Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Mittwoch, 29. November 2017

XI. Veni! - Das Täfelchen I

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem elften Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es  zumersten, zweitendritten, vierten, →fünften, sechsten, siebten, achten  neunten und zehnten Kapitel)
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!

Colligere incertos et in ordine ponere crines
cb tabellaeI ©: Stefan Gerlinger CC-BY 4.0

Kapitel 11: Veni! Das Täfelchen I
Mit einem Ruck fiel Naso aus dem Bett.
Verwundert sah er sich um.
Der Hocker lag schräg an sein Bett gelehnt. Wachstäfelchen und Griffel lagen neben ihm am Boden. Er musste doch noch eingeschlafen sein.
Es hämmerte gegen die Tür. Der Lautstärke nach könnte es ein grobschlächtiger Schlägertyp sein, ein ehemaliger Gladiator vielleicht.
»Schulde ich jemandem so viel Geld?«
Wieder hämmerte es.
Mühsam rieb sich Naso seine Augen. Er konnte sich nicht erinnern, sich auf einen derart gefährlichen Geldhai eingelassen zu haben – oder doch? Oder hatte Titus ihn durchschaut und einen Legionär geschickt? Oder war es einer von Vedius‘ Leuten?
Auf Zehenspitzen schlich er zur Türe und lauschte. Doch er konnte nicht feststellen, wer vor der Türe stand.
„Naso, mach endlich auf! Ich bin’s. Nur wegen dir bin ich so früh gekommen!“
Naso schob den schweren Riegel beiseite.
„Nape!“
Mit einem spöttischen Grinsen senkte sie sittsam ihr Haupt.
„Dominus….“
„Du brauchst mich nicht dominus zu nennen, liebste Nape, ich bin nicht dein Herr – leider… und du hast ein viel zu schönes Gesicht, um es wie eine gewöhnliche Sklavin zu senken - was achtest du heute nur so auf die Etikette? Trage es vor mir nur erhoben, so wie gestern!“
Nape wollte schon etwas erwidern, da lief Marcus vorbei, grüßte Naso und schlurfte rülpsend zu seiner Kammer weiter.
Nape hielt ihren Blick gesenkt und biss sich auf die vollen Lippen.
„Ich entschuldige mich für meinen Nachbarn. Komm rein…! Du wolltest doch etwas sagen?“ Er schloss die Türe hinter ihnen. „Na los, keine Scheu!“
„Es ziemt sich nicht für eine Sklavin, einen Herren ungefragt anzusprechen – oder anzusehen.“
Sie hielt den Kopf noch immer gesenkt und schielte dabei vielsagend auf Nasos goldenen Ring: Sonnenstrahlen fielen durch das halb geöffnete Fenster und tauchten ihn in ein feuriges Funkeln. Das Kennzeichen des freien römischen Bürgers, gepaart mit der Auszeichnung einer reichen Familie.
„Ich bin nur eine gewöhnliche Sklavin, Herr. indocta - ungebildet. Nicht wie du. Ich verstehe nicht viel.“
Schamhaft bedeckte Naso den Ring mit der anderen Hand. Er wusste selbst nicht, warum er sich wegen des protzigen Ringes seiner Familie schämte - doch er tat es. Vielleicht sollte er seinen ererbten Siegelring gegen einen einfachen tauschen, einen gewöhnlichen aus Eisen? Oder störte es ihn, dass Nape nur eine Sklavin war? Doch was hieß schon ʺnurʺ…
 „Nein! Das stimmt nicht. Du bist sehr wohl gebildet, alles verstehst du, jederzeit, wie mir scheint! Und damit meine ich nicht nur, dass du es überaus geschickt verstehst, zu kochen oder wirres Haar zusammenzufassen und in Ordnung zu legen – da bist du durchaus docta!
„Das gehört zu den Aufgaben einer Sklavin.“
„Nicht irgendeiner!“, widersprach Naso heftig. „Was hast du heute nur? Du bist eine ausgebildete Haarschneiderin, das ist an sich schon eine gehobene Kategorie, nicht nur weil ihr teurer seid: Wie hätte Iras sonst so mächtig werden können, der Frisör der Cleopatra? … Wenn du übrigens einen eigenen kleinen Laden eröffnen willst, vielleicht hier in der Subura, dann werde ich mich für dich einsetzen! Nicht nur zuvor für deine Freilassung…“
„Du schätzt mich also vor allem als Friseuse?“
„Aber nein! Du bist viel mehr: Auch bei den Diensten einer verschwiegenen Nacht, da bist du erfahren – nützlich, erfinderisch gar, wenn es gilt, einen Wink zu geben…“
Nape sah auf.
„Einen Wink? Meinst du dir oder der Herrin?“
Ein schelmisches Grinsen umspielte ihren Mundwinkel.
Naso zog seine Augenbrauen zusammen.
„Hast du nicht oft Corinna gedrängt, wenn sie gezögert hat, ob sie mich besuchen soll?“
„Doch, das habe ich.“
„Du warst mir doch immer treu, wenn ich in Verlegenheit geraten bin, oder nicht?“
„Nun…“
„Dann werde ich mich erneut auf deine Treue verlassen. Hier, ich habe es noch am Morgen durchgeackert, bevor ich in Schlaf fiel… Nimm dieses Täfelchen und überbringe es der Herrin! Sie ist ja die meine so gut wie die deine… Lass dich von nichts und niemandem aufhalten und bringe es eifrig bis zu ihr durch!“
Etwas zögerlich stand Nape da, hielt ihren Kopf schräg und bedachte Naso mit einem skeptischen Blick.
„Wer sollte mich denn aufhalten? Ich glaube, ich verstehe dich nicht ganz, Herr. Muss wohl an der Einfachheit meines Standes liegen - simplicitas…oder daran, dass das Herz eines Sklaven aus Stein ist, wie man sagt.“
Wieder erschien dieses spöttische Lächeln, als sie ihren Blick wieder senkte. Dabei schielte sie unübersehbar auf Nasos Täfelchen, das er noch immer in der Hand hielt.
„Nein, meine Liebe! Weder fließen in deinen Venen Steine, noch ist dein Herz aus hartem Eisen - wie Homeros schreibt … und neuerdings Vergilius. Und erst recht besitzt du keine größere Einfachheit als deinem Stand zukommt: simplex, meinst du? Das ist schon mehr als einfache Bauernschläue! Bäurische Einfachheit – zu niemandem würde sie wohl schlechter passen, als zu dir...“
Lächelnd blickte sie auf.
Naso lächelte zurück.
„Ich glaube, ich erkenne da gemeinsame Zeichen? Du hast doch sicher auch schon einmal den Bogen Cupidos zu spüren bekommen. Wenn du mich ansiehst, dann stelle dir vor, du siehst dieselben Zeichen, die Feldzeichen desselben Dienstes, den auch du schon einmal geleistet hast – oder gerade leistest…“
Nape errötete.
„Syrus vielleicht?“, bohrte Naso.
Nape verzog ihr Gesicht. Ihr Lächeln erstarb.
»Vermutlich nicht…«, wurde sich Naso bewusst.
Die Röte in Napes Gesicht ging zurück. Sie richtete sich auf und deutete kühl mit dem Zeigefinger auf Nasos offenes Brieftäfelchen.
„Bist du sicher, dass ich ihr das so bringen soll? Offen und voll mit Kritik?“
Naso zog eine Augenbraue nach oben. Woher wusste sie vom Inhalt? Konnte sie doch lesen und genügte ihr schon ein einziger Blick?
„Meinst du? Ich habe die zweite Hälfte am Morgen durchgearbeitet. Da stehen nur Schmeicheleien und Aufforderungen drin… Pass auf, dass sie nicht nur die Kritik liest! Es steht auch eine Entschuldigung darin, hier, auf der zweiten Seite!“
duplex - ein Glück, dass so ein Diptychon immer zwei Seiten hat, nicht wahr?“, kicherte Nape. „Eine zweideutige Sache… Was soll ich sagen, wenn sie fragt, was du gerade machst, in welcher Verfassung ich dich angetroffen habe und wie es dir geht?“
„Wie es mir geht? Sag ihr, dass ich nur in der Hoffnung auf die Nacht lebe! Das weitere wird schon dies Wachs hier mit meinen liebevollen Zeichen erledigen – hoffentlich! Sag ihr, sie stammen von liebender Hand… Nein, achte nur darauf, dass sie nicht mit dem Lesen aufhört, bevor sie die rechte Klappe auch gelesen hat!“
„Ich werde mir Mühe geben… Sonst hast du mir nichts mehr zu sagen…?“
„Doch, ich…“
Von nebenan zeigte kindliches Wehklagen an, dass das kleine Nachbarskind wieder wach war. Vermutlich Hunger.
„… schon wieder das Schläfchen vorbei? Oje! während ich quatsche entflieht die Zeit! Eins noch: Gib ihr das Täfelchen, wenn sie gerade Zeit hat, in einem günstigen Moment... doch achte darauf, dass sie es sofort liest!“
Nape zog eine Augenbraue nach oben, wie es Naso bereits bei Corinna beobachtet hatte. Eine Geste, die sonst vornehmlich Patrizier benutzten.
„Ja, noch etwas: Schau genau auf ihre Augen und ihre Stirn, während sie das Täfelchen liest! Aus einer schweigenden Miene lässt sich die Zukunft erkennen... Wenn sie es gelesen hat, dann befiel ihr in jedem Fall, dass sie sofort eine Antwort schreibt!“
„Ah, ich soll ihr einen Befehl geben…. kein Problem. Sicher hast du für ihre Antwort auch schon eine Idee, Herr?“
„Ja! Ich hasse es, wenn es auf dem schimmernden Wachs so viele leere Flächen gibt. Sie soll die Reihen der Zeilen ganz eng aufstellen, damit sich meine Augen ganz lang abmühen können mit den Buchstaben. Sie soll sie bis ans äußerste Ende des Randes einritzen!“
Nape verschränkte die Arme und sah ihn durchdringend an.
Naso schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn.
„Recht hast du! Wozu soll sie ihre Finger mit dem Halten des Griffels ermüden? DAS soll auf der ganzen Tafel geschrieben stehen, nur ein einziges Wort: VENI – KOMM!“
Naso nahm das Täfelchen in beide Hände, senkte demütig sein Haupt und überreichtes es Nape - andächtig wie ein Weihegeschenk.
„Hast du nicht noch etwas mit dem Täfelchen vor? Es ist ja noch unversiegelt! Ich würde zögern, es so …“
„Nein! Ich werde nicht zögern, dieses Täfelchen mit Lorbeer zu umwinden, wenn es siegreich zurückkehrt, ganz so wie der Bericht eines siegreichen Feldherrn nach Rom geschickt werden muss. Doch jetzt fehlen mir gerade Schnur und Siegelwachs… Aber wenn es als Sieger zurückkehrt, dann lege ich es mitten im Tempel der Venus nieder!“
Nape zog eine Augenbraue nach oben.
„Als Votivgabe?“
„Ja! Dann kommt es sofort mit Lorbeer umwunden als Weihegeschenk an die Wand – wenn mir jemand ein wenig Gold leiht, oder zumindest Goldlack.“
„Eine Weiheinschrift hättest du auch schon parat, hoffnungslos verliebter Dichter? Ebenfalls ohne Zögern?“
„Auch die! Unter die Nachricht auf dem Täfelchen werde ich drunter setzen: ʺDer Venus weiht Naso die ihm treu ergebene Helferin.ʺ Und das, obwohl es bis vor kurzem nur ein wertloses Stück Ahornholz gewesen ist, nur mit etwas Wachs darin…“
Nape schüttelte nur den Kopf, nahm das Täfelchen entgegen und schritt zur Tür.
Gerade, als sie im Hinausgehen zum Abschied winkte, stieß sie sich ihren Fuß an der Schwelle an und blieb kurz stehen.
Doch noch bevor sie zu Fluchen ansetzte, küsste ihr Naso auf den Mund, um das schlechte Omen zu vertreiben.
Mit ärgerlich zusammengekniffenem Mund hinkte sie davon.
Naso sah ihr hoffnungsvoll hinterher.
»Meine Corinna! Wie dumm von mir, erst einen Streit entstehen zu lassen. Aber die Versöhnung wird es wert sein, da bin ich mir sicher…«
[…]

[Naso hält das Warten kaum aus und tigert unablässig durch seine kleine Kammer, die ihn zu ersticken droht. Die Zeit verstreicht nur quälend langsam. Sein Dichten lenkt ihn kaum ab. Als die Wasseramphore leer und der Nachttopf voll ist, wagt er sich nach draußen].

Vorsichtig schwenkte er in die überfüllte Gasse ein. Der Brunnen war nicht weit und die öffentliche Bedürfnisanstalt gleich um die nächste Ecke.
Nach einer kurzen Windstille drehte der Wind, er kam nun von Nordost. Boreas - die Hitze ließ spürbar nach.
Plötzlich packte Naso eine schuppige Hand am Arm.
Entsetzt fuhr Naso herum.
Gerade noch konnte er verhindern, jemanden mit seinem Nachttopf zu bespritzen.
Der Dunst von Alkohol und Verwesung stieg ihm in die Nase.
„Da denkt man an nichtssss Bössses und dann trifft man … dich! Ich habe ess gleich gewusst, dasss jemand wie du nur Missst machen kann!“
Mit einem Mal ballten sich Wolken über ihnen zusammen, der Himmel verfinsterte sich, ohne die Sonne wurde es schlagartig kalt.
»Dipsas!«
Naso fröstelte in seiner verschwitzten Tunika. Er riss sich los und stellte das Nachtgeschirr ab.
Dipsas packte ihn dafür nur umso energischer am Kragen.
„Leugnen, wird dir nicht helfen! Gib esss zu, du sssteckst dahinter!“
Naso versuchte die Fassung wieder zu erlangen, während sie ihn aus unbeweglichen Schlitzaugen musterte. Täuschte er sich, oder blitzte da wieder eine doppelte Pupille auf? Vielleicht war es nur eine Reflexion der schwarzen Wolkenbänke. Ein unheimlich leuchtendes Licht drang durch die Wolkenmassen.
„Dir auch einen schönen Tag, Dipsas. Hat man sich früher nicht erst gegrüßt, zumindest ein quomodo vales, oder quid agis, o dulcissime, rerum?“
Dipsas spuckte aus.
„Pah! Dasss hätte der Erhabene wohl gerne… aber die Römer sssind schon immer das unhöflichssste Volk unter der Sssonnne gwesesssen. Und sssie werden esss ssselbst nach sseinen Gesssetzen und Edikten bleiben!“
Naso wand sich, doch Dipsas Griff war unerbittlich. Eigentlich viel zu fest für so eine altersschwache alte Vettel.
[…]
[Dipsas vermutet Naso hinter ihren stark verringerten Einnahmen. Doch Naso gelingt es, sie zu überzeugen, dass die neue Mode derJungen Römer, sich vor Geschenken zu drücken, nichts mit ihm, dem kleinen unbedeutenden Dichter zu tun haben kann…]

Sie zog ihre Kapuze über den Kopf und ins Gesicht.
„Aber dasss finde ich schon noch heraussss, wasss esss damit auf sssich hat. Wenn wirklich ein Mann dahinter steckt, der kann etwasss erleben, dasss kannssst du mir glauben! Dasss schwöre ich bei allen Gottheiten der Unterwelt!“
Finstere Drohungen ausstoßend verschwand sie wieder im Gewühl.
Zurück blieb ein höchst verunsicherter Naso, der verwirrt auf den roten Mond blickte.
Als er das Nachtgeschirr wieder aufnahm, zitterten seine Arme.
»Ist sie wirklich eine Hexe? Wenn ja, dann habe ich mir wohl eine gefährliche Feindin geschaffen, vielleicht sogar noch gefährlicher als ihr Kunde Vedius…«

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