Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Montag, 29. Juni 2015

XI.Tiefer Sturz. Leseprobe aus "Catilina und die Jugend Roms"

Es folgt ein Auszug aus Kapitel Elf (zweiter Band - bisher gibt es hier Ausschnitte aus dem ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten neunten und zehnten Kapitel). Anregungen und Kommentare sind wie immer erwünscht (Rufus.in.Rom@gmail.com)!

Kapitel XI: Tiefer Sturz
[Gaius kehrt zurück, puterrot aber quicklebendig. Er ist außer sich, dass Cicero Catilina aus der Stadt getrieben hat. Manlius und Catilina vereinigen ihre Truppen und werden zu Staatsfeinden erklärt. Catilina lässt sich in der Provinz zum Gegen-Konsul ausrufen und schürt Aufstände. Unter dem Adler des Marius sammelt er ein Doppelheer aus zwei Legionen. Unterdessen erhalten die Allobroger eine geheimnisvolle Einladung: Sempronia und Gabinius versuchen die Allobroger zu einem Bündnis mit den Verschwörern zu verleiten. Die Gesandten sind geteilter Meinung. Was sollen sie tun…?]

Es war kalt, bitterkalt – zumindest für Rom, selbst für eine Dezembernacht. Jedenfalls hatte man ihm wiederholt gesagt, dass es in Rom eigentlich nie so kalt würde, wie jetzt. Soweit man sie im fahlen Mondlicht sehen konnte, stiegen kleine Dampfwölkchen beim Ausatmen auf. Wie kleine Gespensterkinder entstiegen sie Mund und Nase, hingen ein wenig in der Luft und verwehten schließlich im Reitwind der Pferde. Manchmal hielten sie sich auch etwas länger, so dass man fast meinen könnte, sie unterhielten sich mit den Toten der Gräber, die auf der großen Ausfallstraße den Weg säumten.
Rufus wickelte sich den Mantel enger um den Hals. »Was war das?« Rufus horchte angestrengt. »Habe ich da etwas gehört? ... Nein, nur der schauerliche Ruf einer Eule.« Er lauschte wieder angestrengt in die Nacht, aber außer dem Klackern der Hufe auf der Via Flaminia war nichts mehr zu hören.
Der Nebel wurde zunehmend dichter.
»Wenn nur Volturcius endlich von seiner Seite weichen würde, beim Hercules!« Rufus verfluchte den Einfall Suras, ihnen diesen Titus Volturcius als Eskorte mitzugeben. Er sollte die Allobroger zu Catilina führen, bevor sie weiterzögen. Dort sollten sie sich gegenseitig durch einen feierlichen Eid verpflichten.
Rufus versuchte, sein Pferd direkt neben Gaius zu lenken, so dass er ihn von Volturcius trennte. Doch erneut gab es auf der engen Straße kein Durchkommen.
»Beim Iuppiter! Ich muss es schaffen. Jetzt, jetzt muss ich handeln. Es bleibt nicht viel Zeit!«
Seit dem Treffpunkt war kein Herankommen an Gaius gewesen, schon seit sie mitten in der Nacht aufgebrochen waren. Volturcius und Umbrenus hatten sie geweckt und zu den Pferden geführt, Gaius war erst außerhalb Roms mit den Waffen der Allobroger zu ihnen gestoßen.
»Dabei muss ich doch unbedingt mit ihm reden, bevor es zu spät ist!«
Rufus ließ sein Pferd auf die Hinterbeine steigen und schob sich mit gewagtem Sprung mitten zwischen die beiden, so dass Volturcius‘ Ross laut wiehernd vom Seitenrand abkam.
„Beim Pluto! Kannst du nicht reiten? Wieso habt ihr nur dieses Kind mitgebracht?“
„Euamellin bleibt!“, rief Catugnatos bestimmt. „Er ist der Sohn eines bedeutenden Stammeshäuptlings und ein Teil unserer Gesandtschaft. Er ist mit uns nach Rom gekommen und er wird auch zusammen mit uns in den Norden zurückreiten.“
„Dann mach du doch sein Kindermädchen“, schnaubte Volturcius und sprengte an die Spitze der Gruppe. „Aus dem Weg ihr Kleinkinder!“
Gaius warf Rufus einen bitterbösen Blick zu, der zu bedeuten schien ʺWarum hast du das getan?ʺ. Vielleicht täuschte sich Rufus auch. Gaius‘ Gesicht war bei den vielen Schatten, welche die Grabmonumente und die kahlen Zweige der Bäume warfen, nicht richtig zu erkennen.
Vor ihnen ritten jetzt Crixos und Ollugnio, Catugnatos mit einem Bediensteten kam dahinter.
„Pst, Gaius!“, versuchte es Rufus in gedämpftem Ton.
„Jetzt nicht!“
Rufus presste die Lippen aufeinander.
In der Ferne tauchte bereits die Silhouette des Pons Milvius aus dem Nebel auf. Halb verdeckt spannte er sich wie ein viele hundert Fuß breiter Schlund des Orcus über den Tiber. Das Ende lag im dichten Nebel verborgen.
„Doch Gaius, jetzt! Später ist zu spät.“
„Was soll es denn ausgerechnet jetzt noch wichtiges geben?“
„Bitte vertrau mir: Hau hab, schnell, solange noch Zeit ist. JETZT!“ Rufus sah seinen Gastbruder flehentlich an.
„Aber warum?“, fragte Gaius ungläubig.
Rufus beugte sich so weit er konnte, ohne aus dem Sattel zu fallen, zu Gaius hinüber.
„Weil das ein Falle ist. Geh! Sag, dass dein Pferd lahmt und steig ab. Die werden auch ohne dich weiterziehen. Jetzt geh schon, bei allen Göttern!“
„Was? ... Nein! ... Du Gallier, du Barbar! Was hast du nur getan?“
Gaius presste die Zähne aufeinander.
Rufus spürte, wie das schlechte Gewissen an ihm nagte. Lange hatte er gezögert, was er tun sollte, auf welche Seite er sich schlagen sollte. Nun war genau das eingetreten, was er am meisten gefürchtet hatte: Er hatte Gaius in einer schwierige, in eine unmögliche Lage gebracht.
Rufus hielt sich wieder aufrecht, um kein weiteres Aufsehen zu erregen. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Gaius.
»Wenn er mich verrät, schneiden die mir kurzerhand die Kehle durch. Ob er das in Kauf nimmt? Er hängt doch so an der Ehre ... und nachdem ich ihm das Leben gerettet habe … Andererseits, tut er es nicht, verrät er die ganze Gruppe, alle Anhänger seines großen Idols Catilina … O ihr Götter, wenn er sich doch nur davonmachen würde! Ich kann schon die sechs Brückenpfeiler erkennen!«
Entsetzt starrte ihn Gaius an.
„Du hast uns wirklich verraten? Nach allem, was wir für dich getan haben? Von einem Barbaren ist ja auch nichts anderes zu erwarten, als Hinterlist und Täuschung! Aber ICH verrate Catilina nicht. Ich bleibe treu! Was verlangst du da von mir? Ich soll die anderen eiskalt in ihr Verderben reiten lassen?“
„Gaius! Es hat keinen Zweck! Ihr habt sowieso einen Maulwurf unter euch.“
„Ja, dich, du falsche Schlange!“, zischte Gaius.
„Nein, nicht nur mich, es sind viele! Ich weiß es ganz sicher, von Cicero selbst.“
„Verdammter Caelius! Ich hätte es wissen müssen… Die Pest über ihn, die Pest über Crassus, die Pest über Cicero und dich!“, spuckte Gaius verächtlich aus.
„Gaius! Bitte vertrau mir!“
Gaius presste zornig die Lippen aufeinander.
„Wie könnte ich DIR nur je wieder vertrauen? Und dich habe ich einmal ʺBruder genanntʺ…“
„Vertrau mir doch nur noch ein einziges Mal! Du hast gesagt, ich bin dein Bruder, und ich kann immer mit einer Bitte zu dir kommen, was es auch immer sei. Und jetzt bitte ich dich, hör mich an und dreh um. Steig wenigstens ab, beim Apoll!“
Gaius schien nachzudenken.
Rufus lief ein Schauer über den Rücken. Vor ihnen hatte Volturcius bereits die Brücke erreicht. Wenn er an der Stelle der Prätoren Flaccus und Pomptinus wäre, dann würde er den Hinterhalt genau hier legen. Bisher hatte er aber noch niemand gesehen, keinen Soldaten, keine Prätoren. Sollten sie am Ende auch zu den Verschwörern gehören und die Falle galt am Ende gar nicht den Catilinariern sondern ihm und den Allobrogern? Oder hatte man inzwischen schon alle wichtigen Beamten umgebracht, darunter auch Cicero und die Prätoren?
Die Reiter verlangsamten ihr Tempo. Die Holzplanken waren rutschig. Am anderen Ende trieb noch eine dichte Nebelbank, von der Volturcius verschluckt wurde, davor begann der Nebel, sich wieder zu lichten.
„Also gut“, flüsterte Gaius schließlich, als sie mitten auf der Brücke waren, „nehmen wir an, dass…“
„Eine Falle! Verfluchter Cicero! Alles zurück!“
Das laute Gebrüll kam von Volturcius. Urplötzlich galoppierte er auf sie zu - eine schwarze Schreckgestalt, die aus dem Nebel brach. Hinter him stiegen zwei unheimlich rotglühende Augen in den achthimmel empor, die Augen eines riesigen Drachens.
»Feuerpfeile, kein Untier... Das muss das verabredete Signal sein!«
Kaum hatte Rufus die Pfeile richtig eingeordnet, als er schemenhaft eine Horde dunkler Gestalten erkannte, die Volturcius nachsetzten. Soldaten! Sie hatten Gesicht und Rüstung mit Schlamm geschwärzt. Sicher hatten sie am Hang hinter der Brücke auf der Lauer gelegen. Dahinter kamen noch mehr, ungeschwärzt, aber mit Fackeln bewehrt.
Fieberhaft versuchten alle, ihre Pferde herumzureißen und sich zum anderen Ufer durchzuschlagen. Doch es war bereits zu spät.
Wie aus dem Nichts tauchten auch auf der anderen Seite pechschwarze Gestalten aus der Uferböschung auf. Mit Zweigen am Helm und dem Pilum in der Hand. Der gesamte Brückenbereich war großräumiger besetzt, ein Umkehren war nicht mehr möglich.
„Im Namen der Konsuln! Ihr kommt hier nicht mehr raus. Legt eure Waffen nieder und ergebt euch!“
„Flaccus! Gaius Valerius Flaccus, das alte Schlappohr“, murmelte Catugnatos. „Immerhin ist Troucillos zuverlässig…“
Ein ähnlicher Ruf erscholl von der anderen Seite. Das musste dann der Prätor Gaius Pomptinus sein. Von beiden Seiten erhob sich nun das Kampfgeschrei der Soldaten.
Volturcius trieb sein Pferd selbst mit lauten Schreien gegen die Mannschaften, doch sein Kurzschwert war gegen die Reihen der Pilen machtlos. Mühelos durchbohrten sie sein Pferd. Mit erbärmlichem Gewieher brach es zusammen und warf unter wilden Zuckungen seinen kühnen Reiter ab.
Die Soldaten drängten auf beiden Seiten auf die Brücke nach.
Doch so schnell war Volturcius nicht klein zu bekommen.
„Verdammte Feiglinge! Ein wehrloses Tier abschlachten, das könnt ihr! ... Versucht es doch mit einem Mann, ihr Memmen!“
Damit stürzte er sich ins Getümmel, gefolgt von seinen Sklaven. Unter ihren wilden Hieben wichen die Soldaten tatsächlich zurück – allerdings nur, um ihr pilum in den Boden zu rammen und als feste Schildmauer mit Schild und Schwert wieder vorwärts zu drängen. Sie wollten sie lebend.
Umbrenus saß mit offenem Mund da und schien nicht zu verstehen, was vor sich ging.
Ollugnio hob ihn kurzerhand vom Pferd.
Catugnatos streckte die Hand nach seiner Korbtasche aus, während Ollugnio ihn festhielt:
„Publiulle – Publius-Schätzchen, sei doch so gut und gib uns die Unterlagen!“, äffte Crixos Sempronias Singsang nach.
„Ihr verdammten…!“
Umbrenus riss sich los und warf sich mit einem Satz auf Crixos.
Doch Catugnatos reagierte schneller. Krachend schlug seine Faust in Umbrenus‘ Gesicht ein. Kleine weinrote Tröpfchen umtanzten die Faust und verteilten sich dampfend im dezemberlichen Nachthimmel - wie ein feiner Nebel.
Umbrenus hielt seine gebrochene Nase und wollte aufstehen, doch Ollugnio setzte ihm lächelnd sein Schwert unter die Kehle. Umbrenus‘ Sklaven wollten eingreifen, doch die drohend geschwungenen Langschwerter der Allobroger überzeugten sie eines Besseren.
Schließlich war alles vorbei. Volturcius gab auf, als er sah, dass die Allobroger ihm nicht beistanden. Er bettelte noch flehentlich Pomptinus an, ließ sich aber widerstandslos festnehmen. Seine Freundschaft zum Prätor brachte ihm diesmal keinen Nutzen. Die Legionäre begannen, einzeln die Namen der Reitergruppe zu notieren und sie gut zu verschnüren.
Gaius saß noch immer im Sattel. Blass und regungslos wartete er auf das Unvermeidliche: Gefangennahme, Verhör, Prozess wegen Hochverrat und Hinrichtung.
Rufus warf einen Blick nach unten in den tief dahin rauschenden Tiber. Es war dieselbe Stelle, an der sie im Sommer zusammen gebadet hatten. Ein paar der kleineren Felsen schauten noch immer aus dem Wasser.
»Wenn sich die Mulde seitdem nur nicht mit zu viel Geröll gefüllt hat!«, hoffte Rufus inständig
„Schwimm!“, flüsterte er Gaius zu, der ihn verständnislos ansah, „Und halte den Kopf so lang wie möglich unter Wasser!“
Kurzerhand zog Rufus seinen Dolch und rammte ihn Gaius‘ Pferd in die Flanke; nicht tief -er wollte dem Tier nicht unnötig weh tun- aber tief genug, dass es Gaius abwarf. Rufus half mit einem Richtungswechsel nach und lenkte den schreienden Gaius geschickt über die Brüstung.
Sofort waren ein paar der Soldaten bei ihnen.
„Wer war das? Umbrenus?“
„Keine Angst!“, grinste Catugnatos, „Umbrenus ist unter Kontrolle. Und die Gesandschaft ist auch komplett ... komplett und unverletzt.“
Crixos hob die Tasche des Umbrenus hoch. „Und das haben wir auch. Alle Siegel sind unverletzt.“
„Mercurius sei Dank! Wir haben, was wir wollten … Aber wer war diese arme Sau?“
Catugnatos zuckte nur mit den Schultern.
Alle starrten hinab in die Schwärze, wo der Tiber rauschend gegen die Pfeiler krachte. Im Schein der Fackeln konnte man die schäumenden Fluten sehen. doch war keine menschliche Bewegung darin auszumachen. Sie lauschten, jedoch war nichts zu hören, außer dem Gluckern des Wassers und den weinerlichen Bitten des Titus Volturcius.
Flaccus zwängte sich bis zu ihnen durch.
Rufus kletterte auf die Brüstung, Flaccus zerrte ihn zurück.
„Was soll das denn werden?“
„Lass mich, Herr. Den erwische ich noch!“
„Nicht doch, Junge, der war größer als du! Der Tiber ist hier viel zu flach, du brichst dir nur das Genick.“
„Er weiß, was er tut!“, wandte Catugnatos ein.
„Kann uns nur Recht sein“, stimmte ein Legionär zu, „dann muss sich keiner von uns den Hals brechen und ersaufen, nur um den anderen zu finden…. Gallier…“
Doch Flaccus ließ nicht locker: „Nein! Ich führe hier das Kommando! Ich will, dass meine Männer die richtige Leiche aus dem Fluss fischen! Der wird auch so noch schwierig genug zu finden sein.“ Dann legte er beide Hände an den Mund und brüllte: „Sichert die Flussufer! An jeder Stelle, wo er wieder auftauchen könnte, will ich Wachen haben!“
„Lass doch, Prätor. Das überlebt niemand!“
„Trotzdem: Sichert die Ufer: Überall, wo man wieder hoch kommen kann, will ich zwei Mann postiert sehen. Leiche oder nicht ... den will ich auch noch. Solange ich Prätor bin, entkommt mir kein Verdächtiger ... weder im Leben, noch im Tod. Das soll sich ruhig rumsprechen. Los jetzt!“
Aber Gaius kam nicht wieder hoch. Rufus stürmte von der Brücke, immer den Soldaten hinterher. An der Uferböschung rutsche er aus und fiel hin. Schnell stand er wieder auf und lief weiter zum Ufer. Rufus machte sich die größten Vorwürfe. Zuerst stieg die Angst um Gaius in ihm hoch, dann Panik.
»Was habe ich nur getan? Ich hätte doch merken müssen, dass man den Soldaten nicht mehr entkommen kann ... nicht einmal mit einem gewagten Sprung in den Fluss. Aber wenn er nun doch…?“
Verzweifelt rannte Rufus von Posten zu Posten. Er sah auch zwischen den Postenketten nach, aber nirgends zeigte sich jemand – weder tot noch lebendig.
Stunden später dämmerte der Morgen des dritten Tages vor den Nonen des Dezember. Langsam kämpfte sich die Sonne gegen den hartnäckigen Dezembernebel frei, der wie eine Dunstglocke über der Stadt hing. Stück für Stück tauchte die Silhouette Roms vor den übermüdeten Augen auf. Doch selbst der Sonnenwagen des Apollo konnte nicht weiterhelfen.
Gaius blieb verschwunden.
[…]
[Während Rufus am Boden zerstört ist und Zweifel wie Vorwürfe an ihm nagen, berät der Senat, was mit den Gefangenen zu tun ist. Die langersehnten Beweise und Geständnisse führen zu einer ganzen Welle von Verhaftungen unter den führenden römischen Beamten, darunter Lentulus Sura. der bis dahin so mächtigen Stadtprätor.]

Es war noch früh. Doch Rufus‘ Magen knurrte gewaltig. Wie lang hatte er nichts gegessen? Er lief zur Küche, steckte der Oberköchin Medea ein As zu und bediente sich mit Brot, Feigen und Würsten. Er nahm alles mit ins Vestibulum und setzte sich zu Cerberus und Milmass, denen er großzügig davon anbot.
„Danke junger Herr!“
„Wau“ – „Jaul!“ quittierte Milmass die Leckerei, die ihm Rufus reichte.
Rufus aß mit der rechten Hand, während er mit der linken Milmass kraute. Rufus‘ Streicheleinheiten waren dem Hund noch willkommener als die Wurst. Durch das geöffnete Gitterfenster der Türe hörte Rufus die Wachen reden.
„…kannst du das glauben, Crassus und Caesar Hintermänner der Verschwörung?“
„Unsinn. Die hätte man doch sicher längst verhaftet. Aber ich habe beim Schichtwechsel von Decimus gehört, dass die Klienten des Lentulus und des Cethegus immer noch dabei sind, Leute zu sammeln. Könnte wieder eine unruhige Schicht werden, wenn die noch einen Aufstandsversuch wagen.“
„Ja, aber besser hier oben Dienst als auf dem Forum ... oder gar im Tempel der Concordia…“
„Du sagst es. Der Senat muss entscheiden, was sie mit den Verschwörern anstellen sollen ... und ihre Anhänger wollen die Gefangenen befreien…“
„He du! So einfach kommst du hier nicht rein. Das ist das Haus eines Senators! Warte, wir müssen dich erst kontrollieren…“
Kurz darauf trat einer der Soldaten ans Guckfenster und brüllte:
„Heda, lasst ihr so einen Jungbullen rein, so einen kräftigen Jungen ... nennt sich Marcus Antonius?“
Cerberus lief los. Er musste um eine Antwort ersuchen.
Rufus schob schnell den Riegel zurück, bevor Cerberus zurück war.
„Marcus!“
Rufus war überrascht. Von der gewohnten Lebensfreude, die Marcus Antonius sonst ausstrahlte, war keine Spur mehr vorhanden. Sein modischer Spitzbart war von dunklen Stoppeln umstanden, die Haare standen wild in alle Richtungen ab. Er hatte dicke schwarze Ringe unter den Augen und gerötete und feuchte Wangen, als ob er gerade viel geweint hätte. Statt seiner eleganten Kleidung war er ganz in schwarze Trauergewänder gehüllt.
„Rufus? Ach, ja, hab‘ ich ganz vergessen ... du wohnst ja hier… Ist Gaius zu Hause?“
Rufus schluckte.
„Nein. Ich habe ihn schon seit vorgestern nicht mehr gesehen.“
„Oh ihr Götter! Warum ausgerechnet jetzt…?“
„Was ist denn los mit dir?“
„Was mit mir los ist? Wo hast du die letzten Tage nur gesteckt! Bekommst du denn hier gar nichts mehr mit? Sie haben meinen Vater verhaftet! Dabei ist er doch der Stadtprätor, der drittwichtigste Mann in Rom und unantastbar, solange er im Amt ist. Cicero ist verrückt geworden ... mit dem Notstand will er einfach alles rechtfertigen! Seit gestern diskutieren sie schon darüber, wie sie Sura und die andern Gefangenen am besten aus dem Weg räumen können! Wenn die Senatoren heute dem Antrag des Silanus folgen, werden sie alle umgebracht ... mein Vater als erster! Ich muss jemanden finden, der Cicero stoppt, jemand der sich für meinen Vater einsetzt, heute noch -JETZT- bevor die Sitzung ihre Entscheidung fällt. Und niemand will mir helfen…“.
Antonius lehnte seine Arme an die Eingangstüre und schluchzte. „Dieser Idiot von Clodius ist auch keine Hilfe ... ganz im Gegenteil! Er spielt auch noch mit seinen Freunden eine Art Leibwache für Cicero! Keine Ahnung was er an diesem gefährlichen Langweiler findet.“
„Du hast dich mit Clodius zerstritten?“
Antonius nickte.
„Versuche es doch mit Caelius, war Cicero nicht sein Mentor?“
Antonius schüttelte den ungepflegten Kopf. „Caelius ist nirgends zu finden, weder im Haus seines Vaters, noch in seiner teuren Mietwohnung. Schon seit Sura verhaftet wurde… vielleicht will er auch nicht helfen…“
Auf einmal packte er Rufus, hob ihn hoch und schüttelte ihn durch.
„Hilf mir! Hilf mir Rufus, ich will meinen Vater nicht verlieren ... ich habe schon einmal einen Vater verloren…“
Sofort kamen die Soldaten herbei und packten Antonius am Kragen, doch Rufus winkte sie zurück.
Antonius stellte ihn wieder ab. Eine Träne lief über sein massiges Kinn. „Ich muss zu Sanga, er ist doch ein Freund Ciceros. Bitte! Hilf mir. Ich kann nicht zulassen, dass sie ihn hinrichten!“
Cerberus kehrte zurück, gefolgt von Apollonius. Beim Anblick der offenen Türe hob er eine Augenbraue. „Mein Herr ist untröstlich, aber er muss zu einer sehr wichtigen Senatssitzung. Wenn der junge Herr vielleicht am Abend wiederzukehren beliebt?“
Antonius blieb einen Augenblick wie versteinert stehen, dann stürzte er mit einem Aufschrei davon, wie ein in Rage geratener schwarzer Stier.

»Wie kann ich ihm nur helfen?«, überlegte Rufus. »Er ist schon halb wahnsinnig vor Sorge um seinen Stiefvater… Quintus! Ich muss ihn überzeugen!«
Rufus versuchte Quintus Fabius Sanga zu erwischen, bevor er zur Senatssitzung ging. Aber er hatte kein Glück. Quintus dankte Rufus zwar für die Ehre, die er mit seinem Einsatz für den Konsul dem Hause der Fabii Sangae erwiesen hatte, wies seine Bitten jedoch hart zurück.
„Hochverrat verdient keine Gnade“, war seine knappe Antwort.
Am späten Abend der Nonen des Dezember kehrte Quintus dann mit wichtigen Nachrichten zurück. Er ließ den gesamten Hausstand wieder im großen Triklinium versammeln, auch die Allobroger wurden in allen Ehren hereingebeten – sie erschienen in ihren heimatlichen Hosen und Karojacken. Noch in Toga verkündete Quintus die Nachricht des Tages:
„Es war eine schwere Entscheidung, doch ein guter Tag für Rom. Cicero hat die gesamte Debatte protokollieren lassen, jede Rede. Lange haben wir diskutiert, alle Eventualitäten eingeplant, alle Möglichkeiten bedacht. Bei der Wahl zwischen Tod und Verbannung hat Silanus die Todesstrafe beantragt und es wären ihm auch alle gefolgt, wäre der junge Caesar nicht für lebenslange Haft eingetreten. Die Stimmung kippte, selbst Silanus ist umgefallen, bis… ja bis sich Cato erhob und alle zusammenstauchte. Kurz und gut ... er hat Recht: Angesichts des Aufruhrs in der Stadt, der bei einer Befreiung der Anführer droht, kann es nur ein einziges Mittel geben. Dafür war die überwältigende Mehrheit der Senatoren ... zumindest nach Catos brillanter Rede: Die Todesstrafe ... sofort und ohne jede Berufung.“
Rufus schluckte.
„Aber Papa“, meldete sich Fabia zu Wort, „verbietet die lex Sempronia de provocatione nicht die Hinrichtung eines römischen Bürgers ohne Berufungsverfahren an das Volk?“
Quintus zog eine Augenbraue hoch.
„Lehrt dich Crispus so viel Politik? Nun, theoretisch schon, aber im Rahmen des Notstandsbeschlusses hat Cicero als Konsul die nötigen Sondervollmachten. Außerdem hat der Senat die Entscheidung gefällt und abgesegnet, nicht Cicero. Die Hinrichtungen wurden bereits vollzogen: Sura, Cethegus, Statilius, Caeparius und Gabinius Capito hat man im Staatskerker erdrosselt.“
Rufus wurde schwindelig. Das waren genau die unvorsichtigen Verschwörer, die für ihn und die Allobroger die verschwörerischen Briefe aufgesetzt hatten. Trug er Schuld an ihrem Tod? Und was war mit Gaius, dem großen Bruder, den er sich immer gewünscht hatte? Hatte er ihn verraten und verkauft und zum Schluss sogar umgebracht?
Quintus räusperte sich.
„Als Cicero gleich darauf das Volk unterrichtete, war nur Jubel zu hören ... großer Jubel, von seinen Freunden und sogar von seinen Gegnern. Das ganze Volk rief Dankesbekundungen und Sprechchöre für Cicero, den Retter Roms. Wir können alle aufatmen. Der Senat wird ein mehrtägiges Dankfest für die Götter beschließen. Was die Stadt Rom betrifft, so ist die Verschwörung des Catilina endgültig vorbei.“
   [Hier geht es zu Kapitel 12 ]

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