Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Dienstag, 31. Oktober 2017

X. Warum muss ich ihr die ganze Zeit denn nur Geschenke schenken?

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem zehnten Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es  zumersten, zweitendritten, vierten, →fünften, sechsten, siebten, achten und neunten Kapitel)
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!


Publius Ovidius Naso amores 1,10 amor cupido naso: Qualis ab Eurota Phrygiis avecta carinis
cb dona ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0
Kapitel 10: Warum muss ich ihr die ganze Zeit denn nur Geschenke schenken?
 
[Sulpicia sucht Naso überraschender Weise am hellichten Tag in der Subura auf. Sie spielt ein wenig mit ihm. Schließlich willigt sie ein, Naso gegen seinen Rivalen Vedius zu helfen. Allerdings bedingt sie sich ein kleines Geschenk aus. Sulpicia wirft alle geeignete Kandidatinnen ins Rennen, um Vedius anderweitig zu verkuppeln, aber wie beim Dreischritttanz der Arvalbrüder geht es nach ein, zwei Schritten vor immer einen zurück.]

„Woran lag es? Du hast dich mal wieder an den Kalenden überhaupt nicht sehen lassen!“
Corinna stemmt eine Faust in die Hüften, während sie sich stehend vor dem sitzenden Naso aufbaute. Mit der anderen hielt sie den Nachtisch von Naso fern.
„Du hast mir schon zu den Floralia im Aprilis nichts geschenkt und jetzt zu den Carnalia schon wieder nichts.“
„Ich dachte, du machst dir vielleicht nicht allzu viel aus Bohnen und Speck?“ erwiderte Naso.
„Bohnen und Speck, Bohnen und Speck!“, krächzte Loquax aus seinem Käfig.
Er hielt das Köpfchen schief uns starrte Naso mit einem Auge herausfordernd an.
„Sei still, du Vogel! Du machst dir doch sowieso nur etwas aus Mohn und Wasser.“
„Bohnen und Speck!“, gab der Alexandersittich nicht nach.
Diese einfachen Gerichte wurden zu Ehren der Göttin der Gesundheit verzehrt. Doch hatte sich Naso nicht deswegen gedrückt. Zwei drei ungestörte Tage mit Corinna hatten ihm gereicht, sich wieder ihrer völlig sicher zu fühlen. Nun fürchtete er nur Cardea als Göttin der Türschwellen, Türangeln und des Öffnens: Als Gegenleistung für eine Nacht hatte sie vom Gott Janus die Macht erhalten, zu öffnen, was geschlossen ist und zu schließen, was geöffnet ist. Das war ihm in Hinblick auf seine Geldbörse viel zu gefährlich – vor allem, wenn seine Geliebte diese Geschichte wörtlich nahm.
„Wieso nicht? Bin ich etwa Pythagoreerin?“
Sie lächelte ihm spöttisch zu und strich sich über den Magen.
„Und warum dann kein Geschenk zum Festtag der Fortuna Virilis noch zu Verticordia, nicht einmal ein Täfelchen? Und nun auch noch zu den Carnalia… bin ich etwa nicht mehr die Geliebte deines Herzens?!“
„Was kann ich den dafür, dass ich zu den großen Festen inzwischen von großen Männern zu Cena und Symposion geladen werde?“, schob er scheinheilig vor.
Corinna stellte den Teller mit der Süßspeise auf den Rundtisch und lehnte sich auf ihrer Liege zurück. Sie warf Naso einen mehr als vorwurfsvollen Blick zu. Gleichzeitig schielte sie zu der Ecke, auf der Nasos zerknüllter Papyrus lag.
„Außerdem, warst du zuletzt nicht sowieso beschäftigt? Ich wollte dich nur nicht stören. Du hast doch selbst gesagt, dass ich dich zu sehr bedränge, oder?“
Corinna schnaubte verärgert.
„Das ist noch lange kein Grund ausgerechnet an den…“
Naso umarmte sie zärtlich und gab ihr einen Kuss.
„Du bist meine Herrin – domina meines Herzens, mein Leben! Das weißt du doch. Und ich habe dir einen Nachtisch mitgebracht: Den Mandelkuchen und jetzt… mich!“
„Schön, aber…“
Naso hauchte hinter ihr Ohr, wie er wusste, dass sie es gern hatte.
„Sehr schön sogar, sogar für zwei - so schön bist du, meine Helena – und süß obendrein!“
„Helena, Helena!“, wiederholte Loquax zustimmend.
Naso schleckte ihr etwas Honig und Mandelkrümel vom Mundwinkel.
Sie musste kichern.
„Aber Naso… ich hoffe, du willst keinen Krieg um mich riskieren? Trotzdem hättest du mir…“
„So schön wie Leda. Für dich würde ich mich auch hinter falschen Federn verstecken, in einen Schwan verwandeln, um dich zu verführen – wie Iupitter…“
Naso legte die Arme an und schlug damit wie Schwanenflügel.
Corinna hatte Mühe, ernst zu bleiben.
„Soso, so schön glaubst du?… Komm, lass mich was trinken, dein Süßkram macht noch durstiger als dein Süßholzgeraspel...“
Naso stellte ihr den Wasserkrug erst auf den Kopf.
„So schön wie Amymone, als der Wasserkrug das Haar ihres Scheitels drückte, als König Danaos seine Tochter zum Wasserholen sandte. SO schön wie alle drei, SO SCHÖN bist du!“
„So schön, so schön!“, stimmt Loquax mit ein.
Naso reichte ihr den Krug, um direkt daraus zu Trinken, doch bevor Corinna wieder zu sprechen ansetzte, umschlang er sie erneut und überschüttete sie mit Küssen und Streicheleien.
»O wie gut sie riecht!«
„Nein, hinweg, du Unverschämter!“, kämpfte sie halbherzig dagegen an.
Doch Naso setzte darauf, dass sie auch diesmal im Kampf besiegt werden wollte. Er achtete nur zärtlich darauf, dass seine geraubten Küsse ihren zarten Lippen nicht wehtun konnten und sie sich später nicht beklagen konnte, er sei grob gewesen.
»Ja, diese Art von Gewalt ist Mädchen eben doch willkommen«, dachte er. »Was Freude macht, wollen sie oft geben, ohne es wahrhaben zu wollen. Unverschämtheit ist hier genauso viel Wert wie ein Geschenk.«
Immer noch ein wenig skeptisch gab sie schließlich seinen Küssen nach und erwiderte seine stürmischen Umarmungen.
Naso hielt seinen Blick schuldbewusst gesenkt. Innerlich grinste er jedoch. Es war kein Zufall gewesen, dass er sie nicht aufgesucht hatte, ausgerechnet zu den Feiertagen, an denen er ihr hätte ein Geschenk mitbringen müssen – oder mehrere. Er hatte es aus voller Absicht und Berechnung versäumt, sie um ein Treffen zu bitten oder ungefragt vorbei zu schauen.
Nachdem er sie und Dipsas unabsichtlich belauscht hatte, hatte er ihr eine Menge Vorhaltungen gemacht. Erst recht, dass sie sich von Vedius Pollio hatte entführen lassen – wie sehr sie auch beteuerte, dass nichts passiert sein und man einen Mann mit derartigen Verbindungen nicht rundheraus brüskieren dürfe.
Einmal in Fahrt hatte Corinna ihm gegenüber auch nicht an Vorwürfen gespart: Sie war sich schließlich keiner Schuld bewusst – ja im Gegenteil, sie erwartete obendrein noch eine Entschuldigung von ihm und hatte ihn danach einfach stehen lassen!
Angesichts seiner chronisch knappen Barschaft hatte es Naso dann lieber vorgezogen, auf weitere Geschenke erst einmal zu verzichten – was auch den Verzicht auf weitere Besuche nach sich zog – zumindest an den Kalenden des Aprilis, zum Venusfest, Fortuna Virilis, Verticordia, Floralia und nun den Carnalia.
»Nicht nur Seemänner und Bauern müssen auf den rechten Zeitpunkt achten,« dachte Naso mit einem schelmischen Grinsen, »auch der Liebende muss aufpassen, den Zeitpunkt der Ernte nicht mit der Aussaat zur Verwechseln und sich im düsteren Winter nicht auf hohe See wagen, wenn die Plejaden drohen…« Instinktiv tastete er zwischen den Umarmungen nach seiner Geldbörse. »Nein, wenn die Kalenden oder Geburtstage drohen, dann muss man Venus aus dem Weg gehen, um nicht mit Mann und Maus unterzugehen…Das habe ich doch gekonnt umschifft!“, gratulierte er sich selbstzufrieden. »Geschickt eingefädelt und jetzt zur Versöhnung, die große Belohnung des ganzen Manövers: Wer sich Küsse genommen hat und sich nicht auch das übrige nimmt, der spinnt. Der hätte es verdient, auch das zu verlieren, was er sich bereits genommen hat! Also los…«
„Herrin?“
Es klopfte an der Tür.
Corinna löste sich aus Nasos Umarmungen.
Naso hatte gerade mit erhobenem Oberkörper und geschlossenen Augen zum Kuss angesetzt, küsste ins Leere und stürzte auf die Liege zurück.
Corinna strich sich ihre langen Haare zurecht. Wie vom Sturm aufgewühlte See, so waren sie durcheinander geraten.
„Ja Syrus, was gibt es?“
»Vermaledeiter Türhüter!«, ärgerte sich Naso. „Ausgerechnet jetzt, wenn wir... Das macht er doch mit voller Absicht! Kein Taktgefühl. Aber für den setze ich mich noch einmal ein, wenn Corinna ihm mit Schlägen droht…!“
„Ein Mann steht vor dem Tor und möchte dich sprechen.“, flüsterte Syrus.
„Na, dann führe in herein!“
Naso schoss in die Höhe.
„Ein Mann vor dem Tor? Willst du nicht wenigstens zuvor wissen, wer es ist?“
„Wozu? Das ist mein Haus! Außer Syrus habe ich doch noch dich, meinen großen Beschützer.“
„Du hast Nape vergessen, mit Haarnadeln und Brennschere bewaffnet – oder dem großen Fleischermesser, wie neulich…“
„Achtung Nape, Nape – bewaffnet!“ rief Loquax.
Corinna lachte.
„Ja, meine gute Nape! Vor ihrem Temperament sollte man sich in Acht nehmen. Es scheint tief zu schlummern, doch wehe, es wird geweckt! Dann kann sie zur rasenden Mänade werden, die jeden ungebetenen Gast in der Luft zerreißt. Siehst du? Da brauchen wir wirklich keine Angst zu haben!“
Dennoch beschlich Naso ein mulmiges Gefühl. Wenn Titus doch noch nicht abgereist war? Oder der junge Geldsack Vedius Pollio, mit dem Dipsas sie verkuppeln wollte, oder wenn ihr Patron ihn hier vorfand? Was würde Carisius wegen seines Freundes Titus unternehmen? Oder was wäre, wenn gar Vedius mit einem Patron aus dem Haus der Julier auftauchte?
„Salvete, Herr und Herrin! Ihr habt Glück, schaut und staunt über mein einmaliges Angebot!“
Corinna warf begeistert die Hände in die Höhe.
„Was für reizende kleine Figürchen!“
Naso zog demonstrativ eine Augenbraue nach oben.
„Sigillaria?“
Naso schwante, dass sein Glück im gleichen Maß zur Tür hinaus drängte, wie der hausierende Krämer mit seinem Leinensack hinein. Zu Nasos Entsetzen begann er noch auf der Schwelle seinen Krimskrams auszupacken.
„Es wird spät, ich glaube, ich sollte noch zu Messalla. Er hat mir doch in Aussicht gestellt, mich womöglich stärker zu fördern und…“
„Das hat noch Zeit, Liebster“, drängte ihn Corinna wieder auf die Liege und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss. „Ich weiß, dass er gerade noch auf seinem Landgut weilt. Setz dich wieder hin und hilf mir ein wenig! Du kennst dich doch aus, oder?“
Corinna brachte ihren schärfsten Wimpernschlag in Anschlag.
Es war eine Aufforderung zu bleiben, doch Naso versuchte sie geflissentlich zu übersehen.
»Wenn sie schon will, dass ich mir das Sortiment eines Händlers genau ansehe, damit ich als Kenner erscheine und den Preis drücken soll, dann muss sie mir das vorher sagen! Aber irgendetwas sagt mir, dass es hier nicht darum geht, den Sachverständigen zu spielen, sondern vielmehr den Gönner…«
Naso versuchte erneut, sich zu erheben.
„Bitte! Sei ein Schatz!“, drückte sie ihn mit ausdrucksstarkem Wimpernklimpern wieder zurück.
„Na, wenn es so wichtig ist“, grummelte Naso.
„Wichtig, wichtig!“, verkündete Loquax ernst.
Sie streichelte zart sein Köpfchen.
„Du sagst es, mein gefiederter Liebling - überaus wichtig! Sieh doch nur, was für hübsche, sigillaria-Püppchen!“
Naso gab dem Papagei schnell ein wenig Mohn zu knabbern. Wenigstens den konnte er ruhig stellen. Ob er dem Verkäufer einfach etwas Wein und Schlafmohn anbieten sollte?
„Die Dame hat ein Auge! Nur feinstes Wachs und bester Ton, meine Figürchen!“
Dabeizusitzen, während der Krämer sei seltsames Sammelsurium auspackte, machte Naso kribbelig. Er musterte den Hausierer mit einem kritischen Blick. Viel zu locker gegürtet, der junge Mann!
»Wo der sich heute wohl schon überall rumgetrieben hat – oder mit wem?«
Naso zog wieder eine Augenbraue hoch, doch Corinna bedachte sie einfach mit einem Kuss, so dass sie wieder herunter rutschte.
Naso schob ihren Mund von seiner Stirn.
„Und wenn sie aus Silber wären, wir haben schließlich schon lange nicht mehr Sigillaria. Das dauert noch, bis zum nächsten zehnten vor den Kalenden des Januar - Venus sei Dank! Also für Püppchen bin ich hier auch kaum von Nutzen…“
Naso machte sich eine geistige Notiz, nicht nur diesen vermaledeiten letzten Tag sondern gleich die gesamten Saturnalien zu den ʺbesonderenʺ Zeitpunkten hinzuzufügen: Die Zeit, in der man sich als Liebhaber lieber rarmachen sollte. Wenn die Verkäufer an den vier Tagen ihre Messe-Stände zu den Saturnalien aufbauten, dann war ein Geschenk ja gar nichts mehr Wert, weil es üblich war, dass sich alle Welt etwas schenken sollte - Silber, Schmuck und zur Not, albernes Kinderspielzeug am letzten Tag. Dass brachte dann kaum noch gewisse Vorzüge mit sich, nur teure und unbeachtete Verpflichtung. Dann sollte man Via Sacra, Marsfeld, Säulenhallen und Circus lieber ganz meiden.
Er erhob sich.
Sie drückte ihn wieder sanft auf die Liege zurück.
„Die Herrin hat Recht, ich habe schließlich noch mehr im Angebot und was für tolle Sachen! Wartet nur einen winzigen Augenblick… Hier, seht nur!“
Der Krämer packte ein paar Stoffballen auf die Mitte des Tisches und wickelte sie aus.
„Mein edelsten Steine… Nur das Beste, ein einmaliges Angebot! Tief aus dem Laib von Mutter Erde hervorgeholt. Diamanten…“
Corinna klatschte freudig in die Hände. „Genau so einer ist mir doch neulich vom Ohr gefallen, weißt du?“ Sie schob ihr Haar vom rechten Ohr zurück und offenbarte ein blankes Ohrläppchen. „So einen brauche ich unbedingt wieder! Du willst mich doch nicht einohrig behängt sehen?“
Naso zog die Augenbrauen zusammen. Er hätte schwören können, dass vorhin noch zwei Ohrringe an Corinnas Ohrläppchen hingen.
„Das kann kein Zufall sein, das war Hermes!“, hauchte sie. „Er hat den Krämer zu mir geführt, dass Du mir einen neuen Diamanten kaufen kannst. Denk nur an den Dank, den du dir bei mir erwerben kannst – und das dabei noch auf göttliche Fügung…“
Naso setzte sich auf seiner Liege auf, nahm einen Stein und klemmte ihn sich vor das Auge. Dann sah er damit zum Fenster empor.
„Glas! Keine Diamanten… keine göttliche Fügung!“
„Aber wie schön die Färbung ist“, begeisterte sich Corinna. „Und überhaupt ist Glas gar nicht so viel billiger als Edelsteine…“
„Ein kluge Frau“, nickte der Händler eifrig, „so eine muss man mit Geschenken an sich zu binden wissen, Herr.“
Naso bedachte ihn mit einem finsteren Blick. Misstrauen kroch in ihm hoch. Konnte es sein, dass der Krämer geradewegs Dipsas Verwünschungen entstiegen war? Unwillkürlich stellten sich ihm die Nackenhaare auf.
„Nein, nur wenn das Glas aus einem Stück und transparent ist“, widersprach er. „Oder riesige Kristallschalen. So ein einfaches Stückchen dagegen…“
„… taugt wunderbar, um in Schmuck eingefasst zu werden.“
Der Händler schnappte sich mit der einen Hand das gute Stück und kramte mit der anderen zielsicher einen Armring für Damen hervor, in den er mit wenigen Handgriffen und einer Zange den Glasstein einsetzte.
„Ein Symbol eurer Liebe: Immer gut behüten, klar und rein und doch so zerbrechlich – aber wenn beide gut darauf aufpassen, wird es ewig halten!“
„Wie romantisch!“, hauchte Corinna in Nasos Ohr.
„So, findest du? Nicht viel eher kitschig?“
„Aber mein Herr! Frauen kommt in diesen Dingen die absolute Deutungshoheit zu!“
Corinna gab Naso einen dicken Schmatzer, den Loquax schläfrig wiederholte.
Naso wischte sich mit dem Handrücken über die Backe. Er begann zu Schwitzen.
„Und Männern?“, grummelte er.
Das Auffordernde Lächeln in Corinnas Augen sowie das Leuchten in den Augen des Krämers brachten Naso Gewissheit: Er hätte es ihnen nicht so einfach machen dürfen und auch noch nachfragen!
„Nein, nein nein!“, streckte er abwehrend die Hand aus.
„Doch, doch doch!“, hauchte sie ihm ins Ohr, während sie zärtlich aber eisern seinen Hals umschlang. „Genauso einen Armreif brauche ich!“
Naso versuchte sich vergeblich zu befreien.
„Wenn du mir das jetzt kaufst, dann werde ich mich damit viele Jahre begnügen! Das schwöre ich feierlich – bei Venus und Cupido!“
Corinna gab ihn frei, um den Tisch wie zum Gebet zu berühren.
Naso rieb seine Gurgel. Er überlegte, ob Corinna nicht einfach den Beruf wechseln sollte, um ihre Barschaft aufzufüllen, und Meuchelmörderin werden. Jemand, der eine so fest am Hals festnageln konnte... Andererseits - konnte es sein, dass sich Corinna tatsächlich mit einem einzigen Schmuckstück begnügen würde?
„Das hier – und dann ist wirklich Schluss?“
„Wirklich! Dann brauchst du mir nie wieder etwas zu schenken – und das womöglich für Jahre… Wenn du wirklich ein Sonderangebot haben willst: Da ist es! Jetzt!“
„Womöglich? Das heißt, bei der nächsten Gelegenheit…“
Der Krämer schwenkte das Armband in den Strahlen der Sonne, die durch das Oberlicht fielen.
„Aber sieh doch nur – echtes Gold!“, freute sich Corinna wie ein Kind. „Und wolltest du mir nicht sowieso etwas schenken? Dieser Krämer ist wirklich günstig – die Gelegenheit!“
Naso zog seinen Lederbeutel vom Gürtel und warf ihn vor Corinna und dem Krämer auf den Fliesenboden des Trikliniums.
„Aber sieh doch nur – echtes Kupfer!“
Lediglich ein paar Quadranten kullerten hervor.
„Und in deiner anderen Börse?“
Naso verfluchte sich, dass er Corinna von dem Geldbeutel erzählt hatte, den sein Vater ihm vor dem Winter überbracht hatte. Für den Fall, dass er in der Subura überfallen wurde, hatte er zuletzt immer den zweiten Lederbeutel mit. Genug, um nicht abgestochen zu werden, nicht so viel, dass es ihn ein Raub in ernsthafte Schwierigkeiten bringen würde. Doch hatte er davon schon die Mandelsüßspeise bezahlt.
„Auch der so gut wie leer…“
Mit einem Stöhnen schüttelte er die Börse.
Lediglich ein paar Sesterzen klimperten darin.
»Wie gut, dass das Meiste sicher daheim in meiner Truhe liegt«, dachte er. »Solange ich noch nicht sicher weiß, ob mich Messalla langfristig fördern will, wäre es recht unvernünftig, alles immer gleich mit Geschenken zu verpulvern…«
Auch der Krämer verzog das Gesicht. Er schnappte nach dem Armring und wollte ihn wieder einpacken.
„Aber  zu Hause – in deiner Truhe?“, rief Corinna schnell.
„Nein! Leider auch nicht, wirklich nicht… Woher soll ich denn so viel Bargeld haben?“
„Dann schreib ihm doch einen Scheck aus!“
Das Lächeln kehrte in das Gesicht des Krämers zurück, der Schmuck in seine Hand.
„So, der Herr ist kreditwürdig? Die Bank der Catuli oder vielleicht die der Carbones?“
Naso knirschte mit den Zähnen. »Warum habe ich je Schreiben gelernt? Ich verfluche den Tag!«
Corinna sah ihn scharf an.
„Nein, da nicht, meinte ich nur“, beeilte er sich zu sagen.
„Ist mir aber auch gleich, jegliches Institut mag mir recht sein… Lediglich hier deinen Namenszug und bitte einmal hier mit dem Siegelring auf Wachs bestätigen…“




Als Naso in Messallas Bibliothek stürmte, saß Propertius nicht an seinem gewohnten Platz. Die Sonne beleuchtete grell einen verwaisten Korbsessel. Sein Lieblingstisch neben dem Eingang zum Peristylgarten war leer.
Naso spürte, wie der Blütenduft in sanften unsichtbaren Wellen hereinglitt. Doch von seinem Freund keine Spur, nicht einmal ein paar Buchrollen.
Ungewöhnlich.
„Weißt du, ob er gerade in den Thermen ist, bei Maecenas… oder wieder bei Hostia?“
„Bei Hostia?“
Sulpicia zog amüsiert eine Augenbraue nach oben.
„Weißt du denn nicht, wie sehr sie sich seit neuestem wieder auf die Nerven fallen?“
Sie tippte sich mit dem Schreibgriffel an ihre Schläfe.
„Dir auch ein schönes ʺSalve!ʺ, kleiner Naseweis…“
„Oh, entschuldige… Salve, salve, sei gegrüßt…“
Sie deutete mit ihrem Schreibtäfelchen in Richtung Mitte.
„Er hat sich weiter hinten verkrochen. Angeblich war ich ihm zu geschwätzig – oder lenke ihn zu sehr ab…“
Sulpicia lächelte spitzbübisch.
„…dabei tut ein wenig Ablenkung auch gut, um auf frische Ideen zu kommen. Er hat sich nämlich wieder einmal in etwas Abgestandenen verrannt: Sitzt wieder an seinem vierten Buch und hat sich festgefahren, kommt mit seiner fünften Elegie einfach nicht weiter.“
„So? Was für ein Thema denn?“
Sie senkte ihre Stimme: „Er will nichts verraten, aber wenn man sich vorsichtig genug seinem breiten Rücken nähert, dann ist es nur allzu offensichtlich: Propertius versucht sich schon wieder an dem abgeschmackten alten Topos der Liebeselegie: Der arme Dichter als Liebhaber, der von seiner Geliebten frustriert wird, weil sie dauernd Geschenke von ihm fordert….“
„Beim Hercules!“
[…]
[Es stellt sich heraus, dass sich Propertius mit denselben Problemen herumschlagen muss wie Naso. Gemeinsam versuchen sie sich an einem Rat, wie sich männliche Liebende nicht so sehr von der Geliebten rupfen zu lassen. Sulpicia mischt sich in ihre Dichtung ein, aber wenigstens ihren unmoralischen Angeboten können sie trotzen.
In der Nacht taucht das Sklavenmädchen Nape bei Naso in der Subura auf. Anscheinend hat sie Corinnas Parfum aufgelegt – und länger als einen Moment wirkt sie überhaupt nicht, wie eine unterwürfige Sklavin. Doch Naso geht auf ihr Spielchen nicht ein. Nape hinterlässt eine Täfelchen Corinnas und verschwindet im selben Moment.]
[…]
Naso sah ihr noch eine Weile nachdenklich hinterher, bis man nicht einmal mehr das Knarzen der Außentreppen hören konnte.
Dann schüttelte er energisch den Kopf.
»Nein – kann nicht sein! Ich muss mich getäuscht haben. Trotzdem, nicht gerade gewöhnlich die kleine Magd, passend zu ihrer Herrin…«
Er schloss die Tür, goss sich etwas Wein nach und widmete sich Corinnas Brief:
[…]
Mitleid spülte seine Wut hinweg wie ein Wildbach das Treibholz. Seine Augen begannen schon, sich mit Tränen zu füllen. Er sah Corinna einsam, traurig in ihrem Triklinium sitzen und bitterlich weinen. Corinna – seine Corinna. Die Corinna, die so gut aussah und noch besser roch. Sollte er jetzt nicht besser bei ihr sein und gemeinsam mit ihr Zeit verbringen?
»Na, so ganz unrecht hat sie nicht«, überlegte er, »vielleicht sollte ich doch nicht zu hartherzig… nein halt! Kein rührseliges Nachgeben! Sie hat einen kräftigen Denkzettel verdient! Mal sehen… doch das schriebe ich ihr sofort…“
Naso griff zu Wachstafel und Stilus und legte los:
[…]

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