptstadt gemacht. Als Augur hatte er eines der wichtigsten Ämter Roms inne, standen diese doch im Ruf, den Willen der Götter erkunden zu können. Oft ist von den Auguren als den höchsten Priestern Roms die Rede. „Wir dürfen uns die Auguren aber nicht im Sinne von Seelsorgern als Priester vorstellen“, so Dr. Stefan Burmeister, Kurator der Ausstellung in Kalkriese. „Dieses Amt genoss hohes Ansehen, übte aber auch politischen Einfluss aus und zeigt, wie nah Germanicus an den Schaltstellen der Macht war“.

Samstag, 1. August 2015

Leben und Lieben im alten Rom II: Sitten & Sittengesetzgebung (I)


male mas, vir mollis, vir vere Romanus, virtus - Rollenbilder im alten RomZur traditionellen Vorstellung eines Mannes gehört vor allem Tatkraft und Energie, wie schon der Begriff vir-tus lehrt (Männlichkeit, Tugend, Männliche Energie… - so wie ein Mann sein soll. Verweichlichen und Verweiblichen ist dasselbe: ef-femināre. Alles, was ein Mann tut, ist erlaubt, solange er dabei aktiv ist. Wehe der Frau die nicht passiv ist – die aktive Frau ist seit den Griechen mit der Horrorvorstellung und dem Schimpfwort tribas belegt, vorrangig ein Schreckbild der Gesellschaft des klassischen Athens, wo die Kette tatsächlich zu kurz scheint, wenn die Frau im Wohnbereich auftaucht. Ehefrauen dürfen dort keinesfalls bei Tisch einer geselligen Runde erscheinen, sie müssen sich im oberen Stockwerk bei den Kindern aufhalten und sind nicht einmal geschäftsfähig. Nur beim Erzfeind Sparta trainieren die Mädchen von klein auf Sport und „managen“ Heim und Hof auch wirtschaftlich völlig eigenverantwortlich, während ihr Spartiaten-Ehemann in der Kaserne oder fern im Krieg weilt. Doch in Sparta wird mehr gehandelt als geschrieben und so ist die Leitkultur für kultivierte Römer diejenige der Athener, die sich (zumindest in überlieferten Komödien) vor den selbstbewussten Spartanerinnen fürchten. Ein Stück weit färbt das Weltbild Athens über seine weltberühmten Schriftsteller und Gelehrten auf die Römer ab.
Aber auch allzu romantische Männer sehen sich schnell der Kritik ausgesetzt. So hat der Dichter Catull in carmen 16 die derbste Antwort an seine Freunde parat, die je in ein Gedicht gegossen wurde: Trotz seiner milia multa basiorum, der „vielen tausend Küsse“ seiner Gedichte, sei er immer noch ein ganzer Kerl -der auch mit Kraftausdrücken um sich zu werfen versteht-, kein male mas, ein Weichei oder einen Softie wie der tabubrechende vir mollis der elegischen Dichter. Aber das elegische System mit dem Grundsatz make love not war bricht generell und auf breiterer Basis mit den traditionellen Vorstellungen, wie ein Mann sein Leben zu führen hat.
Religiöse oder kirchliche Regelungen und Vorschriften für Sexualität und Liebe gibt es im alten Rom nicht – also auch keine heutige kirchliche Moral – nur den pater familias und die Wahrung des Ehegelübdes. Sex gilt als natürlich und entspannend. Männer sollen ruhig vor der Ehe sexuelle Erfahrungen sammeln - auch bei Prostituierten. Kostengünstiger kann man sich bei seinen Sklaven bedienen (weiblichen wie männlichen, aber Hauptsache, der Höhergestellte nimmt die aktive Rolle ein).
Entsprechend dem traditionellen Frauenbild sammelt die Ehefrau keine Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht sondern übt vor allem Treue. Die Grabinschrift einer Claudia (ca. 150 v. Chr.) zeigt, worauf es ihrem Mann ankommt (CIL VI 1534): Sie liebte ihren Mann und gebar zwei Kinder. Das ultimative Lob will er ihr zukommen lassen, indem er folgendes angibt: domum servavit, lanam fecit – sie blieb zu Hause und spann [brav] Wolle. Dies preisen auch andere Grabinschriften recht stereotyp, wie auch CIL VI 11 602: lanifica, pia, pudica, frugi, casta, domiseda – wollespinnend, fromm, schüchtern, fruchtbar, sittsam, zuhausesitzend. Kurz: Heimchen am Herd, Mutter, treubrave Couch-Potatoe.
Gegen Ende der Republik wird aber immer mehr abweichendes Verhalten von dieser Normvorstellung überliefert. Über Augustus schreibt Sueton, dass er seine Tochter und Enkelinnen „so streng erzog, dass er sie sogar zum Wollespinnen anhielt“ (Suet.Aug.64) – ein Beweis, dass dieses Frauenbild bereits als stark veraltet angesehen wird. Doch scheinen sich „angesehene Bürger“ und Konservative über zärtliche Männer und selbstbewusste Frauen noch immer den Mund zu zerreißen…
Hier geht’s zu
Sittengesetzgebung  im alten Rom
Wen Interkationen zwischen Römern und Römerinnen
noch genauer interessieren, der lese weiter nach bei
S. Gerlinger, Virtus ohne Ende? Zum Rollenverständnis zwischen Mann und Frau, in: A. Heil / M. Korn / J. Sauer (Hrsg.), Noctes Sinenses. Heidelberg 2011 (ISNB 978-3-8253-5843-3)

Donnerstag, 30. Juli 2015

XII. Pistoria. Leseprobe aus "Catilina und die Jugend Roms"

Nun der vorerst letzte Auszug: Diesmal aus Kapitel Zwölf (zweiter Band - bisher gibt es hier Ausschnitte aus dem ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten neunten, zehnten und elften Kapitel). Anregungen und Kommentare sind wie immer erwünscht (Rufus.in.Rom@gmail.com)!

Kapitel XII: Pistoria
[…]
Die Lage normalisierte sich. Im Hause der Fabier nahm das Leben wieder seinen gewohnten Lauf. So war es für Rufus eine große Überraschung, als er erneut zu Cicero gebeten wurde. Der ehemalige Konsul saß in seiner Bibliothek zwischen den Philosophenköpfen und massierte sich die Schläfen. Sein Haar war grauer geworden, seit Rufus ihn zuletzt gesehen hatte, und sein Bauch dicker.
Marcus Tullius Cicero unter Druck - alles legal gegen Catilina?
Cicero unter Druck
„Sei gegrüßt, Rufus! Nur herein. Setz dich!“
Rufus nahm zwischen Cicero und Tiro Platz, dem Sklaven und Privatsekretär mit dem freundlichen Gesicht.
„Vale Cicero, vale Tiro! Welchem Umstand verdanke ich deine Einladung, pater patriae – Vater des Vaterlandes?“
Cicero presste nur die Lippen aufeinander. Die Anspielung auf seine jüngsten Ehren schien ihn nicht sonderlich zu amüsieren.
„Wie gut verstehst du dich mit Crixos, Catugnatos und Ollugnio? Mir wurde berichtet, dass sie sich rührend um dich gekümmert haben. Du sprichst ihre Sprache und teilst ihre Gedanken… Würden sie auf deinen Rat hören?“
„Das kommt darauf an. Was ist denn passiert?“
„Crassus! Das ist passiert“, platzte es aus Cicero heraus. Dann fasste er sich und setzte wieder sein gewinnendes Lächeln auf.
„Weißt du, dass die Allobroger heute im Senat waren?“
„Ja, sie sollten doch heute endlich ihren Fall vertreten und endlich die Rückzahlungserleichterungen zugesprochen bekommen ... als Dank für ihre Mithilfe bei der Aufdeckung der Catilinarischen Verschwörung. Dann wollten sie gleich wieder nach Hause. Sie haben zuletzt von nichts anderem mehr gesprochen.“
„Nach Hause, das sind sie ... allerdings noch während der Sitzung….“
Cicero räusperte sich, bevor er fortfuhr.
„Dass ich die Rolle der gallischen Allobroger gegen Catilina hervorgehoben habe, hat dummerweise meinen Gegnern in die Hände gespielt. Als sie Catilina noch gefürchtet haben, da haben mich alle geachtet. Nun scheint es, als habe sich die Stimmung gedreht… Es war jedenfalls keine gute Idee, in gallischer Tracht und mit Bart im Senat zu erscheinen: Metellus Nepos hat alle daran erinnert, wie Catilina einst an der Spitze einer gallischen Reitertruppe römische Ritter niedergemetzelt hat ... damals unter Sulla. Crassus malte dann das Ganze drastisch aus, als ob diesmal erneut römische Ritter unter Galliern leiden sollten ... die Steuerpächter nämlich unter einer Lockerung der Schuldenlast der Allobroger. Pikanterweise hat Crassus dabei aus meiner Rede gegen Fonteius zitiert:
ʺGallier, denen man weder wegen ihres Jähzorns vertrauen, noch sie wegen ihrer Untreue respektieren darf, die sich von den anderen Völkern so sehr an Sitte und Natur unterscheidenʺ. Sorgen wir dafür, dass diese Gallier, die größten Feinde der Römischen Nation, ʺleichter die Alpen erklimmen als die paar Stufen zum aerariumʺ!ʺ“
Cicero stöhnte und zupfte sich eine Falte seiner Tunika glatt.
„Diese unbedachten Äußerungen scheinen mich auf ewig zu verfolgen! Nepos und die Pompeius-Fraktion haben das Thema jedenfalls in seltener Einmütigkeit wieder aufgenommen, um gleichzeitig gegen mich Stimmung zu machen:
ʺBevor man den Feinden des Menschengeschlechtes und ganz besonders unseres Volkes Geldgeschenke macht und ihnen erlaubt, ehrbare römische Ritter zu ruinieren, sollten wir da nicht lieber untersuchen, ob Ciceros Todesurteile mit der lex Sempronia vereinbar waren oder nicht vielmehr gegen jede Sitte, Herkommen und Gesetz verstießen?ʺ“
Cicero wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Dabei gibt es sonst nichts, worüber sich Crassus und Pompeius je einig wären. Aber ich will dich nicht mit Einzelheiten aufhalten: Crassus hat sich jedenfalls für die Steuerpächter stark gemacht und den ganzen Antrag zu Fall gebracht. Wer weiß, was ihn geritten hat. Vermutlich lauert er auf einen Aufstand und hofft dabei, ein militärisches Kommando zu ergattern. Gegen Catilina ist er ja nicht zum Zuge gekommen…“
„Das ist alles? Die Allobroger riskieren für dich und für die Römische Republik ihr Leben und ernten nur ein paar generalisierende Beleidigungen, die du in die Welt gesetzt hast? Kein Wunder, dass sie sich verraten fühlen ... auch von dir, vermute ich.“
Cicero erhob sich.
„Von mir ... vielleicht. Und da kommst du ins Spiel: Die Allobroger sind jetzt auf der Via Flaminia nach Norden unterwegs, mit all ihren Gefolgsmännern und im Schmuck ihrer Waffen. So wütend wie sie aus der curia Hostilia hinausgestürmt sind, ist mit allem zu rechnen. Wir fürchten, dass sie im Stande sind, einen Aufstand loszutreten oder sich doch noch Catilina anschließen. Dich schätzen und lieben sie. Auf wen werden sie hören, wenn nicht auf dich? Du musst sie einholen. Du musst sie wieder zur Vernunft bringen. Du musst einen Krieg verhindern, der allen nur neue Leiden bringen kann!“

Dienstag, 28. Juli 2015

Leben und Lieben im alten Rom I: Ehe & Eheschließung

Heiraten im Römischen Reich: confarreatio, coemptio, per usum, conubium, concubinatus

Einen gemeinschaftlichen Ausdruck für ein Verb des Heiratens gibt es im Lateinischen bezeichnenderweise nicht. Von der Frau aus heißt es nubere, wörtlich: sich (wie eine Wolke) für jemanden verschleiern bzw. den Schleier anlegen. Ist der Mann der Aktive, dann heißt es umständlich aliquam in matrimonium ducere - eine in die Ehe führen bzw. ziehen, schleppen, reißen… Im Mythos zerren und verschleppen die wilden Junggesellen des Romulus die Sabinerinnen dann auch gegen deren Willen – zumindest zunächst. Auch eine Art der Ehe. Und in Wirklichkeit? Wenn zwei sich lieben, heiraten sie – oder nicht? Diese romantische Idee der Liebesheirat gibt es auch in der Antike, sie ist jedoch die größte Ausnahme, die man sich vorstellen kann und wird meist nur im griechischen Abenteuer- und Liebesroman verwirklicht. Nur die schöne Formel bleibt romantisch: ubi tu Gaius, ego Gaia - „wo [auch immer] du Gaius [sein wirst], [werde] ich [deine] Gaia [sein]“.
Der Grund ist der pater familias: Wie bereits im Post familia berichtet, besitzt das männliche Familienoberhaupt die unumschränkte Herrschaft (patria potestas). Wenn ihm die Ehe nicht passt, rückt er weder die Tochter noch die Mitgift heraus. Aber auch die Söhne müssen heiraten, wen der Vater bestimmt - und sich gegebenenfalls scheiden lassen und neu einheiraten, wenn der Vater eine neue politische Koalition mit einem amicus durch Familienannäherung besiegeln will). Sklaven haben (bis zu ihrer Freilassung) überhaupt kein Recht auf Heirat, ihre Beziehung kann höchstens geduldet werden, hat aber keinerlei gesetzliche Grundlagen oder Folgen. Sklaven müssen sie sich darüber hinaus alles gefallen lassen, auch sexuelle Übergriffe – als „Sache" haben sie kein Recht, dies zu verweigern.
Die römische Gesellschaft sieht die Ehe als Zweckgemeinschaft, die Frau sichert den Fortbestand der Familie und über die Kinder quasi die Altersversorgung, während der Mann für den Unterhalt aufkommen soll. Liebe, so denkt man, soll aus der späteren Gewöhnung aneinander entstehen und ist nicht unbedingt notwendig. Gesellschaftlichen Aufstieg durch einen reicheren und/oder bedeutenderen Ehepartner sehen beide Seiten gern. Heiraten dürfen Mädchen ungefähr ab dem dreizehnten Lebensjahr, Jungen nach der feierlichen „ersten Bartabnahme“, der Volljährigkeit, ca. ab sechzehn. Doch zuallermeist heiraten sie viel später, in der Ehegesetzgebung des Augustus wird das heiratsfähige Alter für Männer zwischen 25-60 und Frauen zwischen 20-50 definiert. Der pater familias kann seine Kinder und Familienangehörigen (und Klienten) dabei auf drei Arten verheiraten (solange die Brautleute nicht untereinander verwandt sind, was strengstens verboten ist):
  • Er kann keinerlei Kosten und Mühen scheuen und eine Protz- und Prunkehe mit allen Extras ausrichten, mit allen religiösen Schikanen und Zeremonien (confarreatio). Die Ehefamilien heben dabei beiderseits ihre Wichtigkeit hervor und den göttlichen Schutz der Ehe. Eine bei Politikern und Patriziern beliebte Form, die für pontifices-Priesterämter sogar verpflichtend ist.
  • Er kann die Heiratsurkunde schlicht von fünf Zeugen mit Siegelabdruck bestätigen lassen und die Tochter mit einem ähnlichen Formular wie bei Besitzveräußerung selbst „verkaufen“ (coemptio). Weniger kostenintensiv und schnell erledigt. Hier steht die Macht des Brautvaters im Vordergrund.
  • Er kann eine quasi „wilde Ehe“ bestätigen, wenn er zugelassen hat, dass das Pärchen bereits ein Jahr mit Unterbrechung von weniger als drei Tagen zusammen unter demselben Dach schlief. Dabei wird durch Gewohnheitsrecht in eine rechtsgültige Ehe überführt (per usum) und das Pärchen ist glücklich. Allerdings gilt der Brautvater hierbei ein wenig nachlässig und es riecht nach Liebesheirat, gesellschaftlich etwas verpönt.
  • Einem Nichtrömer kann er als Patron zu einem conubium verhelfen, eine mindere aber rechtsgültige Ehe gesellschaftlich unterschiedlicher Positionen mit geringeren Erbansprüchen und ohne Mitgift. Ausländer, die 25 Jahre Dienst in den Legionen abgeleistet haben, bekommen das volle römische Bürgerrecht (für sich, Frau und Kinder) zugestanden, ihre bisherigen conubium-Ehen, die man auch als Konkubinat bezeichnet, werden in vollgültige Ehen überführt.
  • Für Sklaven kann der pater familias rechtlich gesehen gar nichts tun, es sei denn, er lässt die Liebenden frei. Wenn nicht, gibt es nur die Bezeichnung, aber keinerlei Rechtsansprüche. Darunter fällt z.B. auch die „Homo-Ehe“ zwischen männlichem Sklaven (concubinus – „Sexpartner“) und Herren, wie zwischen Sklaven untereinander (concubinus- concubina).
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Sitten  und
Sittengesetzgebung  im alten Rom
Wen Interkationen zwischen Römern und Römerinnen
noch genauer interessieren, der lese weiter nach bei
S. Gerlinger, Virtus ohne Ende? Zum Rollenverständnis zwischen Mann und Frau, in: A. Heil / M. Korn / J. Sauer (Hrsg.), Noctes Sinenses. Heidelberg 2011 (ISNB 978-3-8253-5843-3)