Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Dienstag, 27. Februar 2018

XIV. Haarsträubend: Zu viel der Schönfärberei

Als Textprobe hier ein Auszug aus dem vierzehnten Kapitel des ersten Bandes „Die Liebesleiden des jungen Ovids – Einzig Corinna" (hier geht es  zumersten, zweitendritten, vierten, →fünften, sechsten, siebten, achten  neuntenzehnten, elften, zwölften und dreizehnten Kapitel).
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!



Kapitel 14: Haarsträubend: Zu viel der Schönfärberei
cb nulla coma ©: S. Gerlinger CC-BY 4.0
[… Naso erlebt eine gewaltige Belagerung geduckt hinter einer Zinne. Als diese von einem Torsionsgeschütz getroffen wird, stürzt er in die Tiefe. Schweißgebadet erwacht er aus dem Alptraum, das Schlagen des Rammbocks ist nur das Hämmern an seiner Tür. Nachdem Titus beim Gastmahl vollkommen betrunken auf der Liege zusammengesunken war, kann sich Naso an nichts mehr erinnern Was hat er getan, dass Titus so wütend ist – und gelingt ihm die Flucht? Doch Titus will nur eines von ihm: den Grund, warum sie ihn nicht einlässt und über Vedius herausfinden, was er kann…]
 „Warte wenigstens, bis sie dich hereinruft…!“, versuchte Nape ihn zu bremsen.
Doch da war er bereits in ihr Triklinium vorgedrungen.
Corinna drehte sich überrascht um und lächelte gequält. In ihrer linken Hand hielt sie einen Bronzespiegel. Ihre rechte lag in ihrem Schoß, als hielte sie etwas versteckt.
Naso konnte jedoch keine Anzeichen eines anderen Mannes entdecken. Nur die aufreizend auf dem Tisch präsentierten teuren Geschenke seiner Rivalen. Wenige plumpe von Titus, erlesene von Vedius. Aber die standen da schon länger. Neues war nicht zu sehen. Außer… dass sie eine blonde Perücke trug – und dazu noch verkehrt herum? Kam sie direkt aus Germanien?
„Schickt dir jetzt schon Germanien eroberte Haare – oder besser, hast du die direkt von Titus?“
Corinna wurde rot. Sie sah ungewohnt bedrückt aus, die Wangen von natürlicher Röte und feucht, fast so, als habe sie geweint.
„Du … hast es gleich bemerkt? Findest… du … sie nicht schön?“, brachte sie stockend heraus und legte den Spiegel zur Seite.
Mühsam schien sie ihre Tränen zurückzuhalten.
»Ist sie traurig, weil sie Titus doch eingelassen hat? Oder war Vedius tatsächlich zuerst da? Dann soll sie zu Recht weinen!«, dachte er aufgebracht.
„Oh ja, schön schon“, antwortete er mit einem Kloss im Hals. „Aber findest du nichts dabei, durch die Gabe eines Volkes schön zu sein, das gnadenlos erobert wird – mit Feuer und Schwert? Oder wozu sind die Haubenlerchen wohl an der Grenze zu Germanien? Vielleicht hat Titus sie einer armen Barbarenfrau direkt vom Kopf reißen lassen… Klebt noch Blut dran? Wie oft wirst du rot werden müssen, wenn du die trägst und jemand deine Haare bewundert? Wirst du dir dann nicht sagen müssen: ʺJetzt lobt man mich wegen gekaufter Ware. An meiner statt rühmt er jetzt irgendeine Sugambrerin! Und doch gab es eine Zeit -ich erinnere mich noch-, als dieser Ruhm mein eigener warʺ?
Jetzt konnte Corinna ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie bedeckte ihr Gesicht mit der linken Hand, die andere hielt sie immer noch in ihrem Schoß verborgen.
»Verdammt tut mir das leid! Was hat sie denn nur? Warum bin ich nur so heftig geworden! Aber warum reagiert sie heute so… und was ist mit ihrer Hand?«
„Was hast du denn da…?“
Corinna hob ihre Rechte.
Sie öffnete sie und folgte mit den Augen, wie büschelweise Haare nach unten rieselten, weder schwarz noch blond und doch beides gemischt. Nur der seidige Glanz von früher war endgültig erloschen.
Stumpf und leblos lagen sie nun in Corinnas Schoß.
„O nein! Das ist aber nicht der richtige Ort für diesen Schmuck…!“
Corinna konnte den Blick nicht von ihrem früheren Haar auf ihrem Schoß lösen.
Naso kniff die Augen zusammen. Er hatte noch immer nicht verstanden.
Corinna vergrub ihr Gesicht zwischen beiden Händen und brach erneut Tränen aus.
„Siehst du Nape? Sogar Naso bemerkt es auf den ersten Blick!“, schluchzte sie.
„Aber Herrin… das kommt doch nur daher, dass du in der Eile die Perücke falsch herum aufgesetzt hast“, flüsterte sie sanft und schob die Perücke zurecht.
Schniefend hob sie den Kopf.
Naso setzte sich zu ihr auf die Bettliege und nahm sie sanft in den Arm.
Corinna fasste sich wieder.
„So viel Ärger, wegen einer Perücke? Dann zieh sie doch einfach aus…“
Sie heulte auf und schupste ihn weg.
„Aber warum…?“
Als Antwort nahm sie ihre Perücke ab.
Sie war kahl. Vollständig kahl rasiert. Nicht ein Büschel war mehr übrig.
Corinna nahm den Bronzespiegel wieder auf und sah kurz hinein.
Traurig legte sie ihn wieder weg.
„Sie waren sowieso schlecht geordnet…“, seufzte sie und setzte die Perücke wieder auf.
„Was?“
Er sprang förmlich in die Höhe.
„Schlecht geordnet? Und jetzt lieber die Perücke? Da kannst du doch keinen Spaß daran haben! Um dir so zu gefallen, müssen deine Augen erst einmal vergessen, wie prachtvoll es zuvor aussah! Und ordnen ließen sie sich doch immer phantastisch: Sie waren so schmiegsam und fügten sich immer brav in hundert Windungen. Sie waren dir nie ein Grund zu Schmerz. Nie ist die Haarnadel an ihnen zerbrochen, nie ein Zacken vom Kamm! Nie hat Nape fürchten müssen, dass du sie deswegen schlägst. So fein waren sie, wie der Flaum eines frisch geschlüpften Kükens. O weh, was habe sie nicht alles für Folterungen ausgehalten! Wie geduldig haben sie sich Eisen und Feuer angeboten, Brennschere, Lockenwickler und Ondulierstab… alles nur, damit sich Locken und Löckchen bilden.“
„Ist ja gut“, winkte sie ab. „Ich habe deine Tiraden ja noch gut im Ohr: ʺEin Verbrechen, diese Haare zu brennen, ein Verbrechen ist das! Sie gefallen von selbst, verschone dein Haupt, du Eiserne!ʺ Geh mir weit fort mit der Gewalt, hier gibt es nichts, was man brennen müsste!ʺ Oft genug…“
„Stimmt ja auch!“ Er setzte sich wieder zu ihr. „Dein Haar hat den Nadeln selbst den Weg gewiesen… Bei der Venus von Cythera, warum hast du sie dir nur abschneiden lassen?“
„Habe ich doch gar nicht. Sie sind ausgefallen…“, schniefte sie.
„Aber was… hat dir etwa die treulose Dipsas die Haare mit haemonischem Zauberwasser gewaschen? Weil ich sie herausgefordert habe und du immer noch an mir hängst – und nicht loyal zur ihr stehst, gegen mich?“
 „Ach, quatsch!“
„Hat dir eine Rivalin mit verzauberten Kräutern nachgestellt? Ich bin inzwischen schon recht beliebt, vielleicht steht jemand auf mich und hat…“
„Blödsinn! Da bildest du dir aber zu viel auf deine Dichtkunst ein, Prinz Nase…“
„Aber was dann? Sag, schon, hat dir etwa die Kraft einer Krankheit geschadet?“
Sie presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf.
„Nein? procul omen abesto! Dann vielleicht die Zaubersprüche einer neidischen Zunge. Weißt du eigentlich genau, dass Dipsas dich mag…?“
„Ach was! Es ist meine eigene Schuld. Als mir Nape die letzte Tönung ausgewaschen hat…“
Wie ein Floh sprang er in die Höhe.
„Ich h-a-b-e es dir doch gesagt: ʺHöre auf, deine Haare zu färben!ʺ Jetzt hast du kein einziges Haar mehr, dass du färben kannst. Mit eigener Hand auch noch hast du also… hast du selbst das Gift für deine Haare zusammengemischt?“
Corinna warf ein Kissen nach ihm.
„Deine ʺich-habe-es-dir-ja-gleich-gesagtʺ-Rede kannst du dir sparen!“
Sie nahm wieder den Spiegel in die Hand.
„Vielleicht ist es ja auch besser so. Das ist eine gute Perücke, beste Qualität. So schön waren meine Haare nicht. Schau nur, wie voll…“
„Wie kannst du nur so etwas sagen! Eine Barbarenperücke? Sicher nicht! Wenn du sie nur in Ruhe gelassen hättest, was wäre voller gewesen als deine Haare? Sie berührten fast die Hüften- und wie fein sie waren: man scheute sich fast, sie zu ordnen, so wie die Seidenstoffe...“
Corinna zog eine Augenbraue nach oben.
„Du meinst, so wie die Serer sie haben?“
„Ja, natürlich! Seide aus dem fernen Osten. Ich habe übrigens einmal einen Händler der Serer gesprochen, ganz klein war der, mit ganz engen Augen. Sima Fu, er komme aus dem Reich der ʺDschinʺ, hat er gemeint, ein Nachfahre eines großen Historikers, so wie Herodotos bei uns…“
Corinna verzog den Mund.
„Das ist wenig hilfreich, wenn du mich damit trösten willst… Und so dünn wie Seidenfäden war es schon gar nicht, mein Haar…“
Sie ließ es zu Boden rieseln.
„Doch, wie Seide – oder so dünn wie der Faden, den eine Spinne mit hauchdünnem Fuß zieht, wenn sie unter verlassenem Balken ihr Werk flicht. Sieh doch nur, nur diese einmalige Farbe: weder schwarz noch blond und doch beides gemischt, ganz wie im zerklüfteten Ida-Gebirge die hochaufragende Zeder, wenn ihr Holz entrindet wird und sich zum ersten Mal den Augen offenbart…“
Sie sah ihn mit gemischten Gefühlen an.
„Willst du mich etwa daran hindern, mich mit meinem Verlust abzufinden? Denk doch nur, wie wirr und ungepflegt sie am Morgen aussahen…“
„Aber nein! Wenn du so am Morgen mit noch nicht entwirrten Haaren im Bett lagst, halb ausgestreckt auf purpurnem Polster, wie schön warst du da! Die Vollkommenheit gepflegter Vernachlässigung, anmutig wie eine thrakische Bacchantin, wenn sie erschöpft und ohne auf sich zu achten im grünen Gras liegt…. Und du hast sie zerstört, mit eigener Hand! So schöne Haare sind nun verloren, wie sie Apollo sich nur wünschen kann, die Bacchus auf dem eigenen Kopf gerne hätte. Jenen möchte ich sie vergleichen, die auf alten Bildern die nackte Liebesgöttin in ihrer feuchten Hand hält – so wie im berühmten Gemälde des Apelles, die Venus Anadyomene, die jetzt im Tempel des Divus Julius hängt... Glaubst du etwa, ohne Haare neben dir im Bett wird es sich genau so schön anfühlen?“
Corinna brach in hemmungsloses Schluchzen zusammen.
Naso biss sich auf die Unterlippe. Das hatte er nicht gewollt. Es war einfach mit ihm durchgegangen.
Er versuchte, sie zu umarmen, aber sie stieß ihn unsanft fort.
Er dachte nach.
»Da muss ich die Taktik wechseln – aber schnell!«
„Entschuldige…“, versuchte er es, „ich habe es nicht so gemeint. Meine Worte waren falsch gewählt…“
„Dein unzeitiges Erscheinen auch! Geh einfach wieder…“
„Und wenn es mir gelingt, dich wieder aufzuheitern?“
Sie sah ihn skeptisch an. Dann zuckte sie mit ihren Achseln.
„Sieh mal… so schlimm ist das auch nicht…“, versuchte er sie zu trösten. „Deine Haare waren wunderschön. Aber das Ganze hat auch Vorteile.“
„Und welche? Meine Perücke magst du ja auch nicht – obwohl sie nicht einmal von Titus stammt…“
Naso machte einen innerlichen Luftsprung. Nicht von Titus…
Corinna verschränkte ihre Arme. Unwillkürlich zog sie dabei ihre Augenbrauen zusammen.
„Ich höre…?“
„Jetzt…“, stammelte Naso, „…brauchst du dir deine Haare fürs erste nicht mehr zu waschen, schneiden und färben!“
Unter der verlaufenen Wimperntusche warf sie ihm einen bitterbösen Blick zu.
„Nein wirklich! Glaubst du etwa dass du Schlimmeres erduldest, als die Athenäer vom Archidamos bei der Bäumefällung im Gau der Acharner? Die Euböer sind ʺnur rückwärts behaartʺ bis nach Troja gezogen und ihr Ruhm erstrahlt bis heute. Ich kann dir sogar die Göttlichkeit einer Glatze beweisen, so wie du sie jetzt trägst…“
„So ein Blödsinn!“, schniefte sie in ihr Taschentuch. „Das kann niemand, weil es einfach Quatsch ist.“
„Doch, das kann ich! Haare sind doch etwas Totes, nicht wahr? Kahlköpfige Menschen sind daher die göttlichsten der irdischen Wesen. Das kann ich auch begründen: Du hast doch auch schon die griechischen Philosophen gelesen? Das Seiende an sich seit Parmenides und die allgemeine Weltseele der Stoa?“
„Natürlich! Aber was hat das mit einer Glatze zu tun?“
„Auch das Göttliche ist kahl, so dass Kahlheit den Menschen den Göttern ähnlicher macht und man deshalb Kahlköpfe als göttlich bezeichnen muss.“
„Und warum habe selbst die Götter bei den Griechen ʺdichtes, wallendes Haarʺ? Angefangen beim Göttervater bis hinunter zu Dryaden und Nymphen? Und warum hast du gerade noch die Fülle meines verlorenen Haares bewundert?“
„Ach… Homeros schreibt Zeus doch nur deswegen Locken zu, weil die Hellenen nicht die Wahrheit ertragen können! Die Ägypter jedoch sind da weiser: sie scheren sich alles kahl, selbst die Augenbrauen.“
Corinna presste die Lippen aufeinander.
„Ich wollte nur, dass die Haare gleichlang sind und Nape hat es nicht anders hinbekommen. In Ägypten soll es recht heiß sein… Das machen sie doch nur aus hygienischen Gründen!“
„Aus gesundheitlichen Gründen? Da sprichst du genau den richtigen Punkt an: Vielleicht hat Nape dir geholfen! Das Ergebnis darfst du doch nicht deiner Haarbeschließerin ankreiden! Halte dich einfach zurück mit Tinkturen! Außerdem solltest du ihr wirklich nicht grollen, Haare sind von Natur aus schlecht: Wer sein Haar lang trägt, hat mit nicht geringen Risiken und Nebenwirkungen zu rechnen: körperliche Schwäche, Schwächung der Schädelwand und Beeinträchtigung des Defensivverhaltens beim Zweikampf durch das Anbieten von effektiven Angriffspunkten an den Gegner. Bei den Haaren finden sich nur dem Göttlichen entgegengesetzte Dinge….“
Corinna starrte ihn aus weit geöffneten Augen an.
„Wie kommst du denn nur auf so etwas? Jetzt ist wirklich nicht die Gelegenheit zu Logik und Wortwitz! Dinge zu loben, an denen eigentlich nichts zu loben ist… Krude eÙfhm…a ist jetzt auch nicht hilfreich…“
„Nein, keine krude! Ich kann alles belegen: Achilleus kümmerte sich nicht um seine Haare, er hat sei abgeschnitten und einem Toten geopfert…“
„Dem Patroklos, weil er um ihn trauerte!“
„Nein, weil sie etwas Totes sind und als leblose Teile am lebendigen Wesen hängen! Nur Wesen ohne Vernunft sind am ganzen Körper damit bekleidet. Der Mensch ist eines höheren Lebens teilhaftig und größtenteils von dieser Last entblößt. Der Mensch ist unter den irdenen Geschöpfen das klügste und das kahlste. Sieh dir doch nur das Schaaf an: Lauter Klumpen herunter hängender Haare. Und so ist auch der unbehaartere Mensch einem behaarteren überlegen.“
Corinna kniff ein Auge zusammen.
„Dann müssten wir Frauen auch vernunftbegabter sein und den Männern überlegen, da wir keine Bärte bekommen?“
„Hm…. kann sein. Immerhin machen Frauen keinen Krieg…“
Sie schniefte erneut, doch zeigte sich der feine Ansatz eines Lächelns um ihre Mundwinkel.
„Wenn der weise Platon am Gespann, das die Seele lenkt, das ungerechte Pferd an den Ohren zottig und taub nennt“, führte er weiter aus, „was meinst du wohl, wie er über lange Haare urteilt? Und ist das Gesicht nicht das Edelste und zugleich kahlste Teil des Menschen?“
„Eine parabol» als Anspielung auf Platons Philosophie? Ein schöner Trost, wenn man sein Frauenbild betrachtet!“
„Jedenfalls sind Diogenes, Sokrates und die übrigen Weisen geradezu eine Ansammlung von Kahlköpfen: Wenn einer weise ist, so ist er auch kahlköpfig. Wenn einer nicht kahlköpfig ist, so ist er auch nicht weise.“
Corinna verzog das Gesicht.
„Ich will aber nicht weise sein, sondern schön! Ich bin ein Frau, verstehst du das nicht? Deswegen hast du mein Haar ja auch so geliebt. Das liegt in meiner Natur!“
Sie schluchzte.
Er biss sich auf die Lippen.
„Aber auch in der Natur liegt die wahre Schönheit im Inneren: Wie Ähren Hülsen oder Blüten zieren die Haare die Frucht des Kopfes. Wenn es verblüht, zeigt sich umso deutlicher der Samen des Verstandes.“
„Ach wirklich? Dann zeigt sich bei dir noch ziemlicher Unverstand. Auch darüber, wie ich mich fühlen muss…“
„Wieso fühlst du dich denn?“
„Häßlich!“, schluchzte sie. „Hässlich und krank. Häßlich wie ein Tier, das verstümmelt ist, hässlich, wie ein Feld ohne Gras, hässlich, wie ein Busch ohne Laub. Hässlich wie ein Kopf ohne Haar… Ich fühle mich krank!“
Naso versuchte sie zu streicheln, doch sie drehte ihren Kopf weg.
„Aber nicht doch! Du siehst vollkommen gesund aus. Denk doch nur an die Bildnisse des Asklepius: Er wird immer vollkommen kahl dargestellt, wie ein Ägypter...“
„Na und? Vielleicht nur eine allgemeine Erinnerung oder irgend so eine heilsame ärztliche Vorschrift…“
„…, die nichts anderes sagen will, als dass der, der seine Gesundheit liebt, den Erfinder und Vorsteher der Heilkunst nachahmen soll: Ein blanker Schädel ist gesund!“
Doch sein Aufmunterungsversuch zeigte nicht den gewünschten Effekt: Anstatt gesund zu lachen, heulte sie nur von Neuem auf – wenn auch nur kurz.
„Ach komm schon, vorhin hast du doch schon fast gelächelt…“
„Mir steht aber jetzt nicht der Sinn nach deinen adoxographischen Scherzen! Schon gar nicht, wenn du erst mein Haar so lobst und Haare dann als etwas Nachteiliges darstellst. Etwas zu plump, dein plötzlicher Trost…“
„Keine paigni£ also? Wie wäre es dann mit Erotopaignia?“
Als Antwort kam ein Kissen geflogen.
„Und ich dachte immer, du liebst meine kultivierten kleinen spielerischen Wortübungen… aber vielleicht liebst du ja etwas anderes“
Er nahm sie in den Arm und bedeckte ihren Nacken mit Küssen.
„Nicht jetzt, Naso!“, wehrte sie ab, zeigte jedoch schon wieder ein amüsiertes Lächeln.
„Ja, schon besser so: Richte mit der Mimik ruhig auch deine Haltung wieder auf: der Schaden lässt sich schließlich wieder gut machen!“
„Und wie genau hast du das vor…?“, gurrte sie.
„Ganz einfach! Das wächst nach: Bald wirst du wieder durch dein eigenes Haar bewundernde Blicke ernten – und bis dahin… kann ich dich ja aufheitern. Vielleicht mit einem deiner kleinen Rollenspiele?“
„Ägypter und Ägypterin?“, lächelte sie. „Schließlich wächst es ja nach… Ich kann gerne Nape bitten, auch dich zu rasieren…“
Er kratzte sich am Kopf.
„Eheu, vielleicht lieber … Kallimachos und Königin Berenike von Ägypten?“
Sie klimperte aufreizend mit den Augenbrauen.
„Du alter Schelm! Aber nein, um eine Locke… Die Königin und ihr haarpreisender Schriftsteller… waren nie ein Paar, nicht wahr? Besser Marcus Antonius und seine Königin - aber nur vor der Schlacht von Aktion…“
„In meine Arme, Cleopatra…!“

[Sulpicia versucht Naso für sich selbst zu gewinnen, kapituliert schließlich aber vor der innigen Zärtlichkeit von Corinna und Naso. Sie lässt sich sogar als Verbündete gewinnen und hilft mit, Titus durch einen Besuch bei Dipsas vollkommen zu verschrecken. Eine ganz nach Dipsas Vorbild verkleidete und kahlköpfige Corinna mit geschminkten Zahnlücken und Zischeln gibt ihm den Rest.]

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