Über Anregungen und Kommentare würde ich mich
freuen!
Kapitel 3:Recht ist‘s und billig mein Flehen: Treffen mit
Corinna
Naso
spähte zur Sonnenuhr. Die neunte Stunde des Tages hatte bereits begonnen, kein
Zweifel.
»Immer
noch nicht!«
Er
war pünktlich gewesen: Die achte Stunde. Früher Nachmittag. Siebzehnter Tag vor
den Kalenden des November.
Überpünktlich
sogar. Und es war auch der richtige Ort:
Dort wo der
Nymphenbrunnen beim Marmortempel der Venus
weit durch die Lüfte die Gischt spritzt mit des
Rohrdruckes Kraft.
Hohe
Fontänen schossen lebenslustig aus den Wasserspeiern gen Himmel, zerstoben in
unzähligen Tröpfchen, sanken in nebligen Schwaden herab und flossen schäumend
über den Abfluss. Die marmorne Figurengruppe glänzte golden in der Sonne.
Einzig Neptun spie seine Fluten ein wenig missmutig aus. Ob es ihn störte, dass
sein wallender Bart etwas Moos angesetzt hatte?
Dennoch:
Ein sehr lieblicher Ort.
Wo
blieb sie nur? Schließlich hatte sie selbst eben diese Verse aus den
Ratschlägen des Propertius stehen lassen, als sie Ort, Treffpunkt und Zeit in
Nasos Wachstäfelchen geritzt hatte.
Eine
Verabredung für den nächsten Tag. Nicht mehr und nicht weniger.
So
lehnte Naso lässig am Rande des Brunnens und hielt Ausschau.
Das
heißt er wollte lässig erscheinen, doch je länger er wartete, desto mehr verkrampfte
er sich und desto unsicherer wurde er.
»Und
wenn sie doch nicht kommt? Habe ich mir das Ganze am Ende nur eingebildet?
Nein, ich bin doch nicht verrückt! Die Frau war aus Fleisch und Blut, So etwas
Schönes kann man sich gar nicht selbst ausdenken. Aber… vielleicht war ihr
Interesse nicht echt? Ich bin einfach zu nervös…! Oh Venus, bitte steh mir
bei!«
Naso
wartete auf ein Zeichen, doch es kam keines.
Die
Torflügel des Tempels blieben so fest verschlossen, wie zuvor.
»Was
habe ich mir auch gedacht – dass sie auf einmal von selbst aufspringen, wie das
Türflügelwunder in der Aeneis des Vergilius?«
[…]
Er
schlenderte zu den Stufen des Tempels. Er hatte gehofft, dass vielleicht ein
Priester hineingehen würde und er einen Blick erhaschen könnte. Gerade mal lang
genug, um ein Gebet hinterher zu werfen. Doch es kam niemand.
Niemand,
der in den Tempel ging.
Nur
ein paar Mädchen und Frauen stellten sich zum Wasserholen an. Sie füllten ihre
Gefäße am Hahn, gleich neben den Wasserspielen. Ein eigener Wasseranschluss,
das war schon etwas, was Naso in seiner Kammer vermisste…
Allmählich
lichtete sich die Schlange wieder. Nur ein paar Kinder spielten am Überlauf des
Brunnens. Sie ließen kleine Spielzeugboote in der Wasserrinne um die Wette
schwimmen und fischten sie wieder heraus, bevor sie durch das Gitter in die
Kanalisation gespült werden konnten. Außer den Kindern und den Wasserholerinnen
war der Platz nahezu leer.
Corinna
war nirgends zu erblicken.
Naso
hätte etwas draußen am Altar opfern können, doch er hatte nichts dabei, was
sich als Opfergabe eignete.
Immer
noch den Tempel fest im Blick, schlenderte er wieder zum Brunnen zurück.
„Geh
ruhig nach oben!“, rief ihm eine alte Frau zu, die am Brunnen Wasser holte. Sie
lächelte ihn aus ihren Zahnlücken an. Ihr schütteres weißes Haar trug sie
sorgsam zu einem Knoten zusammengebunden. Sie trug die vertrauenserweckende
Stola einer ehrbaren Frau. „Decimusss hat Dienssst, er lässt die Türe den ganzzzen
Tag auf, fallsss einer ein Votivgeschenk darbringen will“, zischelte sie. „Der
nimmt auch Münzzzen, zum Wohle der Göttin.“
Naso
dankte der Matrone mit einem freundlichen Wink.
„Danke,
aber ich warte hier auf eine Freundin.“
„Sssieht
man, Junge. Blumen, wie nett! Hat mein Quintusss mir noch nie gemacht… Du kannssst
beruhigt reingehen. Wenn ich mit dem Wasssserholen fertig bin, werde ich
warten, bis du wieder draußssen bissst. Sobald eine junge Dame herkommt, werde ich
ihr ausssrichten, dassss du noch kurz bei Venusss weilssst.“ Sie lächelte über
ihr faltiges Gesicht. „Junge Liebe, sssieht man ssso ssselten! Da helfe ich
gerne…“
Naso
zögerte, dann rannte er die Stufen empor und klopfte vorsichtig mit dem Fuß an
das Tempeltor.
Knarrend
öffnete sich der Wächtereinlass des linken Torflügels.
„Ja
bitte, was wünschst du von der Herrin Cytherea?“
„Eine
Weihegabe. Ein kleines Opfer, um Venus gnädig zu stimmen.“
„Komm!“
Der
Priester führte ihn ins Tempelinnere.