Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Donnerstag, 30. Juli 2015

XII. Pistoria. Leseprobe aus "Catilina und die Jugend Roms"

Nun der vorerst letzte Auszug: Diesmal aus Kapitel Zwölf (zweiter Band - bisher gibt es hier Ausschnitte aus dem ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten neunten, zehnten und elften Kapitel). Anregungen und Kommentare sind wie immer erwünscht (Rufus.in.Rom@gmail.com)!

Kapitel XII: Pistoria
[…]
Die Lage normalisierte sich. Im Hause der Fabier nahm das Leben wieder seinen gewohnten Lauf. So war es für Rufus eine große Überraschung, als er erneut zu Cicero gebeten wurde. Der ehemalige Konsul saß in seiner Bibliothek zwischen den Philosophenköpfen und massierte sich die Schläfen. Sein Haar war grauer geworden, seit Rufus ihn zuletzt gesehen hatte, und sein Bauch dicker.
Marcus Tullius Cicero unter Druck - alles legal gegen Catilina?
Cicero unter Druck
„Sei gegrüßt, Rufus! Nur herein. Setz dich!“
Rufus nahm zwischen Cicero und Tiro Platz, dem Sklaven und Privatsekretär mit dem freundlichen Gesicht.
„Vale Cicero, vale Tiro! Welchem Umstand verdanke ich deine Einladung, pater patriae – Vater des Vaterlandes?“
Cicero presste nur die Lippen aufeinander. Die Anspielung auf seine jüngsten Ehren schien ihn nicht sonderlich zu amüsieren.
„Wie gut verstehst du dich mit Crixos, Catugnatos und Ollugnio? Mir wurde berichtet, dass sie sich rührend um dich gekümmert haben. Du sprichst ihre Sprache und teilst ihre Gedanken… Würden sie auf deinen Rat hören?“
„Das kommt darauf an. Was ist denn passiert?“
„Crassus! Das ist passiert“, platzte es aus Cicero heraus. Dann fasste er sich und setzte wieder sein gewinnendes Lächeln auf.
„Weißt du, dass die Allobroger heute im Senat waren?“
„Ja, sie sollten doch heute endlich ihren Fall vertreten und endlich die Rückzahlungserleichterungen zugesprochen bekommen ... als Dank für ihre Mithilfe bei der Aufdeckung der Catilinarischen Verschwörung. Dann wollten sie gleich wieder nach Hause. Sie haben zuletzt von nichts anderem mehr gesprochen.“
„Nach Hause, das sind sie ... allerdings noch während der Sitzung….“
Cicero räusperte sich, bevor er fortfuhr.
„Dass ich die Rolle der gallischen Allobroger gegen Catilina hervorgehoben habe, hat dummerweise meinen Gegnern in die Hände gespielt. Als sie Catilina noch gefürchtet haben, da haben mich alle geachtet. Nun scheint es, als habe sich die Stimmung gedreht… Es war jedenfalls keine gute Idee, in gallischer Tracht und mit Bart im Senat zu erscheinen: Metellus Nepos hat alle daran erinnert, wie Catilina einst an der Spitze einer gallischen Reitertruppe römische Ritter niedergemetzelt hat ... damals unter Sulla. Crassus malte dann das Ganze drastisch aus, als ob diesmal erneut römische Ritter unter Galliern leiden sollten ... die Steuerpächter nämlich unter einer Lockerung der Schuldenlast der Allobroger. Pikanterweise hat Crassus dabei aus meiner Rede gegen Fonteius zitiert:
ʺGallier, denen man weder wegen ihres Jähzorns vertrauen, noch sie wegen ihrer Untreue respektieren darf, die sich von den anderen Völkern so sehr an Sitte und Natur unterscheidenʺ. Sorgen wir dafür, dass diese Gallier, die größten Feinde der Römischen Nation, ʺleichter die Alpen erklimmen als die paar Stufen zum aerariumʺ!ʺ“
Cicero stöhnte und zupfte sich eine Falte seiner Tunika glatt.
„Diese unbedachten Äußerungen scheinen mich auf ewig zu verfolgen! Nepos und die Pompeius-Fraktion haben das Thema jedenfalls in seltener Einmütigkeit wieder aufgenommen, um gleichzeitig gegen mich Stimmung zu machen:
ʺBevor man den Feinden des Menschengeschlechtes und ganz besonders unseres Volkes Geldgeschenke macht und ihnen erlaubt, ehrbare römische Ritter zu ruinieren, sollten wir da nicht lieber untersuchen, ob Ciceros Todesurteile mit der lex Sempronia vereinbar waren oder nicht vielmehr gegen jede Sitte, Herkommen und Gesetz verstießen?ʺ“
Cicero wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Dabei gibt es sonst nichts, worüber sich Crassus und Pompeius je einig wären. Aber ich will dich nicht mit Einzelheiten aufhalten: Crassus hat sich jedenfalls für die Steuerpächter stark gemacht und den ganzen Antrag zu Fall gebracht. Wer weiß, was ihn geritten hat. Vermutlich lauert er auf einen Aufstand und hofft dabei, ein militärisches Kommando zu ergattern. Gegen Catilina ist er ja nicht zum Zuge gekommen…“
„Das ist alles? Die Allobroger riskieren für dich und für die Römische Republik ihr Leben und ernten nur ein paar generalisierende Beleidigungen, die du in die Welt gesetzt hast? Kein Wunder, dass sie sich verraten fühlen ... auch von dir, vermute ich.“
Cicero erhob sich.
„Von mir ... vielleicht. Und da kommst du ins Spiel: Die Allobroger sind jetzt auf der Via Flaminia nach Norden unterwegs, mit all ihren Gefolgsmännern und im Schmuck ihrer Waffen. So wütend wie sie aus der curia Hostilia hinausgestürmt sind, ist mit allem zu rechnen. Wir fürchten, dass sie im Stande sind, einen Aufstand loszutreten oder sich doch noch Catilina anschließen. Dich schätzen und lieben sie. Auf wen werden sie hören, wenn nicht auf dich? Du musst sie einholen. Du musst sie wieder zur Vernunft bringen. Du musst einen Krieg verhindern, der allen nur neue Leiden bringen kann!“

Rufus nahm noch einen Schluck. Der lange Ritt hatte ihn durstig gemacht. Doch schnell setzte er den Becher wieder ab. Jetzt hatte dieser Dickwanst doch wieder Wein in sein Wasser hineingeschüttet!
„Na, doch gut fürs Aroma, hm?“, grinste der Wirt.
Rufus gab sich Mühe ein zufriedenes Gesicht zu machen, obwohl ihn der fahle Geschmack anekelte. »Mit dem Weinkeller der Fabier kann dieses Gesöff wirklich nicht mithalten.«
„Hm, guter Wein... Sag, waren unter deinen Gästen zuletzt auch Gallier? Welche mit buntkarierten Hosen und Schnauzbart?“
Rufus überlegte kurz, ob er dem Wirt Brief und Siegel des Murena und des Cicero zeigen sollte. Die Dokumente riefen jeden römischen Bürger zur aktiven Mithilfe auf – mit Übernahme sämtlicher Spesen auf Staatskosten. Zugleich bestätigten sie, dass Rufus und Cicatrix, den Cicero ihm als Leibwächter mitgegeben hatte, keine Catilinarier waren und im offiziellen Auftrag des Senats handelten – gesiegelt vom amtierenden und vom ehemaligen Konsul persönlich.
»Nein«, dachte Rufus, »vielleicht hält der Mann eher zu Catilina. Besser, ich versuche es erst einmal ohne.«
Der Wirt legte seinen schmierigen Wischlappen beiseite und kratzte sich am Kopf. Sein Landgasthof schien gut besucht zu werden.
„Kann sein, auf jeden Fall so Barbaren mit Hosen. Ich kenne mich da nicht so aus. Hätten auch Illyrer sein können oder sonst was. Bei all den fremden Reitern kommt man leicht durcheinander, jetzt wo die Senatsarmeen hier dauernd hin und her marschieren.“
„Bitte, versuche dich zu erinnern. Die drei, die ich meine, sind keine Spähtruppen der Armee, sondern adlige Allobroger.“
„Hm… eigentlich habe ich nicht… hm… nein, warte! ... ich erinnere mich an welche ... drei Vornehme mit Gefolge; einer mit einer Narbe unter seinem Schnurrbart, ein Muskelpaket und ein junger rasierter?“
Aufgeregt sprang Rufus vom Hocker. „Catugnatos, Ollugnio und Crixos. Wann war das?“
„Gestern erst. Sie blieben nicht lange, nur ein paar Becher Wein, solange ihre Leute Wasser und Futter für ihre Pferde besorgt haben. Dann sind sie wieder weiter, Richtung Norden.“
„Danke!“
Rufus kramte schnell eine Messingmünze hervor und warf sie auf die Theke. Er gab Cicatrix einen Wink und lief zur Tür.
„Warte noch, Junge! Du bekommst noch drei As raus, auf deine Sesterze.“ Der dicke Wirt wälzte sich hinter der Theke hervor. „Wenn ich an eurer Stelle wäre, würde ich übrigens die Abzweigung nehmen und vor Pistoria von der Hauptstraße runter. Da soll sich Catilinas Heer gerade rumtreiben. Deine Gallier sind sicher auch außen rum ... wie alle anderen auch. Lieber kein Risiko eingehen, was?“
„Danke für den Tipp. Das Restgeld kannst du behalten.“

[…]
[Rufus und Cicatrix versuchen die Soldaten weiträumig zu umgehen, werden aber gefangengenommen und in ein Lager gebracht. Zu Rufus Entsetzen steht er im Praetorium nicht dem senatorischen Kommandanten gegenüber, sondern Catilina. Es stellt sich jedoch heraus, dass er von den neuesten Nachrichten aus Rom so gut wie abgeschnitten ist.]

Rufus sah in die angegebene Richtung. Er kniff die Augen zusammen. Doch, die blinkende attische Rüstung kannte er. Tränen liefen ihm über die Augen.
„Gaius? Ich dachte, du wärst tot?“
„Die Berichte über meinen Tod waren maßlos übertrieben“, lachte er. „Wozu hast du mir lautloses Schwimmen beigebracht, in Baiae? Ich brauchte nur noch ein wenig zu Tauchen, ein Schilfrohr zum Atmen und den Gang durch die Kanalisation. Aus der Stadt raus war‘s schon schwieriger, aber die Müllwägen werden fast nie durchwühlt. Ich habe mich einfach unter dem ganzen Abfall rauskarren lassen, wie ein totes Tier. Aber sieh‘ mich jetzt einmal an, ich bin sogar lebendig genug für einen Militärtribun - endlich!“
Gaius strahlte über das ganze Gesicht. Der Panzer stand ihm gut, das musste Rufus zugeben. Er hatte ihn bisher noch gar nicht bemerkt, so natürlich bewegte er sich unter den Offizieren. Allerdings waren noch andere Jugendliche darunter. Aber das war bei den Römern wohl normal. Wenn sie kein tirocinium fori bei einem Anwalt absolvierten, kamen junge Adlige gleich mit sechzehn Jahren ins Heer – wenn es stimmte, was Gaius ihm gesagt hatte.
Catilina verschränkte lächelnd die Arme.
„Nicht nur irgendein Militärtribun, einer meiner besten! Er kennt jede Schlacht und jedes Manöver auswendig. Aber was da mit den Allobrogern auf der Brücke genau vorgegangen ist, den Bericht ist mir Gaius noch immer schuldig. Jedenfalls sollst du ihm das Leben gerettet haben, indem ihr euch beide in den Tiber gestürzt habt?“
Catilina beobachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen.
Rufus schlug seine Augen nieder und nickte.
„Und jetzt willst du dich mir anschließen. Kann ich gut verstehen! Das würde ich auch machen, wenn ich du wäre.“
Catilina lachte.
„Aber warum gerade jetzt und nicht zuvor?“
„Ich… wollte noch auf die Allobroger warten.“
„Und? Konntest du sie überzeugen?“
„Weiß nicht, sie sind vor mir aufgebrochen. Ich wollte sie gerade einholen.“
„Schade, dass du sie verpasst hast. Sie scheinen eher zu mir zu halten. Ein feiner Zug. Die Allobroger haben anscheinend deinen und Gaius‘ Namen aus dem Protokoll rausgehalten. Damit haben sie euch beiden den Prozess erspart. Der wäre eher kurz gewesen, fürchte ich, so wie bei Sura, Cethegus und den anderen…“
Ein markerschütternder Horn-Stoß unterbrach Catilina.
„Nicht das beste aller Omen… Nun gut. Es beginnt.“

Unter dem Signal der bucina und weiterer Blechbläser formierten sich die Soldaten und rückten aus. Außer den Horn-und Trompetenstößen hörte man nur noch das rhythmische Hämmern der genagelten Schuhe auf dem harten Boden.
Rufus marschierte mit. Sein Helm war zu klein, er drückte und der Wangenschutz rieb seine Backe wund. Die Öse war kaputt und es war auch kein Lederriemen zur Hand, um ihn ordnungsgemäß zu befestigen.
Manlius hatte Rufus und Cicatrix zwischen anderen Jugendlichen und ein paar recht alt aussehenden Männern unter den Fußsoldaten eingereiht. Für ordentliche Reiterabteilungen fehlten ihnen die Pferde, es reichte kaum für eine einzige turma zu dreißig Mann.
Rufus roch den Schweiß seiner Kameraden. Die meisten waren nicht viel älter als er selbst. Nur ein Viertel davon trug die vorschriftsmäßige Bewaffnung. Der Rest schien mit dem zufrieden, was der Zufall ihm gerade in die Hand gedrückt hatte: Lanze, Speer, Fleischermesser oder lediglich einen angespitzten Pfahl. Trotzdem wirkten sie fest entschlossen. Wenn es Angstschweiß war, was sie absonderten, ließen sie sich nichts davon anmerken.
Rufus umklammerte fest den Dolch, den ihm Fabia geschenkt hatte.
»Immerhin besser als ein Stock. Ob wir hinter der vordersten Frontlinie einfach Waffen und Rüstungsteile der Gefallenen aufnehmen sollen? Aber das dauert sicher zu lange, bis man das an sich genommen hat, auch nur ein Schwert aufzuheben… Was gäbe ich jetzt nur für ein Kettenhemd!«
Als der menschliche Lindwurm das Lager hinter sich gelassen hatte, ertönte wieder das heiser-metallische Krächzen der bucina. Es wurde von mehreren tieftönenden Trompetenstößen aufgenommen und mit mannshohen Hörnern aus Bronze an die Feldzeichenträger der einzelnen Einheiten weitergegeben.
Rufus sah nichts als endlose Reihen vor und hinter ihm in der hügeligen Landschaft, denen er schicksalsergeben hinterher stolperte. Zudem wirbelten sie auf dem kargen Boden den Staub viele Schritte weit in die Höhe.
„Nach links“, zog ihn Cicatrix am Ärmel, „hast du nicht die tuba unserer Kohorte gehört, oder dann die nähere für unser Manipel oder wenigstens die cornu für unsere Zenturie?“
„Du kennst die Signale? Warst du in der Armee?“
„Was glaubst du wohl, woher ich mein Andenken im Gesicht habe? Ein Glück, dass ich mich gleich wieder … anderweitig umsehen konnte. Komm, wir müssen die Formation ändern. Runter da, in die Senke. Das war das Zeichen für die Feldherren-Ansprache. Mach einfach nach, was die Veteranen da vormachen.“
„Veteranen? Du meinst wohl die Großväter und Greise?“
Cicatrix schnaubte wütend. „Greise… Wenn du auf der Gegenseite ein paar ʺGreisenʺ begegnest, sieh dich ja vor! Die haben meist über zwanzig Jahre lang kämpfen gelernt – das verlernt man nicht so schnell. Die Veteranen bilden die Elite. Was ihnen an Schnelligkeit fehlt, machen sie an Technik und Erfahrung mehr als wett. Also hüte dich, so einen zu unterschätzen…“
Als sich die Truppen in der Talsenke wie in einem Theater angeordnet hatten, konnte Rufus mehr erkennen. Weit entfernt konnte er schon schemenhaft ein anderes Heer ausmachen, dass von den Hügeln herunter kam und sich zum Kampf aufstellte, wie winzige Ameisen, die eine riesige Staubwolke hinter sich herzogen.
„Wie viele sind das?“
„Das Heer des Antonius Hybrida“, murmelte Cicatrix. „Volle Kampfstärke, wie man hört: zwölftausend Mann. Von der anderen Seite Metellus Celer, noch einmal zwei Legionen ... und wir nicht einmal ein volle. Das wird ein Gemetzel…“
Rufus schluckte. Er ließ sich von den anderen mittreiben. Ihre Zenturie wurde in die zweite Reihe dirigiert. Gaius befehligte offenbar den Abschnitt. Hoch zu Ross gab er den Signalbläsern Anweisungen. Er trug ein Langschwert, dass nicht recht zu seiner griechischen Rüstung passen wollte.
»Das Schwert des Luernios! Also hat Gaius es an sich genommen, nicht die Allobroger. Vom Pferd aus ist es sicher besser zu gebrauchen als das übliche römische Kurzschwert…«
Als alle in Reih und Glied standen, ritt Catilina zum tiefsten Punkt. Er saß auf einem weißen Hengst, trug einen weißen Helmbusch und ein blutroter Umhang umwehte seinen silberglänzenden Muskelpanzer.
„Catilina! Schick uns in die Schlacht! Du musst unseren Kampfgeist nicht erst entfachen“, rief einer.
„So ist es! Vor uns Metellus, hinter uns Hybrida ... wir haben genug Mumm, wir kämpfen gegen beide! Wozu noch eine Rede?“
Catilina lächelte amüsiert. Dann richtete er sich auf.
Es wurde mucksmäuschenstill. Nur noch der Wind war zu hören.
„Ich weiß bereits, meine Soldaten, dass Worte weder Tapferkeit verleihen, noch aus einem faulen Heer ein tatkräftiges machen können und dass durch die Rede eines Feldherrn ein ängstliches Heer nicht zu einem mutigen werden kann. So viel Wagemut ein jeder von Geburt an oder durch seinen Willen besitzt, so viel zeigt sich gewöhnlich auch im Krieg. Wen weder Ruhm noch Gefahren motivieren, den feuert man vergeblich an: Die Furcht verstopft seine Ohren.
[…]
Wenn ich euch betrachte, meine Soldaten, und wenn ich an eure Taten denke, dann erfüllt mich große Hoffnung auf den Sieg. Euer Mut, euer jugendliches Alter, eure Mannhaftigkeit machen mich zuversichtlich; dazu kommt noch die Zwangslage, die auch Furchtsame zu Tapferen macht. Denn dass die Übermacht der Feinde uns einkesseln kann, das verhindern die Engpässe dieses Ortes.
Wenn aber das Schicksal neidisch sein sollte auf eure Tapferkeit, dann hütet euch, ungerächt euer Leben zu lassen, euch gefangen nehmen und euch lieber wie Vieh abschlachten zu lassen, anstatt nach Männersitte kämpfend den Feinden nur einen blutigen und beklagenswerten Sieg zu überlassen.“
Darauf erhob sich ein gewaltiges Gebrüll: „Catilina! Catilina! Catilina!“
Rufus versuchte an Gaius heran zu kommen, während die bucina ertönte und die Soldaten die Lederhüllen von den Schilden zogen – zumindest diejenigen, die einen Schild bekommen hatten. Aber auch die anderen nahmen daran keinen Anstoß, sondern scherzten nur fröhlich. Alle machten sich begeistert ans Werk. Wer konnte, steckte die Federn auf den Helm auf und überprüfte den sicheren Sitz des Schwertgurtes an der rechten Seite und die Schneide des gladius. Ein paar reichten noch ihr pilum nach vorne weiter, um wenigstens das erste Treffen mit dem schweren römischen Wurfspeer auszustatten.
»Verrückte, alles Verrückte«, dachte Rufus. »Ich muss hier raus. Gaius muss hier raus. Ich muss ihn überzeugen!«
Endlich kam Rufus zu seinem Militärtribun durch. Gaius wirkte bleich. Er hatte dunkle Augenringe. Dennoch schien er höchst euphorisiert. Er schien auch noch Spaß daran zu haben.
„Rufus? Zurück zu deiner Formation! Ich habe genug zu tun, meine Kohorte hier richtig aufzustellen.“
„Gaius! Komm - weg hier. Gegen diese Übermacht könnt ihr nicht gewinnen!“
„Warum nicht? Haben die Griechen nicht gegen die persische Übermacht gewonnen, hat Alexander nicht gegen Dareios gesiegt?“
„Gaius, das ist doch Wahnsinn!“
„Nein, das ist virtus!
 […]
[Rufus und Cicatrix können dem Gemetzel gerade noch entkommen. Hilflos sieht Rufus von einer Anhöhe aus zu, wie Catilinas Heer untergeht. Nur die Dokumente des Murena und Cicero sowie die Bürgschaft des Trucillus retten sie vor der Hinrichtung als Spione. Dafür müssen sie nun mithelfen, wichtige Tote zu identifizieren (v.a. die jungen Burschen aus dem Adel), während die Soldaten das Lager plündern.]
Das Ende der Catilinarier: Keine Gefangenen, nur Leichen
Das Schlachtfeld von Pistoria
Auf der Ebene zwischen Gebirge und Felsen wehte ein eisiger Wind. Behutsam zerrte er an den niedergesunkenen Standarten und ließ die Fahnentücher flattern. Ebenso umspielte er mit leisem Geheul die Tuniken, Haare und Mäntel der zahllosen Leichen.
Rufus war übel. So wie die Körper aussahen, mussten zuerst die Plünderer gekommen sein und an den Toten herumgerissen haben. Sie hatten teure Ausrüstungsgegenstände, Ringe, Schmuck und Geld mitgenommen. Jetzt wüteten sie vermutlich im Lager Catilinas.
Ein vielstimmiges Krächzen ließ Rufus herumfahren. Die Raben hatten das Schlachtfeld bemerkt, noch hatte sich niemand die Mühe gemacht, die Toten zu begraben.
Rufus band sein Halstuch enger um die Nase. Zusammen mit Cicatrix und ein paar Trossknechten wälzte er Leiche um Leiche. Dazu hatten sich noch ein paar Soldaten freiwillig gemeldet, die ihre Sorge um einen Freund oder Verwandten höher schätzten, als das Beutemachen. Trucillus notierte den Fund: mit Namen, wenn bekannt, bei Offizieren auch unbekannt als Anführer der Truppe, bei deren Feldzeichen und Signalbläser er lag.
„Nein, nein, neiiin! O ihr Götter. Sohn, was hast du nur getan?“ Ein alter Veteran fiel vor Schmerz auf die Knie. Zärtlich drückte er den blutüberströmten Kopf an seine Brust. Er schenkte ihm tränennasse Küsse, die jedoch nicht mehr ins Bewusstsein des jungen Mannes gelangen konnten. Der alte Soldat schluchzte hemmungslos.
Trucillus ließ ihn trauern. Wenn er sich erst um seinen Sohn kümmern und ihn mit einem schnellen Grab vor den Raben schützen wollte, sollte es ruhig so sein. Die Leichen liefen nicht mehr weg.
Rufus wandte schnell seinen Blick ab und sich wieder seiner grausigen Arbeit zu. Die Trauer des Vaters mit anzusehen, schnürte ihm die Kehle zu. Immer wieder fand einer der Helfer einen Freund, Gastfreund oder gar ein meist junges Familienmitglied. Das Wehklagen der Finder mischte sich mit dem Heulen des Windes und dem Krächzen der Raben.
Als er den nächsten Toten umdrehte, blieb der Kopf liegen. Er war sauber abgetrennt. Mit zwei Fingern zog Rufus ein wenig an den Haaren. Dann starrte er direkt in sein Antlitz:
»Titus!«
Rufus würgte, dann erbrach er sich so lange und heftig, bis nur noch Galle kam. Cicatrix riss einem Toten den Mantel herunter, faltete ihn und wischte Rufus damit den Mund ab.
„Das erste Mal ist’s immer am Schlimmsten. Das legt sich.“
»Titus. Was hat es dir nun genützt, dass dein Arm so gut verheilt ist…? Der Gewalt konntest du nicht endfliehn, solange du lebtest. Erst ein grausamer Vater, dann ein grausamer Gegner. O Pluto, nimm wenigstens du ihn jetzt gnädig in dein Reich auf.«
Rufus musste daran denken, wie es seinem eigenen Vater ginge, wenn er ihn so fände. Würde er ihn überhaupt jemals wieder lebend zu Gesicht bekommen? Und sein Schwester Veleda, seine Freunde, seine Mutter? Nur mit Mühe konnte er seine Tränen zurückdrängen. »Virtus!« Vor Römern sollte man keine Schwäche zeigen. Doch Rufus fand immer mehr bekannte Gesichter: Minucius, Publicius, Tongilius und viele andere mehr.
Schließlich waren sie in der Mitte angelangt, wo die Leichen dichter lagen.
„Eins muss man ihnen lassen“, bemerkte Cicatrix anerkennend, „was die im Heer Catilinas für Wagemut und Willenskraft entwickelt haben, das macht ihnen so schnell niemand nach. Die halten ihre Position selbst noch im Tod, fast jeder, hält die Stellung, die er lebend gehalten hat, auch nach Verlust seines Lebens mit dem bloßen Leib! Die hier liegen ein wenig zerstreuter, aber alle mit Wunden auf der Brust. Da ist niemand geflohen und wurde von hinten erwischt…“
Man konnte tatsächlich noch immer erkennen, wo die Prätorianerkohorte die Catilinarier mitten entzwei gesprengt hatte. Die Körper waren hier übler zugerichtet worden, geradezu zerstückelt.
Für Rufus wurde das zu viel, er zog sich ein wenig nach hinten zurück, hinter die Reihen der Armee des Petrius – wie er glaubte. Hier lagen keine Catilinarier mehr, dafür ein dichter Knäul von Petreius‘ Männern. Zufällig fiel sein Blick nach unten, wo der Ring am dichtesten war.
„Hilfe! Er lebt noch!“, schrie Rufus entsetzt.
Da lag er, mit voller Wildheit im Antlitz und grausigem Blick seiner weit geöffneten Augen, das Gesicht zur blutrünstigen Fratze verzogen: Catilina! Sein erhobenes Schwert, von dem das Blut hinunter tropfte, schien genau auf ihn zu zielen.
Rufus viel vor Schreck rücklings hin, krabbelte auf allen Vieren davon, und verfing sich in den Händen der Toten.
„Hilfe!“, brüllte er aus vollem Hals.
Inzwischen waren die Anderen zu Rufus gestoßen und umringten die schauerliche Gestalt mit gezogenen Schwertern.
Eine Weile standen sie noch abwartend da. Keiner sagte ein Wort, alle hielten den Blick fest auf Catilina. Es schien, als würde sich sein Brustkorb noch ein wenig heben und senken. Oder war das nur der Wind? Er machte den Eindruck, sich jeden Moment zu erheben, um ihnen allen den Kopf abzuschlagen, wie er es mit Quintus Caecilius und Marcus Marius Gratidianus getan haben sollte, seinem eigenen Schwager und dem Verwandten Ciceros. Doch Catilina blieb liegen. Dafür schien er noch immer ein wenig von der arroganten Spottlust auszuatmen, die lebend so gern im Senat zur Schau gestellt hatte. Noch immer trug er seine prächtige Silberrüstung und sogar noch seinen goldenen Siegelring. Anscheinend hatte niemand gewagt, ihn auszuplündern.
Schließlich nahm sich Cicatrix ein Herz, schritt vorwärts und hieb Catilina den Kopf ab.
Rufus sah zur Seite. Sicher, sie hatten den Auftrag die Köpfe der berühmtesten Toten einzusammeln, damit man sie in einer Kiste Eis nach Rom bringen konnte. Doch wollte er dabei lieber nicht zuschauen.
Da erblickte er einen Offizier mit attischem Helm und blauen Helmbusch am Boden. Mit zitternden Fingern drehte er ihn um.
„GAIUS! O Gaius. Warum hast du nur nicht auf mich gehört?“
Sein Gesicht war geschwollen, die Nase gebrochen, der Muskelpanzer war eingedrückt, überall verkrustetes Blut. Rufus nahm ihn in den Arm und schluchzte hemmungslos. Trucillus versuchte ihn in den Arm zu nehmen und den Weinenden zu trösten, doch Rufus ließ seinen Bruder nicht los.
„R-R-r“
„Was ... hast ... du ... gesagt ... Trucillus?“, brachte Rufus unter Schluchzen mühsam hervor.
„Nichts. Sicher nur die Raben“, antwortete Trucillus ungerührt.
Doch dann hört er wieder ein leises Flüstern:

[…Und das Ende….? Na, da die Bücher noch in Papierform auf den Markt gebracht werden, kann das in einer Leseprobe im Netz natürlich nicht verraten werden…]

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