Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Mittwoch, 31. Januar 2018

XIII. Es war die Lerche: Im Bett mit Corinna

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem dreizehnten Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es  zumersten, zweitendritten, vierten, →fünften, sechsten, siebten, achten  neuntenzehnten, elften und zwölften Kapitel).
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!



Kapitel 13: Es war die Lerche: Im Bett mit Corinna
Mit einem genüsslichen Grunzen kuschelte sich Naso enger an seine Geliebte. Irgendetwas schien ihn geweckt zu haben, doch nur ein Dummkopf würde in so einer Lage ernsthaft daran denken, aufzustehen.
Corinna hob müde den Kopf.
„Hast du das gehört?“, brummte sie verschlafen.
Mühsam richtete sie sich auf und fuhr sich über die noch ungekämmten Haare.
Iam super oceanum venit a seniore marito - flava pruinoso quae vehit axe diem.
cb aurora ©: S. Gerlinger CC-BY 4.0
Wie sie halb ausgestreckt auf dem purpurfarbenen Polster lag, erinnerte sie Naso an eine der wilden Frauen aus Thrakien: ungepflegt, aber ungemein anmutig! So stellte er sich die Bacchantinnen vor, wenn sie nach ihren orgiastischen Riten erschöpft ins grüne Gras sinken….
„Ist das schon eine alauda?“, gähnte sie. „Komm, die Lerchen sind bereits wach…“
alaudae? Die Lerchen stehen doch im fernen Germanien im Felde, die ganze fünfte Legion, und da herrscht ewiges Dunkel… Es kann also nur eine Nachtigall gewesen sein. Selbst Loquax schläft noch. Leg dich wieder hin!“
Er zog sie sanft auf die Matratze zurück und gab ihr einen Kuss.
Vom Papagei war in der Tat noch kein Laut zu vernehmen.
„Nein, du weißt doch…. es ist gefährlich, wenn wir zu lange liegen bleiben. Wenn Titus jetzt kommt…“
„Keine Sorge, ich bin ja bei dir, wenn sie kommt, diese kleine, flügellahme Ober-Lerche. Komm, kuscheln wir weiter!“
Corinna bedachte ihn mit einem skeptischen Blick, ließ sich aber nur allzu gern wieder zurückziehen. Sie gab ihm einen Kuss, lehnte sich an ihn und erwiderte seine Umarmung.
Wieder erklang ein Vogellaut.
„Da, hörst du? Es war doch die Lerche. Sie singt schon.“
„Nein, das war nicht die Lerche, es war die Nachtigall! IHR Lied erklang in deinen furchtsamen Ohren. Sitzt sie nicht oft auf deinem Feigenbaum im Gärtchen? Komm wieder runter zu mir, wir kuscheln gerade so schön. Der Tag ist ja noch fern!“

Samstag, 30. Dezember 2017

thermae - Antike Badekultur (Mode und Körperpflege XI)

c0 (public domain) / SilviaP_Design  (besucht: 29.12.2017)
https://pixabay.com/de/gem%C3%A4uer-innen-bad-therme-frau-1766635/

Kosten
Im Gegensatz zu modernen Wellnesstempeln sind antike Thermen extrem günstig: Der Eintritt kostet nur ein paar Groschen, überliefert ist ein Viertel-As (0,06 Sesterzen ≈ 60 Cent). Kinder, Soldaten und Sklaven sind oft vom Eintritt befreit. Manchmal wird der gesamte Betrieb sogar von einem Stifter wie Agrippa und später von den Kaisern finanziert und der Eintritt wird für alle gratis. Eine Mahlzeit ist jedenfalls zu allen Zeiten wesentlich teurer - überliefert sind 3 Sesterzen im Restaurant für eine Portion Sauce im Landstädtchen Asernia, allein dafür kommt man 50 Mal in die Thermen.

Besucherschicht
Thermenbesuche kann sich daher jeder leisten, Männer, Frauen (räumlich getrennt oder in kleinen Bädern an wechselnden Tagen), Fremde, Kinder, und selbst Sklaven. Da sie entgegen älterer Lehrmeinung doch ein Luxusgut darstellen und in einem ordentlichen Haushalt auch ordentlich riechen sollen, werden auch sie regelmäßig in die Thermen geschickt (selbst Massenware ohne spezifische Fähigkeiten und Ausbildung kosten noch mindestens so viel wie ein Pferd, ab 1.600 Sesterzen, ca. 16.000€ pro Stück - für einen Koch schon ab 46.000€). Der Frauentrakt ist oft kleiner. Vielleicht hält man aus Angst, dass die exzessiven römischen Kosmetika- und Haarpflegegewohnheiten die Abflüsse verstopfen, ihre Anzahl geringer.

Architektonischer Aufbau
Der Aufbau ist vielfältig, reiche Auftraggeber prunken gerne mit entsprechender Ausstattung: Marmor, Mosaike, Statuen, Kuppeln, Fresken, figürliche Kapitelle und dekorierte Friese. Nur Raumkatzen und aufreizend nackte Frauen wie auf obiger Illustration sind in echt nicht zu sehen – zumindest im Männertrakt.
Wenn es der Bauplatz zulässt, wird die Lage ausgenutzt, um nach Süden und Westen den „trockenen Saunaraum“ laconicum, den „feuchten Saunaraum“ sudatorium und das Warmwasserbad caldarium zusätzlich von der Sonne zu erwärmen.
Was die Sonne nicht schafft, leistet ein ausgeklügeltes Heizungssystem über Tonrohre (hypocaustum) - Fußboden-, Wand- und Wasserheizung zugleich. Die Temperatur steigt zum Teil über 50° C, weswegen die Gäste in den heißen Bereichen Holzpantoffeln tragen. Nur die Sklaven, welche die Öfen befeuern müssen, schätzen diese Anlagen vermutlich weniger.

Donnerstag, 28. Dezember 2017

XII. Verrotte, du zweideutig Ding! Das Täfelchen II

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem elften Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es  zumersten, zweitendritten, vierten, →fünften, sechsten, siebten, achten  neuntenzehnten und elften Kapitel).
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!


Kapitel 12: Verrotte, du zweideutig Ding! Das Täfelchen II
[…]
Flete meos casus—tristes rediere tabellae
cb tabellaeII ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0
[Naso liegt in seiner Kammer und hält das Warten kaum aus. Beim Herumwühlen fällt ihm eines der Täfelchen in die Hände, auf denen er sich schon einmal mit einem Ratgeberbüchlein abgemüht hatte: Tipps und Ratschläge für Männer, wo man Frauen finden kann und wie man ihnen begegnet. Doch gerade dies lässt ihn Corinna immer schmerzlicher herbeisehnen- nicht nur geistig, auch körperlich. So versucht er verzweifelt, sich Corinna und ihre Posen mit freizügigen Versen von der Seele und aus dem Kopf zu schreiben. Anders kann er seinem innersten Drang nicht mehr Herr werden.]

»Liebeskunst – ein zugkräftiger Titel!«, freute er sich über die neue Überschrift für sein stetig wachsendes Büchlein. »Ganz ohne die Hauptsache zu erwähnen, wäre der Titel aber sicher eine Enttäuschung für die Leser. Aber mit – da könnte es das schönste Buch über römische Erotik werden…«
Naso ließ seinen Griffel nur so über die Zeilen fliegen.
Er hätte nie gedacht, dass ihm die speziellen Tipps so leicht von der Hand gingen. Musste wohl an Corinna liegen; an ihrer Lehrmeisterschaft und ihrer kleinen Bibliothek griechischer Erotika zugleich.
»Nette kleine Bibliothek für eine Frau, was für schöne kleine Bücher sie hat…«
Naso setzte den Stilus ab und seufzte tief.
»Doch würde ich alle Bücher der Welt gegen ein einziges ʺveniamʺ von Corinna eintauschen! Nicht mehr lange«, so hoffte er, »und ich habe meine Antwort. So oder so, aber am liebsten wäre es mir, sie käme persönlich…«.
[…]
Ein lautes Klopfen ließ ihn rückwärts vom Hocker fallen.
„Naso, bis du denn nicht zu Hause?“
Es dauert noch eine kurze Weile, bis er seine Orientierung wieder gefunden hatte.
Sein Herz klopfte schneller, sein Kopf drehte sich wie bei einer Bootsüberfahrt über schwankende Wellen.
Das Klopfen hatte ihn mitten aus der Arbeit geholt, in der er geradezu meditativ versunken war.
„Ja, nein, warte!“, rief er noch ein wenig unsicher, während er sich mit den Knien und Händen auf der Matratze abstützte.
„Herr?“
Immer noch ein wenig benommen torkelte er zur Tür.
„Ich komme schon!“
Kaum hatte er den schweren Riegel zur Seite gezogen, da traf ihn unerwartet ein Kuss.
Nape stand vor ihm und kicherte.
Sie drückte ihm sein Täfelchen aus Ahornholz in die Hand.
Naso stand wie eine Statue auf der Schwelle, mit vorgespitzten, zum Kuss geöffneten Lippen.
Nape drückte ihm noch einen weiteren Kuss auf und ließ ihn einfach so stehen.
Es dauerte noch einen Moment, bis wieder Leben in den Dichter fuhr.
Verblüfft rieb er sich die Augen und ließ die Lippen sinken.
Bevor er ihr nachgesehen hatte, war Nape bereits verschwunden.
Nur noch ein leichtes Ächzen der Treppenstiegen tief unterhalb verriet Napes flüchtige Anwesenheit.

Donnerstag, 30. November 2017

caedes: Soldaten nach der Schlacht (mos et miles XI)



cb caedes ©: S. Gerlinger CC-BY 4.0
Ist die gegnerische Armee eingekesselt oder in die Flucht gejagt, ist das Lager, die Festung oder die Stadt erobert, dann ist die Schlacht vorüber. Die Schlacht mag vorbei sein, nicht das Schlachten: Viele Soldaten sind noch mitten im Kampfesrausch, den die antiken Feldherren nicht zügeln, sondern oft ausleben lassen, um die gegnerischen Truppen noch auf der Flucht möglichst weitgehend zu dezimieren. Zur Verfolgung und Niedermetzelung des Gegners kommen die schnellen Reitertruppen zum Einsatz. Auch Zivilisten, selbst Frauen und Kinder, werden in dieser ersten Phase nach der Schlacht kaum geschont. Gefangene werden erst gemacht, wenn der Kampfesrausch vollständig verflogen ist.
In der Hitze des Gefechts  oder auch aufgrund taktischer Überlegungen kommt es bei starkem Widerstand, vor allem der befestigten Städte vor, die Besiegten restlos abzuschlachten. Haben die Städter noch nicht kapituliert, bevor der Sturmbock an die Tore schlägt, so steht die gnadenlose Niedermetzelung der Waffenfähigen und der Verkauf der übrigen in die Sklaverei zu befürchten.
Weitere Misshandlungen und Verstöße gegen Menschen- und Völkerrecht werden in der Regel bei römischen Autoren immer dann als moralisch höchst verwerflich geschildert, wenn es sich bei den Opfern um römische Soldaten und Bürger handelt ( hierzu und zum Folgenden vgl. Gerlinger 2008, S. 271-288). Gegenüber Barbaren werden die gleichen Untaten dagegen nicht negativ kommentiert, ja manchmal werden sie sogar als gute Tat für Rom präsentiert.
Diese Art der Präsentation wird zwar oft von der breiten Masse des Volkes aber nie von allen Römern akzeptiert und führt häufig auch zu Kritik oder gar zu Untersuchungsausschüssen und Prozessen – zumindest wenn man damit gegen einen politischen Gegner vorgehen kann. Es bestehen aber auch weit verbreitete Vorstellungen von Humanität, die sich schon früh entwickelt hatten:

Mittwoch, 29. November 2017

XI. Veni! - Das Täfelchen I

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem elften Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es  zumersten, zweitendritten, vierten, →fünften, sechsten, siebten, achten  neunten und zehnten Kapitel)
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!

Colligere incertos et in ordine ponere crines
cb tabellaeI ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0

Kapitel 11: Veni! Das Täfelchen I
Mit einem Ruck fiel Naso aus dem Bett.
Verwundert sah er sich um.
Der Hocker lag schräg an sein Bett gelehnt. Wachstäfelchen und Griffel lagen neben ihm am Boden. Er musste doch noch eingeschlafen sein.
Es hämmerte gegen die Tür. Der Lautstärke nach könnte es ein grobschlächtiger Schlägertyp sein, ein ehemaliger Gladiator vielleicht.
»Schulde ich jemandem so viel Geld?«
Wieder hämmerte es.
Mühsam rieb sich Naso seine Augen. Er konnte sich nicht erinnern, sich auf einen derart gefährlichen Geldhai eingelassen zu haben – oder doch? Oder hatte Titus ihn durchschaut und einen Legionär geschickt? Oder war es einer von Vedius‘ Leuten?
Auf Zehenspitzen schlich er zur Türe und lauschte. Doch er konnte nicht feststellen, wer vor der Türe stand.
„Naso, mach endlich auf! Ich bin’s. Nur wegen dir bin ich so früh gekommen!“
Naso schob den schweren Riegel beiseite.
„Nape!“
Mit einem spöttischen Grinsen senkte sie sittsam ihr Haupt.
„Dominus….“
„Du brauchst mich nicht dominus zu nennen, liebste Nape, ich bin nicht dein Herr – leider… und du hast ein viel zu schönes Gesicht, um es wie eine gewöhnliche Sklavin zu senken - was achtest du heute nur so auf die Etikette? Trage es vor mir nur erhoben, so wie gestern!“
Nape wollte schon etwas erwidern, da lief Marcus vorbei, grüßte Naso und schlurfte rülpsend zu seiner Kammer weiter.
Nape hielt ihren Blick gesenkt und biss sich auf die vollen Lippen.
„Ich entschuldige mich für meinen Nachbarn. Komm rein…! Du wolltest doch etwas sagen?“ Er schloss die Türe hinter ihnen. „Na los, keine Scheu!“
„Es ziemt sich nicht für eine Sklavin, einen Herren ungefragt anzusprechen – oder anzusehen.“
Sie hielt den Kopf noch immer gesenkt und schielte dabei vielsagend auf Nasos goldenen Ring: Sonnenstrahlen fielen durch das halb geöffnete Fenster und tauchten ihn in ein feuriges Funkeln. Das Kennzeichen des freien römischen Bürgers, gepaart mit der Auszeichnung einer reichen Familie.
„Ich bin nur eine gewöhnliche Sklavin, Herr. indocta - ungebildet. Nicht wie du. Ich verstehe nicht viel.“
Schamhaft bedeckte Naso den Ring mit der anderen Hand. Er wusste selbst nicht, warum er sich wegen des protzigen Ringes seiner Familie schämte - doch er tat es. Vielleicht sollte er seinen ererbten Siegelring gegen einen einfachen tauschen, einen gewöhnlichen aus Eisen? Oder störte es ihn, dass Nape nur eine Sklavin war? Doch was hieß schon ʺnurʺ…

Dienstag, 31. Oktober 2017

imagunculae – Cicero & der „Kunstgeschmack“ des Vedius Pollio

In meinem Ovid-Roman spielt Gaius Vedius Pollio den reichen Rivalen des Naso. Historisch
imagunculae matronarum: Pornographie in der römischen Oberschicht
cb imaguncula ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0
belegbar ist der Vater: Publius Vedius Pollio, ein ehemaliger Freigelassener und später Freund des Augustus aus Benevent – charakterlich aber kein besonders guter Umgang. In den antiken Quellen kommt dieser Vedius nirgends gut weg - auch nicht bei Cass.Dio 54,23,1-2., Tac.Ann, 12,60,4 und 1,10,5. Neutral scheint ihn nur CIL 9, 1556 zu erwähnen. Cicero bezeichnet ihn häufiger als Schuft und "Poser".
Besonders pikant ist Ciceros Brief an seinen Freund Atticus vom 20.02.50 v. Chr. (Cic.Att.VI,1,25). Dort protzt Vedius Pollio, damals noch ein Vertrauter des Pompeius, mit einem riesigem Gefolge: Auf einer Rundreise durch Griechenland führt er kostspielige Vierspänner als Rennwägen mit sich, gibt mit Affen, Wildpferden und Reisewagen an. Vor allem aber führt er noch etwas ganze anderes mit – wenn auch geheim und nur für den intimen Privatgebrauch: Fünf "besondere Bilderleinchen" bekannter Damen: imagunculae matronarum.
Die Wege von Vedius und Cicero treffen sich, da sie bei demselben Gastfreund unterkommen. Während Vedius unterwegs ist um wieder einmal mit seinem Reichtum anzugeben, stirbt der Gastgeber. Alle Besitztümer werden nun für das Erbschaftsverfahren aufgelistet. Wie es scheint, hält sich Cicero mit Auskünften zurück, denn nun werden auch Vedius‘ Privatkisten in Abwesenheit geöffnet und katalogisiert. Und nun kommen sie ans Tageslicht: Ehrbare römische Ehefrauen in eindeutigen Posen…
Zu gerne wüsste man nun, wer genau da abgebildet ist. Wer ist zum Beispiel die Ehefrau des mit "zierlich" umschriebenen Gehörnten, der "DAS" so gleichgültig erträgt, wer die "Schwester deines Freundes", des "Vollpfostens", mit denen Vedius "Umgang pflegt"? Und wie kam es zu den "High-Society-Erotik-Heftchen" - oder "ehebrecherische" Aktmalereien der Geliebten? Wer malte wen warum - und als Modell...???
Cicero aber genießt und schweigt. Zwischen den Zeilen spürt man förmlich, wie gerne sich Cicero -obwohl selbst homo novus-, über den Sohn eines Freigelassenen aus Benevent und sein "Neureichengehabe" lustig macht. Da kommen diese unanständigen Bildchen gerade recht. Hätte er uns nicht ein Kleinwenig mehr berichten können, wenn er schon nicht schweigen kann? Nun – lassen wir den römischen Matronen ihre Privatsphäre, solange wir nicht anders können…

X. Warum muss ich ihr die ganze Zeit denn nur Geschenke schenken?

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem zehnten Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es  zumersten, zweitendritten, vierten, →fünften, sechsten, siebten, achten und neunten Kapitel)
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!


Publius Ovidius Naso amores 1,10 amor cupido naso: Qualis ab Eurota Phrygiis avecta carinis
cb dona ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0
Kapitel 10: Warum muss ich ihr die ganze Zeit denn nur Geschenke schenken?
 
[Sulpicia sucht Naso überraschender Weise am hellichten Tag in der Subura auf. Sie spielt ein wenig mit ihm. Schließlich willigt sie ein, Naso gegen seinen Rivalen Vedius zu helfen. Allerdings bedingt sie sich ein kleines Geschenk aus. Sulpicia wirft alle geeignete Kandidatinnen ins Rennen, um Vedius anderweitig zu verkuppeln, aber wie beim Dreischritttanz der Arvalbrüder geht es nach ein, zwei Schritten vor immer einen zurück.]

„Woran lag es? Du hast dich mal wieder an den Kalenden überhaupt nicht sehen lassen!“
Corinna stemmt eine Faust in die Hüften, während sie sich stehend vor dem sitzenden Naso aufbaute. Mit der anderen hielt sie den Nachtisch von Naso fern.
„Du hast mir schon zu den Floralia im Aprilis nichts geschenkt und jetzt zu den Carnalia schon wieder nichts.“
„Ich dachte, du machst dir vielleicht nicht allzu viel aus Bohnen und Speck?“ erwiderte Naso.
„Bohnen und Speck, Bohnen und Speck!“, krächzte Loquax aus seinem Käfig.
Er hielt das Köpfchen schief uns starrte Naso mit einem Auge herausfordernd an.
„Sei still, du Vogel! Du machst dir doch sowieso nur etwas aus Mohn und Wasser.“
„Bohnen und Speck!“, gab der Alexandersittich nicht nach.
Diese einfachen Gerichte wurden zu Ehren der Göttin der Gesundheit verzehrt. Doch hatte sich Naso nicht deswegen gedrückt. Zwei drei ungestörte Tage mit Corinna hatten ihm gereicht, sich wieder ihrer völlig sicher zu fühlen. Nun fürchtete er nur Cardea als Göttin der Türschwellen, Türangeln und des Öffnens: Als Gegenleistung für eine Nacht hatte sie vom Gott Janus die Macht erhalten, zu öffnen, was geschlossen ist und zu schließen, was geöffnet ist. Das war ihm in Hinblick auf seine Geldbörse viel zu gefährlich – vor allem, wenn seine Geliebte diese Geschichte wörtlich nahm.
„Wieso nicht? Bin ich etwa Pythagoreerin?“
Sie lächelte ihm spöttisch zu und strich sich über den Magen.
„Und warum dann kein Geschenk zum Festtag der Fortuna Virilis noch zu Verticordia, nicht einmal ein Täfelchen? Und nun auch noch zu den Carnalia… bin ich etwa nicht mehr die Geliebte deines Herzens?!“
„Was kann ich den dafür, dass ich zu den großen Festen inzwischen von großen Männern zu Cena und Symposion geladen werde?“, schob er scheinheilig vor.
Corinna stellte den Teller mit der Süßspeise auf den Rundtisch und lehnte sich auf ihrer Liege zurück. Sie warf Naso einen mehr als vorwurfsvollen Blick zu. Gleichzeitig schielte sie zu der Ecke, auf der Nasos zerknüllter Papyrus lag.
„Außerdem, warst du zuletzt nicht sowieso beschäftigt? Ich wollte dich nur nicht stören. Du hast doch selbst gesagt, dass ich dich zu sehr bedränge, oder?“
Corinna schnaubte verärgert.
„Das ist noch lange kein Grund ausgerechnet an den…“
Naso umarmte sie zärtlich und gab ihr einen Kuss.
„Du bist meine Herrin – domina meines Herzens, mein Leben! Das weißt du doch. Und ich habe dir einen Nachtisch mitgebracht: Den Mandelkuchen und jetzt… mich!“
„Schön, aber…“
Naso hauchte hinter ihr Ohr, wie er wusste, dass sie es gern hatte.
„Sehr schön sogar, sogar für zwei - so schön bist du, meine Helena – und süß obendrein!“
„Helena, Helena!“, wiederholte Loquax zustimmend.
Naso schleckte ihr etwas Honig und Mandelkrümel vom Mundwinkel.
Sie musste kichern.
„Aber Naso… ich hoffe, du willst keinen Krieg um mich riskieren? Trotzdem hättest du mir…“
„So schön wie Leda. Für dich würde ich mich auch hinter falschen Federn verstecken, in einen Schwan verwandeln, um dich zu verführen – wie Iupitter…“

Samstag, 30. September 2017

machinae: Belagerungsgerät der römischen Armee (mos et miles X)


Bei Belagerungen (obsidiones) verwenden die Römer:


agger, -eris, m.
agger Schanzerde und Schanzwall bei den antiken Römern
cb fossae & agger ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0
alles, womit eine Erhöhung geschaffen oder eine Vertiefung eingeebnet wird:
a.)
Erdwall, Belagerungs- oder Verteidigungsdamm
b.)
Schanzerde, Schutt, speziell zum Zuschütten von Gräben, Fußangeln und Fallen
c.)
Aufschütten einer Straße: Dammweg, Straßendamm

ariēs -etis, m.
criÒj
Rammbock / Sturmbock; in der typisch römischen Variante frei schwingend aufgehängter Holzbalken mit eisenbeschlagenem Kopf, meist in einem Belagerungsturm integriert (turris)
asser, eris, m.
Stamm, runder Balken, dicke Stange; mitunter Verwendung als gewaltiges Torsionsgeschoss mit Eisenspitze
bal(l)ista, -ae, f.
a.)
bezeichnet alle Sorten von schweren Wurfmaschinen, d.h. mit Stricken und Sehnen bespannte Kriegsmaschinen zum Schleudern von Geschossen (Kugeln, Steine, Bolzen, Balken...); militärisch effiziente Reichweite im Direktschuss ca. 200m, maximale Reichweite im Steilschuss: über 1 km
b.)
speziell als (cheiro)ballista das leichte Torsionsgeschütz (→scorpio)
c.)
das Geschoss einer der unter a.) oder b.) genannten Wurfmaschinen
caespes, -itis, m.
„(ausgeschnittenes) Rasenstück“ zum Zuschütten von Gräben etc.
catapulta, -ae, f.
(gr.: katapšlthj)
„Katapult“, „Wurfgeschütz“
a.) allgemein
bezeichnet alle Wurfmaschinen zum Schleudern von Bolzen- bzw. Pfeil-Geschossen; maximale Reichweite über 1 km; effektive Reichweite im Steilschuss bis 460m, im Flachschuss (Hauptverwendung) militärisch effektiv bis ca. 200m
b.) speziell
schweres Torsionsgeschütz