Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Montag, 13. Mai 2013

I. Roma. Leseprobe aus "Geheimnisse in Rom"

Als Textprobe nun ein Auszug aus dem ersten Kapitel des zweiten Bandes "Rufus – Catilina und die Jugend Roms". Die eckige Klammer "[...]" soll anzeigen, dass jeweils eine oder mehrere Szenen fehlen.
Über Anregungen und Kommentare würde ich mich freuen!

Kapitel I: Roma
Vor ihnen entfaltete sich ein einmaliges Panorama. Euamellin staunte mit offenem Mund. So etwas hatte er nicht erwartet. Früher hatte er sein Zuhause für eine große und bedeutende Stadt gehalten, das Oppidum Ubiacum auf dem Dünsberg. Nur die allerwenigsten Familien seines Stammes wohnten überhaupt in einer stadtähnlichen Siedlung, die meisten lebten in kleinen Gehöften und Dörfern. In Gallien hatte ihn dann Bibracte sehr beeindruckt, der Zentralort der mächtigen Haeduer. Dass Rom noch größer und schöner sein könnte, das hatte er zwar schon vermutet - aber dass Rom gleich SO groß war? Von dem Hügel, auf den sie von der Via Aurelia aus abgebogen waren, konnte man die Landschaft gut überblicken. Dennoch war nicht abzusehen, wo die Stadt endete, die ungefähr drei oder vier Meilen südöstlich ihren Anfang nahm, halb an einen Fluss geschmiegt, von einer Mauer umgeben und dicht bebaut. Ob es daher kam, dass die Stadt über mehrere Hügel verteilt lag, die ihm die weitere Sicht nahmen, oder war die dichte Bebauung schuld? Oder hinderte die riesige Dunstwolke, die über der Stadt hing? Blendete das Gegenlicht der Sonne zu sehr -Euamellin glaubte auch einen seltsamen Widerschein, ein Blitzen und Funkeln in der Stadt zu sehen- oder nahm die Stadt dahinter überhaupt kein Ende mehr? Von hier aus war es jedenfalls unmöglich, sich ein klares Bild von dieser Stadt zu machen.
            „Na, Kleiner, das ist schon etwas anderes, nicht wahr?“ Crixos warf den Kopf in den Nacken, so dass seine dunkelbrauen Locken herumwirbelten. Sofort eilte einer seiner Gefolgsmänner herbei und brachte Wasser und etwas zu Essen. Crixos reichte Brot, ein paar Feigen und den Lederschlauch an Euamellin weiter. Der junge Ubier nahm einen tiefen Schluck. „Danke, Crixos!“. Bereits in der Morgendämmerung hatten sie eine eigenartige Dunstwolke am Horizont wahrgenommen. Nun konnte man sehen, dass diese nicht von Wolken vom Meer sondern von unzählbaren kleinen Rauschschwaden genährt wurde, die träge nach oben stiegen. Die kleinen Rauchsäulen mussten schon vor Sonnenaufgang aufgestiegen sein, um sich zu einer zähen Glocke zu vereinen. Der Rauch von hunderttausenden von Feuerstellen der Garküchen, Bäckereien, Mietwohnungen, Häuser und Tempel – vereint auf ihrem gemeinsamen Weg in einen nahezu windstillen Himmel.
            „Beim Taranis, ist das groß! So viel Rauch, so viel Dampf, so viele Feuerstellen. Wie viele Menschen wohl da leben mögen…?“ Auch Crixos bestaunte wie gebannt den Anblick. Ein paar Schwalben schnellten im Zickzack vorbei, doch nahm niemand Notiz von ihnen. Ihre Jagdschreie waren kaum zu hören, die erwachten Zikaden waren einfach zu laut. Nicht einmal Euamellins Hund Milmass bellte ihnen hinterher. Versonnen lag er im Gras und ließ sich das schwarz-weiße Fell streicheln.
            „Warst du schon einmal in Rom?“, hakte Euamellin nach. „Ich nicht, aber frag doch Catugnatos! Der war vor fünf Jahren schon einmal hier, nicht wahr?“ Catugnatos lehnte mit verschränkten Armen an einem Olivenbaum. Still ließ er sich die Sonne auf die vernarbte Nase scheinen. Nur sein dunkler Schnauzbart wackelte sachte. „Und du doch auch, Ollugnio. Ihr habt doch damals den korrupten Statthalter Fonteius vor Gericht gezerrt - wegen Ausbeutung der Provinz, nicht wahr?“ Ollugnio zog nur die Mundwinkel herab. Die Muskulatur seiner breiten Schultern verspannte sich merklich. „Du bist zu jung, Crixos, zu jung und du redest zu viel“, raunte Catugnatos, während er seine Augen noch immer gegen die Morgensonne schloss. „Weißt du denn nicht, wie diese Geschichte für uns ausging – ja ausgehen musste? Du wirst Rom und seine Eigenheiten noch früh genug kennen lernen. Vermutlich früher, als dir lieb ist… Genieße lieber die Sonne, solange sie noch nicht zu heiß ist.“ Crixos zuckte mit den Achseln, dann nahm er von Euamellin den Wasserschlauch zurück und setzte sich ins Gras. Die Zikaden um sie herum zirpten gesprächiger. Obwohl die Kühle des Morgens noch andauerte, begann die Sonne bereits den Tau zu trocknen. Es duftete nach frischen Gräsern, Wildblumen und den Kräutern des Südens.
            Euamellin musterte kurz die drei ungleichen Gesandten der Allobroger. Ihr Volk bildete seit nahezu sechzig Jahren den nördlichsten Vorposten Roms, wie sie ihm erzählt hatten. Dennoch trugen sie die typische bunte Kleidung vornehmer Gallier. Alle drei stammten aus den besten Familien ihres Landes und konnten sich recht gut in der Sprache der Römer verständigen. Crixos war ein paar Jahre jünger als die Anderen, knapp unter dreißig, glatt rasiert und unterhielt sich gerne etwas mehr. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er am liebsten gleich alles erfragt hätte, was Catugnatos und Ollugnio über Rom wussten. Sehnsüchtig starrte er auf die fremde Stadt, von der er schon so viel gehört hatte. Was in Ollugnio vorging, war diesem nicht anzumerken. Kurze braune Haare gaben einen Blick auf eine ernste aber undurchdringliche Miene frei. Catugnatos lehnte noch immer gelassen am Olivenbaum. Soweit Euamellin mitbekommen hatte, waren die drei von ihrem Stammesverband ausgewählt worden, um in Rom wegen der überhöhten Steuern vorzusprechen. Die Steuerpächter hatten offenbar übertrieben und die Städte der Allobroger waren nun hoffnungslos überschuldet. Selbst mit enormen Opfern konnten die Verpflichtungen unmöglich zurückgezahlt werden. Die stolzen Allobroger waren zahlungsunfähig. Nun führte der Weg ihrer Delegierten nach Rom, zu ihrem Patron Quintus Fabius Sanga, dessen Familie die Aufgabe als Fürsprecher von einem seiner Ahnen geerbt hatte: Quintus Fabius Maximus Allobrogicus, dem einstigen Sieger über die Allobroger.
            Auch Euamellins Weg führte zu den Fabii Sangae nach Rom und so hatten ihn die drei und ihre Gefolgsmänner begleitet.

[…]

            Viele Mauern waren bunt verputzt oder farbig bemalt. „M-E-D-U-S-A“, entzifferte Euamellin und bewunderte das Porträt einer Frau mit Schlangenhaaren, welches ein Mann mit einem Lappen aber gerade wieder beseitigte - oder es zumindest eifrig versuchte. „Warum wischt er das schöne Bild denn wieder weg?“ „Das muss wohl seine Frau sein - oder seine Herrin“, grinste Crixos. Auch andere Hauswände zeigten Sagengestalten oder Schriftzüge. Darunter waren auch Wahlkampfslogans: Besonders häufig war »Catilina – tabulae novae« zu lesen. Was das zu bedeuten hatte, das verstand Euamellin allerdings nicht - selbst wenn man es ihm übersetzte: »Umschuldung«. Damit konnte er nichts anfangen. Die Schimpfworte waren da schon besser zu verstehen ebenso, wenn kleine Zeichnungen hinzukamen. „Und da drüben?“ Euamellin deutete auf einen Schriftzug, der offensichtlich mit wohlproportionierten Frauen zu tun hatte. „»Tarula bene…« oha! Da preist einer die Vorzüge gewisser Frauen an“, erklärte Crixos und grinste noch breiter. „Das ist aber noch nichts für dein Alter…“
            […] Milmass schnupperte aufgeregt in alle Richtungen. Er zog dabei so stark an der Leine, dass Euamellin ihn an der vorderen Sattelstütze seines Pferdes festbinden musste. Sie bogen in eine schmalere Straße ein, dann kamen enge Gassen. „Descendite, amabo vos!“ rief ihnen Callistus zu und wedelte mit den Händen nach unten. Ob sie wohl absitzen sollten? Da sah Euamellin auch schon den Grund dafür: Eine Gruppe Akrobaten und Gaukler kam ihnen entgegen. Gebannt starrte Euamellin auf die bunte Truppe der Jongleure. Auf die leicht bekleideten Tänzerinnen starrten sie alle.
            Da begann Milmass zu knurren, darauf heftig zu bellen. Euamellin dreht sich um und sah grade noch, wie ein kleiner zerlumpter Junge etwas aus seinen Satteltaschen zog. „Beim Taranis! Mein Spielbrett!“ Im Nu raste Euamellin dem Jungen hinterher. Der »hölzerne Verstand« war nicht nur irgendein Brettspiel. Suarto hatte es ihm geschenkt, sein und seines Onkels Gastfreund und Beschützer. Für Euamellin war es der wertvollste Besitz, der ihm geblieben war. Augenblicklich war er dem Dieb hinterher gerannt. Na warte! Der konnte was erleben, dieser Wicht! Der Junge war zwar wesentlich kleiner, doch wusste er genau, wie man durch enge Gassen zu rennen hatte: eine Körpertäuschung hier, eine Sprung über eine kleine Treppe da und Passanten gerne den Ellenbogen in den Bauch rammen und Säcke oder Taschen aus der Hand reißen. Einmal in Rage behinderten sie jeden Verfolger. Dazu streifte er immer wieder die Häusertüren und klopfte - aber damit konnte er Euamellin nicht abschütteln, beim Taranis! Er hatte schon gemerkt, dass hier die meisten Türen nach außen aufgingen und so traf ihn auch keine. Im Zickzack ging es immer weiter den Hügel hinunter. Ein paar Mal dachte Euamellin den Dieb endlich packen zu können, doch hatte er dabei nicht gesehen, wo er hintrat. Er stieß mit dem Fuß an und stolperte. Urplötzlich war der Junge verschwunden.

            Euamellin rang gebückt nach Atem. Trotz des Lärmes um ihn herum konnte er sein Herz pochen hören. Blöde Römer! Wer baut denn schon erhöhte Streifen quer über eine Straße? Die erhöhten Gehwege waren schon seltsam genug. Und überhaupt, diese Eigenart alles mit Steinen zu pflastern… Durch seine ledernen Bundschuhe spürte Euamellin deutlich seine Füße: Kein Wunder nach dieser Jagd über die ungewohnten und von der Sonne aufgeheizten Pflastersteine. Beim Esus! Dieser kleine Dieb war aber auch verflucht schnell unterwegs auf seinen kurzen Beinen. Langsam sah er sich um. Von seiner Gruppe war niemand mehr zu sehen. Er musste jetzt irgendwo im Tal zwischen den Hügeln sein, aber so richtig konnte er das nicht erkennen. Beim Taranis, diese Römer! Konnten die ihre Stadt nicht wenigstens oben auf einer Bergkuppe errichten wie vernünftige Leute? Ein Blick nach gen Himmel half hier wenig. Bei dieser engen Gasse und den hohen Häuserzeilen konnte man sich unmöglich orientieren! Dazwischen waren auch noch Seile gespannt, an denen Wäsche trocknete. Dazu verengten mehrere kleine Anbauten und Eigenbaubalkone die ohnehin sehr schmale Gasse. Sie standen zum Teil auf zerbrechlichen Pfosten, waren notdürftig mit Holz zusammengezimmert und nur wacklig an den Außenwänden angebracht. Oben auf dem Hügel hatte er nur gepflegte und stabile Wohnhäuser mit kleinen Gärtchen gesehen. Keines höher als zwei Stockwerke, nicht fünf oder mehr wie hier unten. Euamellin schloss die Augen und sog die Luft ein. Kein frischer Wind mit dem Aroma des Waldes zeigte ihm die Richtung an, wie er es von zu Hause gewöhnt war. Dafür hinterließen die Menschen, die durch die Gasse eilten, den Geruch von frisch gebackenem Brot, das sie mit sich trugen. Von weiteren Einkäufen der Morgenstunden erreichten ihn Duftfahnen von Fisch und Meeresgetier, Oliven, Blut von zurechtgehackten Schweine-, Rinder-, Schaaf- und Hühnerfleisch. Euamellin hätte Hunger bekommen, hätte es in dieser Gasse nicht auch stark nach menschlichen Ausscheidungen gestunken.
            Er versuchte den Weg wiederzufinden, auf dem er gekommen war. Vergeblich. Er konnte sich einfach nicht mehr erinnern. Was sollte er jetzt nur tun? […] Euamellin starrte auf die vorbeieilenden Römer mit den Einkaufspaketen. Ach ja richtig! Bei der Verfolgungsjagd hatte er gesehen, dass es hier nicht nur die großen Märkte gab, von denen Trucillus gesprochen hatte, sondern auch viele kleine Läden. Vielleicht hatte er ja bei so einem Laden mehr Glück. Händler redeten doch immer gerne. Ein paar verwinkelte Gassen später hatte er auch schon einen gefunden, der Oliven, Gewürze, getrocknete Feigen und allerlei Gemüse anbot. Beherzt trat Euamellin ein und sprach den dicklichen Mann hinter der Theke an: „Da veniam!“ „Salve! Quidnam vis?“ Der Ladenbesitzer lächelte ihm freundlich zu. „…“ Und weiter? Euamellin fielen keine Worte mehr ein. Nur auf haeduischem Keltisch oder Suebisch. Zuhause in Ubiacum hätte ihm so etwas nie passieren können! Tapfer hielt er seine Tränen zurück und versuchte es noch einmal. Doch es wollte ihm einfach nicht auf Latein gelingen. Da kam ihm eine letzte Idee, vielleicht kannte der Mann ja diesen Quintus Fabius, bei dem er wohnen sollte. „Quintus Fabius!“, stieß er schließlich hervor. Der Mann zog die Schultern nach oben „Fabius? Quisnam Fabius?“ Verständnislos blickte Euamellin ihn an. Der Mann rollte mit den Augen. „quisnamfabiusquisnamfabius?“, verdoppelte er seine Anstrengungen. Doch auch die erhöhte Geschwindigkeit half nicht weiter. Der Ladenbesitzer seufzte tief. „Quis Fabiorum? Maximine aut Ambusti, aut Butei, aut Dorsi? Labeonesne aut Dorsui?“ Euamellin war mit seinem Latein am Ende. Er konnte einfach nicht verstehen, was der Mann von ihm wollte und ihm nicht sagen was er wollte. Verloren stand er da und kämpfte dagegen an nicht loszuheulen.
            Plötzlich spürte er etwas Feuchtes an seiner Hand. Überrascht zuckte er zurück. Milmass! Erstaunt blickte er auf den massigen Körper seines Hundes. Milmass streckte die Zunge aus seinem breiten Maul und leckt ihm erneut die Hand. Er musste sich losgerissen haben. Am Halsband hing noch das durchgescheuerte Ende des Seiles. „Milmass, findest du den Weg zurück zu Callistus und den Allobrogern?“ „Wau!“

            Milmass schaffte es tatsächlich, die anderen wiederzufinden. Sie warteten vor einem geräumigen Gebäude zwischen lauter eleganten Häusern oben auf dem Esquilin. […] Nach einer Weile trat Trucillus aus dem Eingangsbereich […]. Gemessenen Schrittes näherte er sich der Gesandschaft, begleitet von einem dunkelhaarigen Mann in einer edlen Tunika und einem jüngeren mit blonden Haaren. Den Dunkelhaarigen schätzte Euamellin auf deutlich unter Dreißig. Er trug einen Bronzering mit gleich mehreren Schlüsseln an seinem Gürtel und machte ein wichtiges Gesicht: „Salvete! Dominus meus…“, begann er schnell und mit leichtem Akzent. „Er sagt, dass sein Herr sich noch in einer wichtigen Besprechung befindet und uns bittet, ihn zu entschuldigen“, flüsterte Crixos Euamellin die Übersetzung zu. „Einstweilen werden wir ins Atrium geleitet.“ „Um es kurz zu machen“, unterbrach sie Trucillus, der sich in seiner Toga möglichst gebieterisch gab, „ihr könnt hier fürs erste unterkommen, bis Quintus entschieden hat, was mit euch geschehen soll. Ich bin aber zuversichtlich, dass er euch nicht abweisen wird - bis auf den Jungen. Aber da wird man sehen müssen […]. Apollonius hier weiß, wie man mich findet, falls es nötig sein sollte. Und wascht euch, beim Iuppiter und zieht etwas Zivilisiertes an! Es wird kaum schaden, wenn ihr einen weniger barbarischen Eindruck auf Quintus und uns andere Römer macht.“ Die Allobroger kniffen die Mundwinkel zusammen, sagten aber keinen Ton. „Noch Fragen? Nein? Gut. Valete!“ Damit verabschiedete er sich, verschwand wieder in seiner Sänfte und zog rasch die Vorhänge zu. Wippend setzte diese sich in Bewegung.
            Euamellin machte ein entsetztes Gesicht. Hoffentlich musste er nicht bei Trucillus bleiben! Vielleicht half es, wenn man diesen Apollonius irgendwie für sich gewinnen konnte? Er gab gerade dem Blonden, den er mit »Davus« ansprach, ein paar Befehle. Das Gepäck wurde abgeladen, Davus grinste, saß zufrieden auf und führte die Gefolgsleute der Gesandten davon. Euamellin dachte nach. Den Akzent kannte er doch! Von den griechischen Händlern, mit denen er schon in seiner Heimat geübt hatte. Apollonius musste ein Grieche sein. „Sei mir gegrüßt, edler Apollonios“, sprach er ihn auf Griechisch an. Apollonius zog eine Augenbraue nach oben. „Interessant, du sprichst Koinē, kleiner Barbar? Ihr besitzt einen gebildeten Sklaven, Männer der Allobroger!“ Euamellin bemühte sich, sich seinen Zorn nicht anmerken zu lassen. „Nein Apollonius, dies ist Euamellin, Sohn des Snevemin - ein freier Mann und Sohn eines Adligen vom Stamm der Ubier im hohen Norden“, klärte ihn Catugnatos auf. „Ubier?“ Apollonius zog eine Braue nach oben. „Nie gehört. Aber das wird mein Herr zu klären haben. Kommt herein, hier entlang bitte.“

[…]

            „Ich heiße Euamellin, Sohn des Snevemin.“ „Eua-was?“ Apollonius zog wieder eine Braue nach oben. „Verzeih, aber das ist nichts für gebildete Ohren. Weißt du was, für den Anfang nenne ich dich lieber »Rotschopf«, »Rufus«, wenn es dir nichts ausmacht. Falls du länger bleibst, werden wir weiter schauen.“ Wieder mussten die drei Allobroger lachen. Crixos schlug »Rufus« kameradschaftlich auf den Rücken. „Dann ist es jetzt offiziell! Damit du dich gleich daran gewöhnen kannst, nennen wir dich am besten auch gleich so.“ »Rufus« verzog jedoch das Gesicht. Er hatte so gehofft, diesen Spitznamen zusammen mit Trucillus los geworden zu sein.
[…]
            Ein paar Männer in Toga kamen durch die Tür zu ihrer Linken und gingen zum Ausgang, begleitet von weiteren Sklaven.  Doch niemand hieß sie mitzukommen. Crixos machte ein verärgertes Gesicht. „Deswegen ist Sanga nicht unhöflich“, beruhigte Catugnatos. „Sicher sitzen im Vorzimmer zum Tablinium noch weitere Klienten und warten. Die meisten kommen schon früh am Morgen. Es gibt keinen bedeutenden Römer, der tagsüber wenig zu tun hat.“ […]
            Dann kehrte Apollonius zurück. „Im Moment ist auch die Herrin mit wichtigen Gästen im Gespräch. Sie bittet, euch noch ein wenig zu gedulden. Ich bin aber befugt, euch im Gästetrakt aufzunehmen. Der offizielle Empfang wird später stattfinden, vor der zehnten Stunde des Tages würde ich aber nicht darauf warten.“ „Beim Teutates, das ist ja erst am Abend!“, rutschte es Crixos heraus. Apollonius zog jedoch nur seine linke Augenbraue in die Höhe. Catugnatos klopfte ihm auf die Schulter. „Schon gut, wir sind nur ermüdet von der langen Reise.“ Apollonius winkte Syrus heran, dem er ein paar Anweisungen auf Latein gab […]. „Wenn ihr mir nun bitte folgen wollt…“

[…]

            Die Familie der Fabii Sangae ließ also noch immer auf sich warten. Irgendwie hatte sich Rufus ein herzlicheres Willkommen vorgestellt. Dafür konnten sie nun in Ruhe auspacken. […] Ein lautes Fluchen ließ ihn aufhorchen. Das war doch die Stimme von Crixos! Eilends rannte er zur Kammer nebenan. […] „Beim Teutates, diese Römer und ihre viel zu kurzen Betten!“, fluchte Crixos. „Ah, hallo Rufus! Sag mal, kann ich mir mal deine Kammer anschauen? Bei mir steht ein viel zu kurzes Zwergenbett.“ „Tut mir leid, aber mein Zimmer und Bett sind genauso klein“, stelle Rufus nach einem kurzen Blick fest. „Crixos, beherrsche dich!“, hörte er Catugnatos mahnen. „Wir haben wichtige Ziele und können es uns nicht leisten, unsere Gastgeber zu verärgern. Die Betten sind hier nicht größer. Leg einfach die Matratze quer auf den Boden.“ Crixos verzog das Gesicht. „Ich kann dir aber gerne mein Zimmer anbieten, Crixos“.
            Interessiert betraten sie das Zimmer von Catugnatos. Kaum zu glauben, dass er bereit sein sollte, sein Zimmer zu tauschen! Es war mindestens doppelt so groß und die Wände waren viel schöner bemalt: Täuschend echte Ausblicke in eine bergige Landschaft ließen die Wand gleich viel größer und höher erscheinen als nebenan. Dazwischen hingen Teile keltischer Waffen an einem aufgemalten Siegesdenkmal. Catugnatos schien dennoch mit dem Zimmer unzufrieden. Mit ein wenig gequältem Gesichtsausdruck starrte er auf den Boden. […] Dort bildeten Tausende kleiner Steinchen ein gewaltiges Schlachtengetümmel ab: […] In der Mitte machte ein Heldenkämpfer ganze Horden davon nieder, gefolgt von weiteren glattrasierten Kriegern, die bewundernd zu ihm aufschauten. Ein sehr selbstzufriedenes Lächeln umspielte das kantige Gesicht der zentralen Figur. Darunter prangten groß die Buchstaben «Q. Fabius Max. Allobrogicus«.
            „Beim Teutates, er hat dir tatsächlich das Allobrogicus-Zimmer gegeben!“ Ollugnio hatte sich zu ihnen gesellt und betrachtete angewidert die Ausgestaltung. „Ich glaube, ich behalte lieber mein Zimmer“, meinte Crixos. „Der selbstzufriedene Nachkomme des Fabius Verrucosus - »Hackfresse Fabius«. Dieses Gesicht würde mir eher den Schlaf rauben als ein zu kurzes Bett.“ Catugnatos warf ihm einen säuerlichen Blick zu. „Wir sollten unsere Kommentare wirklich zügeln. Ich fürchte auch, Trucillus hat recht: Wir sollten uns umziehen. Vor allem die Hosen…“ „Sieh nur!“, unterbrach ihn Ollugnio. „Es fehlt das Schwert des Luernios!“ Überrascht blickte Catugnatos zur Wand. „Bist du sicher?“ „Bin ich. Letztes Mal hing es noch genau hier.“ Ollugnio deutete auf zwei leere Haken am aufgemalten Siegesdenkmal. Die Farben wirkten hier etwas dunkler, Rufus meinte so etwas wie den Schatten eines aufgehängten Schwertes zu erkennen. „Du hast recht. Doch die anderen Beutestücke sind noch alle da. Wer könnte das Schwert abgenommen haben? Und vor allem, zu welchem Zweck?“
[Weiter gehts hier mit Kapitel 2]

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