Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Freitag, 7. Juni 2013

II. Die Fabii Sangae. Leseprobe aus "Geheimnisse in Rom"

Es folgt ein Auszug aus dem zweiten Kapitel (Band 2). Zum ersten Kapitel geht es hier. Anregungen und Kommentare sind wie immer erwünscht (Rufus.in.Rom@gmail.com)...!

Kapitel II: Die Fabii Sangae

„Na dann tun wir mal etwas gegen unseren knurrenden Magen!“ Genüsslich schob sich Crixos sein lukanisches Würstchen in den Mund. Rufus starrte mit gemischten Gefühlen auf das, was sich in seiner Schale tummelte. Sein Gericht war stark gewürzt, roch eigenartig und sah auch so aus: Bohnen, undefinierbar Zerhacktes, Würstchen, viel Liebstöckel und irgendetwas in seltsamen Farben, vielleicht ein ihm unbekanntes Gemüse? Über allem lastete schon wieder dieser bärlauchartige Geschmack! „Ich verstehe immer noch nicht, warum wir nicht bei den Fabiern gegessen haben. Apollonius hat es uns doch ausdrücklich angeboten!“ Die anderen ließen es sich vor dem thermopolium, dem Imbissstand, jedoch sichtlich schmecken. „Weil wir nicht auf Almosen angewiesen sind“, bemerkte Catugnatos und kaute an seinem Fladenbrot weiter. „Aber die taberna da drüben sieht wesentlich gemütlicher aus, da hätten wir sitzen können und in dem Laden nebenan kann man sich sein Essen wenigstens aus mehreren Kesseln aussuchen.“ „Du hast keinen Grund zur Klage. Hier draußen schmeckt es besser“, erwiderte Catugnatos. „Weniger Römer, mehr Ausländer…“, flüsterte ihm Crixos ins Ohr. „Zumindest trifft man vor den Imbissstuben oder Garküchen keinen »Fabius Allobrogicus« oder einen anderen aufgeblasenen Patrizier. Von denen würde niemand im Stehen essen.“
            Rufus strich mit dem Handballen über seine Tunika aus dem Hause Sanga. „In diesen feinen Klamotten sehen wir doch selbst wie Patrizier aus…“ Ollugnio blickte verstört an sich hinunter. Catugnatos lachte. Endlich, dachte Euamellin. Catugnatos war zuletzt sehr angespannt gewesen.
            […] Ein gurgelndes Rumpeln unterbrach ihn. Ollugnio hielt sich den Bauch. „Hmpf, die Wurst gibt Pfötchen… Kommt, zeigen wir Rufus, wie man hier aufs Klo geht!“
            […] „Da geht’s rein, immer dem Geruch lang“, feixte Crixos. Rufus zog überrascht den Kopf zwischen die Schultern. Damit hatte er nicht gerechnet! Da saßen ja Männer, Frauen und Kinder auf einer Art langen Eckbank und verrichteten gemeinsam ihr Geschäft! Ollugnio zeigte auf eine freie Stelle der Bankreihe, wo kreisrunde Ausschnitte der Front und Deckseite über eine längliche Aussparung verbunden waren. „Nun mach schon! […]“. Catugnatos […] winkte einem Jungen, der kleine Schwämme an Stöcken feilbot. […] Er kramte ein paar winzige Kupfermünzen heraus. „Hier, nehmt lieber die. Von den gebrauchten würde ich die Finger lassen.“ Ein Schauer des Ekels lief Rufus den Rücken hinunter. Da gab es doch tatsächlich eine Frau, die so einen benutzte! Ohne mit der Wimper zu zucken zog sie einen gebrauchten Toilettenschwamm aus dem Wassereimer, putzte sich den Hintern, wuschen den Schwamm in der Wasserrinne vor ihnen aus und stellte ihn zurück. Crixos kaufte sich lieber einen neuen. „Apropos die Finger davon lassen, was meint ihr, warum sie das Schwert des Luernios abgenommen haben?“ Catugnatos und Ollugnio zuckten mit den Schultern. „Was ist denn so besonderes daran?“, fragte Rufus nach und rutschte ein wenig nervös auf seinem Sitz hin und her. Ein zarter Luftzug an seinem blanken Hintern und ein leises Plättschern zeigten ihm an, dass darunter ein stetiger Wasserstrom floss. „Zuerst einmal darf man gar keine Schwerter in Rom haben“, erklärte Catugnatos. „Es herrscht Waffenverbot - niemand soll Rom in böser Absicht betreten oder bewohnen.“ Rufus erinnerte sich, wie sie ihre Waffen vor den Toren Roms hatten abgeben müssen. „Und trotzdem hängen bei den Fabiern welche an den Wänden?“ Offensichtlich schienen sich Ollugnio und Catugnatos bei der Verdauung nicht daran zu stören, dass sich hier alle Welt unterhielt. Bei Rufus lief es nicht ganz so gut. „Das sind Prunkwaffen, nur Dekor. Die wurden seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt. Die meisten sollen Beutestücke aus dem Krieg gegen unser Volk sein. Ich weiß nicht einmal, ob sie alle echt sind. Nicht übel so ein frischer Schwamm…“
           „Wie kam es eigentlich zu diesem Krieg?“, fragte Rufus nach. Catugnatos stöhnte. „Das ist lange her…“ „Ein trauriges Thema“, meinte Crixos, „aber passend zum Ort: Vor über sechzig Jahren führten die Griechen von Massilia Krieg gegen die Salluvier. Allein haben es die Massilioten natürlich nicht geschafft und so riefen sie die Römer zu Hilfe, die auch schnell das ganze Gebiet erobert haben. Der Salluvierkönig Teutomalios suchte bei unserem Stamm Schutz. Wir Allobroger liefern nie einen Schutzflehenden aus, also erklärte Rom unseren Stämmen den Krieg. Wir haben uns mit den Avernern zusammengetan, den Rivalen der Haeduer. Hat leider nichts genutzt. Die erste Schlacht gewann der Konsul Gnaeus Domitius Ahenobarbus – »der Eisenbart«. Seine Kriegselefanten sollen mächtig Eindruck gemacht haben, doch unterwerfen konnte er unsere Stämme nicht. Dann kam Quintus FabiusMaximus, einer der Urgroßväter von Quintus Sanga. Noch bevor er sich in Gallien blicken ließ, hat er zuallererst die Haeduer mobilisieren lassen, diese alten Schoßhündchen der Römer. Eingerahmt von haeduischen Kriegern hatten seine Legionen kaum noch etwas zu tun. Beim Zusammenfluss von Rhodanus und Isara kam es zur letzten Schlacht, dann war Schluss. Die Averner kamen noch glimpflich davon, sie verloren nur ihren König: Bituitos, den Sohn des ruhmreichen Königs Luernios – und seine Waffen. Aber wir sind seitdem Teil der römischen Provinz…“ Ollugnio grunzte bitter. „Und der Sieger bekam den Beinamen »Allobrogicus« verliehen, einen Triumphzug und einen ganzen Triumphbogen zugestanden: Vorne am Ausgang der Via Sacra auf das Forum Romanum, der »Fornix Fabius«.“ Daher also der Ärger über das Allobrogicus-Zimmer! Jetzt konnte Rufus Catugnatos verstehen. Dieser Fabius Allobrogicus schaute auf dem Mosaik auch so selbstzufrieden drein, als habe er gerade im Alleingang ganz Gallien erobert.

[…]

[Rufus und die Allobroger suchen die Pallacinischen Bäder, eine Thermenanlage zwischen Tiber-Insel und Kapitol auf]

            „Aaaah“, stöhnte Catugnatos behaglich, „bei Borvo dem Blubberer!“ Völlig entspannt räkelte er sich im heißen Wasser. Von Ollugnios nassen Haaren stiegen Dampfwölkchen auf:  „Bei Damonas zischendem Euter!“ Crixos tauchte bis zum Kinn unter, wobei seine Lockenpracht in alle Richtungen trieb. „Tut das gut, bei allen Schlangen und Eiern von Sirona!“ Rufus ließ Arme und Beine durch das Wasser schaukeln. Zunächst war ihm das Wasser noch kochend heiß vorgekommen, doch hatte er sich schnell an die Temperatur gewöhnt. „Sind das alles römische Gottheiten des Wassers?“ Crixos prustete. „Nein, die sind aus unserer Heimat. Heiße Quellen und so. Für die Römer merk dir einfach Apollo für alles, das gut tut und heilt - das reicht hier völlig. Bei Apollo…“ Mit einem wohligen Grunzen tauchte er wieder unter. Rufus begann die Badeanlagen schätzen zu lernen. Um richtig zu schwimmen, waren die Becken zu klein. Aber die wohltuende Wärme war einfach wunderbar. Rufus liebte Wasser. Genießerisch schloss er die Augen und nahm die Eindrücke in sich auf. So laut wie im Frigidarium und in der Palaestra ging es in den Schwitzbädern nicht zu. Statt dem dröhnenden Brausen warfen die Kuppeln des Daches nur verschwommene Laute zurück: Das Flüstern und Lachen der Männer und das sanfte Schwappen und Tropfen des Wassers.
            Rufus versuchte, eines der Gespräche um sie herum mitzubekommen. Auffallend oft fiel ein Wort, das ihm unbekannt war. Es stand in Verbindung mit den Begriffen »revolutionär« »gegen die Sitte der Vorväter« oder »unerhört«. „Was bedeutet eigentlich »Catilina«?“ „Catilina?“ Catugnatos verschränkte die dampfenden Arme hinter seinem Kopf. „Catilina war im letzten Jahr ein Konkurrent des Cicero um das Konsulat. Sein Wahlkampfpartner Hybrida hat es geschafft, er nicht. Anscheinend bewirbt er sich dieses Jahr erneut.“ „Ich habe dir doch heute Morgen Catilinas Wahlkampfslogans übersetzt!“, bemerkte Crixos leicht beleidigt, „Die an den Häuserwänden - hast du mir nicht zugehört?“ „Doch doch, »tabulae novae« -»Umschuldung«. Nur - verstanden habe ich das nicht.“ „Du musst wissen, dass auch viele Römer hoch verschuldet sind. Die ärmeren haben Schulden aufgenommen, um zu überleben, die reicheren für ihre Karriere: So ein Wahlkampf verschlingt Millionen und hat so manchen vornehmen Römer in den Ruin getrieben. Die kleinen Landbesitzer dagegen können gegen die Großbetriebe und die Tribute aus den Provinzen kaum bestehen, vor allem nicht gegen die Kornlieferungen aus Sizilien. Viele ehemalige Soldaten haben auch nicht wieder ins normale Leben zurückgefunden. Vor allem die Bürgerkriegsveteranen sollen es schwer haben, einen unblutigen Lebensunterhalt zu verdienen. Catilina verspricht offenbar, den Schuldnern zu helfen wieder zahlungsfähig zu werden: Die Zinsen sollen verringert werden und die Rückzahlungen erleichtert. Und genau das müssen wir auch für unsere Städte vom Senat erreichen – unsere Provinz kann die Steuerabgaben sonst unmöglich leisten.“ Rufus dachte kurz nach. Leises Klackern von Holzsandalen zeigte das Kommen weiterer Badegäste an. „Dann verspricht Catilina also etwas vollkommen Neues, um den Menschen zu helfen?“ Ollugnio winkte ab. „Das ist nicht einmal neu, das gab es schon öfter, wenn massenweise Römer zahlungsunfähig waren.“ „Aber was kann man denn dann nur dagegen haben?“, rief Rufus aus. „Wenn ich das richtig mitbekomme, führen die Badegäste hitzige Diskussionen darüber!“ Catugnatos schüttelte den Kopf. „Du musst noch viel über die Römer lernen.“ Damit tauchte er langsam ab.

[…]

[Am Abend werden Rufus und die Gesandtschaft schließlich doch noch offiziell von den Hausherren empfangen. Eine Hausansicht steht im Post familia, eine verkürzte virtuelle Hausführung zeigt folgendes Video:]
 
            Die Liegen des Triclinium mit ihren Polstern, Decken und Kissen waren noch weicher und gemütlicher, als Rufus vermutet hatte. […] Unter dem schwindenden Protest von Larcia waren neben dem älteren Sohn Gaius ausnahmsweise auch die anderen Kinder und Rufus zu einer ordentlichen cena zugelassen worden – selbst die beiden Mädchen [Fabia und Fabiulla]. Dies hatte Quintus und die Allobroger einige Überredungskunst abverlangt, doch schließlich hatte auch [Larcia, ]die Herrin des Hauses zugestimmt […].

            „Beim Esus, trink nicht zu viel davon! Oder lass dir wenigstens mehr aus dem Wasserkrug nachgießen!“, mahnte Catugnatos über seine Liege hinweg. Rufus hatte seinen Becher in die Höhe gehalten - und sofort war Syrus herbeigeeilt und hatte nachgefüllt. Rufus war mit dieser cena einfach überfordert: Unmerkliche Zeichen genügten, schon eilte eine Sklavin oder ein Sklave mit einem einhenkligen Krug herbei und schenkte Wein, kaltes oder warmes Wasser nach oder goss einem irgendeine der unzählbaren scharfen, deftigen und süßsauern Soßen in den Teller. Dazu standen zwischen laufend nachgefüllten Vorspeisen auch noch Salz, Pfeffer und eine sehr salzige Fischsauce zum Nachwürzen auf dem Tisch. Rufus konnte sich nicht einmal die Namen der Speisen und Getränke merken. Woher sollte er denn wissen, mit welchem Verhalten man hier die Sklaven aufforderte, ihm Wasser statt Wein nachzugießen? Meistens huschte einer an ihm vorbei und schenkte nach, ohne dass er es gewollt hatte. Und überhaupt - wieso sollte er diesen vorzüglichen Wein denn eigentlich meiden? „Lass dir den Wein lieber schwächer mischen, Lucius und die Mädchen begnügen sich ganz mit Wasser…“ „Lass den kleinen Rufus doch trinken“, rief Quintus aus, der am Kopfende seiner Liege direkt neben Catugnatos dinierte. „Wenn er zu viel hat, wird er es schon merken – spätestens beim nächsten Mal weiß er es dann!“ Quintus begann darüber zu lachen, Larcia und Gaius, die neben ihm lagen, lachten mit.
            Rufus war ein wenig verärgert. Er grämte sich noch immer darüber, nicht mehr mit seinem echten Namen angesprochen zu werden. Während Catugnatos und Crixos versuchten, das Gespräch auf die Steuern der Allobroger zu lenken, legte Ollugnio beruhigend eine Hand auf Rufus Schulter. „Du möchtest lieber Euamellin genannt werden?“ Ollugnio lag am Kopfteil seiner Liege Rufus am nächsten. Rufus nickte stumm. Lustlos löffelte er in seinem Vorspeisenteller herum. […] „Lass dir das mit dem Namen nicht zu sehr zu Herzen gehen. Die meisten Römer tragen einen Namen, den sie sich nicht ausgesucht haben.“ Rufus zuckte schüchtern mit den Achseln und nahm sich noch etwas von den mit Fischrogen gefüllten Oliven und von den Eiern mit Pfeffer-Obstmus. Über der breiten Platte des reich verzierten Tisches traf sein Blick denjenigen von Gaius.
            Gaius lag mit gequältem Lächeln zwischen seinen Eltern und machte einen eher angespannten Eindruck. Rufus hatte fast den Eindruck, als ob sich Vater und Sohn gelegentlich wie Raubtiere beäugten. Ollugnio richtete sich ein wenig an seiner Lehne auf: „»Rotschopf« ist als Spitzname noch ganz in Ordnung, glaube mir. Oder möchtest du lieber »Warzengesicht«, oder »Hackfresse« heißen? […]“.

[…]

            „He, Gaius, du hängst doch oft genug mit seinem Stiefsohn ab, diesem verzogenen Marcus Antonius. Erzähl doch unseren Gästen die Geschichte wie Sura zu seinem Namen kam, wenn du schon etwas über römische Namen beitragen willst!“
            Gaius verzog das Gesicht. Widerwillig winkte er ab. Stattdessen nahm er sich etwas von den Nudeln, dekoriert mit den ersten Spargelsitzen der Saison. „Nun mach schon, Sohn!“ „Antonius ist in Ordnung und Sura auch, ich weiß gar nicht, was du hast, Vater.“ „Gaius!“, herrschte ihn Larcia an. Gaius stöhnte. „Na schön. Wie ihr vielleicht wisst, spielen wir hier gerne Ball – zumindest die Jüngeren.“ Rufus dachte an die Kinder in den Thermen. Das mit dem »Ball spielen« musste er doch einmal ausprobieren. „Wenn einer ein Foulspiel begeht, streckt er danach seine Wade hin – wenn er fair ist. Als man Lentulus im Senat wegen eines Korruptionsskandals angegangen ist, da hat er einfach vor allen Senatoren seine Wade entblößt. Da haben alle lachen müssen und seitdem heißt er nur noch »Sura« - »die Wade«. Vielleicht ist er nicht ganz ohne Fehler, aber er steht dazu. Und dass er nach seinem Ausschluss aus dem Senat ein zweites Mal erfolgreich die Ämter durchlaufen konnte, spricht für ihn: Das Volk liebt ihn, Antonius liebt ihn wie seinen leiblichen Vater und ich mag ihn auch.“ Quintus wollte kopfschüttelnd etwas erwidern, doch Crixos war schneller. „Die Wade hinstrecken – wozu?“. Lucius sprang von der Liege auf: „Was soll das heißen wozu? Na, damit die Spieler der gegnerischen Mannschaft dem Übeltäter in die Wade treten können, natürlich! So…“ Mit lautem Scheppern fiel ein Tablett mit Bronzegeschirr zu Boden, welches Asia gerade hereingetragen hatte. Gerollte Schnitzel in weißer Piniensauce kullerten über den Boden und ergänzten das Mosaik der künstlichen Speisereste. Lucius schaute beschämt zur Liege seiner Eltern. Asia hatte er gar nicht kommen sehen. Larcia richtete sich empört in der Liege auf. „Suram - Foulspiel!“, rief Quintus schnell lachend, „Foulspiel, Wade her!“
[…]
            Auch der Nachtisch war für Rufus etwas völlig Neues: Anstatt Obst einfach Obst sein zu lassen, gab es auch in gelbem Sirup konservierte Feigen und Birnen, Mus, Kompott und die vielfältigsten Kuchen. Seltsam dass Gaius sich all dies entgehen ließ: Nach dem Opfer an die Hausgötter war sein Platz leer geblieben.

[…]

            Alles drehte sich. Rufus war noch immer so fürchterlich schlecht. Crixos hatte ihm geholfen, sich in die Latrine zu erbrechen - kein guter Eindruck für einen ersten Abend! Rufus hatte gedacht, er müsse sterben. „Rede keinen Unsinn, das ist nur der viele Wein. Davon ist noch nie einer gestorben“, hatte Crixos ihn beruhigt. Nachdem er kräftig mit kaltem Wasser übergossen worden war, wurden seine Gedanken wieder klarer.
[…]
            Lange musste Rufus gegen seine Übelkeit kämpfen, bis er in einen unruhigen Schlaf fiel. Mit einem Knall wurde er wieder wach. Catugnatos stand in der Tür. „Räum dein Zimmer, du kannst meines haben!“ „Ist es schon morgen?“ „Nein, jetzt mach schon.“ „Wieso?“ „Beim Taranis, frag nicht, mach schon!“ Rufus wurde den Verdacht nicht los, dass auch Catugnatos betrunken war. Der Türsteher am Gästetrakt kam besorgt auf sie zu, Catugnatos drückte ihm seine Kleider in die Hand, scheuchte ihn weg und schloss die Tür hinter sich. Verwundert begleitete er Rufus mit seinem tönernen Öllämpchen bis zum Zimmer am Hinterhofgarten. Im flackernden Licht des Öllämpchens schienen ihm »Hackfresse Fabius« und seine Soldaten höhnisch aus dem Mosaik entgegen zu grinsen. Doch als der Sklave wieder zurückschlurfte, war Rufus schon eingeschlafen.
            Er träumte von den seltsamen Tieren mit dem langen Rüssel, aus deren Stoßzähnen die Verzierungen und Skulpturen des Esstisches und der Sofaliegen stammten. Sie gaben ein markerschütterndes Trompeten von sich, wie eine gallische Carnyx. Dann verwandelten sich die Tiere in die Carnyxträger des Dumnorix. Die Soldaten aus dem Mosaik marschierten auf ihn zu. Doch er hatte ein Schwert – das Schwert des Luernios! Ollugnio hatte es ihm am Abend genau beschrieben. Mit einem verlangenden Zischen fuhr es aus der Scheide. Es sang ein furchtbares Lied, wenn es durch die Luft sauste. Links und rechts schnitt Rufus Schneisen in die Reihe seiner Feinde. Dann wichen alle Gegner zurück. Ein Riese erschien – Fabius Verrucosus? Nein, er verwandelte sich, zuerst in den schnauzbärtigen Dumnorix, dann wurde er kleiner und – Ariovistos! Der Suebenkönig, der ihn als Geisel nehmen ließ! Er war jetzt so klein, dass er es mit ihm hätte aufnehmen können, doch Ariovistos schlug ihm mit bloßen Händen das Schwert aus der Hand als sei es nur ein alberner Stock. Wehrlos steckte Rufus lauter dröhnende Kopfschläge ein. Schließlich ging er zu Boden.
            Das konnte sich Rufus nicht länger gefallen lassen. Mit einem Satz sprang er auf und versetzte der schattenhaften Gestalt vor ihm einen kräftigen Schlag ins Gesicht. „Ai!“ Rufus bekam einen Schlag ab, taumelte und landete an der Wand. Der Schatten war verschwunden. Rufus war wieder im Gästezimmer der Fabier und ihm war schlecht. Gerade noch rechtzeitig erinnerte er sich an das Nachtgeschirr unter seinem Bett und erbrach sich.

[…]

            Als er wieder wach wurde, stand Lucius vor seinem Bett und sprach leise auf ihn ein. Zunächst verstand er kein Wort. Langsam wurde ihm klar, dass Lucius ihn abholen sollte, ein gewisser »magister Crispus« wartete schon auf sie. Wer das auch immer war, er musste ein extremer Frühaufsteher sein. Rufus gähnte - so früh am Morgen und dazu noch diese verdammten Kopfschmerzen… Als er sich anzog, fiel sein Blick kurz auf die Wand mit den Siegestrophäen. Sowas, das Schwert des Luernios sah wirklich so aus, wie in seinem Traum. Doch hatte er keine Zeit zum Trödeln.

[Rufus nimmt am Hausunterricht teil, doch kennt Crispus kein Erbarmen mit seinem verkaterten Schüler und die kleine Fabiulla macht sich auch noch über ihn lustig.] 

[…] Da trat Syrus ein und lief direkt auf Rufus zu. „Komm. Der Herr erwartet dich.“ […]
            Quintus ließ sich hinter einem schweren Eichentisch auf einen Stuhl fallen. [… und] bedeutete dem Jungen, sich zu setzen. „So, jetzt zu dir, kleiner Ubier. Was soll ich wohl mit dir machen?“ Rufus lief es eiskalt über den Rücken. Hatte er sich schon so sehr daneben benommen, dass er im Hause des Quintus Fabius Sanga nicht mehr willkommen war? Was sollte dann nur aus ihm werden? In Gallien würde er wieder in die Fänge des Ariovistos geraten und sein Leben als Geisel der Sueben fristen, oder schlimmer noch: Der Haeduer Dumnorix wartete nur auf eine Gelegenheit, ihn endgültig verschwinden zu lassen…
            Quintus musterte ihn von oben bis unten. „Hm - Crispus meint, du kennst noch nicht einmal lateinische Buchstaben?“ „Nein, aber ich lerne schnell.“ „Hm. Scheint so.“ Quintus ließ ein Schreibtäfelchen über den Tisch gleiten. Es waren die Übungen, mit denen Rufus sich zuletzt beschäftigt hatte. „Zumindest kannst du auch ein wenig Griechisch.“ Rufus wurde abwechselnd heiß und kalt. Hatte er zu wenig Talent? […]
            […] „Versteht euer Stamm etwas vom Reiten?“ „Natürlich, beim Herkules! Ich selbst schaffe über sechzig Meilen an einem Tag!“ „Soso, sechzig Meilen an einem Tag und das in deinem Alter?“ „Ja, gib mir ein Pferd und ich zeige es dir! […]“ Quintus lächelte zufrieden. „Gut zu wissen. Ihr habt also eine besonders gut ausgebildete Kavallerie. Händler habt ihr auch.“ […]
            „Schon gut.“ Quintus ließ erneut ein Täfelchen über den Tisch gleiten. Es war das Empfehlungsschreiben des Diviciacos, das Suarto in Gallien dem Trucillus mitgegeben hatte. „Du darfst bleiben. Das bin ich meinem Geschäftspartner und Gastfreund Diviciacos sowieso schuldig. Und wer weiß, vielleicht wirst du später einmal Hilfstruppen aus deiner Heimat anführen – Rom braucht stets gute Reiter. Wollen wir nur hoffen, dass wir uns da keinen neuen Jugurtha heranziehen…“

            […] Rufus hatte schließlich seinen Gürtel entdeckt. Unter den andern keltischen Trophäen hatte er ihn glatt übersehen: „Schon gut, ich habe ihn gefunden. Er hängt an der Wand, neben dem Schwert des Luernios.“
            Überrascht rannten die Allobroger ins Zimmer. „Dann habe ich das doch nicht geträumt“, murmelte Rufus. […] „Was ist denn so besonderes an diesem Schwert?“, fragte Rufus. „Es ist ein mythisches Schwert eines sagenhaft reichen Königs“, antwortete Catugnatos. „Wer es für eine gerechte Sache einsetzt, den soll es unbesiegbar machen, wie damals Luernios selbst. […]“
            Ollugnio zog die Klinge blank, um die Schärfe der Schneide zu testen. Er rupfte sich ein Haar aus und ließ es von der Klinge sauber zerteilen. „Nicht schlecht - taugt nicht nur als Dekoration …“ Vorsichtig tastete Rufus über die Oberfläche der Klinge. „Was ist das denn?“ Fragte er auf einmal entsetzt. Ein wenig einer zähflüssigen dunklen Masse war an seinem Daumen hängen geblieben. Ollugnio zerrieb die Masse zwischen seinen Fingern. „Blut. Frisches Blut! Kein Tag alt.“ Catugnatos rieb sich das Kinn. „Es sieht so aus, als ob man sich neuerdings darüber hinwegsetzt in Rom – über das Verbot, Waffen zu tragen. Interessant.“ Er hielt das Schwert in das direkte Sonnenlicht im Garten. „Seht her, jemand hat versucht, die Klinge abzuwischen. Nur ein paar Schlieren sind haften geblieben. Zum Rasieren wird man das Schwert wohl kaum benutzt haben. Also wer – und wozu?

            Das »prandium« fand ohne die Allobroger statt. […] Dieses Mal saßen sie in einem weiteren Triclinium, das zum Garten offen nur vom privaten Teil des Hauses aus zu erreichen war. Es hatte eine niedrigere Decke und das Fußbodenmosaik zeigte ein Stillleben mit Rehkitz und körbeweise Früchte. Anstatt der in dunklem rot gehaltenen Familienszene luden an den Wänden hier Fresken von Früchteschalen vor einem mehrfarbigen Hintergrund zum Verzehr ein.
            Die harmonische Einrichtung stand jedoch im Gegensatz zur Stimmung: „Gaaaiuuus!“, brüllte Quintus aus dem Garten zum oberen Stockwerk hin, wo Gaius Zimmer lag. Quintus wollte seine Geschäfte offenbar nur kurz unterbrechen und saß in der Toga zu Tisch. Larcia stemmte ihre Hände in die Hüften: „Aber Quintus, doch nicht vor den Sklaven und Kindern! Apollonius kann genauso gut nachsehen lassen. Apollonius…“ Gaius ließ jedoch noch auf sich warten. Fabia wartete folgsam ab, Fabiulla nahm sich ein Mostbrötchen vom Tisch, erntete jedoch einen strengen Blick von Larcia. „Nein, lass sie nur!“, meinte Quintus. „Fangt an, allzu lange kann ich mir heute wieder keine Zeit zum Essen nehmen. In diesen Zeiten ist der Warteraum voller Klienten.“ Rufus nahm sich eine ihm unbekannte Frucht aus einer Glasschale und betrachtete sie genau. „malum persicum“, grinste Fabiulla. „Kann man essen, kein Sorge. Tropft nur ein wenig. Nimm ein Serviettentuch.“ Rufus biss vorsichtig in das weiche Fruchtfleisch. Hm, angenehm süß! Beim Kauen betrachtete er die Elfenbeinskulpturen am Esstisch […]: ein paar Panther mit geöffnetem Rachen, ein paar Reiterkrieger waren auch dabei.
            „Du Lucius, wer ist eigentlich Jugurtha?“, flüstere Rufus, während Quintus zu Larcias Missbilligung mit einer Hand auf der Tischplatte herum trommelte. „Wo bleibt nur dieser kleine…“, murmelte Quintus. Larcia rümpfte ungehalten die Nase. „Jugurtha war ein König der Numider aus Africa“, flüsterte Lucius zurück. Er hat unter Scipio Aemilianus die Kavallerie vor Numantia angeführt. Mit der Einnahme Numantias hat Scipio die Hispanier nach zehn Jahren Krieg unterworfen.“ „Und hat der irgendetwas mit mir zu tun?“ „Ich hoffe nicht! Jugurtha war ein Wilder: Er hat seine Brüder umbringen lassen und am Ende hat er gegen Rom einen wechselvollen Wüstenkrieg geführt, der kein Ende nehmen wollte. Erst Marius und Sulla konnten ihn endlich erwischen.“ Rufus schielte nachdenklich zu Quintus herüber. „Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen – er hat auch eine Weile in Rom gelebt, wie das bei ausländischen Prinzen und Anführern von Hilfstruppen häufig geschieht.“ Rufus wurde rot.
            „Da, der Herr Sohn geruht endlich auch zu Tisch zu erscheinen?“ „Lass mich bitte zufrieden, Vater“, stöhnte Gaius. Sein Gesicht war aschfahl, sein linkes Auge blau geschwollen und seine Toga zerknautscht. „Wohl kaum, beim Iupitter! Zumindest nicht, solange du uns nicht wenigstens sagst, wo du gestern Abend gewesen bist. Deine Kleidung riecht immer noch nach Wein!“ „Ich bin erwachsen, Vater. Hier, sieh her, ich trage die Toga des freien Mannes!“ „Die Toga des freien Mannes? Allenfalls frei von Beherrschung... Sieh nur selbst!“ Quintus deutete auf eine dunkle Stelle an Gaius Brust. „Ungemischter Wein, nehme ich an? Du befleckst deine Toga, du befleckst die Ehre unserer Familie, du befleckst dich selbst!“ Gaius sah schuldbewusst zu Boden. „Ob du nun siebzehn Jahre alt bist oder siebzig, solange du unter meinem Dach wohnst, hast du dich an die mores maiorum zu halten!“ Rufus machte ein fragendes Gesicht. „Die Sitten der Vorfahren“, flüsterte Lucius ihm auf Griechisch zu.“
            Gaius stöhnte, nahm sich einen eingelegten Hering und versuchte seinem Vater aus dem Weg zu gehen. Doch Quintus ließ nicht locker: „Hast du dich etwa wieder mit Antonius herumgetrieben? Oder noch schlimmer, mit diesem Caelius oder Clodius? Beim Hercules, Junge, ich will doch nur das Beste für dich! Außer, dass sie einen schlechten Einfluss auf dich haben - diese Kerle sind einfach zu alt für dich…“ Damit schien Gaius nicht einverstanden. Er erhob sich. „Ich bin alt genug! Wieso hast du mich sonst auf den Kapitol gebracht und zum Mann erklären lassen? Ich bin nur vier Jahre jünger als Caelius, sechs als Antonius und Vedius Pollio ist sogar noch jünger als ich…“ „Vedius Pollio!“, machte Quintus nur und verzog das Gesicht, „dieser eitle Nichtsnutz.“ „Der Sohn eines Freigelassenen ist doch kein Umgang für dich!“, kam Larcia ihrem Mann zu Hilfe. „Auch wenn er mit den Octaviern befreundet ist, unsere Familie ist eine der ältesten Familien Roms - wie die Cornelier und die Aemilier – die Fabier sind sogar älter als die Claudier…“
            Doch Gaius beachtete sie gar nicht. Mit funkelnden Augen starrte er seinen Vater an. „Glaubst du nicht, dass die vornehmsten jungen Männer Roms alt genug sind, um zu wissen, mit wem sie Umgang haben können? Auch Antonius hat jedenfalls nicht das Problem, dass sein Vater…“ „Dass DIESE Jünglinge alt genug sein sollten, darin gebe ich dir recht, Sohn. Doch ist dies nicht der Fall, wie es scheint. Antonius hat jedenfalls keinen Vater mehr, auf den er achten muss oder dessen Ruf er schaden könnte. Und was den Ruf seines Stiefvaters anbelangt – die Censoren waren schon einmal der Meinung, dass Sura keinen mehr hat….“ Gaius seufzte tief. „Selbst wenn es so wäre - was geht dich das denn an?“
            Quintus stand auf und packte seinen Sohn bei den Schultern. „Was mich das angeht? Sage mir, Sohn: hast du dich geprügelt? Wenn ja, dann sag mir, mit wem und ob dabei jemand zu Schaden kam! Als pater familias bin ich immer noch für dich verantwortlich. Weshalb sollte ich sonst den Vorsitz über unsere Familie führen? Falls Beschwerden kommen, muss ich wissen, was passiert ist! Wenn es zu einem Prozess kommt, könnte deine Karriere als Anwalt vorbei sein, noch bevor sie richtig begonnen hat!“ „Das ist es ja: Vielleicht ist das langwierige tirocinium fori ja gar nichts für mich: endlose langweilige Gerichtsakten und kleine unbedeutende Prozesse. Vielleicht will ich gar kein ruhmloser Händler und Anwalt für Barbaren und kleine Leute werden, hast du daran schon einmal gedacht? Wieso hast du mir keinen Posten als Militärtribun verschafft? Andere Patrizier gehen schon mit sechzehn zur Armee! Soll ich denn auch nur ein Hinterbänkler im Senat werden, ohne jemals im Felde etwas geleistet zu haben, so wie du? Nur mit Ruhm kann man heutzutage in der Politik etwas werden. Beim Militär nimmt man jedenfalls auch Leute, die sich schlagen können, weil sie wenigstens zu kämpfen verstehen!“ Damit ließ er seine fassungslosen Eltern stehen und rauschte wutentbrannt davon.

[Weiterlesen in Kapitel 3 Tirocinium]

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