Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Mittwoch, 18. September 2013

IV. Baiae. Leseprobe aus "Geheimnisse in Rom"


Aus dem vierten Kapitel, "Baiae", stammen folgende Ausschnitte (hier die Links zum ersten, zweiten und dritten Kapitel aus Band 2).  Anregungen und Kommentare sind wie immer erwünscht (Rufus.in.Rom@gmail.com)...!

Kapitel IV: Baiae
Diese Nacht schlief Rufus sehr unruhig. Dabei hatte er doch absichtlich wieder nur Wasser zu sich genommen, anstatt Wein. Aber jedes Mal, wenn ein Wagen vorbeifuhr, weckte ihn das Rumpeln der eisenbeschlagenen Reifen und das Quietschen der Achsen. Lucius schien das nicht im Geringsten zu stören. Er schlief wie ein Baby. Rufus musste unwillkürlich an seine kleinen Geschwister, an seine Familie und Freunde in der Heimat denken. Eine Träne kullerte ihm die Wange herunter. Sie fehlten ihm. Wie es seiner älteren Schwester Veleda und seinem Freund Sedavo wohl als Geiseln des Ariovistos erging? Vielleicht kam ihnen die Welt der Sueben ebenso fremd vor wie ihm die Welt der Römer
            Als Rufus schließlich wieder einschlafen konnte, träumte er vom »weinfarbenen Meer«, wie es in den Gesängen beschrieben wurde, die er beim Unterricht des Crispus hatte lesen müssen. Gesehen hatte er das Meer bisher nur ein paar Mal aus der Ferne, auf dem Weg von Gallien nach Rom. Doch war es ihm dort irgendwie blauer vorgekommen. In seinen Träumen war das Meer viel wilder, »schäumend« und »unermüdlich«; ganz so wie bei den seltsamen Vokabeln dieses seltsamen griechischen Dichters Homer, den die Römer auswendig lernten. Eine Welle spülte ihn fort und er fiel aus dem Bett. Eine Weile glaubte er noch den salzigen Geschmack des Meeres auf der Zunge zu spüren, doch war es wohl eher die starke Fischsauce vom letzten Abend.

[…]
[Über die Via Appia reisen Larcia mit den Kindern, Rufus, einigen bulligen Leibwächtern und mit Gefolge sowie mit viel Gepäck nach Süden, zum Feriensitz der Fabii Sangae]

            Am dritten Tag bemerkte Rufus, wie sich die Luft allmählich änderte: eine ganz besonders liebliche Mischung aus der Frische von Kiefernduft und Meeresgeruch. Endlich - der salzigen Geschmack des Meeres auf der Zunge! Jetzt wurde auch die Silhouette des Berges immer deutlicher, den Lucius „Vesuvius“ genannt hatte. Drohend ragte seine Kegelspitze über sanft abfallende Wiesen und Weinstöcke. Schließlich kam das Meer selbst in Sichtweite. Und was war das für ein herrliches Panorama! Die ungewöhnliche Klarheit des Sonnenlichts, das sich im Wasser spiegelte, war ein deutlicher Gegensatz zum dichten Dunst Roms mit seinen abertausenden Feuerstellen und unzählbaren Menschen. Zwischen vereinzelten Behausungen fiel sein Blick die felsige Küste hinab in die tosende Brandung. Möwen nutzen die Aufwinde, segelten empor oder stießen schreiend hinab.
[…]
            Der Weg führte im Bogen zur Küste zurück, mitten durch ein Wäldchen. Hinter einer gepflegten Parkanlage lag das Anwesen selbst. Es schien ruhig in der Dämmerung zu lehnen, ein wenig wie eine Möwe, die zur Hälfte über den Abhang der Steilküste gelehnt ihr eindrucksvolles Gefieder zur Bewunderung aufspreizt: An ein mehrstöckiges Hauptgebäude schlossen sich zwei breite Flügel an, die zum Meer hin terrassenförmig an Höhe abnahmen. Zwei Reiter lösten sich aus dem Schatten der nahe gelegenen Ställe und ritten ihnen entgegen. „Wer das wohl sein mag?“ „Der jüngere kommt mir bekannt vor - aber das ist doch – Marcus Caelius!“, rief Lucius überrascht aus. „Was macht der denn hier?“

[…]

            Zauberhaft! Vom Anwesen der Fabier war Rufus schlichtweg begeistert. Das Haus verfügte über eine eigene Therme, die von den berühmten heißen Quellen Baiae‘s versorgt wurde. Von beinahe jedem Zimmer aus hatte man einen fantastischen Ausblick über das Meer und die gesamte Bucht: Die cratera – der Mischkrug. Deshalb also! Nur verkehrt herum, jedenfalls in Blickrichtung von Land aus: An der Küste entlang nach rechts würde die Gefäßwand über das Kap von Misenum nach Südosten verlaufen, den Standfuss bildete die Insel Capri, über Surrentum und Stabiae verliefe die gegenüberliegende Wand und der Küstenverlauf über Pompeii, Herculaneum, die Griechenstadt Neapolis und Puteoli bis Baiae bildeten den oberen Rand.
            Tagsüber zierten zahlreiche Segel die Bucht: Riesige Handelsschiffe, meist voller Getreide aus Ägypten, die nach Puteoli segelten, dem wichtigsten Hafen Italiens. Puteoli war eine Drehscheibe für den Handel, vor allem für Tuch- und Töpferwaren, wie Crispus ihnen erklärt hatte. Doch das wichtigste Handelsgut Puteoli’s war Puzzolanerde, ein Bestandteil des wunderbaren Baumaterials opus caementicium: Steine, Sand und gebrannter Kalk ergaben mit Puzzolanerde und Wasser ein Gemisch, das zu einer Art festem Stein aushärtete, den man beliebig formen konnte. Ganze Schiffsladungen gingen von hier in großen Frachtern in die Welt. Aber auch von Surrentum und Pompeii herrschte ein reger Betrieb der Handelsschiffe und Fährboote nach Neapolis, Puteoli und umgekehrt. Ab und zu konnte man auch ein paar der schlanken Trieren vom Kriegshafen Misenum entdecken, die mit schäumenden Ruderreihen zwischen den kleineren Fischerbooten kreuzten und Lenk- und Schuss-Manöver abhielten. Abends sah man vor allem die bunten Segel der Fischerboote, die zum Fang ausliefen. Nachts leuchteten ihre Bordlampen über das Meer wie hunderte kleiner Glühwürmchen in einer lauen Sommernacht im Wald, während die Beleuchtung am Küstenverlauf den Standort der Villen preisgab.
            Über allem schwebte eine Atmosphäre der Ruhe. Die Hektik der Stadt schien weit entfernt, noch viel weiter als alle Meilen nach Rom. Das Feriendomizil der Fabier schien Realität gewordenes otium – eine lebendige Personifikation des römischen Begriffes für Ruhe, Muße und Freizeitbeschäftigung. Selbst Crispus machte langsamer beim Lehren: er kam später zum Unterricht oder gab ihnen früher frei. Auch er schien sich am Golf von Baiae zu entspannen. Crispus gab sich Mühe, passende Themen zum Ausblick auf das azurblaue Meer und den klaren, hohen Himmel zu wählen, so wie die Odyssee des griechischen Dichters Homer:

„…Städte unzähliger Menschen gesehen und Sitten gelernt hat
und in der Ferne so viel unnennbare Leiden erduldet,
seine Seele zu retten, die Heimkehr von all seinen Freunden.
Aber die Freunde rettet‘ er nicht, obwohl er’s versuchte.
Denn sie schufen sich selbst durch Frevel ihr eig’nes Verderben
Toren! Aber der Gott nahm ihm den Tag ihrer Heimkehr… huuu

            „Aber Rufus! Das war doch schon fast richtig. Du brauchst doch deswegen nicht gleich zu weinen!“ Crispus schaute ein wenig betreten zu seinem schluchzenden Schüler hinüber, der sich an einer Übersetzung im Hexameter-Rhythmus versucht hatte. Fabiulla legte ihm mitfühlend einen Arm um die Schulter. „Ich glaube nicht, dass er deswegen weint. Du hast Heimweh, nicht wahr? Wegen deiner Schwester und deinen Freunden und deiner Familie…“ Rufus nickte stumm. Auch Fabia ging zu ihm und streichelte ihm über sein blondes Haar. Lucius zögerte noch. Er schien peinlich berührt: Ein römischer Junge durfte sich in auf keinen Fall von einem Mädchen trösten lassen, sonst galt er als Weichling. Schlimm genug, dass Rufus selbst vor anderen Mädchen und sogar Sklavinnen um Rat fragte und sie als ebenbürtig behandelte. „Aber Mädchen!“, griff Crispus ein. „So eine Szene schickt sich nicht für einen angehenden Mann. Auch wenn es zur Lektüre passt - in der Ilias weinen die Helden aus Wut, in der Odyssee aus Wehmut – aber nur unter Männern! Lucius tröste wenigstens du ihn.“ Fabiulla warf ihm einen giftigen Blick zu. Lucius blieb unschlüssig stehen.
            Crispus stand auf. „In Rom ist so etwas wichtiger, als du vielleicht denken magst, kleiner Barbar: Ein Mann muss hier immer continentia zeigen, Selbstbeherrschung über all seine Triebe: Ein Römer muss sich im Griff haben, sonst wird es nichts mit seiner Karriere.“ „Mir doch egal, ich bin doch gar kein Römer…huuu.“ Fabia hörte auf, ihn zu streicheln. „Aber ein richtiger Gallier bist du auch nicht – hast du mir gesagt…“ „Ich weiß selbst nicht genau, was ich für euch sein soll. Mein Vater ist ein Chatte, meine Mutter eine Ubierin, mein Stamm ist weit entfernt und lebt wie die Kelten. Und ich soll leben wie ein Römer?“ Crispus winkte die Mädchen zur Seite und bückte sich zu Rufus hinunter, bis seine Augen auf derselben Höhe waren. „Wer bist du, Rufus, vom Stamme der Ubier, von weit her aus dem Norden?“
            Verwirrt hörte Rufus zu Schluchzen auf. Wer er war? Was war das denn für eine Frage? Rufus, natürlich! Oder meinte Crispus etwas anderes? Was für ein Mensch war er? Wenn er das nur selber genau wüsste… WER Rufus war? WER Rufus sein wollte? WER Rufus sein würde? „Heureka – ich hab’s!“, rief Crispus nach einer Weile aus. „Aber seid ihr nicht doch zu jung dafür? Nein, das könnte vielleicht gehen – schließlich seid ihr neugierig und denkt gerne nach. Ich werde euch also philosophia lehren - Philosophie! Dann wird dein Heimweh dich bald nicht mehr beherrschen können, Rufus.“ „philosophia? Was ist das?“ „Aus phílos – Freund und sophía – Wissen oder Weisheit, nicht wahr?“ leitete Fabia den Begriff aus dem Griechischen ab. Rufus hob skeptisch den Kopf. „Also Wissensfreund? Wie soll mir das gegen mein Heimweh helfen?“ „Soso, wie dir das Streben nach Weisheit helfen kann, wunderst du dich?“ Crispus lächelte nachsichtig und setzte sich wieder. „Damit sind wir schon mitten drin: Die meisten Philosophen stellen erst einmal Fragen. Die sind am Wichtigsten. Viele kommen auch zu Antworten. Es gibt ganze Philosophenschulen, die lehren, wie man aus einem Sturm der Gefühle einen inneren Ruhepol erzeugen kann und wie man zu einem glücklichen Leben findet.“ Die Kinder bekamen große Augen. Philosophenschulen? Gingen erwachsene Männer noch zur Schule?       „Philosophie hat viel mit Denken zu tun – während des Flügelschlags eines Vogels könnte Rufus mit dem Verstand nach Hause reisen und sich bewusst machen, dass Menschen überall gleich sind. Doch gibt es noch bessere Wege, sein Heimweh zu lindern, glücklich zu werden. Aber fangen wir lieber von vorne an – ab Iove principium!“
            Crispus‘ Augen blitzten voller Vorfreude. „Ihr werdet euch wundern!“ Dann nahm er Rufus das Wachstäfelchen weg und hielt es nach oben. „Was ist das?“ „Ein Wachstäfelchen?“ „Ja, aber was ist es, was es zusammenhält?“ „Die Lederbänder natürlich!“ Fabiulla hielt die Frage anscheinend für albern. „Mehr nicht?“ „Und der Holzrahmen - und das Wachs“, ergänzte Lucius etwas verwirrt. Worauf wollte Crispus hinaus? „Leder, Holz, Wachs - kann man damit nur ein Wachstäfelchen bauen?“ „Ja!“, schrie Fabiulla trotzig. Crispus ließ sich durch ihr freches Verhalten nicht aus der Ruhe bringen. „So wirklich? Nichts anderes ist aus diesen Materialien möglich?“ Fabia schlug sich mit der Hand auf die Stirn. „Doch: Fischer- oder Jägerhütten!“ Jetzt wusste auch Lucius, was Crispus meinte: „Stimmt! Oder die Zelte der Legionäre: Das Leder der Zeltplanen wird gewachst, damit kein Regen eindringt und die Zeltstangen sind aus Holz…“ „Man kann aus dem gleichen Material demnach unterschiedliche Dinge erschaffen.“ Zufrieden zwirbelte er an seinem Bart. „Gut. Ich sehe schon so etwas wie Verwunderung in euren Gesichtern. Wir sind also auf dem richtigen Weg. Und jetzt…“ Crispus machte eine gedankenschwere Pause, „was ist es, was die Welt im Innersten zusammenhält?“ Stille. Keiner wusste darauf eine Antwort. „Woraus besteht die Welt? Jeder von euch soll darauf eine eigene Antwort finden, eine möglichst kurze. Mit dieser Aufgabe, entlasse ich euch für den Rest des Tages!“
            Crispus‘ Schüler hatten schon zuvor gestaunt, doch jetzt klappte ihnen der Mundwinkel herunter. Verwundert starrten sie auf ihren sonst so strengen Lehrer. An einem Vormittag hatte er ihnen noch nie für den Rest des Tages frei gegeben. War nicht omnia vincit labor immer sein Motto gewesen – anstrengende Arbeit siegt über alles? „Nun da staunt ihr, oder?“ Vergnügt kicherte Crispus in sich hinein. „Nun, Staunen ist auch wichtig. Aristoteles schreibt, das Staunen sei der Anfang allen Philosophierens gewesen. Die Fähigkeit, uns zu wundern ist das einzige, was wir brauchen, um gute Philosophen zu sein. Der Mensch findet es seltsam, zu leben, dass die philosophischen Fragen ganz von alleine kommen - so jedenfalls Aristoteles.“
            Dann presste er seinen Zeigefinger auf den Mund, während er rücklings aus der Bibliothek schritt: „Denkt daran, möglichst kurz, am Besten nur ein einziges Wort - jeder für sich alleine!“ und in geheimnisvollem Flüsterton fügte er kaum hörbar hinzu: „Wundert euch nicht zu sehr, wenn ihr als Antwort auf mehr Fragen kommt, als zuvor.“

[…]
[Nach erfolglosem Grübeln beschließen die Kinder, sich eine Pause am Meer zu gönnen – in Begleitung ihrer Leibwächter. Rufus lernt einige römische Spiele und ein paar Geschichten kennen: Die vom jungen Gaius Julius, der den Piraten Paroli bot, die ihn entführten, sie auf eigene Faust jagte und fing. Und die vom General Pompeius, der mit riesigem Heer und gewaltiger Flotte das gesamte Mittelmeer von der Piratenplage befreite].

            Am Abend waren sie alle hundemünde. Unter dem Protest von Thrax, der schließlich doch mit ins Wasser gekommen war, hatte Rufus seine Schwimmstile vorgeführt. Lucius kannte nur den Ansatz des Wechselzugstoßes, Rufus viel mehr, wie den »Froschstil«: „Sehr nützlich, wenn man ganz leise auf ruhigem Gewässer schwimmen muss, unentdeckt vor Feinden“, hatte Rufus erklärt, „zum Beispiel auf einem See.“ Zunächst nur mit Trockenübungen am Strand hatte er Lucius zum Mitmachen gewinnen können, dann wollte Fabiulla unbedingt mit ins Wasser und zuletzt hatte selbst Fabia ihre Vorbehalte über Bord geworfen und schwamm mit großem Vergnügen.
            Trotzdem fand Lucius am Abend nicht in den Schlaf. Rufus kam es so vor, als ob er sich eine ganze Weile ruhelos hin und her wälzte. Rufus war ebenfalls noch wach. Während unter ihnen die Wellen an die Klippen rauschten, musste er an zu Hause denken: an seinen Schwimmunterricht bei seinem Vater Snevemin, dem Sohn des Battavo. Und an seine Schwester, die als Frau bei den Ubiern viel geachteter und selbstbestimmter leben konnte als jede römische Frau - selbst als Geisel unter den Sueben. Ein komisches Volk, diese Römer. Wie es Veleda jetzt wohl ging? Und seinen Freunden, dem starken Fiskja und dem nachdenklichen Sedavo? Immerhin waren seine Erinnerungen an diesem Abend nicht so schmerzlich wie sonst. Ob es mit dieser »philosophia« zu tun hatte? Was hatte es damit eigentlich genau auf sich? Woraus besteht die Welt - wie ihn das über sein Heimweh hinweg helfen konnte?
            Wenigstens war Lucius endlich eingeschlafen. Doch was war das? Im fahlen Mondenschein, der in vereinzelten Strahlen durch die Lamellen der Holzläden drang, bewegte sich doch etwas. Unhörbar war Lucius aus dem Bett geglitten. Jetzt drehte er noch vorsichtig Decke und Kopfkissen ein, so dass es aussah, als ob er noch im Bett lag und schlief. Auf Zehenspitzen schlich er zur Türe und hielt sie mit beiden Händen fest, damit die Holzangeln nicht quietschten. „“Wo willst du denn hin?“ Erschrocken drehte sich Lucius um. „Äh, ach du bist es nur.“ Dann grinste er. „Sagen wir, ich habe eine kleine Verabredung mit den sieben Weisen.“ Behutsam machte öffnete er die Türe. „Jetzt?“ „Pst! Du weckst noch jemanden auf. Aber wenn die Natur ruft…“ „Du hast doch bisher noch nie nachts gemusst. Du hättest auch das lasanum als Nachtgeschirr nehmen können. Und überhaupt, seit wann bastelt man Decke und Kissen als Schlafpuppe zurecht, wenn man nur aufs Klo geht?“ Lucius stöhnte. „Na schön, komm mit, aber sei leise, beim Merkur!“
            Mit gedämpften Schritten schlichen sie durch die schier endlosen Korridore und Säulengänge des Anwesens, immer bereit beim leisesten Geräusch in Deckung zu gehen. Seltsam, bei Tag war ihm das Haus nicht entfernt so groß vorgekommen. Und auch nicht halb so unheimlich. Als sie um die nächste Ecke bogen, sprang er vor Schreck in die Höhe. Eine Gestalt mit weit aufgerissenem Maul und spitzen Zähnen schien sie bereits erwartet zu haben. Rufus wäre ihr beinahe direkt in die offenen Arme gelaufen. Auch Lucius war starr vor Angst. Die Gestalt rührte sich jedoch keinen Fingerbreit und blieb stumm. Dafür funkelte sie wild mit ihren Augen. Nach ein paar Augenblicken begann Lucius zu grinsen. Dann tätschelte er zärtlich die Schlangen, welche die Figur anstelle von Haaren trug. „Guten Abend Medusa, da hast du uns ganz schön erschreckt“, flüsterte er. „Immerhin hast du niemanden von uns versteinert, altes Mädchen.“ Als er die Medusa näher betrachtete, erkannte es auch Rufus. Puh! Nur eine Statue. Da man als Augen kostbare Steine hinter einer Perlmuttschicht eingelegt hatte, glitzerten ihre Augen im Mondlicht bei jeder Bewegung.
            Hoffentlich schien der Mond nicht zu hell. Doch konnten sie die Leibwächter problemlos umgehen - Lucius wusste genau, wo sie Wache standen. Immer wieder glaubte Rufus erneut, man habe sie erwischt. Es waren jedoch nur weitere Statuen, die ihnen aufzulauern schienen - lebensgroß und täuschend echt bemalt. Rufus spürte ihre glitzernde  Blicke im Nacken, als würden sie die beiden Jungen genau beobachten. Schließlich blieb Lucius vor einer Türe im Nordflügel stehen. „Abgeschlossen!“, flüsterte er. „Warum fragst du nicht den Vorstand der Haussklaven?“, schlug Rufus vor. „Bei Minerva, du bist wohl verrückt geworden! Damit der meinem Bruder sofort erzählt, dass ich in seinen Privatangelegenheiten herumwühlen will? Da kann ich Gaius auch gleich den Krieg erklären.“ Lucius hielt sich die Hand ans Kinn und dachte nach. Dann lächelte er. „Macht aber nichts.“ Er drehte sich um und schlich den Gang wieder ein paar Schritte zurück. Vor einer Statute mit Flügelschuhen bückte er sich: »Mercurius«. Ob Lucius den windigen Gott der Händler und Diebe bitten wollte, ihm die Türe zu öffnen? Oder nur vorsichtshalber, wenn er erwischt wurde – für die Versöhnung unter Feinden war Merkur ja ebenfalls zuständig?
            „Seltsam.“ „Was denn?“ „Er ist nicht da – den Ersatzschlüssel zu Gaius‘s Zimmer meine ich.“ „Wieso sollte da denn ein Schlüssel sein?“ „Na ich weiß doch, wo mein Bruder ihn versteckt. Früher durfte ich immer an seine Sachen. Ich fand es gemein, dass er ein eigenes Zimmer bekommen hat, seitdem er zum Mann erklärt wurde – und da habe ich ihn beobachtet.“ Lucius zeigte auf eine Stelle auf der Rückseite des Sockels, an der eine kleine Höhlung klaffte. „Sieh doch: Die Basis ist hinten ganz staubig. Nur um diese kleine Vertiefung herum fehlt der Staub. Der Deckel ist ebenfalls fast staubfrei. Du weißt, was das bedeutet?“ „Ja, dass eure Sklaven in Baiae ihre Arbeit lockerer sehen. Hier hat lange niemand gewischt.“ „Aber nein, bei Apollo! Das bedeutet, dass hier erst vor kurzem jemand den Schlüssel herausgeholt hat.“ „Ja und? Was ist denn daran verwunderlich? Der Reiter den wir getroffen haben, der hat doch gesagt, dass er ein paar Sachen für Gaius abgeholt hat.“ Lucius‘ Augen blitzten. „Marcus Caelius Rufus, der beredte Verführer und Gaius Cornelius Cethegus, der brutale Schläger? Meinst du etwa, Gaius sagt solchen Leuten, wo der Schlüssel liegt, wo er doch seinem eigenen Bruder nicht mehr vertraut…?“
            Mit metallischen Zischen fuhr ein Schwert aus der Scheide: „Halt wer da?“ Die massige Gestalt von Thrax baute sich vor den Jungen auf. Trotz seiner beeindruckenden Größe hatte er sich lautlos heranschleichen können. Rufus war beeindruckt. „Ach ihr seid es. Was macht ihr hier?“ Lucius atmete tief durch, nach dem ersten Schreck. „Ach nichts, nur ein wenig umherwandeln.“ Thrax hielt den Kopf schräg und kniff ein Auge zusammen. „Jetzt – mitten in der Nacht?“ „Wir konnten nicht schlafen und da habe ich Rufus die Geschichten der Statuen erzählt.“ Rufus gähnte. „Siehst du? Hat schon gewirkt. Dann können wir ja wieder schlafen gehen.“ Verwundert blickte Thrax ihnen hinterher und kratzte sich am Kopf.

[…]
[Am nächsten Morgen...]

            Als Rufus und Lucius das Studierzimmer betraten, saßen die Mädchen schon in ihren Korbsesseln. Anstatt sie jedoch ungeduldig zu erwarten, hatte Crispus seinen Sessel zum Fenster geschoben und lehnte gemütlich mit den Füßen auf dem Fenstersims, während er die Hände hinter dem Kopf verschränkt hatte. Versonnen blickte er auf das Meer hinaus. Wenn Staunen zu erregen für die Lehre der Philosophie wichtig war, so gab Crispus sein Bestes, um dieses Ziel zu erreichen. So hatten die Kinder ihren Lehrer noch nie gesehen. „Als aber Eos am Horizont erschien, die rosenfingrige, da lagen Lucius und Rufus noch im Bett“, feixte Crispus. Langsam schob er seinen Sessel wieder zurück. „Setzt euch! Mal sehen, was für Antworten euch eingefallen sind.“
            „Nun denn, eine möglichst kurze Antwort zu: Woraus besteht die Welt?“ Stille. „Irgendwas muss euch doch eingefallen sein. Lucius!“ „Menschen? Alles was zählt, sind Menschen.“ Crispus zwirbelte seinen blonden Bart. „Eine schöne Idee, Sokrates und Diogenes könnten dir vielleicht sogar zustimmen. Die kommen aber später und was wäre sonst mit all den andern Dingen auf der Welt?“ Niemand entgegnete etwas. „Fabiulla, du hast doch immer etwas zu sagen…“ „Menschen, Tiere und Pflanzen?“ „Hm, was wäre dann z.B. mit Steinen?“ „Gut dann eben Menschen, Tiere, Pflanzen und Steine.“ Fabia grinste zufrieden. „Seht ihr, die Lösung war so einfach!“ Crispus verschränkte die Arme. „Nicht so schnell. Was ist mit Wasser?“ „Na gut, dann eben auch Wasser…“ „Und Luft? Und Erde? Und Schwefel? Ich wüsste so noch viel mehr…“ Fabiullas Grinsen erstarb. Nein, so war keine kurze Antwort zu erreichen. „Belebtes und Unbelebtes“, schlug Fabia vor. Crispus erhob sich überrascht. „Gar nicht schlecht! Wirklich! Und das von einem Mädchen!“ Fabiulla machte ein böses Gesicht. Fabia schien solche Bemerkungen schon lange gewohnt zu sein, sie zeigte keine Anzeichen von Verärgerung. „Aber geht es nicht noch kürzer, mit nur einem Wort?“ Stille. „Was hat denn unser kleiner Barbar für eine Idee?“ Rufus schwitzte. Schnell, ein kluger Einfall, sonst stand er als dumm da. „Geld“, brachte er schließlich hervor. Crispus musterte ihn erstaunt. „Geld? Eine interessante Idee, vor allem da sie von dir kommt. Mit Geld kann man alles kaufen, sogar Macht und Einfluss, meinst du?“ Rufus nickte erleichtert. So genau hatte er sich das nicht überlegt, aber wenn Crispus meinte... „Aber was ist mit den Tieren, die ohne Geld auskommen und den ganzen Völkerschaften wie die Nomadenstämme?“ Rufus zuckte hilflos mit den Achseln. „Vielleicht bist du schon zu lange unter Römern“, kicherte Crispus. „Nun, unter griechischen oder phönizischen Händlern hätte es noch schlimmer sein können, da würden dir sicher einige zustimmen…“ „Was stimmt denn nun?“, fragte Fabiulla ungeduldig. „Das ist jetzt nicht wichtig.“ Verblüfft starrten ihn alle an. „In der Philosophie zählt nicht so sehr die Antwort. Die Frage und die Überlegung sind viel wichtiger.“
            Crispus setzte sich wieder in seinen Sessel und verschränkte die Arme hinter seinem Lockenkopf. „Die Philosophie…. Wenn ich euch frage, wer die Welt erschaffen hat, dann würdet ihr natürlich antworten…?“ „Chaos, Gaia und Eros!“, rief Fabiulla schnell.“ „Schön! Chaos, die gähnende Leere des Raumes, dann Gaia, die Erde, und Eros, das Liebesbegehren – selbst die Urgötter haben einen Stammbaum… Die Epen von Hesiod und Homer, die uns die Ursachen der Welt lehren - Götter, die Menschen wie Spielzeug benutzen… Im Mythos kennst du dich wirklich gut aus, Fabiulla.“ Sie lächelte freudig. „Aber überlegt einmal kurz: Habt ihr Chaos und Gaia schon einmal am Werk gesehen, oder einen anderen der unsterblichen Götter?“ Die Kinder dachten angestrengt nach. „Iupitter“, merkte Lucius verunsichert an, „wenn er donnert und regnet oder Blitze wirft?“ „Hast du ihn denn dabei gesehen?“ Verwirrt schüttelte Lucius den Kopf. „Könnt ihr euch denn vorstellen, wie das genau funktioniert? Mit einem Sturm, mit dem Regen, den Blitzen und den Wolken?“
            „Thales konnte das. Thales von Milet gilt als Vater der Philosophie. Ihr kennt ihn bereits aus der Mathematik.“ Lucius verzog das Gesicht. „Der Satz des Thales! In einem Halbkreis sind alle Winkel am Winkelbogen rechte Winkel…“ „Schön Fabia, aber heute wollen wir uns den Philosophen Thales betrachten, nicht den Mathematiker – obwohl für ihn beides dasselbe gewesen wäre.“ Crispus räusperte sich. „Für Thales war jedenfalls nicht mehr die Willkür der Götter die Ursache für alle Vorgänge in der Welt. In einem Sturm steht nach Thales nicht Iupitter persönlich, der die Luftmassen schiebt oder gar Blitze aus seiner Ägis schüttelt und Wolken presst, bis sie regnen. Thales vermutet, dass schlicht unterschiedliche Temperaturen ausgeglichen werden, so wie im Hypokaustum warme Luft die kalte mit Wucht verdrängt. Blitze entstehen durch Reibung, wenn Wolken auseinanderreißen, Wolken regnen, wenn sich zu viel Wasser in ihnen sammelt.“ Verblüfft sahen sich die Kinder an. So hatten sie die Welt noch nie betrachtet. Konnte das wirklich wahr sein? Wozu brauchte man dann überhaupt noch Götter? Crispus schien ihre Bestürzung zu bemerken: „Keine Angst, ich lehre euch nicht, gottlos zu sein. Kein Römer frevelt gerne“, grinste er, „nicht einmal ein Grieche wie ich. Auch Thales glaubte an die unsterblichen Götter: »Alles ist voller Götter«, soll er gesagt haben. Der Ursprung allen Seins, war für ihn göttlich, der Urgrund aber ein rational erkennbarer Urbaustoff, der nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten der Natur zu allem anderen zusammengefügt werden kann.“ Rufus machte große Augen. Ein einziger Urbaustoff, aus dem alles besteht? Was konnte das nur sein?
            „Nach Aristoteles war Thales der erste, der nach dem Urgrund aller Dinge suchte, nach einem einzigen Grundelement für alles Seiende. Und er war der erste, der versucht hat, Gesetze der Natur zu finden und festzuhalten: Gesetze, die überprüfbar und beweisbar sind. Die Philosophen sind seit Thales nicht mehr von zufälligen Beobachtungen der Natur abhängig. Sie stellen genau Regeln für gleiche Abläufe auf. Deshalb nennt man die ersten Philosophen auch »Naturphilosophen«.“ Was ist jetzt aber für Thales der Urgrund aller Dinge?“, platzte es aus Rufus heraus. Vergnügt blinzelte im Crispus zu: „Woraus besteht alle Nahrung? Woraus alles Belebte? Woraus Nebel, Regen und Meer?“

[…]

            „Lucius!“, flüsterte Rufus plötzlich, als sie schon im Bett lagen. „Das ist doch jemand!“ Vorsichtig stieg Rufus aus dem Bett, griff sich das Nachtgeschirr und schlich hinter die Tür. Er machte Lucius ein Zeichen, ihm zu folgen. Leise knarrend öffnete sich die Tür einen Spalt. Rufus hob den Arm mit dem Nachttopf, Lucius riss die Türe auf und sprang zur Seite. Niemand. Mit dem Windstoß schlug die Tür wieder zu. „Ich war mir so sicher, dass jemand hinter der Tür steht. Ich habe schon fast seinen Atem gespürt.“ Lucius gähnte. „Das war nur der Wind. Ich habe dir doch gleich gesagt, dass wir die Fenster besser zu machen. Bei dem Durchzug kann man sich leicht täuschen und alles Mögliche glauben, was gar nicht da ist.“ „Oder auch etwas nicht bemerken, was da ist“, verteidigte sich Rufus. „Wenn da jemand gewesen wäre, hätten wir auch glauben können, dass es nur der Wind war. Denk an Parmenides: »Alle Sinneseindrücke sind Täuschung«. Immer besser, nachzusehen.“
            „Hm…“ Lucius rieb sich nachdenklich das Kinn. Rufus schlurfte wieder zu seinem Bett. „Sinneseindrücke sind wirklich unzuverlässig. Weißt du, in der ersten Nacht bei euch zu Hause, da habe ich allerhand wirres Zeug geträumt, von dem Suebenkönig, der mich entführen ließ, vom Krieg der Römer gegen die Allobroger und vom Schwert des Luernios. Einen Moment lang wusste ich nicht, ob ich noch im Traum kämpfe oder im Zimmer stehe und jemandem einen Fausthieb versetze, der »Ai« schreit.“ Lucius blickte ihn verwundert an. „Wo hast du ihn den erwischt?“ „Die Traumgestalt? Mit rechts, also wahrscheinlich unter dem linken Auge. Ein komische Sache übrigens, ich hätte schwören können, dass das Schwert nach meinem Traum wieder an der Wand hing, obwohl ich es nicht gesehen habe, als ich ins Bett ging. Catugnatos, Ollugnio und Crixos hatten es schon im Allobrogerzimmer vermisst. Aber am Morgen hing es an der Wand, als wäre nichts gewesen. Außer, dass Blut auf der Schneide war… aber was hast du denn?“ Lucius war auf einmal sehr blass geworden. Dann schritt er energisch Richtung Tür. „He, wo willst du denn hin?“ „Zum zweiten Mal in denselben Fluss steigen – komm mit!“
            Leise schlichen sie durch die Korridore entlang. Rufus fand die Statue der Medusa mit ihrem stechenden Blick immer noch gruselig, vor allem jetzt da der Wind um das Haus heulte. Fabiulla hatte ihm den Mythos erzählt: Medusa war einst sehr hübsch gewesen, doch hatte sie die Göttin Minerva erzürnt, die sie mit Neptun in ihrem Tempel erwischt und sogleich verwandelt hatte. Schlangenhaare, Flügel und lange Eckzähne: Ihr Blick ließ jeden Mann zu Stein erstarren, selbst noch nachdem der Held Perseus ihr den Kopf abschlug. Böse funkelte sie ihn aus ihren Glitzeraugen an. Hatte sie sich etwa gerade bewegt? Täuschte er sich oder stand sie heute anders auf ihrem Podest? Er versuchte sich mit dem Philosophen Parmenides zu beruhigen: Alle Veränderung, die wir glauben, mit unseren Sinnen wahrzunehmen, ist nur Täuschung. Trotzdem…
            Schließlich winkte ihnen der Gott Merkur mit dem Flügelstab der zwei Schlangen. „Und jetzt?“ Lucius beugte sich über die Flügelschuhe. „Dass der Schlüssel fehlen soll, ist nicht logisch. Warum sollte Caelius ihn zu Gaius nach Rom bringen? Gaius hat doch schon einen, bei sich, in seinem Zimmer. Wenn er nach Baiae kommt, bringt er ihn immer mit. Der hier sollte nur für Notfälle sein, wenn er über Nacht länger weg ist oder wenn er vergessen hat, den aus Rom mitzubringen. Sein Notschlüssel sollte also immer hier sein.“ Rufus zog die Augenbrauen herunter. „Aber hier haben wir doch schon gesucht…“, wollte er gerade widersprechen. „Heureka!“, unterbrach ihn Lucius. „Heraklit hat Recht! Man kann tatsächlich nicht zweimal in denselben Fluss steigen!“ „Was? Wie meinst du das?“ „Heraklit, der Philosoph! Jetzt habe ich ihn verstanden! Ich habe zweimal nachgesehen, doch nicht zweimal mit demselben Ergebnis. So wie mit dem Fluss: Steigt man zum zweiten Mal in den Fluss, hat er sich schon verändert – und wir auch“. Rufus machte ein recht hilfloses Gesicht. „Na du weißt schon: Das Wasser ist bereits weiter geflossen, man schwimmt schon in anderem Wasser, oder was immer der Fluss mit sich schwemmt und…“ Lucius kratzte ein wenig auf der Rückseite des Sockels herum, „… auch hier ein anderes Ergebnis.“ Mit einem triumphierenden Lächeln holte er einen kleinen Bronzeschlüssel hervor. „Direkt hinter der ersten Höhlung war eine zweite! Der Eindruck, den man bei oberflächlichem Hinsehen bekommt, dass die Höhlung leer sei, ist tatsächlich nur Täuschung!“
            Ein gedämpftes Klacken, ein ächzendes Geräusch und die Türe schwang auf. Rufus hielt den Atem an, als sie hinein huschten. Lucius schloss sachte die Türe. Die Läden vor den Fenstern waren zugezogen worden, Rufus konnte kaum etwas erkennen. Lucius öffnete die Fensterläden. Ein paar Wolkenschleier wurden vom Wind über die blinkenden Sterne getrieben. Hinter Wolkenfetzen ragte drohend der Vesuv in das Mondlicht. Der Hafen von Puteoli und die Bucht waren in gespenstisches Licht getaucht. Ein kräftiger Windstoß drang in das Zimmer und fegte ein Schreibtäfelchen von dem runden Tisch in der Mitte. „Sie sind weg!“, rief Lucius entsetzt und begann, die Schränke aufzureißen. „Wer?“ Rufus bemerkte mehrere Haken an den Wänden, die mit einem Schlachtengemälde in gedeckten Farben verziert waren. Genau konnte er es im fahlen Licht jedoch nicht erkennen. An einigen der Haken hingen griechische und römische Helme, die im Mondlicht glitzerten. In einem offenen Regal standen kleine Holz- und Tonsoldaten in Gruppen zusammen. Römer, Griechen und viele andere. Ein paar sahen wie Kelten aus. In einer aufgerissenen Truhe sah Rufus einen zusammengelegten Kettenpanzer glitzern. Die meisten Haken waren jedoch leer. Die Schränke waren ebenfalls größtenteils leer, nur ein paar Kleider und verschiedene Rüstungsteile: Kettenpanzer, Beinschienen und Helme, dazwischen waren achtlos Papyri gestapelt und immer wieder Würfelspiele. Ein Haufen gleichmäßiger Würfel mit sechs Seiten purzelte aus dem Schrank, in dem Lucius herumwühlte, darunter aber auch stabförmige Würfel, Astragal-Gelenkknöchelchen, solche mit acht und zwölf Seiten und sogar Würfelkreise, Würfelbecher und Würfeltürme. Dazu jede Menge Kleingeld ohne größeren Wert: Ein paar asses aus Kupfer, dupondii und semisses aus Messing und viele der winzigen Kupfer-quadrantes. Seltsamerweise schien sich Lucius gar nicht für die dazwischen gestopften Schriftrollen zu interessieren, die er sonst über alles schätzte. Nur ein paar Täfelchen überflog er hastig: „Schon wieder ein Schuldschein - mit seinem Siegelring darauf“.
            Lucius sah unter dem Bett nach, dann tastete er Kopfkissen, Matratze und Decke ab. Nichts. Mit einem verstörten Gesichtsausdruck setzte er sich auf das Bett und legte den Kopf auf die Knie. „Weg! Die ganzen Waffen sind weg!“ „Was für Waffen denn?“ „Die Sammlung. Gaius wollte doch schon immer Soldat werden, ein großer Feldherr gar. Großvater Allobrogianus hat ihm immer wieder etwas zum Geburtstag geschenkt. Schwerter großer Feldherren. Sein eigenes Schwert war auch darunter. Großvater hätte sich sehr gefreut, wenn Gaius gleich Militärtribun geworden wäre, statt sich in Rhetorik zu üben und im Tirocinium Fori vor Gericht als Lehrling abzumühen…“ „Schwerter großer Männer, waren die echt?“ „Das meiste sicher nicht! Gaius hatte sogar einen »Adler des Marius«. Die kann man aber hier am Golf überall kaufen. Die Griechen waren schon immer geschäftstüchtig. Ich möchte nicht wissen, wie viele dieser gefälschten Feldzeichen – und Schwerter es inzwischen gibt. Und wenn sie doch echt waren…“ Lucius schauderte „…dann wären sie noch viel weniger etwas für mich. Was hat er nur mit den Waffen angestellt?“
            Rufus dachte kurz nach. „Die Schuldscheine! Und dann die ganzen Würfel... Vielleicht hat er die Waffen verkaufen müssen, um Spielschulden zu bezahlen? Hoppla!“        Als Rufus auf Lucius zuging, rutschte er aus und fiel der Länge nach hin. Verärgert hob er das Ding auf: Er war über das Wachstäfelchen gestolpert, das auf dem Tisch gelegen hatte. „Das ist nicht Gaius‘ Handschrift! Zeig mal her!“ Lucius nahm das Täfelchen an sich. „Blabla…dankbar dafür… Zimmer und zugleich ein wenig Privatsphäre bereit gestellt hast… Schreiben von dir mit Siegelring für den Fall, dass… wenn deine Familie nicht hier… Da wir schon einmal hier waren… gleich etwas von dir geliehen … über deinen Einsatz wird Sergius sicher sehr erfreut sein!“ Mit einem Aufschrei ließ er es wieder fallen: „Sergius!“, stieß er hervor. „Sergius! Cethegus und Caelius waren für Sergius unterwegs! Gaius hat etwas mit Sergius zu tun!“ „Du meinst euren Architekten, Sergius Orata, der die Dusche und die regulierbaren Becken für die Austernzucht erfand?“ Lucius atmete schwer. „Nein! Nicht den Sergius. Der hätte wohl kaum Interesse an historischen Waffen. Ich meine Lucius Sergius CATILINA!“

   [Weiter gehts hier mit Kapitel 5]

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen