Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Montag, 29. Juni 2015

XI.Tiefer Sturz. Leseprobe aus "Catilina und die Jugend Roms"

Es folgt ein Auszug aus Kapitel Elf (zweiter Band - bisher gibt es hier Ausschnitte aus dem ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten neunten und zehnten Kapitel). Anregungen und Kommentare sind wie immer erwünscht (Rufus.in.Rom@gmail.com)!

Kapitel XI: Tiefer Sturz
[Gaius kehrt zurück, puterrot aber quicklebendig. Er ist außer sich, dass Cicero Catilina aus der Stadt getrieben hat. Manlius und Catilina vereinigen ihre Truppen und werden zu Staatsfeinden erklärt. Catilina lässt sich in der Provinz zum Gegen-Konsul ausrufen und schürt Aufstände. Unter dem Adler des Marius sammelt er ein Doppelheer aus zwei Legionen. Unterdessen erhalten die Allobroger eine geheimnisvolle Einladung: Sempronia und Gabinius versuchen die Allobroger zu einem Bündnis mit den Verschwörern zu verleiten. Die Gesandten sind geteilter Meinung. Was sollen sie tun…?]

Es war kalt, bitterkalt – zumindest für Rom, selbst für eine Dezembernacht. Jedenfalls hatte man ihm wiederholt gesagt, dass es in Rom eigentlich nie so kalt würde, wie jetzt. Soweit man sie im fahlen Mondlicht sehen konnte, stiegen kleine Dampfwölkchen beim Ausatmen auf. Wie kleine Gespensterkinder entstiegen sie Mund und Nase, hingen ein wenig in der Luft und verwehten schließlich im Reitwind der Pferde. Manchmal hielten sie sich auch etwas länger, so dass man fast meinen könnte, sie unterhielten sich mit den Toten der Gräber, die auf der großen Ausfallstraße den Weg säumten.
Rufus wickelte sich den Mantel enger um den Hals. »Was war das?« Rufus horchte angestrengt. »Habe ich da etwas gehört? ... Nein, nur der schauerliche Ruf einer Eule.« Er lauschte wieder angestrengt in die Nacht, aber außer dem Klackern der Hufe auf der Via Flaminia war nichts mehr zu hören.
Der Nebel wurde zunehmend dichter.
»Wenn nur Volturcius endlich von seiner Seite weichen würde, beim Hercules!« Rufus verfluchte den Einfall Suras, ihnen diesen Titus Volturcius als Eskorte mitzugeben. Er sollte die Allobroger zu Catilina führen, bevor sie weiterzögen. Dort sollten sie sich gegenseitig durch einen feierlichen Eid verpflichten.
Rufus versuchte, sein Pferd direkt neben Gaius zu lenken, so dass er ihn von Volturcius trennte. Doch erneut gab es auf der engen Straße kein Durchkommen.
»Beim Iuppiter! Ich muss es schaffen. Jetzt, jetzt muss ich handeln. Es bleibt nicht viel Zeit!«
Seit dem Treffpunkt war kein Herankommen an Gaius gewesen, schon seit sie mitten in der Nacht aufgebrochen waren. Volturcius und Umbrenus hatten sie geweckt und zu den Pferden geführt, Gaius war erst außerhalb Roms mit den Waffen der Allobroger zu ihnen gestoßen.
»Dabei muss ich doch unbedingt mit ihm reden, bevor es zu spät ist!«
Rufus ließ sein Pferd auf die Hinterbeine steigen und schob sich mit gewagtem Sprung mitten zwischen die beiden, so dass Volturcius‘ Ross laut wiehernd vom Seitenrand abkam.
„Beim Pluto! Kannst du nicht reiten? Wieso habt ihr nur dieses Kind mitgebracht?“
„Euamellin bleibt!“, rief Catugnatos bestimmt. „Er ist der Sohn eines bedeutenden Stammeshäuptlings und ein Teil unserer Gesandtschaft. Er ist mit uns nach Rom gekommen und er wird auch zusammen mit uns in den Norden zurückreiten.“
„Dann mach du doch sein Kindermädchen“, schnaubte Volturcius und sprengte an die Spitze der Gruppe. „Aus dem Weg ihr Kleinkinder!“
Gaius warf Rufus einen bitterbösen Blick zu, der zu bedeuten schien ʺWarum hast du das getan?ʺ. Vielleicht täuschte sich Rufus auch. Gaius‘ Gesicht war bei den vielen Schatten, welche die Grabmonumente und die kahlen Zweige der Bäume warfen, nicht richtig zu erkennen.
Vor ihnen ritten jetzt Crixos und Ollugnio, Catugnatos mit einem Bediensteten kam dahinter.
„Pst, Gaius!“, versuchte es Rufus in gedämpftem Ton.
„Jetzt nicht!“
Rufus presste die Lippen aufeinander.
In der Ferne tauchte bereits die Silhouette des Pons Milvius aus dem Nebel auf. Halb verdeckt spannte er sich wie ein viele hundert Fuß breiter Schlund des Orcus über den Tiber. Das Ende lag im dichten Nebel verborgen.
„Doch Gaius, jetzt! Später ist zu spät.“
„Was soll es denn ausgerechnet jetzt noch wichtiges geben?“
„Bitte vertrau mir: Hau hab, schnell, solange noch Zeit ist. JETZT!“ Rufus sah seinen Gastbruder flehentlich an.
„Aber warum?“, fragte Gaius ungläubig.
Rufus beugte sich so weit er konnte, ohne aus dem Sattel zu fallen, zu Gaius hinüber.
„Weil das ein Falle ist. Geh! Sag, dass dein Pferd lahmt und steig ab. Die werden auch ohne dich weiterziehen. Jetzt geh schon, bei allen Göttern!“
„Was? ... Nein! ... Du Gallier, du Barbar! Was hast du nur getan?“
Gaius presste die Zähne aufeinander.

Sonntag, 28. Juni 2015

garum & liquamen – die „Soja-Soße der Römer“

Antike Fischsoße - amphora
           In einer Zeit ohne elektrische Kühlsysteme ist frischer Meeresfisch teuer (→ CIL III, 2 p. 827 4,1 / CIL III, 828, 5,1). Anstatt Fisch kostenintensiv eisgekühlt in die Städte zu karren (im Sommer sind eistragende Berge jedoch weit und die Eiskeller zunehmend leer), kann man mit dem Meeresgetier auch anders Geld verdienen: in der Sonne des Mittelmeeres vor sich hin fermentieren lassen.
            Auf die Idee, solch eine würzigen Fischsoße wie Maggi, Soja-Soße, nước mắm oder als Salz-Ersatz zu verwenden verfallen als erste entweder die Phönizier, die Griechen (garon von gauros – Sardelle) oder die Karthager. Der bekannteste römische Koch, Apicius, benutzt es unter dem Begriff liquamen beinahe ständig in seinen Gerichten. Liquamen ist nahezu überall in der römischen Küche zu finden.
            Gewiss ist die Herstellung ein wortwörtlich anrüchiger Prozess und deshalb innerhalb von Städten verboten. Aber handelt es sich wirklich um vergammelten Fisch? Wohl kaum! Eher um Ungenauigkeiten bei der Übersetzung der antiken Textstellen (z.B. Plinius nat. hist. 31, 94-95; 37, Geoponica 20,46). Die Fische faulen nämlich nicht vor sich hin, die besten Produzenten achten peinlich genau darauf, nur frischen Fisch zu verwenden und durch Verwendung von Salz und der Enzyme in den Fischinnereien werden die Fische „hygienisch“ zersetzt. Anstelle des unerwünschten Fischgeruchs entsteht ein würziges Aroma, welches mit beigegebenen Kräutern noch zusätzlich gesteuert werden kann.
            Grundsätzlich werden bestimmte Fische (meist kleinere wie Sardellen und Anchovis, dazu Aale und Makrelen, seltener große wie Thunfisch) und Fischinnereien zusammen mit Salz und seltener auch gleich zusammen mit Gewürzen und Kräutern (Dill, Koriander, Fenchel, Oregano, Sellerie…) monatelang der Sonne ausgesetzt und immer wieder umgerührt. Dabei werden die Behälter in verschiedenen Schichten aufgefüllt, bis sie voll sind, beispielsweise Sardinen, Salz, (Gewürze,) Sardinen, Salz… Dies kann in offenen Becken geschehen, wie man sie v.a. in den Fischsoßenfabriken Spanens und Nordafrikas ausgegraben hat. In Italien, v.a. am Golf von Neapel, geht man vorsichtiger zu Werk und verwendet riesige Tongefäße mit flachem Boden und breiter Öffnung, die sorgfältig mit einem Deckel verschlossen werden. Bevor garum bzw. liquamen auf Reisen geht, wird es noch mehrfach durchgesiebt oder auch gefiltert und in Amphoren abgefüllt. Darauf kann am Halsbereich mit Tusche oder Tinte eine Aufschrift als titulus pictus den verwendeten Fisch, den Reinheitsgrad, den Reifegrad und die Qualität der klar-bräunlichen Flüssigkeit angeben – manchmal jedoch auch nur schlicht „garum“.
            Am Ende entsteht in jedem Fall ein aromatisches Produkt, das gar nicht mehr sonderlich nach Fisch schmeckt, sondern verschiedenste Geschmacksknospen aktiviert. Kein Wunder, dass es weit gehandelt wird, auch bis ins ferne Germanien. In einem aktuellen Artikel berichtet die Rhein-Neckar-Zeitung vom 06./07.06.2015 von einer Amphore, die in Heidelberg zu bestaunen ist: Garum aus seltenem jungen Thunfisch und ganze vier Jahre gereift - auf jeden Fall gehobene Qualität. Anscheinend lässt sich auch die angepasste Provinzbevölkerung nicht lumpen. Das für Lopodunum bestimmte Luxusgut Ist weit gereist, von Marokko entweder über die Atlantikküste entlang, durch den Ärmelkanal oder über das Mittelmeer die Rhône hinauf und schließlich an den ladenburger Neckarhafen. Der titulus pictus verrät hier nicht nur den Produktionsort in Lixus, Provinz Mauretania Tingitana, sondern auch das Füllgewicht von 80 Pfund und sogar den Namen des Großhändlers: Philargyrus mit griechischstammendem sprechendem Namen: der Geldliebende, „der Geldgierige“ oder gar „der Geldgeile“.
Den breitesten wissenschaftlichen Überblick über den Handel mit Fischsoßen und gesalzenem Fisch bietet der Sammelband von Emmanuel Botte, Victoria Leitch (Hrsg.), Fish & Ships: Production and Commerce of 'salsamenta' during Antiquity. Production et commerce des 'salsamenta' durant l'Antiquité. Actes de l'atelier doctoral, Rome 18-22 juin 2012​. Arles, Aix-en-Provence 2014 (239 Seiten, ISBN 9782877725798 für 39€), kürzlich rezenziert in der Bryn Mawr Classical Review vom 02.07.2015 (Im Rezensions-Blog: BMCR2015.07.02).
Hier geht es zum Essen bei den alten Römern,
sowie zur

Montag, 18. Mai 2015

X. Wie lange noch? Leseprobe aus "Catilina und die Jugend Roms"

Es folgt ein Auszug aus Kapitel Zehn (zweiter Band - bisher gibt es hier Ausschnitte aus dem ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten und neunten Kapitel). Anregungen und Kommentare sind wie immer erwünscht (Rufus.in.Rom@gmail.com)!


Kapitel X: Wie lange noch
Verärgerter Cicero bei seiner Rede "In Catilinam"
Cicero, angewidert von Catilina
[Am nächsten Morgen stehen bewaffnete Soldaten am Hauseingang. Quintus Fabius Sanga ruft seine familia zusammen. Die Briefe an Crassus und die andern Patrizier wurden im Senat vor Zeugen geöffnet und verlesen, über die Erhebung des Manlius wurde beraten. Schließlich wird der Notstand ausgerufen.]
[…]
[Rufus ist im Unterricht nicht bei der Sache, selbst bei der Sage über Romulus und Remus muss er immer nur daran denken, was sein Gastbruder Gaius gerade treibt – und wo. Rufus und Fabiulla werden mitten aus dem Unterricht herausgerufen: Larcia wurde eingeladen, unter ausdrücklichem Wunsch ihrer Gesellschaft...]

In Fulvias geschmackvoll eingerichtetem Triklinium fehlte es wieder an nichts; an nichts außer an der rechten Stimmung: Fulvia bemühte sich, eine gute Gastgeberin zu sein, doch kaute sie andauernd an ihren Nägeln, während Larcia Neuigkeiten berichtete, die bereits jeder wusste.
„Wie lange wir das wohl noch zu erdulden haben müssen? Staatsnotstand – wie schrecklich! Auf den Märkten ist kaum noch etwas zu haben. Ceres sei Dank, dass wir noch unsere eigenen Landgüter haben, jetzt wo man das beste Obst und Gemüse nur noch zu Wucherpreisen unter dem Ladentisch bekommt. Und von dem, was noch öffentlich angeboten wird, wollen wir gar nicht erst reden: fade im Geschmack, zähes Fleisch und vergammelter Fisch!...“
[…]
„Und wieso bitte, kann man sie nicht einfach so verurteilen?“
„ʺWo bitte sind die Beweise?ʺ, würden ihre Unterstützer sagen. Der junge Caesar hat sogar eine flammende Rede gehalten, dass er Aufruhr in keiner Form unterstütze, dass man sich aber strikt an das Gesetz zu halten habe…“
„… und hat damit verdammt recht - in dubio pro reo!“
„Sempronia!“
Fulvia fuhr mit einem Satz von der Speiseliege hoch und riss die Augen auf.
Sempronia nahm ungeniert auf dem mittleren Speisesofa direkt neben Larcia Platz, so dass ihr Platz zum neuen Ehrenplatz zwischen den Damen wurde.
Fabiulla und Rufus sogen überrascht die Luft ein. Sempronia hatte ohne auf eine Einladung der Gastgeberin zu warten einfach den locus consularis für sich in Anspruch genommen. Larcia hatte sich deshalb ursprünglich auf die mittlere Liege begeben, und Rufus neben Fabiulla auf der Randliege Platz nehmen lassen.
Larcia zog gekränkt beide Augenbrauen hoch. Sempronias Verhalten sprach jeder Etikette Hohn.
Fulvia starrte Sempronia immer noch an, als sei sie ein Gespenst.
»Wie kann man sich denn vor einer so netten Frau so fürchten?«, wunderte sich Rufus. Erneut bewunderte er ihre Erscheinung. Sempronia war vielleicht nicht mehr ganz so jung wie andere Frauen, ihre Haut nicht mehr ganz so glatt, aber die Eleganz ihrer Erscheinung suchte ihresgleichen. Allein schon ihre Bewegungen verrieten die ganz große Klasse. Die Lachfältchen um ihre Augen und das leicht spöttische Lächeln um ihre Mundwinkel fand Rufus besonders anziehend. »Sollte ich jemals eine Römerin heiraten, dann so eine!«, schwor er sich, während er den Duft ihres verführerischen Parfüms einsog.
„Na was ist?“, riss Sempronia ein Glas an sich. „Bekommt man hier etwa keinen Wein? Oh, was für leckere Häppchen…“
Larcia kämpfte darum, nicht die Beherrschung zu verlieren. Sie setzte sich stocksteif auf und gab sich demonstrativ angewidert, als Sempronia unbekümmert ein paar Pastetchen in die Luft warf und mit dem Mund wieder auffing. Sempronias Stola war dabei so weit entblößt, dass man ihre goldenen Arm- und Fußringe sehen und klappern hören konnte.
Fabiulla kicherte ausgelassen, Rufus war überwältigt von Sempronias Lebensfreude, Larcia sog scharf die Luft ein.
„Außer sich wie billige Akrobatinnen zu verhalten, scheint es manchen Frauen nicht einmal etwas auszumachen, sich vor Männern zu entblößen!“
„Warum auch nicht, wenn es der richtige ist? Und weißt du was? Es macht auch manchen Männern nichts aus – solange sich die richtige Frau entblößt!“
„Fabiulla! Warte vor der Tür! Agahtha, begleite sie! Wie kannst du nur solche Reden vor einem wohlerzogenen Kind aus dem ruhmreichen Hause der Fabii Sangae führen?“
Agatha zog Fabiulla, die ihr Lachen nicht zurückhalten konnte, hinter sich hinaus.
Sempronia kniff die Augen zusammen.
„Wie kannst du dein eigenes Kind nur zu einem Sklaven der Männer erziehen wollen? Glaubst du wirklich, dass unser Leben nur dafür da ist, überkommene Konventionen zu wahren?“
Larcia schloss ihre Augen und wandte sich entrüstet ab.
„Ja, verschließ nur deine Augen vor der Wahrheit und vor dem Leben! Aber glaube nicht, dass ein intelligentes Kind wie deine Tochter glücklich wird, wenn man sie den ganzen Tag einsperrt und Wolle spinnen lässt. Erst redet man ihr ein, dass die arrangierten Hochzeiten nur dazu dienen, den Richtigen für sie zu finden. Dann wird sie verkauft wie ein Stück Vieh, für Ansehen oder für ʺFreundschaftʺ, nur um gerade eine politische Koalition zu besiegeln oder einen Parteifreund näher an sich zu binden. Und sollte sie wirklich einmal mit einem Mann zufrieden sein oder sich gar in ihn verlieben – hopp, ihr nötigt sie zur Scheidung, weil die Politik gerade andere Bindungen verlangt. Willst du das wirklich?
Schau dich doch selbst an, du wirst von deinem Ehemann als reines Repräsentationsobjekt gehalten, wie ein Schmuckstück für Männer, das man vorzeigt, aber das weder einen eigenen Willen hat noch einen haben darf - und als Reproduktionsobjekt, für legitime Nachkommen mit dem Abbild deines gesetzlich anvertrauten Vormunds und Bestimmers. Wo bleibt da die Freude? Sind wir Tuchwalker? Sind wir Legehennen? Wenn ein Mann Spaß dabei haben will, geht er nicht zu seiner Frau sondern ins Bordell: Niemand wird deshalb schlecht über ihn reden sondern man lobt ihn noch dafür, wie es der alte Cato schon tat. So ist es bei den Römern Brauch. Aber was ist mit uns? Wo bleibt unser Vergnügen?“

Freitag, 1. Mai 2015

„Lass ihn doch zur Ader!“ - Medizin im alten Rom

Als ich die erste Vorlesung über Medizingeschichte an der Universität Heidelberg hörte, wurde den künftigen Ärzten gelehrt, dass die Erkenntnisse der heutigen Medizin einem Zwerg gleichen, der auf den Schultern von Riesen sitzt (Prof. W. U. Eckart, V: Geschichte und Ethik der Medizin, WS 99/00).
Ärztebesteck antiker Medizin (Skalpell, Knochenzange, Schröpfkopf...) Viele Skalpelle und andere Instrumente unterscheiden sich in ihrer Form wenig von heutigem chirurgischen Besteck, viele Erkenntnisse von Hippokrates (um 450 v. Chr.), Cornelius Celsus (ca. 25 v. – 50 n. Chr.) und Galenus (ca. 129–216 n. Chr.) gelten auch heute noch;  Rezepte und, Kräuterbücher der antiken Herbarien sorgen nach ihrer Wiederentdeckung immer noch für „neue“ Wirkstoffe und Präparate der an diesen „rechtefreien Generika“ recht interessierten Pharmaindustrie.
Bekannt sind
  • verschiedene Fachrichtungen und Fachärzte (Ophthalmologie, Zahnheilkunde, Gynäkologie [allerdings als „fehlerhafte“ Physiologie eines Mannes], Neurophysiologie, Chirurgie, kosmetische Chirurgie, Pharmakologie, Diätetik, Psychotherapie, Molekularmedizin, Physiotherapie, Allopathie, Pathologie, Anatomie, Balneotherapie…),
  • hunderte von medizinischen Instrumenten (Skalpelle, Lanzetten, Pinzetten, Sonden, Zahn- und Knochenzangen, Knochenheber, Haken, Sägen, Feilen, Wundnadeln, Hohlnadeln [v.a. für grauen Star], Starnadeln, Specula [anale & gynäkologische], Brenneisen, Trepanationssägen / Trepane, Katheter, Salbenreibeplatten, Arzneikästchen [eine Art mobiler Medizinschrank], Phiolen, Schröpfköpfe…),
  • Arzneimittel (Heilkräuter, Verbandsmaterial, Heiltränke, Pasten, Pillen, Dragees…)
  • Wissenschaftliche Diagnostik und Prognostik, Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten, medizinische Ethik (z.B. „der“ Hippokratische Eid), Schwangerschaftsabbruch, sowie zielgerichtete Werbung.
Doch dieses riesenhafte Wissen der Antike, bei Griechen und Römern erstmals wissenschaftlich erworben, kommt nicht allen zu Gute: Es gibt weder eine geregelte Ausbildung noch eine Qualitätskontrolle wie bei uns durch ein Staatsexamen, Prüfungskommissionen werden erst in den Digesten erwähnt (→ Dig. 27,1,6,2; 50, 9,1 gegen Ende 533 n. Chr.). Zuvor kann sich jeder Arzt nennen, vor allem die preisgünstigen müssen sich gegen die harte Konkurrenz der Magier, Exorzisten, Hebammen und einfachen Wundärzte behaupten. Ihre Methoden sind entsprechend einseitig und fehlerhaft. Nur reiche Römer oder glückliche Klienten eines sehr fürsorglichen Patrons können sich überhaupt die besten Ärzte leisten.
Obwohl die (meist griechischen) richtigen Ärzte gut ausgebildet sind, kommt es auch unter ihnen bisweilen zu abstrusen Vorstellungen, die nach heutiger Kenntnis wenig hilfreich sind, beispielsweise wenn die bei Galen überarbeitete Lehre von der Harmonie der vier Säfte (schwarze und gelbe Galle, Schleim, Blut) einseitig interpretiert oder das zur Ader lassen übertrieben und falsch angewendet wird. Dazu ist die Mehrheit der Medikamente mehr oder weniger von Laien gemischt wohl nur in 10% der Fälle wirklich effektiv (vgl. Nutton 1999, Spalte 1115). Während rationale Ärzte lieber erst einmal sorgfältig nach den Ursachen forschen und z.B. bei Infektionen kleinste unsichtbare Tierchen verantwortlich machen, die über die Atemwege, den Magen-Darm-Trakt oder offene Wunden aufgenommen werden und mit Feuer und Alkohol desinfizieren, rät die große Menge der Quacksalber dagegen schnell zu Blutegeln Aderlass und Schröpfköpfen – eine Methode die den Patienten schnell Kraft verlieren lässt und ihn für Infektionen erst recht anfällig macht, wenn sie unsauber ausgeführt wird.. Ohne Antibiotika verlaufen Infektionen oft tödlich (lange bevor Bartolomeo Gosio 1893 Penicillium isoliert oder erst 1942 der erste Patient mit Penicillin behandelt wird, werden schon antibiotische Wirkungen von Naturstoffen benutzt, wie z.B. der beim „Ötzi“ gefundene Birkenporling zeigt. Doch in der warmen Mittelmeerwelt wächst er nicht und taucht so in den überlieferten medizinhistorischen Texten auch nicht auf).
Am besten sind die Ärzte, die in Alexandria studiert haben – weiterhin das leuchtende Zentrum der Gelehrsamkeit für Philosophie, Technik und alle Naturwissenschaften. Um die klügsten Köpfe nach Rom zu locken, gibt es seit Caesar außer hohen Gehältern auch weitergehende Werbemaßnahmen für den Standort Rom (z.B. werden Ärzte mit römischem Bürgerrecht beschenkt → Suet.Iul.42).
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