Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Donnerstag, 17. Januar 2013

1. Donnergrollen. Leseprobe aus "Donner im Keltenland"

Als Textprobe nun ein Auszug aus dem ersten Kapitel von Rufus - Donner im Keltenland. Die eckige Klammer "[...]" soll anzeigen, dass jeweils eine oder mehrere Szenen fehlen.
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!
 

Kapitel 1: Donnergrollen


„Dumpf rollte der Donner vom Stammsitz der Alten, vom wohlbefestigten ubischen Orte, hinunter bis in das Bibertal. Laut heulte der Wind. Wild schleuderte Taranis seine Blitze. Gleißende Helle, dann tiefschwarze Nacht. Düstere Wolken sah jeder, warf er seinen Blick aus der mächtigen Halle…“.
            „Warte einmal, wie konnte man das denn überhaupt aus dem Inneren der Halle sehen?“, unterbrach Euamellin seinen Onkel. Er wischte sich seine rotblonden Haare aus dem ebenmäßigen Gesicht. „Hattet ihr bei einem solchen Sauwetter etwa Fenster und Türen auf-gelassen?“, fragte er weiter, während seine hellbraunen Augen blitzten. Lellavo zog seine buschigen Augenbrauen herunter und schnaubte bedrohlich aus seiner langen Nase. Mit einem Ruck legte er die Leier zur Seite, wobei seine rotblonden Locken wild tanzten. Oh, das hatte Euamellin fast vergessen: Onkel Lellavo konnte es ja überhaupt nicht leiden, unterbrochen zu werden! Eigentlich hatte Euamellin ihn sehr gern. Aber immer, wenn ihm etwas durch den Kopf ging, musste er es einfach sagen, ohne vorher darüber nachzudenken. Dabei hatte er sich wirklich vorgenommen, diesmal geduldig zuzuhören.
            Lellavo gab sich alle Mühe, möglichst grimmig auszusehen: Seine hohe Stirn war in Falten gelegt, sein feuerroter Bart bebte. Der Anblick hätte ausreichen sollen, um einen elfjährigen Jungen einzuschüchtern. Doch wirkte Lellavo auf seinen Neffen nicht halb so furchteinflößend, wie er glaubte: Mit den langen Armen, dünnen Beinen und großen Füßen sieht er fast aus, wie ein großer Hase, dachte Euamellin. Da spitzte Lellavo auch noch seinen Mund, weil er besonders streng und ernsthaft aussehen wollte. Euamellin konnte gerade noch sein Gesicht abwenden, bevor er kichern musste. Schnell murmelte er eine Entschuldigung: „Ich meine ja nur, weil man doch gar nichts mehr von drinnen sehen kann, wenn Türen und Fenster geschlossen sind. Taranis regnet doch jetzt gerade auch und man sieht von draußen nicht die Bohne…“.
            „Bei meinem Barte! Wer erzählt die Geschichte, Sohn des Snevemin – du oder ich?“, herrschte ihn Lellavo an wobei er wild gestikulierte. „Kannst DU zur Leier vortragen? Kennst DU die Geschichte Deiner Geburt? Also unterbrich mich nicht immer!“ Euamellin ließ einen schuldbewussten Seufzer ertönen. Lellavo musterte seinen Neffen: Sah er da unter der ausgeprägten Stirn etwa die Spur eines Lächelns? Nein, Euamellin hielt nur den Kopf leicht zur Seite geneigt – es war tatsächlich kein Anflug von Hochnäsigkeit zu finden. Nun ja, besonders aufmüpfig wirkt er heute nicht, dachte Lellavo. In dieser Haltung fiel ihm auf, dass sein Neffe die Haare hinter seine Ohren gekämmt hatte. So nahm man kaum wahr, dass sie ein wenig abstanden. Lellavo kamen seine eigenen, gewaltig abstehenden Ohren in den Sinn und er musste lächeln.
            Euamellin war beruhigt. Wenigstens blieb Onkel Lellavo einem nie lange böse. Ob Lellavo bemerkt hatte, dass er extra für ihn seine bessere Kleidung angelegt hatte? Euamellin schaute zufrieden an sich herunter: Ja, alles sauber! Aber was war das? Schon wieder Löcher in der Hose? Direkt an der Grenze zum Karomuster war der Leinenstoff ein wenig aufgegangen. Hastig zog er seinen Kittel bis auf den Oberschenkel herunter. Jetzt verdeckte das Fischgrätenmuster des Kittels die kleinen Löcher. Dabei war sein roter Ledergürtel aufgegangen. Euamellin schob den Gürtel zurecht und schloss den bronzenen Gürtelhaken wieder, der einen kleinen Hundekopf mit Ohren darstellte.
            Lellavos Grinsen wurde breiter. Nun ja, er gibt sich wirklich Mühe, mir zu gefallen, dachte er, und drehte nachdenklich an seinem Halsschmuck, einen Torques-Ring mit kunstvoll verzierten Enden. Wenn er doch nur nicht so ungeduldig wäre und immer sofort alles sagen müsste, was ihm durch den Kopf geht! Und schon rutschte Euamellin wieder unruhig auf der großen Truhe hin und her. Bei Onkel Lellavo saß er lieber auf der Truhe als auf den Tierfellen und Binsenmatten am Boden. Wer weiß, ob die jemals gereinigt wurden. Lellavo schielte seinen Neffen mit zusammen¬gekniffenen Augen an. „Geduld ist nicht gerade deine Stärke! Kannst du mir nur einen Grund nennen, warum ich mich immer noch mit dir abgebe, hm?“
            „Vielleicht, weil ich dein bester Schüler bin?“ antwortete ihm Euamellin in perfektem haeduischem Keltisch und grinste ihn an. „Gib nicht so an! Den einen oder den anderen keltischen Dialekt beherrscht doch fast jeder. Schließlich hat sich unser Stamm schon seit Vorväter-gedenken angepasst.“ Euamellin war in seinem Stolz gekränkt. Das konnte er nicht so stehen lassen. „Und was ist mit Griechisch? Hat da auch jeder von den Händlern genug aufschnappt, um sich mit ihnen verständigen zu können? Außerdem, nenn mir doch nur einen Schüler von dir, der besser keltisch spricht!“ Lellavo verdrehte die Augen. „Na schön, na schön, du bist begabt“, gab er Euamellin nach. „Du trägst deinen Namen »der Sprachglänzende« zu Recht. Ich gebe zu, wenn du willst, kannst du dich nicht nur in unserem Ubisch ausgezeichnet ausdrücken; chattisches Suebisch beherrschst du auch fast so gut wie dein Vater. Und mit dem Schreiben der griechischen Buchstaben stellst du dich auch nicht ungeschickt an. Zufrieden?“

[…]
            Ungefähr zu jener Zeit, so sang Lellavo weiter, hätten auch die Stämme der Sueben gelitten - sogar noch mehr - und dabei hatte sich ihre Bevölkerung zuvor stark vermehrt. Es sei nicht mehr annähernd genug für alle da gewesen. Im Kampf um das Überleben unternahmen sie erst Raubzüge untereinander, dann gegen ihre Nachbarn im Norden. Ständig herrschte Krieg, führte Lellavo gerade aus, entweder zwischen Suebenstämmen oder mit fremden… Da blickte Euamellin Lellavo plötzlich direkt in die Augen: „Aber wenn die Ubier so beherrschend waren und die Sueben solche Hungerleider, wie konnte es denn dazu kommen, dass wir den Albis-Sueben nun Tribut zahlen müssen? Sei nicht böse, aber das will mir gerade einfach nicht in den Kopf!“.
            Verdutzt blickte Lellavo ihn an, während die Barthaare unter seiner Nase bereits erregt zitterten. „Bei meinem Barte, das kommt doch noch!“ entgegnete er gereizt. Dem drängenden Blick seines Neffen konnte er jedoch nicht standhalten: „Wenn du immer alles im Voraus wissen musst, also meinetwegen: Du hast doch bestimmt von Ariovistos gehört, dem Sohn des Aginomello?“ Euamellin nickte: „Natürlich, das ist doch mächtigste Suebenführer von allen.“ „Damals war sein Vater der mächtigste Adlige unter den Albis-Sueben“, entgegnete Lellavo, „trotzdem war er zu Beginn längst nicht so bedeutend wie Ariovistos. Doch war er schon immer sehr ehrgeizig und er hat es tatsächlich erreicht, die widerstreitenden Stämme der Sueben näher zusammenzubringen.“ „Wie  hat er denn das geschafft, wenn sie sich doch immer untereinender ausraubten und Krieg führten?“, platzte es aus Euamellin heraus, während er auf der Truhe wippte. „Na, er hat eben ihre Notlage ausgenutzt. Außerdem war er brutal und rücksichtslos, dafür aber ein sehr geschickter Feldherr, der seine Krieger zu drillen und zu disziplinieren verstand. Ebenso verstand er die Kunst, geschickt und gewaltfrei zu verhandeln, wichtige Spielzüge im Ringen um die Macht. Zuerst schaffte er es nach und nach, unter den Sueben mehr oder weniger lose Bündnisse herzustellen: Er konnte die Mehrheit der Stämme überzeugen, sich gegenseitig adlige Geiseln zu stellen.“ Dabei sprach Lellavo das Wort »Geisel« aus, als sei es ein Schimpfwort und es verfinsterten sich seine Gesichtszüge.
            „Hast du etwas gegen das mit den Geiseln? War es nicht so, dass es KEINEN Krieg mehr geben soll und alle sich vertragen? Machen das nicht alle Stämme? Das klingt doch friedlich und nett!“, setzte Euamellin sofort nach. Lellavo stutzte. Dann nahm er beiläufig sein Schwert von der Wand, während er ruhig und in nun besonders liebenswürdigem Tonfall weitersprach. „Ja - machen doch alle Stämme. Einfach mal so ein Bündnis schließen und Geiseln austauschen. Die werden schon gut behandelt werden, schließlich sind sie die Garantie für das Bündnis. Wahrscheinlich werden sie akzeptiert und gehen im fremden Stamm auf. Kann sein, passiert ja oft genug, wie auch bei deinem Vater.“ Die letzten Worte sprach er immer leiser, wobei sich ein grimmiges Grinsen im Gesicht breit machte und er mit der Hand den Schwertgriff umklammerte. „Und wenn nicht…?“ Mit einem schnellen Ruck zog er unversehens das Schwert blank, setzte es seinem Neffen mit wohlüberlegtem Abstand unter die Kehle und schrie dabei: „Hast Du einmal überlegt, was mit den Geiseln passiert, wenn eine Seite dennoch den Bund bricht?“ Euamellin fiel vor Schreck rücklings von der schweren Truhe, während Lellavo mit seinem Schwert fuchtelte und weiterbrüllte: „Was passiert wohl, wenn ein Stamm weniger Gefallen an den Geiseln findet, als wir das gewöhnlich tun? Hast du daran schon gedacht? Oder wenn eine andere Adelsgruppe an die Macht kommt, denen die Geiseln egal sind? Oder wenn sie von einem anderen Stamm besiegt werden? Überleg dir auch einmal, wie es sich anfühlt, wenn man so mir nichts dir nichts von zu Hause weg muss, in die Fremde – ohne Freunde, ohne Familie!“ Euamellin saß mit offenem Mund auf dem Boden und starrte auf den blanken Stahl unter seiner Kehle. Dann fasste er sich, stand auf, klopfte sich den Staub von der Hose. Er setzte sich wieder auf die Truhe und kratzte sich am Hinterkopf. „Nein, daran habe ich wohl noch nicht gedacht…“.
            Lellavo steckte das Schwert wieder ein und hängte es zurück an die Wand. Seinen Neffen hatte er sichtlich aufgerüttelt, was ihn milder stimmte. „Da hast du nun etwas, worüber du nachdenken kannst.“ Mit der Leier zeigte er zur Tür und bedeutete seinem Neffen, zu gehen: „Es ist spät geworden. Komm morgen wieder.“


[…]
[Ein paar Szenen später kommt Euamellin erst nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause.]
            Als er wenig später zwischen seinen Fellen lag, schaute auch schon die mächtige Gestalt von Snevemin herein: „Sohn, ich habe gehört, du hast dich geprügelt und du warst frech?“ „Ja Vater, Sakjo hat mich und Milmass beleidigt.“ „Womit?“ „Er hat mich als dummen Sueben, Milmass als suebischen Verwandten und als Monster bezeichnet.“ „Hast du wenigstens gewonnen?“ „Ja, im Ringkampf musste er aufgeben.“ „Gut. Hast du ihn so beschämt, dass er sein Gesicht verloren hat?“ „Nein.“ „Gut gemacht. Lass einem Gegner immer eine Möglichkeit, dass er sich zurückziehen kann. Versprichst du, dass du dich zukünftig von ihm fernhältst und dass du dich nicht mehr von ihm provozieren lässt?“ „Ja, werde ich versuchen.“ Snevemin tätschelte den Kopf seines Sohnes. „Gut. Sonst wirst du dich mit mir prügeln müssen! Ich will keinen Ärger mit der Sippe des Friatto, verstanden?“ Euamellin nickte. „Außerdem habe ich Onkel Hristo »Lellavo« genannt.“ „Ja - und? Geschah dies vor seinen Augen?“ „Nein, nur vor Mutters Ohren“ „Gut“. Snevemin erhob drohend den Zeigefinger. „Nenne Lellavo nie wieder »Lellavo« - zumindest solange deine Mutter dich hören kann. Zur Strafe gehst du gleich morgen noch einmal zu ihm. Nimmst du diese strenge Strafe an?“ „ Ja, Vater!“ entgegnete Euamellin, stand auf, verbeugte sich und seufzte tief in gespielter Trauer: „Ich werde diese Marter ertragen.“ Dann setzte er sich wieder auf den hölzernen Bettkasten. „Nebenbei gesagt - weißt DU, was mit Lellavo los ist?“
[…]
            Als Snevemin ging, lag Euamellin bereits todmüde in seinem Bett hingestreckt. Der Knochen für Milmass musste warten. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Snevemin hatte die jungen Ubier und Chatten beim Schwimmtraining äußerst hart trainieren lassen, dazu schmerzten alle möglichen Körperteile schon allein vom Reit- und Waffentraining. Von der kleinen Prügelei ganz zu schweigen. Dennoch gelang es Euamellin nicht einzuschlafen. Unruhig wälzte er sich hin und her, was ihn jedes Mal neu an seinen Muskelkater, die Abschürfungen und die blauen Flecken erinnerte. Er musste ständig über Lellavo und die Stämme seiner Eltern nachdenken. Ganz klar war ihm das alles nicht so ganz. Und welche Rolle spielte Ariovistos…? Am Ende übermannte ihn der Schlaf, während draußen noch ein entfernter Donnerschlag zu hören war.
 
 
            Noch bevor die Sonne am Himmel erschien, stand Euamellin neben seiner Schwester. Zu dumm, hätte er ihr heute nicht helfen müssen, dann würde er schlafen können, bis die Sonne hoch am Himmel stand. Wenn man ihn so früh weckte, wurde er immer ein wenig ärgerlich. Selbst die Zwillinge schliefen noch. Er streckte sich und gähnte mit offenem Mund. „Dir auch einen schönen guten Morgen, kleiner Bruder“, begrüßte ihn Veleda lächelnd. „Hm, Morgen. Soll ich Seife und Wasser holen?“ „Nein, schon erledigt. Bring mir lieber die weißen Gewänder der Priesterin aus der Truhe da.“ Widerwillig schlurfte Euamellin zur Truhe, während Veleda ihren buntgestreiften Kittel ablegte. „Können das nicht die Mägde für dich tun?“ Veleda lachte. „Ist es so schlimm, deiner Schwester einmal einen Gefallen zu tun? Außerdem sind die Mägde gerade mit Mutter beim Weben im Grubenhaus beschäftigt.“ Euamellin kam mit einer Tunika zurück, in deren Saum kleine Bronzeglöckchen eingenäht waren und fröhlich klingelten. Zu fröhlich am frühen Morgen, jedenfalls für Euamellins Geschmack. Er schnitt eine Grimasse. Unbeeindruckt schlüpfte Veleda hinein. „So, jetzt hilf mir, das weiße Oberkleid mit der Goldstickerei anzulegen!“ Euamellin breitete die Arme aus und hob das das Wollgewand in die Höhe, damit Veleda es sich um die Schultern legen konnte. Für eine Frau war sie ungewöhnlich groß. „Sag mal, was machst du denn eigentlich heute im Wald?“ Veleda legte einen Finger auf den Mund. „Pst, Mysterien, Geheimwissen unter Sehern! Hol mir lieber die Holzschatulle mit meinem Schmuck und den Schminkutensilien, sei so lieb, ja?“
            Dann bemerkte sie die Schrammen im Gesicht ihres jüngeren Bruders. „Sag einmal, sehe ich da die Zeichen eines glorreichen Zweikampfes?“ Euamellin legte einen Zeigefinger auf seine Lippen: „Pst! Mysterien, Geheimwissen unter Jungen!“ Veleda musste kichern. Sie nahm einen Kamm aus der Schatulle und drückte ihn Euamellin in die Hand. „Nicht schlecht gekontert. Trotzdem, du weißt ja selbst, wie gespannt das Verhältnis zwischen altehrwürdigen Familien und Neuankömmlingen noch immer ist.“ Euamellin senkte schweigend den Kopf, während er Veledas lange rotblonde Haare kämmte. „Großvater tut was er kann, um die Chatten in Ubiacum zu integrieren. Vater ist ihm dabei eine große Hilfe“, fing Veleda nach einer Weile wieder an. Sie nahm eine Haarnadel und steckte ihre ausgekämmten Haare hoch. „Ich wünschte, du würdest deshalb etwas überlegter handeln.“
            Euamellin hielt ihr den Spiegel aus Zinnbronze vors Gesicht. Im Schein des Feuers funkelte er silbrig. „Es war nicht meine Schuld. Du weißt doch, wie die Sippe Friattos ist: Sakjo legt es dauernd darauf an, mich zu provozieren.“ Veleda nahm ihr Toilettebesteck aus der Schatulle: Eine Pinzette, feine Ohrlöffelchen, kleine Feilen und ein Nagelschneider waren zusammen an einem kleinen Ring aus Bronze befestigt. „Dann lass dich eben nicht provozieren! Ausgerechnet von einem aufbrausenden Jungen aus einer der ältesten und konservativsten Familien Ubiacums! Eine Fehde zwischen unsere Sippe und der des Friatto wäre das Letzte, was wir brauchen können.“ Euamellin schaute beschämt zu Boden. „Ach komm schon her, ich weiß doch, es war keine Absicht.“ Veleda nahm ihn in den Arm und drückte ihn. „Du weißt, wie gerne ich dich habe. Nur muss man dir eben manche Läuse austreiben, auf oder in deinem Kopf. Bleib stehen, da sehe ich schon eine!“ Sie nahm die Pinzette und ging auf ihn los, als ob sie ihm Läuse entfernen wollte. „Nein, Hilfe, geh weg!“, kicherte Euamellin und ließ sich spielerisch von seiner Schwester umherjagen.
            Nach einer Weile setzten sie sich wieder. Veleda rötete sich die Wangen mit Ruan-Kraut-Extrakt, während Euamellin ihr den Spiegel hielt. „Ich habe auch gehört, du hast große Fortschritte beim Schwimmen und Reiten gemacht? Papa meint, du wirst einmal mindestens so gut wie er? Erzähl mal, Sohn des großen »Schwimmers«! Wie war das genau?“ Das ließ sich Euamellin nicht zweimal sagen. So prahlte er stolz mit seinen Erfolgen. Veleda hatte Mühe, sich die Fingernägel zu bemalen oder die Brauen mit Beerensaft nachzuziehen: Euamellin war so von seinen Erzählungen gefangen, dass er sie reichlich mit Gesten unterstützte und der Spiegel kaum zur Ruhe kam. Die Zeit verging für ihn wie im Fluge. „Schade eigentlich“, murmelte er, als Veleda fertig war und den Raum verließ. Ihre Haare fielen über die Gewänder und bei jedem Schritt begleitete sie das Klingeln der Glöckchen und das Klappern der Halsreifen und Armbänder.
[…]
            Die Hütte seines Onkels lag auf dem umzäunten Grundstück, wo auch das Haus des Staveno stand. Durch das Windloch unter dem First des Schilfdaches stieg kein Rauch auf. Da sich Lellavo selbst im Sommer mit heißem Wasser zu waschen pflegte, lag er wohl noch immer im Bett. Macht nichts, einer muss ihn ja wecken, dachte Euamellin und hämmerte an die Tür: „Onkel Hristo, Hriiii-stoooo…“ „Bei allen drei Muttergottheiten Alusneihae, Euamellin! Schrei doch nicht so laut!“, hörte man Lellavos schlaftrunkene Stimme durch die geschlossene Türe. „Bei mir ist doch immer offen, komm einfach rein – aber sei leise… Mein Schädel brummt heute wie Donnerhall.“ Vielleicht, so dachte Euamellin, sollte Lellavo besser die für Heilung zuständigen Matronen Lubicae anrufen, statt die alusneihische Dreiheit für Rauschtrank und Magie. Er bedeutete Milmass mit einem Finger, hier auf ihn zu warten, öffnete die Türe einen Spalt und schaute hinein. Es war dunkel und roch stark nach kaltem Rauch – und nach Wein. „Na nun komm schon rein. Und mach die Tür zu!“, murrte Lellavo, „Das Sonnenlicht ist viel zu grell.“
            Lellavo räumte eine leere Amphore beiseite und mühte sich, das Herdfeuer in der Mitte des Wohnraumes zu entzünden. Euamellin setzte sich und ließ seine Blicke durch den vertrauten Raum schweifen, während Lellavo sich mit dem Feuerstein abmühte. An der Wand neben der Feuerstelle hingen benutzte Messer und Fleischgabeln an eisernen Haken. Die Tontöpfe des Kochgeschirrs standen ohne erkennbare Ordnung auf einfachen Holzregalen. Die kleinen Schüsseln, Schalen und Tongefäße waren nicht gewaschen, dazwischen lagen wahllos verstreut ein paar Wachstäfelchen und Schreibgriffel. An einem Holzlöffel auf dem Boden erkannte er den eingetrockneten Rest eines Eintopfs mit Linsen, der wohl irgendwann einmal von dem niedrigen Tisch heruntergefallen sein musste. Onkel Lellavo hat eine sonderbare Vorstellung von Ordnung, dachte Euamellin. Schließlich räusperte er sich, Lellavo fuhr herum. „Kannst es gar nicht erwarten, mit mir Singen zu üben und das Schreiben?“ Euamellin machte ein enttäuschtes Gesicht. Lellavo schmunzelte. „Deshalb hast du mich also nicht geweckt. Lass mich mal raten… Du wolltest wissen, wie die Sueben groß werden konnten. Das ist auch der Grund deines Besuches, oder?“ Euamellin nickte. Selbstzufrieden bückte sich Lellavo wieder über die Feuerstelle. „Hm, verdammter Feuerstein, bei meinem Barte… Vermutlich kannst du aber sowieso nicht abwarten, wenn ich dir die Geschichte zur Leier vortrage – oder? Da du mich ohnehin gleich unterbrechen würdest, können wir das Wichtigste auch vorher klären. Und hilf mir mal mit dem Feuer, ja? Du hast sowieso die geschickteren Finger.“ Lellavo reichte den Feuerstein weiter an Euamellin, der schnell ein Feuer entzündete. Der Qualm, der sich in der Hütte ausdehnte, kam ihm vor wie ein großer Gespensterhund, der zu gähnen anfängt, während das Licht des Feuers wie eine Schlange um die sparsamen Sonnenstrahlen aus dem Windloch tänzelte. In Lellavos Hütte herrscht immer eine seltsame Stimmung, dachte Euamellin.
            Lellavo hängte einen Wasserkessel in die Kette über dem Feuer. „Die Sueben… “, fragte Euamellin nach, „wieso wurden sie nun in kurzer Zeit so mächtig?“ „Wie hättest DU denn versucht, deine Herrschaft auszudehnen?“, fragte Lellavo zurück und zog sich seinen dunkelblauen Kittel über den Kopf. „Mal sehen, zuerst hätte ich versucht, ein besonders großes Bündnis zusammenzubringen. Meine Stämme, Nachbarstämme…“ Euamellin sprach vorsichtig weiter während er zu Boden blickte, „und damit sich alle daran halten, hätte ich eben Geiseln ausgetauscht.“ Lellavo betrachtete ihn aufmerksam. „Das hättest du sicher“, antwortete er nach einem kurzen Seufzer, „Nun ja, so fing es ebenfalls bei den Sueben an - und ist noch heute so, auch bei Ariovistos, des Aginomello Sohn.“ Lellavo nahm mit dem Schürhaken den Kessel vom Feuer und begann seinen Oberkörper zu waschen „Reicht aber noch nicht. Was noch?“. „Man muss wohl nicht nur Verhandlungen, sondern sehr oft auch seine Krieger einsetzen. Wer sich nicht überzeugen lässt, den überzieht man mit Krieg, Bündnispartner müssen mithelfen.“ „Ja, so wachsen Gefolgschaft, Ansehen und Kriegsruhm.“ „Mit größeren Stämmen schließt man Bündnisse, kleinere Stämme werden unterworfen und tributpflichtig gemacht.“ Lellavo zwirbelte anerkennend seinen langen roten Bart: „Zweifellos. Man sieht, dass du mitdenken kannst, Euamellin.“
[…]
Da schlug krachend eine starke Faust gegen die Tür von Lellavos Behausung: „Hristo, Sohn des Staveno!“, rief eine tiefe Stimme auf haeduischem Keltisch. „Hristo, mach auf! Ich bringe Kunde von den Sueben. Sie haben gewonnen und marschieren wieder…
 
[Weiter gehts hier mit dem nächsten Kapitel]



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