Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Dienstag, 14. April 2015

IX. Crassus. Leseprobe aus "Catilina und die Jugend Roms"

Es folgt ein Auszug aus Kapitel Neun (zweiter Band - bisher gibt es hier Ausschnitte aus dem ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten und achten Kapitel). Anregungen und Kommentare sind wie immer erwünscht (Rufus.in.Rom@gmail.com)!

Kapitel IX: Crassus
[…] Wie gefährlich war Catilina wirklich?
»Veleda
Wie gerne hätte Rufus jetzt auf den Rat seiner großen Schwester gehört. Er versuchte auch wieder, mit Fabia zu sprechen, möglicherweise konnte sie ihm helfen.
Doch Fabia ging Rufus neuerdings aus dem Weg. Im Unterricht bei Crispus drehte sie immer den Kopf weg, wenn er in ihre Richtung sah. Lucius schien ein wenig beleidigt, dass Rufus zuletzt so viel mit Gaius unternommen hatte, und war ganz in seine Gedichte vertieft.
Dafür war Fabiulla noch aufdringlicher als sonst – wenn das überhaupt möglich war. Um ihr zu entgehen, versteckte er sich in den folgenden Wochen bei Crispus in der Bibliothek, wann immer er eine freie Stunde hatte. Zur Freude seines Lehrers las er dort die Schriften Zenons und Epikurs. Vielleicht kam ihm dabei die richtige Idee.
„Au! Was zum Pluto…“
Ein Kiesel hatte ihn am Kopf getroffen, während er gerade Epikurs Brief an dessen Schüler Menoikeus übersetzte.
Rufus kratzte sich am Kopf und sah argwöhnisch nach draußen.
Rufus hatte erwartet, dass Fabiulla wieder der Zofe Agatha entwischt sei. Stattdessen stand dort Asia mit einem Finger am Mund und lächelte schüchtern. Mit der anderen Hand winkte sie ihn herbei. […]
Porträt des Crassus mit Augen (und Perücke)
M. Licinius Crassus Dives (mit Toupet)

[Rufus erhält über Cicatrix Nachrichten Nachrichten von Cicero. Da Rufus jedoch nichts vom Verbleib seines Gastbruders weiß, versucht er, die Spionageaufträge zu ignorieren. Inzwischen verschlechtert sich die Laune der Allobroger zusehends, ein gewisser Marcus Crassus blockiert das Vorhaben der Steuererleichterungen im Senat. Gaius kehrt zurück, erklärt aber nicht, wo er war. Dafür nimmt er Rufus zum Fest des Oktoberpferdes mit, einem sportlichen Großereignis in den Straßen des quirligsten Viertels Roms…]

„Hoc habet!“, rief Marcus Antonius begeistert, als ein jugendlicher Sportler sein Gegenüber mit dem Ellenbogen zur Seite geräumt hatte, dass der nur so gegen die Wand krachte und der Putz herunterfiel.
Seine Stimme war so laut, dass sie das ohrenbetäubende Gebrüll der Zuschauer noch übertönte.
„Glaubst du immer noch, dass die Sacravienses gewinnen?“
Der Sportler versuchte so weit wie möglich mit dem Pferdekopf voran zu kommen, ging aber in einem Knäul von Gegnern zu Boden.
„Abwarten!“, lächelte Marcus Caelius, wobei seine lebensfrohen grünen Augen blitzten, „am Ende hängt der Schädel wieder an der Regia am Forum“.
„Unsinn! Den nageln die Suburanenses dieses Mal an die turris Mamilia!“
Ein Sportler aus der Subura versuchte den Pferdekopf einem Mitspieler zuzuwerfen, wurde dabei jedoch von zwei Sacraviensern in die Zange genommen.
Der Schädel flog in den Laden eines Töpfers, der sein Geschäft unvorsichtigerweise offen gelassen hatte, um zusehen zu können. Beide Mannschaften drängten sofort hinterher und machten den Töpferladen zur Arena.
Nur wenige Augenblicke reichten aus, um den halben Laden zu Bruch gehen zu lassen, Amphoren brachen, Teller und Tassen flogen durch die Luft. Manche Zuschauer johlten und klatschten noch dazu.
Als die Sportler wieder draußen waren rannte der Töpfer mit Wachstäfelchen und Stilus hinterher und versuchte vom größten Tollpatsch der Suburanenses eine Schuldanerkennung zu erreichen. Stattdessen ging er nach einem rüden Tackling zu Boden und verlor das Bewusstsein.
Rufus zog Gaius am Arm und lief sofort zu dem Ohnmächtigen Töpfer hin, Gaius folgte, als er begriff, was Rufus vorhatte.
Doch die nachfolgenden Zuschauer schoben sich dem Wettstreit in dichtem Gedränge hinterher und achteten dabei auf niemanden. Nachdem sich Rufus und Gaius erst einmal herunter gebeugt hatten, kamen sie nicht wieder hoch, die ersten begannen, einfach auf sie zu treten.
Rufus bekam einen Tritt ab.
Er bekam nur noch mit Mühe Luft, sah nur noch stampfende Füße vor sich, hörte nur noch ein dumpfes Brummen.
Plötzlich wurde er mit einem Ruck in die Höhe gerissen.
„Beim Herakles, ihr wollt euch doch nicht von der Masse niedertrampeln lassen?“
Antonius hatte beherzt zugegriffen und zog sie alle drei aus dem Gedränge.
Durch die dröhnende Stimme des Antonius wurde Rufus wieder klar im Kopf.
Die Panik wich.
Nur mit dem Riechen schien es noch nicht wieder ganz zu gehen, alles was er wahrnahm, war ein starker Brandgeruch.
»Und dazu noch diese Hitze auf einmal, mitten im Oktober…«
Noch etwas benommen drehte er sich um.
Doch, da war tatsächlich ein Feuer: Beim Kampf um den Pferdekopf musste jemand eine Lampe umgestoßen haben oder hatte den Herd getroffen. Der Laden des Töpfers brannte lichterloh!
„He!“, rief Rufus, „Feuer!“
»Warum nur war kaum jemand am Löschen?«
Daheim auf dem Dünsberg hätten alle Ubier gemeinsam angepackt. War den Römern etwa ihr Wettkampf wichtiger?
Inzwischen drang das Lärmen der Bewohner der oberen Stockwerke durch das Gejohle der Zuschauer: Schreiend machten sie auf sich aufmerksam.
Dicke Schwaden stiegen aus der offenen Ladenzeile und wirbelten Funken und Ruß weit in die Höhe. Um nicht am Rauch zu ersticken, versuchten sich einige von ihnen mit einem mutigen Sprung auf das Dach des niedrigeren Nachbarhauses zu retten oder sie sprangen aus dem Fenster.
„Aber wen haben wir denn da?“, dröhnte Marcus Antonius, der eine junge Springerin auffing.
Und mit einem Blick auf ihre ringlose Hand:
„Wenn dich dein Herr verkaufen will, sag ihm, Marcus Antonius ist interessiert…“
Endlich kam Bewegung in die Menge. Viele rannten mit allerlei Gefäßen zum nahen Brunnen.
Rufus schnappte sich eine Amphore und versuchte zu helfen.
Es gab jedoch kaum ein Durchkommen gegen die Massen an Zuschauern.
»Beim Neptunus, wie soll man da nur vernünftig löschen?«
Gaius stieß Antonius in die Seite:
„Lass die Sklavin runter Marcus, wir müssen etwas unternehmen!“
Rufus drängte sich verzweifelt hindurch und leerte seine Amphore mitten ins Feuer, erzielte aber kaum eine Wirkung. Dafür ließ ihn der dichte Qualm husten.
Antonius dachte kurz nach.
Dann senkte er seinen Kopf streckte die Arme nach vorne aus und rannte mitten unter die Wettkämpfer.
„Platz da, beim Herakles!“
Er tauchte unter den Sportlern ab und war nicht mehr zu sehen.
Rufus dachte schon, dass er zu Boden gegangen sei, doch dann schob sich eine Welle von hochgerissenen Köpfen und Armen durch die Sportler, an deren Spitze schließlich brüllend der Stiernacken des Antonius auftauchte.
Einen seiner bärigen Arme nach vorne ausgestreckt, schleuderte er den Pferdkopf mit einem gewaltigen Wurf die Seitenstraße hinunter, wo er aus dem Sichtfeld verschwand – hinterher alle Sportler und der größte der Teil der Menge.
Brände gab es oft in Rom, aber den Wettkampf um den Pferdeschädel nur einmal, an den Iden des Oktober.
Unterdessen war eine größere Sklavenmannschaft eingetroffen, die allerlei Eimer, Decken und Äxte schleppte.
»Höchste Zeit!«, dachte Rufus.
Die Flammen schlugen immer höher.
Die wenigen freiwilligen Helfer würden sie nicht mehr lang unter Kontrolle halten können, auch wenn inzwischen ein älterer Herr aufgetaucht war, der sie antrieb und jeden zum Mithelfen aufforderte.
Bald wären auch die Nachbarhäuser in Gefahr.
Auf ein Kommando blieb der Sklaventrupp jedoch vor dem brennenden Haus stehen. Angeführt wurden sie von einem gelangweilt dreinblickenden Togaträger, gefolgt von einem Sklaven mit einem Weidentornister voller Schriftrollen und Wachstäfelchen, wie sie die Privatsekretäre der Anwälte auf dem Forum trugen.
„Ja warum helfen sie denn nicht?“, fragte Rufus entsetzt.
Die Hitze des Brandes hatte ihm schon die Augenbrauen versengt, dennoch wollte er das Feuer weiter bekämpfen.
Die Mannschaft versperrte nun den Weg zum Brunnen, während ihr Anführer mit dem Herrn verhandelte - scheinbar der Eigentümer.
„Die müssen die Rauchsäule gesehen haben - Crassus!“
Gaius spuckte wütend aus.
„Na, na“, wies ihn Marcus Caelius spaßhaft zu Recht, „fängst du jetzt gegen alle meine Mentoren zu stänkern an? Reicht es dir nicht mehr, Cicero zu beschimpfen?“
Gaius verzog das Gesicht und verschränkte die Arme.
„Was ist los? Ist das Crassus? Dann rede du mit deinem Mentor, Caelius, die müssen doch helfen zu löschen, nicht zu blockieren!“
Caelius lächelte und schüttelte verneinend seine rotblonden Locken.
„Nur die Ruhe. Nein, das ist nicht Crassus und die fangen auch gleich an, du wirst schon sehen. Crassus hat überall in der Stadt Klienten, die nach dickem schwarzem Rauch Ausschau halten. Wenn es brennt, kann man sich auf einen verlassen: Marcus Licinius Crassus Dives. Seine Mannschaften löschen jedes Feuer.“
„Aber nicht zu jedem Preis“, mischte sich Antonius ein. Äußerlich wirkte er ein wenig mitgenommen, seine Chlamys war zerrissen, die Tunika aufgerissen und er hatte ein paar blaue Flecken und Abschürfungen mitbekommen. Von innen heraus aber strahlte er.
„Da wir gerade über Preise reden, den Wurf hätte nicht einmal mein Ahnherr weiter werfen können, oder? Das war doch wohl preisverdächtig!“
Rufus blickte immer noch voll Sorge auf die Verhandlungen direkt vor den züngelnden Flammen, die wieder an Macht gewannen.
„Was haben die denn da noch groß aufzuschreiben? Dort ist das Feuer, gleich dahinter!“
„Na, nur keine Aufregung, kleiner Gallier!“, strich ihm Antonius ruppig über den Kopf.
„Siehst du? Sie sind schon beim Besiegeln. Wenn er länger warten würde, hätte der Alte auch nichts mehr übrig, zum Verkaufen…“
„Wie meinst du das?“
„Crassus‘ Löschtrupps löschen nur eigenes Hab und Gut. Wer nicht verkauft, der muss zusehen, wie alles verbrennt und sein Besitz schließlich gar nichts mehr wert ist.“
„Na, das geht ja noch. Dann hilft Crassus Menschen mit brennenden Häusern?“
Gaius schnaubte ungehalten.
„Crassus und helfen? Der König der feuchten Mietskasernen? Der selbst Einzimmerlöcher im fünften Stock zu Wucherpreisen vermietet? Wohl kaum! Er kauft zum Spottpreis, wenn den Besitzern nichts anderes mehr übrigbleibt. Wer gibt da schon einen harten Verhandlungspartner ab, wenn sein Besitz dabei ist, in Flammen aufzugehen. Da gibt es nur zwei Alternativen: Pleite gehen, oder zu einem Bruchteil des echten Wertes verkaufen. So ist Crassus reich geworden. Und weißt du wodurch noch? Er soll unter Sulla Unschuldige auf die Proskriptionsliste gesetzt und bei der Versteigerung alle anderen Bieter eingeschüchtert haben. Danach ließ selbst Sulla ihn fallen und nur deswegen bekämpft er gelegentlich die sullanische Ordnung und den Adelsklüngel, die selbsternannten ʺOptimatenʺ. Trauen kann man ihm aber gewiss nicht, selbst, wenn er manchmal die richtigen Leute unterstützt…“
„Ist das etwa der Grund, warum ich neuerdings nicht mehr in eurem inneren Zirkel mit dabei sein darf? Mein Mentor Crassus? Das mit den Proskriptionen ist nur ein nie bewiesenes Gerücht und außerdem rund zwanzig Jahre her. Kein Grund, mich nicht mehr zu Catilina mit zu nehmen…“
Gaius presste die Lippen aufeinander und starrte zu Crassus’ Sklaventrupp hinüber.

Montag, 30. März 2015

Seereisen - Römer und ihr Verhältnis zum feuchten Element

Gefahren und Gegebenheiten antiker SchifffahrtEinen geregelten Personenverkehr gibt es in der Antike nicht. Man muss sich in einem Handelsschiff einquartieren, oft selbst für seinen Proviant sorgen und meist an Deck schlafen. Das Fehlen von Passagierschiffen trotz großem Bedarf liegt an einer Art urrömischer Landratten-Mentalität: Wer sich alleine auf Reisen begibt, gilt als Narr, wer sich ohne zwingende Not einer Seereise anvertraut, gilt als vollkommen Wahnsinniger. So schickt das Elegische Ich in Ovids amores ein Stoßgebet gen Himmel, da seine Geliebte vor hat über das tückische Meer zu fahren (Ov.am.2,11). 56 Verse lang malt er grauenhafte Gefahren und Ängste einer Seereise aus.
Tatsächlich birgt die antike Seefahrt tödliche Gefahren. Bei einem Sturm, in dem große Lastschiffkonvois untergehen, wird immer wieder die Lebensmittelversorgung empfindlich gestört, es kommt zum Anstieg der Getreidepreise und zu sogenannten Lebensmittel-Unruhen (food-riots).
Generell drohen auf dem Meer
  • der Tod durch Kentern im Sturm oder
  • das Auflaufen auf Klippen. Ein Grund, warum viele Römer einer Gottheit für ihre unversehrte Rückkehr ein Weihegeschenk versprechen, z.B. kleine Schiffe aus Silber und Gold wie sie auch heute noch in sizilianischen Kirchen als Weihegeschenke an nunmehr christlicher Schutzheilige an den Wänden hängen.
  • Vielfach als Klischee vertreten ist die Angst vor Piraten, von denen jedoch außer im antiken (und modernen) Roman (oder weniger gut recherchierten Lateinlehrbüchern) weitaus weniger Gefahr droht: Nach dem großen mittelmeerübergreifenden und mehrjährigen Spezial-Kommando des Pompeius Magnus 67 v. Chr. stellen Piraten fürs erste keine große Gefahr mehr dar – Pompeius erbeutet 71 Schiffe und nimmt 120 Piratenstützpunkte ein. Hinzu kommen zahlreiche Zwangsumsiedelungen rund ums Mittelmeer, vor allem bei kilikischen Piraten, was zu einem großartigen nachhaltigen Erfolg führt.
Das Verhältnis der Römer zum Wasser ist und bleibt jedoch -abgesehen von den seichten Becken in den Thermen- immer ein gespaltenes; zumindest literarisch. Man liest viel vom traditionell furchtbeladenen Verhältnis der Römer zum Wasser, nicht nur als Geringschätzung des Seekrieges und Angst vor der Seefahrt, sondern auch als Angst vor dem Schwimmen selbst. Tacitus spricht von dem Römischen Soldaten als nandi pavidus (Tac.hist.5,14,2). In der Realität kann so gut wie jeder Römer schwimmen. In der Komödie des Plautus liest man, dass kleine Jungen mit Hilfe von Schwimmhilfen das Schwimmen erlernen (aulularia 5,595: quasi pueris, qui nare discunt scirpea induitur ratis). Spätestens beim Dienst in der römischen Armee kommt man nicht mehr drum herum, denn Schwimmen gehört zur Grundausbildung römischer Legionäre: Geübt wird in Friedenszeiten im Tiber und im Meer sowie in Flüssen, sommers wie winters (→ Veg.mil. 1,10; 2,23,12; 3,4,5). Dass die Römer in allen erhaltenen Texten als zutiefst wasserscheue Kultur wirken, ist nur ein Topos, eine Klischeevorstellung (vgl. Gerlinger 2008; S. 174-176) - vielleicht weil sie ihren früheren Gegnern den alten Seefahrerkulturen der phönizischen Karthager und der Griechen im Seekrieg zunächst so hemmungslos unterlegen waren.

Montag, 2. März 2015

Reisen im römischen Reich - „Wer alleine unterwegs ist, der hat einen Narren zum Begleiter“


Wer eine Reise durch das Römische Reich plant, der sollte sich ausgiebig vorbereiten. Man kann man sonst auf die vielfältigste Weise verloren gehen – auch ohne eigenes Verschulden. Nur die Reicheren leisten sich Straßen- oder gar Seekarten, Ärmere müssen sich durchfragen. Zunächst soll hier nun vom Landweg die Rede sein, der Seeweg folgt in einem späteren Post, ebenso die Reisegeschwindigkeit.
Gefahren und Gegebenheiten antiker Landreisen
            Schon auf dem Landweg lauern ständig Gefahren. Da es kein gut ausgebautes Sozialsystem gibt, verdingt sich manch einer als Straßenräuber, der heutzutage gemütlich seine Rente kassieren würde – nicht jedem reicht die Grundversorgung für Bedürftige aus, vor allem Kriegsversehrten. Nicht nur des Nachts kann man auf offener Straße leicht überfallen werden oder für immer verschwinden. Reiche Römer reisen üblicherweise in Begleitung ihrer Gefolgschaften (Klienten, Gladiatoren, Leibwächter). Ärmere Römer versuchen, sich solchen Reisegruppen anzuschließen oder sie sind zum Schutz unter ihresgleichen in größeren Scharen unterwegs: Schauspieler in Gruppen, Bauern zusammen mit ein paar kräftigen Hirten. Daneben kann man auch versuchen, sich an einen der Händlerzüge anzuhängen, die mit riesigen Warenmengen nach Rom und zurück unterwegs sind. Lebensmittel werden jedoch nur auf kürzeren Strecken auf dem Land transportiert, vom Land in die Stadt oder vom Hafen in die Stadt (Gerlach 2001, S. 82). Flüssigkeiten werden auf kürzeren Distanzen lieber in den leichteren und unzerbrechlichen Schläuchen transportiert als in Amphoren; dazu werden Ziegen- und Schweinshäute zusammengenäht und an den Nähten mit Pech versiegelt (ebd.).
            Angenehm ist das Reisen nicht gerade, selbst auf den großen Römerstraßen: Abgesehen vom Gedränge machen nicht nur die Mitreisenden Lärm, auch die Landfahrzeuge sind unüberhörbar, da die Scheibenräder aus Holz mit einem Reifen aus Eisen überzogen sind und auf den steinernen Deckplatten schleifen und quietschen. Die plaustra, einachsige Lastkarren, und der ursprünglich keltische carrus, ein zweiachsiger Wagen mit vier Rädern, werden von Ochsen und Maultiern oder Eseln gezogen - Pferde gelten als zu empfindlich und zu wenig ausdauernd (vgl. Gerlach 2001, S. 82).
            Eilige Reiter und Reitergruppen reiten lieber auf dem „Seitenstreifen“, da die unbeschlagenen Hufe sonst auf dem Kopfsteinpflaster zu schnell abgewetzt werden, bevor sie wieder nachwachsen können.
Hier geht es zu

Samstag, 7. Februar 2015

viae - Römische Straßen

Römische Straße - Aufbau / Plan - viae Romanae
            Von allen Völkern der Antike gehen nur die Römer dazu über, sich (fast) nichts mehr vom natürlichen Gelände diktieren zu lassen und möglichst überall architektonisch bestens ausgebaute Straßen anzulegen: Schnurgerade durchstoßen ihre viae Berge und Täler, sie bauen Brücken und Viadukte und sogar Sümpfe umgeht die Streckenführung nicht sondern man fundamentiert eine Art Gitternetz von Balkenkonstruktionen (substructio) und einer Schicht einzementierter Kalkplatten (vgl. Höcker 2001, Sp. 1034). Ein Symbol, nicht nur die ganze Welt, sondern sogar die Natur beherrschen zu können. Nichts ist regelmäßiger und sicherer als eine Römerstraße, das römische Straßennetz ist das umfassendste und bautechnisch beste der ganzen Antike (Gerlach 2001, S. 81-82).
            Im Zentrum Roms sind die meisten Straßen aufgrund ihres „natürlichen Wachstums“ jedoch eng und verwinkelt, zudem breiten sich die Läden und Restaurants immer Richtung Gehweg aus. Nicht einmal Straßenschilder und offizielle Straßennamen gibt es. Ohne U-Bahn oder ähnlichem massentauglichen Verkehrsmittel sind alle weiterführenden Straßen und Plätze der Großstadt ständig verstopft, so dass die Regel gilt: „Je breiter eine Straße oder ein Platz, desto unpassierbarer“. Dafür sind schon seit dem zweiten Jahrhundert alle Straßen gepflastert, dabei werden Steinblöcke in ein ausgeklügeltes Fundament gelegt. -Livius berichtet dies über das Jahr 174 v. Chr. (→ Liv.41,27,5). Inschriftlich belegt ist, dass alle Anlieger, vor dessen Haus ein Gehweg verläuft, diesen auch pflastern müssen (Tabula Heracleensis 53):
            Ein breiter Graben mit einem tiefen Fundament aus Sand und (oft mörtelgebundenem) Schotter, eine Schicht Steine und Erde, eine kompakte Schichte aus in Lehm eingebettetem Kies darüber und zum Schluss ein paar hübsche Steinplatten. Mittelerhöhung, Wasserableitungen und Fußgängerüberwege (herausragende „Zebrasteine“) in den Städten inklusive. Vor allem sind Römerstraßen enorm belast- und haltbar – manche kann man heute noch mit dem Auto befahren.
            Ursprünglich als militärische Aufmarsch- und Versorgungsstraßen angelegt, verbinden bis 300 n. Chr. 372 Überlandstraßen mit ca. 85.000 km Länge die römische Welt, jede Provinz ist über gut ausgebaute Straßen von Rom zu erreichen (ebd.). Wie in einem Spinnennetz gehen alle wichtigen Fernstraßen sternförmig von Rom als Zentrum aus (Höcker 2001, Sp. 1032). Die großen Fernstraßen tragen den Namen ihrer Finanzierer, die via appia, „Königin der Landsraßen“ nach Appius Claudius (Censor 321 v. Chr.). Sie verbindet Rom über Capua und Benevent mit der für den Griechenlandhandel wichtigen Hafenstadt Brundisium (Gerlach 2001, S. 81-82).
            Rechtlich unterscheidet man zwischen via publica bzw. via militaris, die über stattlichen Besitz führen und von öffentlicher Hand gebaut und unterhalten werden und der via privata (Höcker 2001, Sp. 1033). Beim Bau öffentlicher Straßen werden meist Soldaten eingesetzt, damit sie ihre Muskeln trainieren, eine Beschäftigung haben und körperlich ausgelastet sind. So gibt es weniger Schlägereien und Meutereien und man zieht noch finanziellen Nutzen daraus. Ebenso lässt man Legionäre Ziegel für staatliche Zeigeleien herstellen. Dennoch sind selbst die viae militares teuer: Der Neubau einer Meile kostet 500.000 Sesterzen, die Reparatur der via Appia im 2. Jahrhundert n. Chr. immer noch 100.000 Sesterzen pro Meile (Höcker 2001, Sp. 1033).Doch werden die Straßen auch intensiv für den Handel genutzt sowie für den staatlichen Nachrichten- und internen Postdienst, den cursus publicus (Gerlach 2001, S. 81-82).

Montag, 2. Februar 2015

Straßen der antiken Welt

Antike Straßen bei Griechen, Kelten und Römern
Straße durch das antike Troja (/Hissarlik, Türkei / Bild: Autor)
            Bei den Griechen, der „mediterranen Leitkultur“ der Antike, folgen die Straßen einer möglichst unaufwendigen Streckenführung – entsprechend dem „naturnahen Charakter“ der griechischen Architektur verzichtet man auf das Anlegen von Terrassen, Geländedurchbrüchen und Planierungen und bezieht lieber Furten mit ein, als Brücken zu bauen (Höcker 2001, Sp. 1031). Schon seit 600 v. Chr. lassen sich zwei Kategorien von Straßen unterscheiden: Wenige große, architektonisch ausgebaute 3-4m breite Hauptstraßen, die zum Teil mit Belag, Stützmauer und Karrengeleisen ausgestattet sind und ein weitaus dichteres Straßennetz von einfachen Saumpfaden von ca. 1m Breite (ebd.). Da ein Großteil des Warenverkehrs über den Seeweg direkt von Hafen zu Hafen läuft, ist dies nur verständlich. Allerdings gibt es auch schon bis zu 20km lange und aufwendig gepflasterte Prachtstraßen: „heilige Straßen“, Prozessionsstraßen zu den großen Heiligtümern, deren Städte auch für den Unterhalt aufkommen (ebd.).
            Auch im Keltenland sind selbst die besten Straßen nur teilweise befestigt, meist ruckelt man dort auf gestampfter Erde und zahlreichen Schlaglöchern einher. Im Norden folgen die Straßen alten Fußwegen und passen sich dem Gelände an, Brücken sind selten. Ab etwa 120 v. Chr. handeln die Kelten immer intensiver mit der mediterranen Welt, auf Flüssen und Landwegen werden Waren von der Kanalküste bis zum Mittelmeer transportiert (Stock / Telgenbüscher 2011, S. 133-134). Deshalb existiert auch bei den vermeintlichen Nordbarbaren ein relativ gut funktionierendes Straßennetz, zumindest für den Fernhandel: Alle 30-50 km stehen den Handelskarawanen Rastplätze oder Umspannorte zur Verfügung – jedoch müssen an Grenzübergängen, Furten oder Fähren hohe Zölle an den keltischen Adel entrichtet werden (ebd.). Der Betrieb dieser antiken Mautstationen wird in regelmäßigen Auktionen verpachtet - nach Caesar wurde der Haeduer Dumnorix („der Weltenkönig“) reich und mächtig, da er die andere Bieter unter Druck setzte und die Zölle und Abgaben mehrere Jahre lang zum Mindestpreis aufkaufen konnte (→ Caes.Gall 1,18).
            Römische Fernstraßen sind „in hohem Maß durchdacht konstruierte Bauwerke, die sich darüber hinaus in möglichst gerader Linienführung über topographische Widrigkeiten rigoros“ hinwegsetzen (Höcker 2001, Sp. 1032). Schätzten die Römer an ihren Straßen anfangs vor allem den militärischen Vorteil, ihre Soldaten schneller im Einsatzgebiet zu haben, Truppen schnell konzentrieren zu können und damit dem Feind logistisch überlegen zu sein, so dienen sie später auch dem römischen Selbstverständnis: Nicht nur die bekannte Welt, sondern auch die Natur bezwingen zu können. Mehr zum römischen Straßensystem (Länge, Aufbau einer Straße…) gibt es in einem gesonderten Post → viae – Römische Straßen zu lesen.
            Generell kommt man auf dem Landweg nicht so schnell voran wie per Schiff, dafür aber vergleichsweise sicher - unbehelligt von Stürmen und Piraten, denen Pompeius 67 v. Chr. mit einer gigantischen mittelmeerumspannenden Militäraktion fürs erste den Gar ausmacht. Dafür ist man immer von Räubern bedroht. Zu den genauen Reisegeschwindigkeiten zu Lande und zu Wasser folgt ein Blog Reisen im römischen Reich - „Wer alleineunterwegs ist, der hat einen Narren zum Begleiter“.
Zur antiken Infrastruktur gibt es auch die Posts über