Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Montag, 7. November 2016

I. Waffen in wuchtigem Takt - Leseprobe aus Buch I "Einzig Corinna"

Als Textprobe nun ein Auszug aus dem ersten Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovid – Einzig Corinna". Die eckige Klammer „[...]“ soll anzeigen, dass jeweils eine oder mehrere Szenen fehlen.
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!
Kapitel 1:
Waffen in wuchtigem Takt: Aller Anfang ist gravis
P. Ovidius Naso poeta et horror vacui - arma gravi numero
Von links drang der Schrei eines Säuglings durch die Wand, von rechts das Gezeter eines streitenden Pärchens. Eingezwängt zwischen beiden Wänden, raufte sich Naso die Haare.
Kleine Schweißtröpfchen lösten sich und perlten hinab. In ihrem winzigen Inneren spiegelte sich der Widerschein des flackernden Öllämpchens.
Tiefe Nacht hatte sich über die Stadt ergossen. Trotzdem herrschte noch immer eine drückende Hitze. Eigentlich viel zu heiß für einen Septemberabend. Selbst in Rom.
Mit leisem Ticken trafen die Tröpfchen das Wachs, feuchte Buchstaben, die kurz davor schienen, in der Hitze zu zerfließen. Wässrig glänzten sie auf blutrotem Belag. Hätte Naso kein Diptychon mit besonders hoher Beimischung von Ruß benutzt, nichts würde sie davon abhalten. Der Inhalt am allerwenigsten, dafür passte er zu gut zu Asche...
Verdrossen nahm er sein Täfelchen hoch und las, was er soeben ins Wachs gekratzt hatte:

Waffen in tödlicher Zahl und gewaltige Kriege besingen,
     das ist mein Ziel und davon kündet der Dichter gar viel

Er rollte seine Augen und nahm einen tiefen Schluck aus dem Tonbecher. Dann stellte er ihn auf seinen Tisch zurück. Auf dem wurmstichigen Holz türmten sich Wachstäfelchen und Schriftrollen. Es wackelte bedenklich. Unabsichtlich streifte Naso ein paar Papyrusrollen, die leise raschelnd zu Boden glitten. Der Fusel schmeckte bitter. Doch schenkte Naso dem keine Beachtung.
Weitaus bitterer schmeckten ihm seine vergeblichen Dichtversuche. Schon wieder hatte sich einer dieser verdammten Pentameter eingeschlichen! Und überhaupt… ʺdas ist mein Ziel und davon kündet der Dichter gar vielʺ? Von wem stammte dieser unrhythmische Mist? Konnte das wirklich von ihm sein?
Der junge Dichter wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. Ein Tropfen landete auf seiner Nase, tänzelte hinab und benetzte eine Papyrusrolle am Boden. »Vielleicht hat Vater doch recht«, dachte Naso mit einem Anflug von Verzweiflung. »Das ist keine wahrhaftige Dichtung. Habe ich tatsächlich mein Talent verloren oder habe ich es nie besessen?«
Eine Schaffenskrise… Es wollte ihm einfach nicht gelingen. Und das Schlimmste war, dass er nicht einmal mehr einen sauberen Hexameter durchbrachte. Dabei war das früher sogar seine größte Stärke gewesen. Niemand konnte so locker fließende Hexameter bilden wie er. In der Schule hatten ihn immer alle darum beneidet, sogar seine Lehrer. Und nun mogelte sich immer wieder ein Pentameter ein und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Hatte er zuletzt zu viel von Gallus, Propertius und Tibullus gelesen?
Vor dem Fenster quietschten und ratterten Karren vorüber, um die Märkte und Basiliken, die großen Einkaufszentren Roms, mit Waren für den nächsten Tag zu versorgen. Ein Wagen schien stecken geblieben zu sein: Das wütende Geschrei, mit dem ein Fuhrknecht auf sein Zugvieh ein brüllte, war er schon gewohnt. Doch der laute Knall der Peitsche übertönte den üblichen Lärm der mit Eisen beschlagenen Reifen auf dem Straßenpflaster. Immer wieder ließ der Fuhrmann die Peitsche knallen. In der engen Gasse verstärkte sich das Geräusch und schraubte sich wie Donnerhall empor, der sich im Echo steiler Gebirgswände aufschaukelt.

[…]
Aber es war genau das, was er gewollt hatte. Das Leben. Voll im Leben. Kein Stadtviertel konnte einem mehr Inspiration für das Leben verschaffen als die Subura - nirgends in Rom waren die Mieten billiger. Nur, um sich zu konzentrieren, war es nicht immer der beste Ort. Solche Probleme kannten andere Dichter nicht. In der Subura hätte ein Vergilius sich kaum derart schwärmerisch über den Landbau auslassen können.
»Vergilius…«, Naso verzog angewidert das Gesicht. »Gilt bereits als der neue Ennius. Wenn es wenigstens wegen der Eklogen wäre, dann könnte er es noch verstehen, doch diese Aeneis… Vielschreiberei ginge ja noch an - nur diese prophetische Überhöhung der Julier, eine geradezu ekelhafte Speichelleckerei vor ʺdem Erhabenenʺ, damit verlor sein Werk dermaßen an poetischer Kraft… aber erfolgreich. Vor allem erfolgreich…«
Gerade erst war Vergilius verstorben und doch kannten schon so viele den Anfang seines berühmten Spätwerkes auswendig, über das schon massenhaft Auszüge in Umlauf waren: Das neue National-Epos ʺAeneisʺ, mit besonderer Wertschätzung des Princeps Augustus als goldenem, von den Göttern gesandten Knaben...
»Wer unter dem Regime ʺdes Erhabenenʺ Erfolg haben will, muss wohl ein Epos schreiben. Warum dann nicht ein wenig anders, so wie die Elegiker die Liebesdichtung auf den Kopf gestellt haben?«
Gallus, Propertius, Tibullus… Naso bewunderte die drei großen elegischen Dichter, die ihren eigenen Stil gefunden hatten. Liebesdichtung in Distichen, immer ein Hexameter gefolgt von einem Pentameter. Liebe, nicht Krieg, das war ihr Thema – gegen alle Gewohnheit in Rom, gegen das herrschende Lebensideal, gegen das herrschende Rollenverständnis und gegen alle guten Sitten, gegen die mores maiorum, die Sitten der Vorväter.
Ein melancholisches Stöhnen entwich seiner Brust.
»Die Elegiker. Was für eine Provokation! Was für eine Schaffenskraft! Was für eine Literatur! Nur leider ist dieses Literaturgenre nun bereits ausgereizt…« Damit ließ sich sicher keine aufsehenerregende Karriere mehr starten. Nichts Neues mehr. Aber war die konservative Dichtung der richtige Weg, das Epos in der Art des Vergilius, selbst wenn man es mit Ironie verband oder parodierte, so wie er es vorhatte?
Naso ließ seine schmalen Schultern hängen und fiel rücklings von seinem Hocker, direkt auf seine Liege. Die billige Füllung aus Schilf pikste ein wenig. Er spürte es durch die Laken hindurch. Aber für eine bessere Matratze hatte er kein Geld. Sicher, er könnte seinen Vater um peculium bitten, eine Art Taschengeld. Aber dafür müsste er sich wieder unter die patria potestas seines Vaters unterwerfen und das würde bedeuten, dass er sein jetziges Leben endgültig aufgeben müsste. Zurück zur Anwaltskanzlei, zurück zu einem geregelten Leben, zurück zum tristen Wälzen von langweiligen Akten. Aufstehen noch vor Morgengrauen und quälend eintönige Prozesse… Nein, vor Gericht konnte und wollte er nicht zurück. Was aber, wenn ihm keine Wahl blieb…?
Missmutig verschränkte er die Arme. Vor seinem inneren Auge zogen die letzten Wochen vorbei: Der Zauber des Neuanfangs, die Begeisterung für ein Lebensziel, das er so leidenschaftlich liebte wie kaum etwas sonst. Musste er sich mit den harten Realitäten abfinden? Kaum begonnen, war sie da schon wieder vorüber, die Karriere als Dichter?
Jemand klopfte laut mit dem Fuß gegen die Tür.
„Nein, mein Nachttopf war das nicht!«, rief Naso mechanisch, ohne aufzustehen. „Zwei Türen weiter und grüß‘ mir Marcus!“
„Der Inhalt deines lasanum und dieser Marcus interessieren mich einen Scheißdreck!“, polterte eine nur allzu vertraute Stimme.
„Vater?“
Naso sprang von seinem Bett und schob den schweren Riegel zur Seite.
„Na wenigstens hast du eine richtige Türe. Keinen Fetzen von Vorhang zum Hausflur, wie man das nebenan sieht…“
„Vater? Was machst du denn hier, mitten in der Nacht? Und dazu noch in einem schweren Mantel?“
Publius Ovidius Senior zog sich die Kapuze vom Kopf. „Die Frage sollte eher lauten, was machst DU hier, in einer Gegend, in der ein anständiger Mann sich tagsüber nicht sehen lassen sollte. Ein Publius Ovidius in der Subura … die Blüte des Ritterstandes vom Paelignerland in der Gosse!“ Er blieb abwartend in der Türe stehen. Hinter ihm konnte man zwei grobschlächtige Leibwächter ausmachen.
Naso nahm ihm seinem den Mantel ab, faltete ihn und legte ihn vorsichtig auf sein Bett. Er wollte nicht fragen, was seinen Vater zu ihm führte. Er wusste es auch so
„IN der Gosse, Vater? Wir sind hier im fünften Stock…“
Ovidius Senior nur rümpfte Nase. „Es riecht jedenfalls nicht viel anders…. Beim Pluto, das stinkt ja bis in dein Zimmer nach ungewaschenem Pack, menschlichen Ausdünstungen, Urin und … gekochtem Kohl?“ Er zog eine Augenbraue nach oben.
[…]
„Was hat denn das damit zu tun? Mein Gott Junge, das Leben ist doch kein griechischer Abenteuerroman! Oder hältst du dich für den ʺGoldenen Eselʺ? Vielleicht mich, den du dauernd anzapfen kannst? Ich bin doch nicht Midas! Nicht alles, was ich anfasse wird zu Gold! Glaubst du ich, könnte Gold scheißen? Bei einer Heirat geht es doch nicht um Liebe, sondern um eine gesicherte Verbindung, um Beziehungen, um Macht - oder zumindest um Geld! Wovon willst du leben, wenn du dich der Gesellschaft und ihren Regeln verschließt? Nicht als Anwalt, nicht als Politiker, nicht als Militär…“
„Als Dichter. Ich arbeite an einem neuen Epos. Du wirst zugeben, dass Vergilius damit zuletzt mehr als erfolgreich war…“
„Als Dichter? Warum versuchst du dich ausgerechnet an brotlosen Künsten? Selbst Homeros hinterließ keine Reichtümer! Darf man fragen, wie du so zu Geld kommen willst? So einer wie Maecenas, der Dichter wie Horatius und Vergilius fördert, ist schwer zu finden! Mit deiner Haltung gegenüber dem Herrscherhaus sowieso nicht, schließlich ist er einer der engsten Freundes des Erhabenen…“
[…]
[Ovidius ist über Nasos alternative Lebenseinstellung entsetzt.] „Und das soll ein Grund sein? Beim Hercules! Woher hast du nur diese verrückten Ideen? Liebesheirat, keine Ämterlaufbahn… Anwalt macht keinen Spaß, Politik auch nicht und für den Krieg hast du kein Händchen. Du willst keinem Menschen wehtun… merda!“
„Fändest Du nicht, dass die Welt eine bessere wäre, wenn alle so dächten, Vater?“
Stultissime! Gallus, Tibullus und Propertius beim Wort zu nehmen, die sentina des modernen Dichtergesocks? Wie soll man sich da noch gegen die Barbaren wehren können, wie sollte ein Staat noch funktionieren können? Als ob Rom keine Männer mehr hätte! Wo käme das Imperium hin, wenn alle jungen Männer sich so benehmen würden! Gerade damit es keinen Mord und Totschlag gibt, braucht man eine Verwaltung und das Militär! Was glaubst du wohl, warum dem Jahr im zivilen Amt immer das mit dem militärische Kommando folgt? Dein Messalla weiß das nur zu gut. Erst erfolgreich werden in der Politik, dann berühmt werden als General und erst danach einen Dichterkreis aufziehen. Selbst Gallus stand im Felde und bis zu den Knien in Blut. Also rede doch keinen Blödsinn!“
„Ovidius atmete tief durch und setzte sich wieder hin. Er presste die Lippen aufeinander, dann rang er um einen freundlichen Gesichtsausdruck. Er setzte sich wieder.
„Sohn, sei doch kein Dummkopf. So einfach wie in der jetzigen Zeit war es noch nie für einen Ritter, zu Amt und Würden zu gelangen und in die Nobilität aufzusteigen! Der Erhabene braucht in allen Provinzen junge Ritter, auf die er sich verlassen kann. Du könntest so in Kürze zu einem einflussreichen Senator werden, unsere Familie zu einer senatorischen machen, einen Stand höher klettern. Ja sogar ein Konsulat wäre möglich, bei deinem Redetalent. Denk nur an die große Ehre!“
Naso lächelte gequält.
„Nehmen wir an, ich würde an nichts anderes mehr denken und nichts anderes mehr tun, alles nur für die Karriere. Selbst wenn ich es schaffen sollte: Wäre es wirklich noch dieselbe Ehre wie in den alten Tagen der Republik, wenn man nur ein paar Tage lang Konsul ist für das Jahr, das nur einem einzigen zustehen sollte? Sind das wirklich noch freie Wahlen, jetzt wo ʺder Erhabeneʺ gerade über alle Konsuln eine allgemeine Leitungsgewalt übernommen hat? Statt dem Jahr den Namen zu geben würde ich zusammen mit zahlreichen anderen nur mehr durchgeschoben werden, um danach möglichst viele Prokonsuln in die Provinzen zu bekommen, eingesetzt als Marionetten mit ruhmvollen Namen, mit einer bloßen Pseudomacht von des ʺErhabenenʺ Gnaden. Sag mir Vater, wäre das noch genauso ehrenvoll wie früher?“
Ovidius zog seine buschigen Augenbrauen zusammen.
[…]
[Ovidius ist auch über Nasos Schreibversuche entsetzt]
Ovidius erhob sich und schüttelte langsam den Kopf.
„Und überhaupt… Liebesdichtung… Elegiker und das Ideal einer standesungemäßen Liebe an eine untreue Frau… Lass lieber die Finger davon! Der Erhabene hat da etwas vor, etwas nie da Gewesenes. Im Senat werden gerade völlig neue Gesetzte debattiert – zur Hebung der Moral, wie es heißt, zum dem Schutz der Ehe, zum Schutz der unverheirateten Frauen... Du müsstest eigentlich bereits davon gehört haben: die Straßen quellen über vor Diskussionen! Es geht zurück zu den alten Werten, mores maiorum! Nur dass sich keiner der maiores erinnern könnte, dass in Rom jemals Sitten- und Ehegesetze verabschiedet wurden… Jedenfalls wird Fremdgehen bald als Straftat kriminalisiert: ein straf-rechtlich verfolgbares Delikt – Ehebruch, Sexualverkehr mit einer unverheirateten Frau sowie außerehelicher Verkehr. Spätestes nächstes Jahr soll noch mehr folgen, eine Regulierung standesgemäßer Ehen, Maßnahmen gegen die Kinderlosigkeit: Die Ehe soll zum Zwang und das Kinderzeugen zur Pflicht. Also kein Spaß mehr, über den man sich lustig machen kann, sondern verdammte Pflicht und Schuldigkeit.“
Ovidius hüstelte.
„Also mach bitte nichts, was dir nachher als Vorwurf und Fehler angerechnet werden kann, wenn du Erfolg hast! Oder gar als Verbrechen - nicht mal als Gedicht…! Ich möchte dich schließlich nicht auf eine einsame Insel verbannt sehen… longe hoc omen abesto!“
Ovidius murmelte schnell ein Gebet, um das schlechte Vorzeichen zu verscheuchen.
„Du machst dir vielleicht Sorgen, Vater!“, versuchte Naso zu beruhigen. „Catullus hat es gewagt, sogar Caesar direkt anzuggreifen und lächerlich zu machen – und was ist passiert? Nichts…“
„Catullus? Lange vorbei! Sich über die Mächtigen und ihr Handeln lustig zu machen, das Publikum mit Schweinkram zu provozieren und damit ungeschoren davon zu kommen– die Zeiten sind endgültig vorbei. So viel Humor gibt es im gesamten Haus der Julier nicht mehr. Selbst wenn man sich gar nicht direkt anlegt… Denk an Gallus: Karriereende, Prozess und Selbstmord! Und wenn du keinen Erfolg hast, dann verhungerst du. Und im Moment sieht es ganz danach aus, so furchtbar, wie du dichtest….“
Damit nahm Ovidius seinen Mantel und warf ihn sich wieder um die Schultern.
„Es ist ja nicht so, als ob Cupido persönlich dir einen Versfuß gestohlen hätte und es deshalb nicht klappt, mit deinem Epos!“
Ovidius verschloss den Mantel mit einer breiten Fibel aus Silber und zog die Kapuze über den Kopf. Das Flackern der Öllampe verfing sich in der silbernen Gewandschließe.
Naso verengte die Augen zu Schlitzen. Es war nicht der funkelnde Widerschein der Lampe, der ihn störte. Es war das protzige Silber, das seine Augen quälte, und wofür es stand. Doch dann riss er die Augen auf einmal wieder auf. Eine Idee keimte in ihm auf. Was hatte sein Vater da gerade gesagt…?
„Junge, geht es dir gut?“
„Ja, bestens.“
„Gut. Ich muss jetzt wieder gehen. Versprichst du mir, nach Hause zu kommen? Dann kann ich dir ein wenig Taschengeld da lassen, für die Reise….“
Naso war fest vom Gegenteil überzeugt, hielt es aber für die beste Idee zuzustimmen. Nicht nur des Geldes wegen. Vor allem, um seinen Vater schnell wieder los zu sein. Die nächste Zeit hätte er seine Ruhe.
„Ja Vater“, senkte er demütig sein Haupt. „Aber nicht sofort - ich muss nachdenken.“
„Denk noch ein wenig drüber nach, wenn du musst. Aber dann komm nach Hause. Wir werden auf dich warten.“
Damit warf er einen klimpernden Beutel auf die Bettliege, ging zur Tür und war einen Augenblick später verschwunden.
Naso hielt noch ein kleinwenig inne. Er hatte demütig sein Haupt gesenkt, aber nicht aus Demut.
Darunter glühte er.
Aus Vorfreude.
Sein Vater hatte ihn auf eine Idee gebracht. Er ließ noch ein wenig seine Gedanken kreisen. Catullus und seine gekonnte Provokation… zu seiner Zeit hatte er mit einer respektlosen Ausdrucksweise Furore gemacht und wurde als Roms frechster Dichter berühmt, trotz oder gerade wegen seiner derben Attacke auf Caesar… Gallus und die Abkehr von den alten Werten, die neuartigen Sitten- und Ehegesetze… der große Vergilius und sein Römerepos…
»Ja, das ist es!«
Naso setzte sich mit einem Sprung auf seinen Schemel, der beinahe umfiel vor Schwung, und riss Wachstäfelchen uns Stilus an sich. Vor seinem geistigen Auge fügte sich endlich alles zusammen. Das war DIE Idee.
Naso würde seinem Vater den Gehorsam verweigern. Auch in seinen Gedichten würde er sich verweigern, dem Epos nämlich, den Heldengedichten: Verweigerung! Eine recusatio, die klassische literarische Absage an ein Epos seit dem Alexandriner Kallimachos! Liebesdichtung und zwar nicht diejenige zwischen Ehemann und braver Ehefrau wie Odysseus und Penelope! Er würde die Elegien weiterführen, Liebe statt Kriegsdienst! Er würde dem ausgereizten Genre etwas Neues hinzufügen: Ironie, Witz, Übertriebung, bis hin zur Parodie. Dazu noch breit gestreut bekannte Zitate in neuem Kontext und Anspielungen auf alle bekannten Dichter - zur Freude aller literarisch vorgebildeten Leser. Da konnte ihm sein spielerischer Übermut, den man bisher so oft an ihm getadelt hatte, nur zu Gute kommen.
»Das alberne Programm des Augustus kommt gerade zur rechten Zeit! Ob er mit den von oben verordneten Moralvorstellungen von seinen wilden Frauengeschichten und den Affären im Kaiserhaus ablenken will? Egal, wenn alle über seine Gesetzgebung reden und sich viele darüber aufregen - durch meine Gedichte können sie genau das Gegenteil von dem lesen, was Augustus ihnen mit dem Zeigefinger und dem Gesetzbuch einbläuen will. Durch mich können sie sich darüber lustig machen, darüber lachen!«
Naso barst gerade vor Zuversicht: Die restriktiven Ehegesetze waren das Thema der Stunde, nein, sicher des Jahres, wenn nicht des nächsten Jahrfünfts oder Jahrzehnts! Diesen gesetzlich verordneten sittsam-keuschen und höchst langweiligen Lebenswandel dürfte sich kaum eine selbstbewusste Römerin ohne weiteres gefallen lassen, schon gar keine aus der feinen Gesellschaft. Und ungebundene, freiheitsliebende Römer ebenso wenig. Die Aufmerksamkeit dieser Leser war ihm gewiss.
Nur der Anfang fehlte noch. Nun, wenn das Kaiserhaus gerade so viel Werbung für Vergilius machte, für dessen posthum veröffentlichtes Werk, die Aeneis, mit dem er den guten alten Ennius im Römerepos Nummer Eins ablösen sollte – bitteschön! Auf den konnte er auch noch anspielen: Mal sehen, wie war das bei Vergilius? arma virumque cano - ʺvon Waffen und Männern möchte ich singenʺ… Ein paar Vokale umstellen, eine leichte Variation und schon… ʺarma gravi numeroʺ – ʺWaffen in schwerer Zahlʺ oder ʺWaffen in wuchtigem Taktʺ, im Versmaß der Heldendichtung. gravis passte einfach perfekt für den Anfang: schwer, schwerwiegend, wichtig ernst, bedeutend - das klassische Adjektiv schlechthin für ein Epos im Hexameter.
»Reimt sich genauso gut und jeder erkennt das Vorbild. Und wie komme ich jetzt von der Heldendichtung in Hexameter zur Liebesdichtung im Distichon, über das Vater so sehr gemotzt hat? Von zwölf zu elf Takten… Moment, wie hat Vater das formuliert? ʺEs ist ja nicht so, als ob Cupido persönlich dir einen Versfuß gestohlen hätte und es deshalb nicht klappt, mit deinem Epos!ʺ Ja, wunderbar! Das ist es. Die ultimative Tradition: der Liebesgott inspiriert mit seinem Bogen, wie bei Hesiods Theogonie und den Musen – oder besser: Der Befehl des Apollo an Kallimachos, Elegien statt Epos zu schreiben … etwas Ähnliches steht doch schon bei Propertius und Horatius und sogar bei Vergilius in dessen Eklogen… und Posidippus, wie Liebe dichterische Kreativität verhindert? Nur ein wenig variieren muss ich’s noch… Heureka! Ein Dichter, der ein Epos schreiben will wie Vergilius... Das mache ich daraus! Cupido stiehlt ʺmirʺ als Dichter einen Versfuß und das Ganze rutscht automatisch jeden zweiten Vers zum Pentameter ab… Distichon statt Hexameter, Liebes- statt Heldendichtung. Danke Vater! Ich muss nur aufpassen, dass die fiktive Dichterperson des poeta-amator sich nicht zu sehr mit mir selbst vermischt. Aber wie groß kann die Gefahr schon sein…“
Naso strahlte vor Freude. Fieberhaft begann er in sein Wachstäfelchen zu ritzen:

Waffen in wuchtigem Takt und blutige Schlachten entwickeln
                 hatte ich vor und zum Stoff sollte gut passen die Form.
Gleichlang reihte sich Vers an Vers da hat wohl Cupido,
                 sagt man, da droben gelacht, stahl aus dem Vers einen Fuß!
ʺWer gab, wilder Gesell, dir ein Recht auf meine Gedichte?
                 Den schönen Musen geweiht bin ich als Dichter, nicht dir!
Raubt denn Venus vielleicht die Waffen der blonden Minerva?ʺ

Naso schrieb wie im Rausch. Dabei ließ er alles einfließen, was er an berühmten Versstücken im Kopf hatte und sich harmonisch in den Text einfügen ließ. Er brauchte kaum zu überlegen, das Gedicht wuchs wie von selbst – trotz unterschiedlicher Ebenen: Vordergründig war es nur ein verspieltes Aition, dass erklärte, wie ein Dichter von seinem Vorhaben der Heldendichtung zum Schreiben von Elegien gekommen war. Auf den höheren Ebenen war es jedoch voller Anspielungen auf lateinische und griechische Dichter, an die alexandrinische Kleinform und ihre Motive, sogar identische Wortwiederholungen gelehrter Dichter brachte er mit spielerischer Leichtigkeit unter.
Naso lächelte. Er wusste sofort, dass es gut war. Selbst auf der untersten Ebene bot der Handlungsstrang noch ein schlüssiges Bild: Der Dichter, dem der Liebesgott heimlich in jedem zweiten Vers einen Versfuß stiehlt und so das Epos sabotiert, darauf die wütende Schimpfrede an den Gott, dem er vorwirft, sich ungerechtfertigt einzumischen. Dazu das exemplarische Durcheinander aller Aufgabenbereiche der Götter, um das Chaos zu beschwören, das losbrechen würde, sollte man sich nicht fest an seinen eigenen Zuständigkeitsbereich halten. Die Argumentation las sich fast wie ein Plädoyer vor Gericht - trotz der komischen Bilder, wie der sprichwörtlich unmusikalische Kriegsgott, der sich an der Leier des schöngeistigen Apollo versucht.
Naso schmunzelte. »Offensichtlich drängt sich die Erfahrung als Anwalt in meine Gedichte. Ob Vater dieses Ergebnis meiner Ausbildung zu schätzen weiß? Auf diese Weise bleibe ich gerne Jurist.«
Das Gespräch mit seinem Vater schien ihn noch mehr zu beflügeln. Wie Naso selbst ließ der den fiktiven Dichter nun beklagen, niemanden zu haben, den er lieben könnte und damit auch kein Thema, über das er Liebesdichtung verfassen könnte: weder lockige Mädchen noch Knaben. Deshalb könne er unmöglich Liebes-Elegien schrieben.

Also klag ich; da löst von den Schultern sofort er den Köcher,
                 wählt auch die Pfeile geschwind, mir zum Verderben bestimmt,
krümmt mit dem Knie wie ein Mann zur Form eines Halbmonds den Bogen,
                 spricht: „Da nimm, du Poet - hier kommt der geeignete Stoff!"
Weh mir Armem! Er hat treffsichere Pfeile, der Junge!
                 O wie das brennt! Nicht mehr frei bin ich, der Gott herrscht in mir!
So sei es: Es steige das Lied im Sechstakt und sinke im Fünften.
                 Eiserner Krieg und ihr, eiserne Rhythmen, lebt wohl!
Auf, mit der Myrte vom Strand umkränz‘ dir die goldblonden Schläfen,
                 Muse, für die in elf Takten erklinge mein Lied.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen