Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Dienstag, 9. April 2013

8. Nach Süden. Leseprobe aus "Donner im Keltenland"

Aus dem letzten und achten Kapitel des ersten Bandes, Rufus - Donner im Keltenland. Ältere Leseproben findet man hier aus dem ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten und siebten Kapitel.
Wie immer freue ich mich über jede Anregung und jeden Kommentar (Rufus.in.Rom@gmail.com)!
 

8. Nach Süden

            Euamellin hatte noch immer den Sack über dem Kopf und haderte mit sich selbst. Wie konnte er nur so dumm gewesen sein! Es war leichtfertig gewesen, Diviciacos zu vertrauen. Immerhin war er der Bruder des Dumnorix, warum sollte er also nicht mit ihm unter einer Decke stecken. Die Söhne des Deccomarus, bei Vagdavercustis! Einer wie der andere. Doch halt, hatte sich Diviciacos seinem Bruder nicht schon zum zweiten Mal entgegengestellt? Er hatte stets einen sehr ehrlichen Eindruck auf Euamellin gemacht. Aber das hätte auch ein Trick sein können: Wer so viel über Gesichter wusste, für den war es sicher leicht, beim Lügen sein eigenes Gesicht zu verstellen. Wenn er sich doch bloß unauffällig verhalten und auf Suarto gewartet hätte! Nun lag er wie ein Sack Gerste hinten in einem Wagen und fuhr als schweigsame Last eine holprige Straße entlang. Aua! Schon wieder eine unebene Stelle. Immer wieder hüpfte der Wagen über Unebenheiten und riss ihn unsanft aus seinen Gedanken.
            Lange Zeit ließ sich niemand bei ihm auf der Ladefläche blicken. Immer weiter ging die Fahrt. Am Anfang hatte er noch erahnen können, dass es aus Bibracte zum Südtor hinaus den Berg steil hinab ging. Doch dann hatte er schnell die Orientierung verloren. Er war allein mit sich, dem Knebel, dem kratzenden Hanfsack und den Lederriemen, die ihn in die Handgelenke schnitten. Man kümmerte sich nicht einmal in den Pausen um ihn, um ihn loszubinden, den Knebel zu lösen oder ihm etwas zu trinken oder zu essen zu bringen. Es schien es, als ob man ihn einfach verhungern und verdursten lassen wollte. Und er musste seit geraumer Zeit so dringend aufs Klo! Schließlich wurde Euamellin unsanft abgeladen. Eine schwere Türe öffnete sich knarrend, nach ein paar Schritten trug man ihn kopfüber eine Treppe hinunter. Es war auffallend kalt und modrig. Nach und nach nahm er außer dem Muff feuchten Gesteins auch den Geruch von Gewürzen, Getreide, Ton, Schinken und allerlei anderen kost- und essbaren Dingen wahr. Ein Grubenhaus oder eine andere Art Lager? Schwer zu entscheiden, sehen konnte er durch den Sack gar nichts. Hören konnte er nur den Atem seines Trägers, der ihn durch die Gegend schleppte. Ein Schlüssel klapperte in einem Schloss, eine weitere Tür ging auf. Sein Träger riss ihm den Sack vom Kopf und warf ihn grob in eine Ecke. „Damit du uns nicht erstickst, du Bengel. Zu Essen findest du hier ja genug.“ Darauf lachte der Mann widerlich auf. Einen kurzen Moment lang konnte Euamellin im Widerschein einer Fackel den Raum erkennen. Dann fiel die Tür wieder ins Schloss und Euamellin war allein im Dunkeln.

            Ein gemauertes Warenlager also, dachte Euamellin, während sich die Schritte seiner Entführer langsam entfernten, das muss einer dieser »Keller« sein. Hinter ein paar Säcken hatte er in einer anderen Ecke ein paar sorgfältig gestapelte und zusammengeschnürte Amphoren wahrgenommen. Vorsichtig tastete er sich durch die Dunkelheit. Ohne Hände war das nicht gerade leicht. Bei den MatronenAmfratniae, schon wieder! Nachdem er ein paar Mal umgefallen und sich an anderen Gegenständen oder der Mauer gestoßen hatte, fand er die richtige Ecke. Jetzt hatte er aber endgültig genug, gefangen gehalten zu werden! Erst die Sueben, dann die Sequaner und jetzt auch noch die Haeduer. Wenn die aber glauben, dass ich hier so einfach herumliege, dann kennen sie den Sohn Snevemins aber schlecht, bei Vagdavercustis! Mit einem starken Tritt versuchte Euamellin eine der Amphoren zu zerschmettern. Aua! Verflixt hart, diese Dinger! Nach ein paar Versuchen ertönte ein klirrend schepperndes Geräusch, gefolgt von einem verräterischen Gluckern. Er scheuerte mit Bedacht die Fesseln an den scharfen Kanten der zerstörten Amphore. Er musste nur ein wenig aufpassen, sich nicht selbst in die Hand zu schneiden, dann waren seine Hände frei. Erst einmal weg mit diesem dämlichen Knebel. So und was nun?
 
            „Hallo! Ist da wer? Lasst mich hier raus!“ Euamellin schrie sich die Seele aus dem Leib. Mit aller Macht hämmerte gegen die schwere Eichentüre, bis seine Hände schmerzten. „Feiglinge, habt ihr etwa Angst, euch zu zeigen? Bringt mir wenigstens etwas zu Essen und zu Trinken! Denkt an die Götter, die Beschützer des heiligen Gastrechts! Haaaaaloooo!“. Jetzt hatte er es schon auf Ubisch, auf Haeduisch und auf Chattisch versucht, doch nichts rührte sich. Verzweifelt sank er auf den Boden. Ob er hier jemals wieder lebend herauskäme? Wenn nicht würde er nie wieder mit Drumasua zusammen sein können. Komisch, dass die Nichte Suartos das erste war, was ihm einfiel. Warum musste er in letzter Zeit nur immer so viel an diese freche junge Frau denken? Vielleicht war Drumasua inzwischen auch schon wieder bei ihrer Familie oder hatte gar geheiratet. Euamellin dachte daran, wie seine eigene Familie wohl die Nachricht von seinem Tod aufnehmen würde. Bei den Matronen Aufaniae, wie sehr er sie alle vermisste! Vater und Mutter, Veleda, seine Schwester und die Zwillinge. Was würde er auch dafür geben, nun seinem Onkel Hristo zuzuhören, auch wenn er schon zum siebten Mal dieselbe Geschichte erzählte. Unwillkürlich begann er zu weinen. Doch schnell zwang er sich, damit wieder aufzuhören. Eine letzte Träne kämpfte sich noch mühsam den Weg aus seinem linken Auge. Ärgerlich wischte er sie mit dem Handrücken weg. Selbstmitleid war das Letzte, was ihm nun weiterhelfen konnte.
            Stöhnend rieb Euamellin seine schmerzenden Gelenke. Zum Glück waren seine Finger nicht vollkommen taub geworden. Wahrscheinlich konnte oder wollte ihn hier niemand hören, wo immer er auch sein mochte. Nur ein zarter Hauch von Alkohol wehte ihm entgegen. Ach ja richtig, die Amphore. Behutsam tastete er nach einer guten Stelle, dann tauchte er die Hand hinein und probierte ein wenig. Das musste ein sehr teurer Wein sein! In Ubiacum hatte er zwar noch keinen trinken dürfen, aber beim Bedienen hatte er heimlich immer ein ganz klein wenig an jeder Sorte genippt, wenn niemand hersah. Der hier schmeckte nach den ganz seltenen feierlichen Anlässen mit adligen Gästen. Wasser gab es keines, also schlürfte er munter darauf los, um seinen Durst zu stillen. Die eigenartige Schärfe störte ihn bald nicht mehr. Wunderbar, das löst gleich mehrere Probleme! Mit einem Seufzer der Erleichterung benutzte Euamellin die untere Hälfte der eingetretenen Amphore, um seine Blase zu entleeren. Aaaah, endlich! Bei allen Muttergöttinnen, tut das gut! Jetzt war er erst so richtig hungrig. Mal sehen, was hier noch so gut riecht. Da drüben muss irgendwo Pökelfleisch sein. Ja, Volltreffer! Andächtig strich er mit der Hand über einen herabhängenden Schinken. Nach sequaner Art, in Salz eingelegt und in der Luft zum Reifen aufgehängt. Na dann guten Appetit! Mit Heißhunger machte er sich über den Schinken her. Am Ende war Euamellin wohlig müde. Die Gedanken an die Gefangen-schaft waren auf einmal seltsam entrückt und schienen ihn irgendwie gar nichts mehr anzugehen. Er legte sich hin und sank in einen tiefen Schlaf.
 
            Mit einem Mal flog die schwere Eichentür auf und knallte gegen die Wand. Euamellin fuhr aus dem Schlaf hoch. Ein Mann Anfang Dreißig mit einer langen dicken Nase stürmte in den Raum, begleitet von ein paar breitschultrigen Männern, die wie brutale Schläger aussahen. Sie trugen fast ärmellose rot-gelb karierte Kittel über einer gelb-rot karierten Hose. Dumnorix und sein Gefolge. Neben dem glatt rasierten Dumnorix stand ein genauso glatt rasierter junger Mann in vornehmer Kleidung. Den hatte er doch auch schon einmal gesehen. Litaviccos? Ein blondgelockter Jüngling in schlichtem Gewand stand auf der Türschwelle und blickte etwas angewidert drein. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte Euamellin zu erkennen, was vor sich ging. Aber was war nur mit ihm passiert? Alles drehte sich, es gelang ihm nicht aufzustehen. Sein Kopf pochte und seine Zunge hing ihm so schwer im Mund. Der Schein der Fackeln blendete ihn auch wie hellstes Tageslicht… Der Wein musste wohl vergiftet gewesen sein. Verwundert starrte er auf die Männer, die ebenso überrascht zurückstarrten, wie Euamellin versuchte, sich am Boden festzuhalten, um nicht wieder umzufallen.
            „Sieh nur, Herr, er hat die Fesseln aufbekommen!“ Dumnorix kratzte sich an seinen dichten, dunklen Haaren. Einer seiner Männer leuchtete mit einer Fackel in die Ecken: „Beim Taranis, schau mal was die kleine Ratte hier mit den Zolleinnahmen von Dumnorix gemacht hat!“ Euamellin rieb sich seinen schmerzenden Kopf. „Wenn in der italischen Amphore da ein Falerner war, dann muss ich ihn schon aus Prinzip umbringen“, kündigte Litaviccos kaltlächelnd an. Er zog sich das Lederband zurecht, mit dem er seine hellbraunen Haare wie Dumnorix in einem überkorrekten Scheitel zusammengebunden hatte. Amüsiert betrachtete Euamellin, wie Litaviccos dann seine Hand in die zerbrochene Amphore tauchte, etwas Flüssigkeit schöpfte und daraus trank: „Bist du sicher, dass du als Zollanteil nur Spitzenweine einbehalten hast? Erinnert mich an etwas - eine bekannte Note. Aber sicher nicht der beste Wein… etwas bitter ist er schon. Sicher auch kein Caecuber, nicht einmal ein Sorrentiner… Schade, Dumnorix, der muss wohl bereits auf dem Transport verdorben sein.“ „Da- Da- Davon gibt‘s jeddnflls ei-nn nie ver-siggndn Nachschub“, lallte Euamellin grinsend, „das knn isch euch v-v-v-versisch-sch-schern“. Komisch, warum wollte ihm denn seine Zunge nicht mehr richtig gehorchen? Aber wen interessierte es schon. „Ihr, Hae- Hae- Haeduer trinkt ein- ein- einfach alles, oder?“ Bevor er sich versah, war er auch schon rückwärts an die Wand geflogen.
            Einer der Schläger hatte Euamellin einen gewaltigen Faustschlag versetzt. Seine Wange brannte und seine Kopfschmerzen nahmen zu. Eigenartigerweise schien ihm das aber im Moment ziemlich egal zu sein. Euamellin musste sogar unwillkürlich lachen. Dumnorix verschränkte seine muskulösen Arme und sah ihm finster in die Augen. „So, jetzt kannst du mir hoffentlich zuhören. Was hast du mitbekommen und wem hast du etwas erzählt?“ „Wa- Wa- Was habe ich wie?“ Dumnorix nickte in Richtung eines seiner Männer, wieder setzte es eine Ohrfeige. Diesmal brannte seine andere Wange wie Feuer. Trotzdem kicherte Euamellin nur. „Versuchen wir etwas anderes. Wie viele Reiter hat Ariovistos und wie viele Fußtruppen?“ „Wo, denn? Ich ich ich – kann gar kei- keine sehen?“ Dumnorix fuchtelte mit seinen Händen hinter seinen Kopf. Wieder bekam Euamellin einen Schlag ab. Dumnorix beugte sich vor, bis dass er Euamellin fast mit der Nase berührte. „Was weißt du über mich und meine Pläne? “ „Ha- Hat dir schon einml jemmand gesaaaagt, was du für ei-eine riiiiiieeeesige Nase hast, Dumno- Dumno- Dumnodingsbums?“ Der junge Mann im Türrahmen konnte sich ein Lachen nicht mehr verkneifen. Wieder krachte Euamellin an die Wand. Diesmal sprang der Schläger hinterher und riss Euamellin an einer Hand in die Höhe, während er die andere zum Schlag hob. Der Jüngling am Türeingang schnaubte erbost. „Ja, mach den Rotzlöffel fertig“, feuerte Litaviccos ihn dagegen an. Doch Dumnorix pfiff seinen Schläger zurück. „Halt! Merkst du nicht, wie zugesoffen der Kleine ist? Das bringt so überhaupt nichts, der hat sich gegen die Schmerzen betäubt. Wartet, bis er wieder nüchtern ist. Dann lässt er sich besser bearbeiten.“
            „Aber Dumnorix, wir müssen doch heute noch wieder zurück nach Bibracte!“ „Das macht nichts. Ich glaube nicht, dass er viel mitbekommen hat. Außerdem könnt ihr das hier alleine zu Ende bringen.“ Dumnorix gab ein Zeichen nach hinten, dann wurde ihm ein Mantel gereicht. „Sobald er nüchtern ist, verhört ihn alle paar Stunden.“ Dann tippte er auf den jungen Blondschopf: „Der Nichtsnutz hier ist in Cavillonum am entbehrlichsten. Schickt mir einfach Viridomaros als Boten, damit ich weiß, wie es ausgegangen ist - und dann schafft den da weg. Wenn er bis dahin noch etwas wert sein sollte, könnt ihr ihn ja bei den Nichtkelten nebenan als Sklaven verkaufen. Wenn nicht… Nun, ihr wisst ja, wie man aufräumt!“ Damit fiel die Türe wieder ins Schloss. Schritte entfernten sich. Euamellin musste sich plötzlich übergeben. Was für eine Art, einen Gast zu behandeln! Erst vergifteter Wein, dann auch noch Schläge. Ausgerechnet die Haeduer sollten also die großartigsten Sitten haben? Wer dieses Vorurteil nur erfunden hatte - na, der war wohl kaum jemals ihr Gast gewesen!
 
            Als Euamellin das nächste Mal wach wurde war er schon wieder gefesselt. Die Schläge mussten wohl härter ausgefallen sein, als er ursprünglich wahrgenommen hatte. Es waren aber weniger die blauen Flecken und die aufgerissene Lippe, die ihn schmerzten. Seine Haare steckten wie lauer kleine Nadeln in seinem Kopf. Seine Zunge fühlte sich an, als sei sie mit Schlamm beschmiert. Und sein Kopfschmerz erst, der war einfach unbeschreiblich. Jedes Geräusch dröhnte in seinen Ohren und sogar das Licht einer Kienspanfackel blendete ihn grell. Die Schläger waren davon jedoch völlig unbeeindruckt. Gnadenlos kamen sie in unregelmäßigen Abständen und schlugen ihn abwechselnd, wenn er die falschen oder keine Antwort geben konnte. Dabei wusste er wirklich nicht, was sie eigentlich von ihm wollten! Er war nah daran sich einfach irgendeine Geschichte auszudenken, und die zu gestehen.
            „Und - was machen wir jetzt?“, fragte einer seiner Wärter, als Euamellin wieder wimmernd in der Ecke lag, aber nicht recht wusste, welche Antwort man von ihm erwartete. „Weiß auch nicht“, entgegnete der andere. „Wir könnten ihn einfach zu Taranis in die Anderswelt schicken, dann brauchen wir uns nicht mehr mit ihm abzumühen.“ „Ich weiß nicht, hat Dumnorix nicht gesagt, wir sollen ihn verkaufen, wenn er noch etwas wert ist?“ „Wenn wir so weitermachen ist er nur noch Matsch. Viel kann ein Junge ja auch nicht arbeiten. Schau ihn dir doch an: Der ist sicher reich aufgewachsen. Der hat noch nie arbeiten müssen. Ich glaube, der ist sowieso nicht viel wert.“ „Gut bringen wir‘s hinter uns.“ Der verzog seinen starken Unterkiefer zu einem dümmlichen Lächeln, zückte seinen Dolch und kam auf Euamellin zu. „Wartet“, schrie Euamellin, „ihr macht einen Fehler! Ich bin viel wert, oh ja, sehr viel!“ Fragend blickte der starke Unterkiefer zu seinem Schlägerkumpan. „Der lügt doch nur. Warum solltest du denn etwas wert sein?“ „Hört doch! Mein Akzent! Das heißt, ich kann mehrere Sprachen sprechen. Ich kann auch Suebisch und Griechisch! Und ich kann sogar schreiben. Wenn ihr mir ein Wachstäfelchen und einen Stilus bringt, kann ich es euch beweisen.“ Die Schläger zögerten. „Aber er sagt uns nichts. Wenn er nichts weiß, muss er weg.“ „Wenn er etwas weiß, dann erst recht, so sind die Anweisungen.“ „Ich stamme aus einer reichen Familie, die würden sicher eine hohe Belohnung zahlen, wenn ihr mich freilasst. Und Suarto, der Sohn des Curmillo auch. Suarto, der Händler mit der Stimme im Rat von Bibracte …“ Da trat der junge Blondschopf durch die Türe: „Er hat Recht. Ein gebildeter Sklave ist viel wert. Schon ein gewöhnlicher bringt mindestens zweimal tausend Silbermünzen. Dumnorix wäre sicher verärgert, wenn ihr sein Kapital beschädigt.“ „Nerv uns nicht, Kleiner, wir müssen überlegen.“ „Und dabei will ich euch doch nur helfen. Wie wäre es, wenn ich nach Bibracte zu Dumnorix  reite? Das war doch sowieso ausgemacht.“ „Ja, Viridomaros, aber nur hinterher!“ „Na gut, aber so könnt ihr nichts verkehrt machen.“ Die beiden Schläger sahen sich unschlüssig an. „Nein, bringen wir ihn lieber um. Das gefällt mir besser. Geht schneller. Muss man weniger nachdenken und warten.“ „Und wenn er doch mehr wert ist? Ich bin mir sicher, dass Dumnorix nichts dagegen hätte, wenn ihr am späteren Verkauf eine kleine Beteiligung für euch selbst einsteckt. Vielleicht hat er sogar noch Geld bei sich. Habt ihr ihn schon durchsucht?“ „Ja, das stimmt!“, meldete sich Euamellin zu Wort. „Hier, schaut mal in meinen Lederbeutel am Rücken!“ Verwundert sahen sich die Schläger an. „Nehmt nur, könnt ihr alles haben!“ Voller Verlangen räumten die Schläger den Lederbeutel aus und kramten staunend Fibeln, »Tanzende Männlein« Regenbogenschüsselchen und auch den Glashund zwischen den Wollstreifen hervor. „Ich sattel dann schon mal ein Pferd, ja?“ Doch die beiden beachteten ihn kaum noch. Lediglich ein zugenicktes „Hunf“, bekam Viridomaros zu hören. Mit gierigen Augen begannen sie, sich über Euamellins weitere Barschaft herzumachen.
 
            Auch danach bekam Euamellin regelmäßigen Besuch von seinen Wärtern. Sie waren beim Verhör allerdings nicht mehr so recht bei der Sache. Ihre Schläge waren weniger fest als zuvor. Wahrscheinlich wollten sie nur irgendwie den Auftrag erfüllen, ohne dabei den Verkaufswert für den zukünftigen Sklaven zu mindern. Sie schienen sich sehr sicher zu sein, auch etwas abzubekommen. Trotzdem war Euamellin verzweifelt. Hier unten bekam er nicht einmal mit, ob es Tag oder Nacht war. Er konnte nur warten und hatte nicht mehr die geringste Vorstellung, wie viel Zeit verstrichen war. Ob Dumnorix schon geantwortet hatte? Wenn er ihn als Sklaven an irgendwelche fremden Händler verkaufen sollte, dann würde er kaum jemals wieder in seine Heimat zurückfinden. Und Drumasua würde er auch nie wieder sehen. Und wenn man ihn doch umbrachte, dann musste er in der Anderswelt noch lange auf Drumasua oder auf seine Familie warten. Nur der Gedanke, dort Großvater Staveno wieder zu sehen, tröstete ihn ein ganz klein wenig.
            Als er wortlos eine Schale mit Brei hingestellt bekam und man sofort wieder die Türe schloss, wurde er so wütend, dass er die Schale gegen eine Wand schleuderte, wo sie zerbrach. Dann weinte er. „He, kleiner Germanenjunge!“, drang plötzlich die Stimme von Viridomaros durch die Tür. Er war zurückgekehrt. „Kleiner Germane, bist du da?“ „Was willst du? Musst du nicht wenigstens reinkommen, um mich zu schlagen oder umzubringen?“ „Pst! Euamellin, sei leise, beim Teutates!“
            Verdutzt kroch Euamellin näher an die Tür. „Ich schicke dir schöne Grüße, Grüße aus Bibracte. Halte nur noch ein wenig aus. Du darfst nur in keinem Fall sagen, ob und was du mit angehört hast! Hast du verstanden?“ Dann hörte Euamellin von oben den Schläger mit dem starken Unterkiefer rufen: „Viridomaros, du bist zurück? Was machst du denn da unten bei dem Gefangenen?“ „Keine Sorge ich gehe ja schon!“ „Nein, nein, bleib nur schön hier! Dumnorix hat uns einen anderen Reiter geschickt. Er traut dir wohl nicht mehr. Du hast dich einmal zu oft bei seinem Bruder sehen lassen. Wir sollen uns doch »gründlich« um den Bengel kümmern, aber du darfst ihm schon einmal vorausgehen: In die Anderswelt zu Teutates! Jetzt bist du fällig, Viridomaros!“
[…]
[Wie es jetzt weitergeht? Nun, das Ende des ersten Bandes werde ich nicht schon in der Leseprobe ausplaudern… : ) Dafür geht es weiter mit Leseproben aus dem zweiten Band, „Geheimnisse in Rom“. Das erste Kapitel beginnt hier mit: „Roma".]

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