Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Sonntag, 26. August 2018

Eine nicht unpersönliche Frage: Ovid und Homosexualität

War Ovid schwul? Ovid and Homosexuality
cb viro vir - mas & mas ©: S. Gerlinger CC-BY 4.0

Ein Mann, der so gelehrt und gebildet ist wie Ovid, so kultiviert und feinfühlig, unzählige Verse anderer Autoren auswendig kennt, sich ganz der Literatur verschrieben hat und Frauen so gut zu verstehen scheint – ist der nicht zwangsläufig homosexuell?
So (und derber) äußern sich jedenfalls einige Schüler bei der Ovid-Lektüre – besonders wenn die Rede auf den Hirten Ganymed fällt, der -wie Ovid in den Metamorphosen erzählt (Buch 10, ab Vers 155)- so schön war, dass ihn Jupiter aus erotischen Gründe zu sich nach Hause entführte.
Bei Ovids griechischen Vorbildern ist Knabenliebe Gang und gebe. Könnte also auch etwas dran sein, Ovid für homo- oder bisexuell zu halten?
Dazu befragen wir am besten Ovid selbst! Selbstauskünfte zu diesem Thema hat dankenswerter Weise der Philologe J.C. McKeown in seinem ersten Kommentar zu den Amores gesammelt (McKeown, J. C., Amores, text, prologomena & commentary, Liverpool 1989-2012 (4 Bände), Band 1, S. 22-24 zu den Amores-Versen 19-20).
Dabei wird schnell klar, dass Homosexualität für Ovid persönlich wenig in Frage zu kommen scheint. Was er in Gedichten preisgibt, zeugt sogar von eher moderner Auffassung von Heterosexualität als von der zeitgenössischen spezifisch römischen Sexualvorstellung: Im antiken Rom ist der Geschlechtsverkehr unter Männer insofern gesellschaftlich akzeptiert, wenn der höher stehende dabei die aktive Rolle einnimmt (vgl. S. Gerlinger, Virtus ohne Ende? Zum Rollenverständnis zwischen Mann und Frau, in: A. Heil / M. Korn / J. Sauer (Hrsg.), Noctes Sinenses. Heidelberg 2011). Passive Frauen sind die Normalität, aktive Frauen ein Skandal. Dagegen gibt es keine Probleme, wenn ein freigeborener Römer aktiv ist, ein Freigelassener, Sklave oder Nichtrömer passiv.
Nichts davon findet sich jedoch in Ovids Dichtung wieder. Er scheint in seinem Sexualverständnis nicht zwischen höherem gesellschaftlichen Status zu unterscheiden, abgesehen vom Brief der Deianira an Hercules in den Heroiden hebt er nicht auf die Aktiv-Passiv-Ordnung seiner Zeit ab.
Dafür äußert er sich überraschend deutlich in der Ars Amatoria: Er hasse Sex, der nicht beiden gleichzeitig Befriedigung bringe und werde deshalb auch kaum von Jungen angezogen: odi concubitus, qui non utrumque resolvunt / hoc est cur pueri amore minus tangar (Buch 2, ab Vers 683). An vielen weiteren Stellen lässt Ovid eine deutlich ablehnende Haltung zur Homosexualität erkennen (z. B. Ars Amatoria, Buch 1, Vers 524; Buch 3, ab Vers 437). In den Amores wird Homosexualität überhaupt nur in zwei Versen erwähnt (Buch1, Gedicht 1, Vers 20 und Gedicht 8, Vers 68). Selbst im Trauergedicht um den Dichter Tibull (Buch 3, Gedicht 9) wird dessen homosexueller Geliebter und Gegenstand dessen Dichtung völlig verschwiegen.
Zurecht nimmt McKeown an, dass Homosexualität für Ovid persönlich auszuschließen ist.
Jedoch ist Ovid auch weit davon entfernt, Homosexuelle zu verdammen: Eines seiner verehrtesten Vorbilder ist Tibull. Tibull, der Homosexualität und Knabenliebe literarisch verarbeitet wird von Ovid literarisch bewundert. Ovid weiß die Person des Tibull und seine Dichtung sehr zu schätzen.
Ovid hat eine klare Vorstellung von Sexualität, die noch über die gesellschaftliche Realität und Traditionen des alten Rom hinaus geht. Er scheint eine Art gleichberechtigte Heterosexualität angestrebt zu haben. Dass Ovid trotz dieser klaren Haltung nicht missioniert, spricht für seine gelebte Toleranz. Ein weiterer Charakterzug, der den humorvollen Ausnahme-Dichter nur sympathischer macht.

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