Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Freitag, 8. März 2013

7. Die Feurigen. Leseprobe aus "Donner im Keltenland"

Hier nun ein Auszug aus dem siebten Kapitel von Rufus - Donner im Keltenland. Die folgenden Links führen zu den Leseproben aus dem ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften und sechsten Kapitel.
Wie immer freue ich mich über jede Anregung und jeden Kommentar!
 
7. Die Feurigen
[Euamellin wird zufällig von Henakian, dessen Mission gescheitert ist, vor dem Ertrinken gerettet und verkleidet. Als sie auf einen Händlerzug Suartos treffen, soll Euamellin erst einmal mit diesem zu den Haeduern. Dort wäre er fürs erste in Sicherheit.]
[…]
            Nach ein paar Tagen fand sich Euamellin in Bibracte bereits gut zurecht, […] doch eingesperrt in einem fremden Haus spürte er das Heimweh nur umso stärker. […] Einen Abend später sollte jedoch noch ein unerwarteter Trost hinzukommen.
 
            Euamellin stand gerade an der Tür, durch die Troc und Hagr, zwei von Suartos Kriegern, mehrere Kisten schleppten. Vielleicht konnte er ja irgendeine interessante Ware kennen lernen, wenn die Kisten direkt in Suartos Haus und nicht in Suartos Lager gebracht wurden. Mit dem Anblick, der sich Euamellin nun bot hatte er jedoch nicht im Traum gerechnet: Ein schneeweißer Arm mit gläsernen Armreifen schob sich anmutig durch die Türöffnung, weich und gerade. Dann folgte der schlanke Zeigefinger einer weiteren Hand mit bemaltem Nagel und winkte einladend. Euamellin stand da wie angewurzelt. Ein nacktes Bein wand sich unter dem Klingeln von Glöckchen ins Innere des Raumes. Sprachlos und mit offenem Mund beobachtete Euamellin das Schauspiel. Schließlich verschwanden Arme und Bein und es zeigte sich der lausbubenhaft lächelnde Kopf eines ungefähr sechzehn oder siebzehn Jahre alten Mädchens mit langen hellbraunen Haaren, die zu langen Zöpfen geflochten waren. „Nanu, wer bist du denn?“, fragte sie, während ihre dunklen Augen voller Lebenslust aufblitzten. Euamellin stand immer noch regungslos vor dem Kopf in der Türöffnung. „Hallo? Du kannst doch sprechen, oder?“ „Ich äh, äh…“, stammelte Euamellin verwirrt. Das Mädchen senkte ihre dunklen Brauen. Um ihren glänzenden Schmollmund bildeten sich zwei schelmische Grübchen. Dann tanzte sie schlängelnd herein und ihr grünkariertes Kleid wehte hin- und her. „Na, mein lieber »Ich-äh-äh«, kommst du vom Stamm der »Ähm-och-ähs« oder hast du noch nie eine Frau gesehen?“ Euamellin versuchte sich wieder zu sammeln. „Milmass“, brachte er jedoch nur heraus. Hilflos und verlegen wurde er von der Fremden umtanzt, die lasziv mit ihrem bunten Schleier spielte. „»Schönes wildes Tier«? Meinst du mich“, fragte sie mit einem kehligen Lachen. Sie zeigte mit dem Zeigefinger auf seine Brust. „Oder ist das dein richtiger Name? Kannst du zu einem richtigen Tier werden, mein Kleiner?“ Milmass setzte sich neben Euamellin auf die Hinterpfoten und bellte anerkennend.
            „Drumasua, jetzt ist es aber genug! Schau mal wie sehr du unseren Gast in Verlegenheit gebracht hast: Er ist so rot angelaufen wie Erz im Feuer“, dröhnte Suarto. „Wangen, so rot wie der Fingerhut im Moor“, stammelte Euamellin nur leise. Drumasua kicherte. „Eher so rot wie Schminke. Reicht es dir nicht, dass du im Hause deines Vaters so vielen jungen Männern den Kopf verdreht hast, bis er dich zu mir geschickt hat? Schminksüchtig ist sie, das ist alles. Auf Wange und Mund klebt schlicht Ruan-Kraut-Extrakt und Beerensaft in den Brauen. Hoffentlich hat sie darüber nicht das Waschen mit Seife vergessen, denn…“ „Aber Onkel!“ Drumasua hatte ihre Fäuste in die Hüften gestemmt und stampfte nun wütend mit dem Fuß auf, so dass die Glöckchen im Saum ihrer Tunika klingelten und ihre Armreifen klapperten. Dann legte sie beide Handflächen in gespieltem Entsetzen auf ihre Backen und neigte sich vornüber: „Wo sind denn nur deine Manieren? Würdest du uns bitte vorstellen?“ Suarto verschränkte seine massigen Arme. „Du kleine..… Na gut! Geheimnisvoller Gast, das ist meine Nichte, ein unausstehlicher kleiner Quälgeist. Unausstehlicher kleiner Quälgeist, dies ist der geheimnisvoller Gast.“ „Suarto!“ Drumasua schaute nun dermaßen verärgert drein, dass Suarto sich vor Lachen den Bauch halten musste. Er nahm einen Bronzespiegel und hielt ihn ihr entgegen. Schließlich stimmte auch seine Nichte ins Lachen mit ein. „Euamellin, darf ich dir meine reizende Nichte vorstellen? Drumasua, Tochter meines Bruders Epomaro. Drumasua, dies ist Euamellin, Sohn des Snevemin und Neffe meines Gastfreundes Hristo, Sohn des Staveno. Dass das »große Pferd« so etwas Hübsches hervorbringen kann, ist kaum zu glauben, nicht wahr? Ich dachte bisher, er kann nur Met.
[…]
            Am nächsten Morgen erlaubte Suarto Euamellin wieder, ein wenig in Bibracte herumzulaufen. Dafür musste er seine Haare erneut mit Kohlestaub färben. Drumasua half ihm gerne dabei. Suarto gab ihm noch Troc und Hagr mit, während er selbst »Geschäfte zu erledigen« hatte, wie er es nannte. Drumasua verabschiedete ihn mit verschränkten Armen und einem säuerlichen Gesichtsausdruck. „Viel Spaß! Viel zu sehen gibt es hier aber sowie so nicht. Zumindest nicht vor Einbruch der Dämmerung…“
            Als erstes wollte Euamellin zum Quellheiligtum, da ihm Drumasua bereits darüber erzählt hatte, wie schön es sei, sich dort zu verabreden. Das Becken stand in der Mitte der Hauptstraße. Leise gluckernd sprudelte das Wasser hervor, glitzerte in der Sonne, plätscherte über den Rand und floss in einen Kanal Richtung Nordeingang.
[…]
            „Uff - könnt ihr nicht aufpassen, ihr Vogelscheuchen?“ Ein paar Umstehende begannen zu kichern. Hübsch sahen die beiden Krieger wirklich nicht aus, der eine äußerst muskulös und breit gebaut, mit Resten schwarzer Haarbüschel auf seinem blankem Schädel; der andere lang, dürr und sehnig mit struppig verfilzten strohblonden Locken. Angespornt von den Lachern, die er erhalten hatte, fuhr der Mann fort. „Los ihr Witzfiguren, macht den Weg frei. Geht auf die Felder, Vögel verjagen!“ Euamellin sah, wie die Wut in seinen Begleitern kochte. Die beiden Krieger hatten sich nur noch mit Mühe unter Kontrolle. Milmass fletschte knurrend die Zähne. „Bitte, werte Herren, lasst gut sein“, bat Euamellin, „es tut uns leid, wir hatten nicht vor, im Wege zu stehen.“ „Und wo kommst DU her? Mit dem Akzent bist du sicher kein Haeduer aus der Gegend! Elend und hässlich, wie ihr ausseht, könntet ihr direkt Sequaner sein, oder gar Germanen…“ Krachend schlug Trocs Faust im Gesicht des Mannes ein. Blutstropfen spritzten aus seinem Nasenloch, während er nach hinten flog. „Hmpf!“ Was zu viel ist, ist einfach zu viel, dachte Troc. Die Kameraden des Getroffenen griffen ein, im Nu war eine wüste Schlägerei im Gange. Euamellin bekam einen Schlag ab, der Hagr gegolten hatte und taumelte rückwärts. Milmass stürzte sich auf den Mann, der seinem Herrchen den Schlag verpasst hatte, biss ihm in den Arm und riss ihn zu Boden. Die ersten zogen ihre Schwerter und Dolche. Hell tönend prallte Stahl auf Stahl. Von der Gefahr elektrisiert war Milmass plötzlich wie ausgewechselt. Mit dunklen Gurgeln grub er seine Zähne tief in das Fleisch seiner Gegner. Noch nie hatte Euamellin erlebt, dass sein Hund richtig zubiss. Zum ersten Mal sah er den trainierten Kampfhund in ihm, zu dem man ihn ausgebildet hatte. Lange konnte er jedoch nicht über die Veränderung von Milmass staunen. Irgendjemand hob Euamellin hoch, dann landete er mit lautem Klatschen im Quellbecken.
            Uh, war das kalt! Euamellin schüttelte sich. Um herum färbte sich das Wasser schwarz. Innerhalb weniger Augenblicke hatte sich eine große Menschenmenge um ihn herum gebildet. Alle starrten ihn an, die Schlägerei war ebenso schnell beendet, wie sie angefangen hatte. Selbst Milmass hatte sich wieder beruhigt und wedelte friedlich mit dem Schwanz. Alle starrten Euamellin an. „Gütige Ahanehiae, ein Wunder! Die Quellnymphen haben seine Haare goldrot erstrahlen lassen!“ Verwundert blickte Euamellin an sich hoch. Tatsächlich, der Kohlestaub war fast ganz weggespült, seine nassen Haare glitzerten rotblond in der Sonne. „Dieser Junge muss ein Liebling der heiligen Quelle sein!“ „Sicher haben die Nymphen ihn weise gemacht.“ „Aber wer ist das und wo kommt er her?“ „Kommt, den fragen wir aus!“
            Als Suarto davon erfuhr, war er außer sich. „Taranis soll euch beim Scheißen treffen, ihr Idioten“, brüllte er Troc und Hagr an. „Nennt ihr das etwa »kein Aufsehen erregen«, wie ich es euch eingeschärft hatte?“ Hagr stand schuldbewusst mit hängendem Kopf da. Troc starrte geistesabwesend zu Boden und schien vor sich hin zu dösen. Keiner von beiden sagte einen Ton. „Schließlich wisst ihr zwei doch am besten, dass man bei uns einen Fremden selbst in der Schankstube so lange festhält, bis er jede erdenkliche Information preisgegeben hat“, tobte Suarto wie ein wildgewordener Bär um sie herum. Selbst Drumasua stand schüchtern in einer Ecke. So kannte sie ihren Onkel gar nicht. Nicht einmal sie hätte es im Moment gewagt, etwas zu sagen. „Jetzt weiß auch der Letzte über Euamellin Bescheid. Ihr solltet doch aufpassen, dass er nicht als Fremdling auffällt, oder?“ „Hm, Schankstube“, murmelte Troc, dessen Aufmerksamkeit kurz zurückkam - wie immer wenn sein Lieblingsort erwähnt wurde. Suarto verpasste ihm rüde eine Kopfnuss. „Kannst du denn überhaupt nichts anderes als Saufen und Kämpfen, du Saufnase?“ „Hmpf?“ Verblüfft glotze ihn Troc unverständig an: Trinken und Kämpfen, gab es für einen richtigen Mann etwa noch etwas anderes, was zählte? „Beim Taranis, was für Idioten!“ „Und wenn man ihm einfach wieder die Haare färben würde?“, schlug Hagr vor. „Beim Esus! Du Nachgeburt des Unverstandes! Als ob man seine Herkunft jetzt noch geheimhalten könnte“, fluchte er. „Nirgends ist man so wild auf Neuigkeiten wie in unserem vermaledeit neugierigen Bibracte! Ich sollte euch beide aus dem Haus jagen! Ich habe schon zig Anfragen von anderen Ratsmitgliedern und Händlerkollegen, wen ich da unter meinem Dach aufgenommen habe.“ Suarto holte tief Luft. „Heute Abend bin ich zu einer wichtigen Feier eingeladen, da kann ich unmöglich fehlen. Mehrere Gäste anderer Stämme sind anwesend.“ Er stemmt seine Fäuste in die Hüften und musterte mit zusammengekniffenen Augen seine beiden Krieger. „Euamellin bleibt auf jeden Fall erst einmal hier – und ihr zwei bewacht ihn! Ihr wisst doch noch, wie das geht – oder?“
            Ein Bote trat ein und überreichte Suarto ein Wachstäfelchen. Suarto las es durch und schleuderte es wütend zu Boden, wo es in mehrere Stücke zersprang. „Beim Teutates, auch das noch! Ich soll unbedingt den »weise gewordenen Germanenjungen« mitbringen. Du bist nun eine Attraktion für Abendveranstaltungen, Neffe des Hristo.“ Erschöpft sank Suarto auf eine große Truhe und brütete dumpf vor sich hin. „Wäre so ein Fest nicht die ideale Gelegenheit, Drumasua mitzunehmen“, versuchte es Euamellin. „Neben ihr würde ich bestimmt niemandem auffallen!“ „Nicht auffallen? In Begleitung einer jungen Frau wie Drumasua bei einem Treffen von Männern - und nicht auffallen? Ich falle gleich über dich her, Du…“ Suarto war so wütend, dass er schon drauf und dran war, Euamellin eine Ohrfeige zu versetzen. Schnell sprang Drumasua dazwischen und baute sich drohend vor ihrem Onkel auf. „Wage es ja nicht, mich anzurühren!“ Spöttisch verschränkte Suarto seine mächtigen Arme. „Dich anzurühren? Aber woher denn. Muss ich auch gar nicht. Wozu habe ich denn meine Männer? Troc, Hagr - schafft sie mir aus dem Weg!“ Drumasua machte ein entschlossenes Gesicht, schüttelte ihre Fäuste und tänzelte hin und her, wie ein Faustkämpfer. Troc und Hagr an blieben stehen und sahen sich unschlüssig an: Durfte man denn gegen eine Frau kämpfen? „Na macht schon! Packt sie einfach und hebt sie hoch!“ „Au!“, meckerte Hagr und hielt sich die Wange. Drumasua hatte ihn schmerzhaft an der Wange gekratzt. Als sich Troc etwas zu umständlich näherte, fegte sie ihm mit einem gekonnten Tritt das Standbein weg. Ungläubig staunend fiel er um wie ein gefällter Baum. „Und die wollen meine besten zwei Krieger sein“, grinste Suarto sichtlich entspannt. Als Troc noch immer mit derselben Haltung am Boden lag, mussten alle schallend lachen. „Na schön“, meinte Suarto und wischte sich eine Träne aus seinem Auge. „Dann wollen wir mal sehen, wie wir das einigermaßen unauffällig überstehen können. Aber Drumasua bleibt hier! Du kannst ja Milmass etwas auf der Leier vorspielen, wenn du Gesellschaft willst.“ „Bäh!“ Drumasua streckte ihre schlanken Arme nach hinten und ihrem Onkel die Zunge heraus. „Ihr werdet schon sehen! Mit mir wäre Euamellin sicher viel weniger in Gefahr!“
 
            Es roch nach dem berühmten gepökeltem Schweinefleisch nach sequanischer Art, eingelegten Rinderhälften, Hirschragout und mit Kreuzkümmel gebackenem Lachs. Gebratene Hähnchen machten die Runde. Wein, Met und Bier wurden verschwenderisch gereicht. Leuchter mit leicht rußenden Öllampen hingen an Ketten von der Decke herunter. Im überdachten Säulengang des zentralen Innenhofes spielte Sugiamolon auf einer großen Leier. Euamellin war angenehm überrascht: Sugiamolon war ein wahrer Meister seiner Kunst, einer der Barden, bei dem Lellavo seinerzeit in die Lehre gegangen war. Er sang von tragischer Liebe und Helden, die im Kampf gefallen waren. Dabei untermalte er seine Geschichten mit zarten Klängen seines Zupfinstrumentes.
[…]
            Suarto war von Beginn an nicht von Euamellins Seite gewichen und hatte ihn nahezu perfekt abschirmen können. Auf Fragen an ihn, antwortete immer Suarto. Suarto konnte meisterhaft ausweichen und wusste genau, wie man andere die Lust verlieren lassen konnte, sich weiter zu unterhalten. Suarto gestaltete die Geschichte um Euamellin gekonnt langweilig. Viel zu langweilig für die heißblütigen Haeduer. War die erste Neugier gestillt, verloren die Gäste schnell das Interesse an dem kleinen Germanenjungen, der weit weniger barbarisch und aufregend schien als erwartet, dafür aber viel schüchterner.
            Nachdem Suarto erfolgreich die ruhigste und langweiligste Ecke gebildet hatte, wurde er zunehmend selbst unruhig. „Ich muss mich jetzt auch ein wenig unter die Leute mischen, das wird von mir erwartet. Ein paar Gäste muss ich jetzt wieder mit ein paar spannenden Geschichten auf mich aufmerksam machen, bevor niemand mehr mit mir etwas zu tun haben will; günstige Gelegenheiten wahrnehmen, Geschäfte abschließen und so weiter, du verstehst? Versuche auf jeden Fall, so wenig wie möglich aufzufallen! Geh am Besten in die dunkle Ecke da hinten und warte da auf mich. Und halte dich unbedingt von Dumnorix fern, beim Esus! Versprich mir das!“ Damit verschwand Suarto in der Menge. So herausgeputzt erkennt man ihn fasst nicht wieder, dachte Euamellin, in so feinen, farbenfrohen Karokleidern, gut rasiert bis auf einen sorgfältig gestutzten Schnurrbart… Folgsam ging in die unbeleuchtete Ecke. Er fühlte sich erneut sehr einsam. »Immer das Beste daraus machen«, fiel ihm ein Spruch Suartos ein. So machte Euamellin es sich auf dem Boden so gemütlich, wie er nur konnte und sah sich ein wenig um. Gegenüber unter einem Bronzeleuchter mit kleinen Öllämpchen wurde Fladenbrot und Lachs gereicht. Davor stand ein ziemlich großer Mann in sehr teurer und zugleich akkurat gepflegter Kleidung und schien auf jemanden zu warten. Der Mann mit den regelmäßig geflochtenen blonden Zöpfe und dem Oberlippenbart fiel ihm sofort auf - vor allem, wenn er mit anderen vorübergehenden Gästen das eine oder andere Wort sprach. Zuerst dachte er, der müsse sich am Fladenbrot verschluckt haben und ein wenig davon würde ihm immer noch in der Kehle hängen. Oder sprach er überhaupt gar kein Keltisch? Das musste doch irgendwie rauszukriegen sein, was der da sprach! Aber bei all dem Lärm konnte Euamellin ihn nicht richtig hören. Möglichst unauffällig kam er näher heran, wie wenn er ziellos durch den Raum schlendern würde. Jetzt konnte er ihn besser verstehen. Eigenartig - da, wo Euamellin ein »a« erwartete, klang es bei dem Mann eher wie eine Art »o«. Dazu eine sehr gedehnt langsame Aussprache, die Eigenheit, die Wörter immer auf der ersten Silbe oder, wenn das überhaupt möglich war, sogar noch davor zu betonen… Ach so! Das musste wohl einer der Helvetier sein!
            „Du schaust mich doch schon länger an, oder?“ Euamellin biss sich auf die Lippen. Er hatte doch nicht auffallen sollen. „Verzeih, ich wollte dich nicht beleidigen.“ „Du musst der kleine Gérmonenjunge sein, nícht wohr?“ Euamellin zog die Augenbrauen herunter. „Germanenjunge? Ich bin vom Stamm der Ubier!“ Sein Gegenüber ließ ein kehliges Lachen erklingen. Ob er vielleicht einfach nur erkältet war? Ein paar weitere Männer gesellten sich interessiert zu ihnen. „Ouch guat, junger Ubier. Dein Volk hotte einmol einen gonz guaten Ruf unter den Stämmen der Gérmonen, oder? Doch jetzt mochen euch die Sueben schwer zu schaffen, nícht wohr?“ Euamellin sah zu Boden und nickte stumm. „Koin Grund, sich zu schämen! Uns ouch. Immerhin woren unsere Stämme stork génug, dass mon sie nicht  vértreiben konnte, Junge. Ous dem Norden kommen jetzt immer mehr Flüchtlinge: Nicht nur Hélvetier, ouch Víndeliker und ondere suchen Schutz im helvetischen Kernlond. Es wird longsom eng. Zuletzt hoben wir sogor noch die Boier oufnehmen müssen…“ Gedankenverloren starrte der Mann in die Ferne. „Ubier…“, murmelte er. Mit einem Ruck wandte er sich wieder Euamellin zu: „Ubier! Ihr seid doch ols groaße Händler békannt, oder? Sog einmol, ihr seid doch immer noch so guate Fernhändler - nícht wohr?“ Euamellin nickte. „Und du host doch sicher noch Kóntokt zu deinem Stomm, oder? Ihr müsst doch sicher eine Menge Wogen und Zugtiere zu verkaufen hoben – nícht wohr?“
            Da packte jemand den Mann schnell am Arm und zog ihn zur Seite. „Entschuldigt, Orgetorix, der Sohn des Epocaturix hat ein paar wichtige Geschäfte zu besprechen. Casticos, Sohn des Catamantaloedes, kommst Du mal eben mit?“ „Wórum diese Hektik, Dumnorix? Nun jo, ihr heißt wohl zu Recht »Hoedui«, die Feurigen.“ Da trat Diviciacos aus der Menge und stellte sich ihnen mit verschränkten Armen in den Weg. „Du und Orgetorix, der »König der Totschläger«. Bruder, das scheint mir keine gute Gesellschaft zu sein!“ „Kümmere du dich doch um deine religiösen Bedenken, Druide!“ Damit schob Dumnorix seinen älteren Bruder aus dem Weg und bahnte sich zusammen mit dem Helvetier Orgetorix und dem Sequaner Casticos einen Weg nach draußen. Diviciacos schaute ihnen noch eine Weile nach, dann wandte er sich Euamellin zu. „Entschuldige den kleinen Familienzwist, Euamellin, Neffe unseres Gastfreundes Hristo.“ Ängstlich starrte Euamellin ihn an. Er weiß, wer ich bin! Wahrscheinlich erinnert er sich an mich. „Es freut mich, dich gesund wiederzusehen. In Vesontio glaubten alle, die ubische Geisel des Ariovistos wäre im Dubis verendet, wie das Pferd, das man mit aufgeschlitztem Bauch am Flussufer gefunden hat.“ Besorgt blickte Euamellin um sich. Ob seine unbezwingbare Neugier ihn nun zum Verhängnis werden sollte? Er hatte doch versprochen, sich von den übrigen Gästen fernzuhalten, ganz besonders von den Söhnen des Deccomarus! Ob Dumnorix und sein Bruder ihn nun beseitigen lassen würden? Doch Diviciacos streckte ihm nur freundlich lächelnd die Rechte entgegen: „Willkommen in Bibracte, mein Junge. Keine Angst, von mir hast du nichts zu befürchten.“
[…]
            Euamellin drückte sich wieder in die dunkle Ecke und wartete. Wo Diviciacos nur blieb? War es so schwer, Suarto wieder zu finden? Mit seiner bärenhaften Statur war er doch nur schwer zu übersehen! Nanu? Was war das? Auf einmal waren die Öllämpchen am Bronzeleuchter gegenüber ausgegangen, an dem sich ein paar breitschultrige Männer vorbeigedrückt hatten. Die sind wohl schon so betrunken, dass sie am Leuchter hängenbleiben, dachte Euamellin. Wenigstens hat sich keiner verbrannt. Na endlich, da kommen sie ja. Komisch, der ist ja viel zu klein für Suarto… Moment, das sind doch Dumnorix und … Orgetorix, der Helvetier. Dahinter kommen noch zwei. Casticos, der Sequaner. Und der andere? Die vier Männer flüsterten noch etwas im Dunkeln, darauf winkte Dumnorix knapp in den Raum hinein. Es sah aus, wie eine Art Zeichen. Dann gingen sie hinaus. Euamellin wollte unbedingt wissen, warum sie so geheimnisvoll taten. Ob er wohl einen Blick auf den vierten Mann erhaschen könnte? Nur einen ganz kurzen. Oder ob er doch lieber auf Diviciacos und Suarto warten sollte? Seine Neugier gewann schließlich die Oberhand. Nur ein ganz kurzer Blick, was kann da schon passieren, dachte Euamellin. Behutsam folgte er den vier Männern. Vorsichtig drehte er sich noch einmal um. Gut, es war ihm niemand gefolgt. Als er aus dem Türrahmen geschlichen war, konnte er zwei der Männer deutlich erkennen. Aha der vierte Mann und noch ein fünfter. War das nicht einer von den beiden, die ich gerade zusammen mit Diviciacos beobachtet habe? Wie hieß er noch gleich, Litaviccos…? Da wurde er plötzlich von der Seite von zwei Männern gepackt. In Windeseile fand er sich gefesselt und geknebelt auf dem Boden wieder. „Jetzt haben ihn, Sohn des Deccomarus! Wie befohlen, ohne Lärm und ohne Aufsehen.“ Irgendjemand stülpte ihm einen groben Sack über den Kopf und trug ihn mit großen Schritten weg. Dann wurde es vollkommen finster.

[Weiterlesen in der Leeprobe zu Kapitel 8]

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