Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Donnerstag, 9. Januar 2014

Sokrates- fragen, nerven, bessern

Den Sokrates (469-399 v. Chr.) hätten seine Zeitgenossen eher als Sophisten gesehen. Auch Sokrates beschäftigt sich nicht mit Astronomie und Mathematik, sondern mit dem Leben der Menschen, seiner Mutterstadt, dem Stadtstaat Athen, Demokratie, Recht und Bildung. Doch lässt er sich nicht wie die anderen Sophisten bezahlen und bezeichnet sich selbst als Philosoph – Weisheitsfreund. Typisch für Sokrates sind die bohrenden Fragen, um einem Sachverhalt auf den Grund zu gehen oder um ein Scheinwissen eines berühmten Selbstdarstellers zu widerlegen.
Als gelernter Bildhauer hätte er eigentlich keine Zeit gehabt, ziellos durch die Stadt zu streifen und Leute in Gespräche zu verwickeln. Doch sind reiche Jugendliche von ihm fasziniert, begleiten und finanzieren ihn. Seine Art der Gesprächsführung nennt Sokrates als Sohn einer Hebamme schlicht Hebammenkunst (Mäeutik): Durch einen gegliederten Dialog führen seine tiefschürfenden Fragen zu teils überraschenden Lösungen, ethischen (moralischen) Grundsätzen und einem tieferen Verständnis der Welt. Bisweilen führt er auch schüchterne und verunsicherte Menschen im Gespräch so geschickt zu einer Erkenntnis, dass sie denken, sie hätten diese selbst gefunden - geistige Geburtshilfe.
Ich weiß, dass ich nichts weiß!
Der Philosoph Sokrates
Wichtig ist ihm der ergebnisoffene Gesprächsprozess, um den wesentlichen Kern herauszufinden. Durch sein forschendes Fragen (vor allem über das Gute, Wahre und Schöne) schafft er etwas Neues, eine philosophische Ethik. Wissen und Moral sind für ihn untrennbar vereint: Demjenigen, der Böses tut, fehlt das bessere Wissen. Richtiges Handeln ergibt sich automatisch aus der richtigen Einsicht. Wissen schafft so Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist für ihn aber die Voraussetzung für Zufriedenheit und Seelenheil. Deshalb ist es für einen Menschen schlimmer, ungerecht zu handeln, als ungerecht behandelt zu werden.
Wer Unrecht tut, dem fehlt also Wissen bzw. Einsicht. Sokrates bekennt mehrfach, dass er selbst nichts sicher wisse. Ein Freund fragt das Orakel von Delphi, ob es einen weiseren Menschen gäbe als Sokrates, der weiß, dass er nichts weiß. Die Seherin antwortet, es gäbe keinen. Darauf sieht es Sokrates als seine Aufgabe an, das Wissen seiner Mitbürger zu prüfen, was er besonders gerne bei Politikern tut. Mit seinem ständigen Fragen und seiner unüberwindlichen Schlagfertigkeit forscht er jedoch nicht nur, er stellt auch bloß: Jemand, der angibt, wie gut er etwas wisse, wird von Sokrates, der es von ihm wissen will, das er es selbst nicht wisse, demontiert. Am Ende führt das Gespräch in eine ausweglose Offenbarung seines Nichtwissens (Aporie). Schließlich sind viele Athener genervt: Sie werfen Sokrates vor, er verderbe die Jugend und missachte die Götter. Ein leerer Standard-Vorwurf doch einer, der in Athen sehr geeignet ist, um einen unbeliebten Bürger loszuwerden. Und von den Reichen und Mächtigen hat der einfache Bürger Sokrates inzwischen eine große Menge lächerlich gemacht – wer sich auch immer zu viel auf sich einbildete und sich auf eine Diskussion mit ihm einließ.
Sokrates gibt sich in seinem Prozess jedoch nicht wie allgemein erwartet reumütig und bittet gar um Entschuldigung, nein er weist seinen Gegnern nach, dass sie im Unrecht sind. So wird er mit 281 von 501 Stimmen verurteilt. Als danach das Strafmaß festgesetzt wird, beantragen seine Gegner die Todesstrafe, Sokrates schlägt vor, ihn zu verurteilen, auf Staatskosten im Prytaneion zu essen, wo die in Olympia siegreichen Sportler ihre Ehrenmahlzeit bekommen. Nach dieser frechen Antwort stimmen nun 361 von 501 für die Todesstrafe. Doch wird Sokrates nicht allzu streng bewacht und man rechnet eigentlich damit, dass er aus dem Gefängnis flüchtet und einfach die Stadt verlässt, damit man ihn los ist. Doch Sokrates bleibt seiner Philosophie treu: Ist er im Recht, gibt er nicht nach, auch wenn es ihn sein Leben kostet. Aus dem Gefängnis wegzugehen, zu fliehen, kommt für ihn nicht in Frage: Es wäre ja Unrecht, gegen das Gesetz zu handeln. Und da Unrecht tun schlechter ist, als Unrecht erleiden, trinkt er freiwillig einen Becher mit tödlichem Gift des Schierlings aus.
Platon, der berühmteste Schüler des Sokrates, ist geschockt. Darauf schreibt er sokratische Dialoge, in denen er die typische Gesprächsführung zeigt. Platon bemüht sich, den Gegensatz des Sokrates zu den Sophisten in aller Schärfe herauszuarbeiten und hinterfragt die radikale Demokratie nun auch kritisch. Platon verschafft Sokrates, der selbst nichts Schriftliches hinterlässt, damit einen glänzenden Ruf. Den Ruf der Sophisten verdunkelt er für alle Zeiten.
Obwohl schon der Sophist Protagoras meint, der Mensch sei das Maß aller Dinge, gilt Sokrates seit Cicero nun als DER Mann, durch den die Philosophie neue Wege geht: „Socrates autem primus philosophiam devocavit e caelo et in urbibus conlocavit et in domos etiam introduxit et coegit de vita et moribus rebusque bonis et malis quaerere. – Sokrates hat als erster die Philosophie vom Himmel herab gerufen, in den Städten verankert und sogar in die Häuser geführt und gezwungen über das Leben, über sittliche Moral, und über Gut und Böse Untersuchungen anzustellen.“ (Cicero Tusculanae Disputationes,V,10,11). Platon widmet seinem Lehrer glänzende Bücher und wird selbst zu einem der größten Denker. Auch heute noch beschäftigt sich jeder, der ernsthaft an Philosophie interessiert ist mit Sokrates. Ohne ihn ist die heutige westliche Philosophie nicht vorstellbar.

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