Die „Rufus“-Reihe soll jeder verstehen und genießen können, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Nichtstudierte. Wer sich im Roman auf fremde Welten einlässt, der wird auf unterhaltsame Weise ganz automatisch kennenlernen, was die damalige Zeit so alles zu bieten hatte - und lernt beim Lesen wie von selbst. Alles so authentisch und historisch korrekt wie möglich zu erzählen und dabei spannend zu bleiben, das ist mein Ziel.
Die „AMORES - Die Liebesleiden des jungen Ovid“ sind dagegen nicht immer ganz jugendfrei (wie auch die Originalverse Ovids und seiner Zeitgenossen). Der Laie kann sich über die „moderne“ Sprache & Handlung freuen, der Fachmann über zahlreiche Anspielungen und intertextuelle Scherze.
Auf dem Blog zeige ich einen Blick hinter die Kulissen. Dabei gebe ich auch Hintergrundinformationen über Politik und Alltagsleben der späten Republik und frühen Kaiserzeit in Rom und einiger Kelten- und Germanenstämme.
Feste Probeleser aus verschiedensten Altersgruppen haben bereits die ersten Bände gelesen. Die Rückmeldungen setze ich um. Sehr gute Feedbacks kamen dabei nicht nur von Universitätsprofessoren und anderen Fachleuten sondern gerade auch von Schülerinnen und Schülern - vielleicht demnächst auch von dir? Gerne nehme ich jede gute Anregung auf (Rufus.in.Rom@gmail.com)...

Montag, 22. Juli 2013

III. Tirocinium. Leseprobe aus "Geheimnisse in Rom"

Es folgt ein Auszug aus dem dritten Kapitel (Band 2). Folgende Links führen zum ersten und zweiten Kapitel. Anregungen und Kommentare sind wie immer erwünscht (Rufus.in.Rom@gmail.com)...!

Kapitel III: Tirocinium
            […] Das kalte Wasser im Waschraum half zum Wachwerden - nur komisch, dass die Römer offenbar keine Seife kannten. Rasch ging es hinüber zur Bibliothek, denn ab jetzt stand für Rufus Unterricht bis zum Nachmittag auf dem Tagesprogramm, zusammen mit den anderen Kindern des Hauses. Die lateinische Schrift gelang ihm immer besser, doch Crispus war nicht leicht zufrieden zu stellen. Als Rufus nur kurz eindöste, brüllte ihn Crispus gleich an. „Du bringst mich noch so weit, dass ich Aristoteles Meinung über die Barbaren teile! Hoch mit dir und lerne, bei Minerva!“ Was hatte Aristoteles denn über die Barbaren geschrieben? Nichts Gutes, vermutlich. Rufus versuchte besser aufzupassen, doch er war immer noch so müde. Wann hatte er zuletzt auch richtig ausschlafen können? Und diese Korbsessel waren so gemütlich. Man konnte bequem seinen Kopf anlehnen…
            Plötzlich schoss er in die Höhe. „Ja Rufus, du möchtest etwas beitragen, zu Polybios Sicht auf die römische Verfassung oder dazu, wie auf dem Forum Romanum Politik gemacht wird?“ Fabiulla kicherte. Dieses kleine Biest! Sie hatte Rufus mit ihren Zehen am Bein gekitzelt. „Politik?“ „Ja Politik. Bei Minerva, sag mir nicht, dass du nicht weißt, was Politik ist! Worüber reden wir eigentlich schon den ganzen Morgen auf ausdrücklichen Wunsch von Quintus? Politik! Werden in eurem Stamm etwa keine Debatten über das Staatswohl geführt, keine wichtigen Entscheidungen getroffen, keine Gesetze erlassen?“ „Nun ja, bei uns zu Hause gibt es die Thingstätte für allgemeine Beratungen - und den Ältestenrat.“ Crispus fuhr sich durch seine blonden Locken und seufzte. „Immerhin etwas. […]

[…]

            Zur großen Freude von Fabia und Fabiulla führte sie ihr Weg […] die Via Sacra entlang. […] Dazwischen wetteiferten elegante Läden dicht gedrängt um eine exklusive Kundschaft. Fabia und Fabiulla konnten sich gar nicht sattsehen. Immer wieder schlugen die Mädchen den Vorhang der Sänfte zurück, um besser zwischen den Köpfen der Klienten und ehemaligen Gladiatoren des Quintus, die sie umringten, hindurch sehen zu können. Angespannt und allzeit bereit bildeten diese einen sicheren Schutzwall im unübersichtlichen Gedränge. Fabiulla streckte sogar öfters ihren Kopf heraus, was sich anscheinend nicht ziemte. „Fabiulla nicht! Disziplin und Anstand. Denk an den mos maiorum!“ Doch mit dem ständigen Hinweis auf die Vorvätersitte konnte Agatha Fabiulla nicht überzeugen. Die Sklavin saß ebenfalls in der Sänfte und versuchte vergeblich, Fabiulla zu korrektem Verhalten zu überreden. Vor Larcia hätte sich Fabiulla das wahrscheinlich nicht getraut, vermutete Rufus, der mit Lucius und Quintus neben der Sänfte einher ging. Quintus jedoch grinste nur und lächelte seinen Töchtern zu, wenn er nicht gerade andere Togaträger auf dem Weg grüßte. Notfalls flüsterte ihm sein Sekretär Apollonius den Namen des Passanten rechtzeitig ins Ohr.
            Was an diesen Läden nur so spannend sein sollte? Wahrscheinlich waren sie teuer, denn die Fenstergitter waren mit zahlreichen Zacken und Spitzen versehen. Manche hatten sogar eine Vorrichtung, um den Arm eines unvorsichtigen Diebes einzuklemmen. Rufus interessierte die feine Ware der Geschäfte jedoch weniger: Schmuck, Kleider, feingewebte Tücher, Gold- und Silbergeschirr, Frauenkram… nicht eine einzige Waffenschmiede war dabei. „Weshalb heißt das eigentlich »die heilige Straße«?“, fragte er Lucius. Dieser sah ihn schräg an „Komisch, das habe ich mich auch gerade gefragt. Auf der Via Sacra wird so manches begangen, Taten und Untaten. Auch Straftaten und sogar Freveltaten.“ Lucius stieß an eine Gehwegkante und musste stolpern. „Verfluchter…! - Eigentlich passt der Name ganz gut“, kicherte er schließlich. „»Sacer« bedeutet ja beides, »heilig« und verflucht.“ Rufus schaute sich angestrengt um, konnte jedoch nichts Übernatürliches entdecken. Stattdessen wurde eifrig getratscht und Geschäfte gemacht, manch edle Dame ließ gleich mehrere Sklaven ihre Einkäufe in Taschen und Körben herumschleppen. „Bei Minerva, bist du blöd!“, rief Fabiulla ihrem Bruder zu. „Jeder weiß doch, dass alle Prozessionen der heiligen Feste in der Via Sacra gefeiert werden. Und zu den Tempeln muss man auch hier lang. Und die gewaltigen Triumphzüge der siegreichen Feldherren gehen auch alle hier durch, bis hinauf aufs Kapitol…“ „Woher willst du kleine Maus denn das wissen?“ antwortete Lucius. „Ein Triumphzug ist nichts für Frauen – außerdem bist du sowieso noch zu klein!“ „Gar nicht, Bäh!“
            Inzwischen bogen sie auf einen größeren Platz ein, von dem aus man schräg links wieder die blitzenden Tempel und Statuen des Kapitols erkennen konnte, auf den die Via Sacra schnurgerade zulief. Ein langgestrecktes hohes Gebäude verwehrte jedoch den direkten Blick. Plötzlich hörten sie lautes Geschrei direkt nebenan: „Catilina – Catilina – Catilina“, johlte die Menge. Rufus konnte gerade noch sehen, wie eine ganz in weiß gekleidete Frau hinter den hohen Eichentüren eines zweigeschossigen Anwesens verschwand. Ein Mann, der sie begleitet hatte, schwang drohend ein Rutenbündel vor der Menge und schimpfte. Ein schlecht unterdrücktes Lächeln zeigte jedoch, dass die Frau den frenetischen Jubel genossen hatte. Dann war auch schon wieder Ruhe. Nur ein paar Menschen betraten und verließen mit winzigen Kohlebecken den kleinen Rundtempel, der vor dem prunkvollen Anwesen lag, in dem sie verschwunden war. Quintus verzog angewidert das Gesicht. „Zum Glück wird sie bald dreißig“, grummelte er. „Was war das denn?“, wunderte sich Rufus. Lucius stöhnte. „Tante Fabia – eine Vestalin. Sie soll mal etwas mit Catilina gehabt haben. Ein schwerer Vorwurf, zum Glück wurden beide frei gesprochen, sonst hätte der Prozess für beide den Tod bedeuten können - wegen Religionsfrevel. Aber die Anhänger Catilinas grüßen sie seitdem auf ihre Weise.“
[…]

            Auf dem Forum waren die Gerichtsverhandlungen noch immer nicht beendet. Crispus hatte ihnen am Morgen schon vom »Forum Romanum« erzählt. Er hatte es »das Herz von Rom« genannt, der Pulsschlag für alle Dinge des Göttlichen, des Handels, des Rechts und der Politik - was auch immer das heißen mochte. Die hohe Bühne, vor der sie warteten, musste die Gerichtsverhandlung sein, bei der Gaius assistierte. Das war Teil seiner Ausbildung, seines »tirocinium fori«. U-förmig saßen Richter, Geschworene, Ankläger und Verteidiger hinter ihren Tischen, doch konnte Rufus Gaius nirgends entdecken. Der Prozess war schlecht besucht. Viel dichter als auf den Zuschauerplätzen pulsierte die Menschenmenge in den gewaltigen Säulenhallen rings um das Forum, in den angebauten Läden und in den Tempeln.
[…]

            Einen Blick auf den prächtigen Jupiterttempel auf dem Kapitol und seine Statuenreihen oder noch höher auf den Tempel der Juno Moneta auf der Erhebung des Burgberges »arx« konnte man nur erhaschen, wenn man links oder rechts um das »Tabularium« herum schaute: der mehrgeschossige Riesenbau auf dem Felsabhang des »asylum«. Mit seiner beeindruckenden Länge schloss das Tabularium das Forum zum Kapitol hin ab. Die kleinen regelmäßigen Fenster strahlten eine kühle Strenge aus, die selbst die Arkaden des Untergeschosses nicht durchbrechen konnten, nicht einmal die korinthischen Säulen im zweiten Stock. Aber vermutlich sollte dies auch so sein, denn das Staatsarchiv des Tabulariums repräsentierte die römische Republik an sich: Alle Gesetze und Urkunden wurden hier aufbewahrt, alle Akten und alle Rechenschaftsberichte sämtlicher Beamten und der gesamten Verwaltung.
            „So, jetzt kommen noch ein paar Gerichtsakten hinzu“, schloss Lucius seine Erklärungen. „Sie sind fertig.“ Ein sehr würdevoll dreinblickender Togaträger hatte das Händeschütteln schließlich beendet und kam die Tribüne herunter, begleitet von einem jüngeren, der ihm ziemlich ähnlich sah - Vater und Sohn? Quintus ging ihnen entgegen „Seid gegrüßt, Gnaeus Cornelius Lentulus Clodianus, Maior und Junior! Ich gratuliere, wieder einmal habt ihr eure Gegner zum Schwitzen gebracht. Eure rhetorische Vielseitigkeit ist bewundernswert.“ Der ältere Lentulus zog eine Augenbraue hoch. „Wirklich?“ Mit den Augenwinkeln deutete er auf die spärlichen Zuschauerreihen. „Das Publikum scheint anderer Ansicht.“ Quintus legte ihm seinen Arm auf die Schulter. „Das Publikum weiß gute Rhetorik nicht zu schätzen, nur spektakuläre Fälle fesseln größere Menschenmengen bis zum Nachmittag. Jedenfalls bin ich froh, dass mein Sohn von euch lernen kann.“ „Wirklich?“ Erneut hob Clodianus die Augenbraue hoch. „Ich fürchte, dein Sohn teilt nicht die Wertschätzung seines Vaters.“ Quintus machte ein bestürztes Gesicht. „Ich hoffe, Gaius hat trotzdem zu eurer Arbeit beitragen können?“ „Abwesend? Wohl kaum.“ „Abwesend?“ Diesmal gingen bei Quintus die Augenbrauen in die Höhe. „War er etwa heute nicht bei dir in der Lehre?“ Clodianus Junior verschränkte die Arme. „Heute nicht? Nein, die ganze letzte Woche ist er nicht gekommen!“ Dabei sah Clodianus Junior ziemlich verärgert aus. „Er wollte lieber zu unserem lieben Sura. Bei ihm scheint ihm ein Tirocinium »lohnenswerter« zu sein, wie er es nannte.“ Quintus fiel die Kinnlade herunter. Clodianus Maior versuchte zu beschwichtigen und nahm den völlig verdatterten Quintus am Arm: „Ein energischer Prätor ist für einen jungen Mann einfach interessanter als ein junger Anwalt und ein ehemaliger Prätor. Das ist nur allzu verständlich.“ Quintus war sichtlich benommen. Kreidebleich ließ er sich wie ein kleiner Junge an der Hand nehmen und wegführen. „Sura, ausgerechnet Sura“, murmelte er zu sich selbst.

[…]

            In der Pause verzog sich Rufus in das Atrium. Die Mädchen durften sich normalerweise nicht im öffentlichen Teil des Hauses aufhalten und so hatte er dort ein wenig Ruhe vor Fabiulla. In der Küche gelang es ihm, von der Oberköchin Medea einen Knochen zu erbetteln. Milmass witterte ihn schon von weitem, bellte erwartungsfroh und wedelte mit dem Schwanz. „Ach du bist es nur.“ Cerberus ließ sich wieder auf den Boden des Vestibulums sinken. „Er macht sich gut, dein Hund. Es macht mehr Spaß, nicht alleine hier sitzen zu müssen und ich muss nicht gleich nach den Leibwächtern rufen.“ Versonnen streichelte er das schwarzgefleckte Fell, während Rufus seinem Hund den Knochen gab. Ein Lächeln huschte über das einäugige Gesicht des Türhüters. „Der Herr wird ihn übrigens behalten, das hat er mir schon verraten.“ „Optime!“ Voller Glück umarmte Rufus seinen Hund. „Danke Cerberus!“ Tränen stiegen ihm in die Augen. „Wenigstens wir bleiben zusammen, Milmass.“
            Cerberus legt ihm sanft seinen rauen Arm auf die Schulter. „Was bedeutet eigentlich sein Name - »Milmass«, meine ich.“ Rufus saß neben Cerberus auf dem Mosaikboden. […] „Das ist keltisch und bedeutet »schönes wildes Tier«. Und dein Name?“. Cerberus lachte gequält. „Ein Witz meiner Herren. Wo doch Herkules der Schutzpatron der Fabier ist.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Die Statue dort mit der Keule, der Mosaikboden im Eingangsbereich und im Atrium, sogar im Tablinium – alles Herkules.“ „Alles Herkules?“ Cerberus nahm sich einen Schluck Wasser. „Ja, die Taten des Herkules, du weißt schon. Der Höllenhund, der hat doch gleich drei Köpfe und mehrere Augen und da haben sie sich wohl gedacht...“ Ein spitzer Schrei unterbrach sie. „Da bist du!“ Fabiulla hatte ihr Lieblingsopfer für ihre kleinen Neckereien wieder gefunden. Cerberus sprang auf „Kleine Herrin, du solltest nicht hier sein. Dieser Teil des Hauses ist nicht für Mädchen gemacht. An der Eingangstüre kann es gefährlich werden. Geh wieder zurück.“ „Ach wo“, flötete Fabiulla, „doch nicht wenn mich zwei Männer und ein Hund beschützen.“ Damit sprang sie Milmass zum Entsetzen von Cerberus auf den Rücken und zog ihn an den Ohren. „Nein! Vorsicht, er wird dich beißen!“ Doch Milmass blieb seelenruhig liegen und nagte weiter an seinem Knochen als wäre nichts. „Blöder Hund, auf dir kann man nicht einmal richtig reiten!“ „Komm Fabiulla, lass uns in Ruhe. Cerberus wollte mir gerade etwas über Herkules erzählen…“ „Über Herkules? Ich weiß alles über Herkules! Er ist der Schutzpatron unserer Familie, weißt du? Komm, ich zeige es dir, du brauchst nur die Mosaike anzusehen. Sein Tempel steht übrigens auf dem Forum Boarium, dem Rindermarkt und Papa und die anderen Geschäftsleute versprechen ihm dort ein Zehntel ihres Gewinns, wenn sie auf eine längere Reise gehen…“ Schon zog sie ihn an der Hand zum nächsten Bild. Rufus seufzte tief und folgte ihr. Wer konnte Fabiulla schon widerstehen? Nicht einmal ihr eigener Vater. […] Fabiulla wusste in der Tat von sehr vielen Heldentaten zu berichten:[…] „»Rumms«! Ein gewaltiges Dröhnen erschütterte den Olymp“, schilderte Fabiulla gerade, wie die Giganten riesige Felsbrocken und brennende Eichen gegen den Himmel warfen. Herkules war den olympischen Göttern zu Hilfe gekommen, da ein Gigant durch Götterhand nicht sterben kann. „Mit helltönendem Zischen streckte Herkules die Giganten mit seinen Pfeilen nieder, »zsch, zsch, zsch«. Er hat die Spitzen vorher mit dem giftigen Blut der Hydra getränkt, weißt du? »Kabumm« warf Minerva die Insel Sizilien mitten auf den Giganten Enkeladus drauf…“
            Von der Straße her drang plötzlich ein Rufen und Schreien aus vielen Kehlen ins Atrium vor. Jemand hämmerte an die Tür, Milmass bellte wie verrückt. „Fabiulla, verschwinde, schnell!“ rief Cerberus und öffnete vorsichtig die Türklappe. Kaum einen Augenblick später waren auch schon die Leibwächter hinter ihm, gefolgt von Quintus. „Es sind die Allobroger, Herr. Sie werden von einem Mob gejagt.“ „Worauf wartest du, beim Herkules? Aufmachen, schnell!“ Als die Türflügel aufschwangen drängten neben dem verletzten Ollugnio, Crixos und Catugnatos auch noch ein paar andere Männer hinterher. Milmass stürzte sich jedoch mit solcher Wucht auf den nächststehenden Eindringling, dass ihr Schwung rasch ins Stocken geriet. Zähnefletschend und mit tief herabgezogenen Lefzen zeigte Milmass die Kampfbereitschaft eines scharfen Wachhundes. Wer noch unentschlossen war, den überzeugten schließlich die ehemaligen Gladiatoren des Quintus mit ihren drohend zum Schlag erhobenen Knüppeln und Dolchen, das Vestibulum und den Eingangsbereich frei zu machen. Außer ihren grimmigen Gesichtern hatten nur wenige Tritte genügt.

[…]

            Beim Mittagessen war Gaius noch immer nicht nach Hause zurückgekehrt. „Wo steckt nur wieder dieser Junge!“, ereiferte sich Quintus. […] „Aber da sein Stiefsohn Marcus doch Gaius bester Freund ist…“, versuchte es Lucius erneut. Quintus Augen blitzen: „Marcus Antonius sein bester Freund? Das fehlte noch! Ständig treibt er sich herum. Die »Abende« mit Caelius, Curio und Claudius wären schon so gefährlich genug. Nicht auszudenken, was diese Bande in ihrem jugendlichen Übermut jetzt alles auslösen könnte, wo die Wahlen erneut verschoben wurden und Rom vor lauter Gesindel aus allen Nähten platzt. Eine spitze Bemerkung zu viel und…“. Er ballte die rechte Faust und hieb damit in seine linke Hand. „Oh!“, rief Larcia und sank bleich in ihren Korbsessel zurück. Besorgt griff Fabia nach ihrem Arm. „Mama, geht es dir gut?“
            Rufus Interesse war jedoch geweckt. Er schob seinen Fischauflauf zur Seite. „Du meinst, wie bei den Allobrogern…?“ Fabia warf ihm einen bösen Blick zu. „Was hat es eigentlich mit diesen verschobenen Wahlen und den Menschenmassen genau auf sich?“, fragte Rufus weiter. „Nun, normalerweise wäre alles schon über die Bühne gegangen“, antwortete Quintus, froh, eine Ablenkung zu haben. „Die Wahlen sind meistens im Quintilis, der genaue Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben, denn nicht alle Römer wohnen in der Stadt und der Weg ist für viele weit und beschwerlich. Wer im Umland wohnt, kommt nur zur Wahl nach Rom und geht meist am selben Tag wieder nach Hause. Wer weiter weg wohnt nutzt sein Stadthaus, einen Verwandten, Bekannten oder Patron, wo er kurzzeitig unterkommen kann. In Roms Pensionen sind Übernachtungen teuer. Gerade als sich alle Wähler auf dem Marsfeld versammelt hatten, um die Konsuln des nächsten Jahres zu wählen, da hat Konsul Cicero die Wahlen jetzt erneut verschoben, auf den sechzehnten Tag vor den Kalenden des Sextilis, den Jahrestag des Tempels der Concordia.“
[…]
„Was habe ich nur für verständige Töchter!“, lächelte Quintus. „Ja, die Strategie geht nicht auf. […] Viele Anhänger Catilinas brennen so sehr darauf, endlich wählen zu dürfen, dass sie einfach auf dem Marsfeld unter freien Himmel kampieren – oder in den Straßen und Tavernen der Stadt“. Plötzlich bekam Fabiulla große Augen. „Wenn die nicht wissen, wo sie schlafen sollen, wissen die denn, wo sie aufs Klo gehen können?“ Lucius lachte lauthals. „Was stellst du dir eigentlich vor, wenn man dir sagt, dass das Marsfeld vor lauter Menschen überschwemmt ist?“ Fabia schüttelte sich. „Ih, Lucius, du Ferkel! Beim Pluto, wie eklig. Dieses Bild habe ich jetzt tagelang in meinem Kopf.“ Angewidert ließ sie ihren Becher wieder sinken. „Du brauchst gar nicht so zu lachen, Sohn“, mahnte Quintus. „Oder glaubst du, dass die Leute vom Land sich bemühen, extra eine der öffentlichen Toiletten aufzusuchen?“ Lucius fiel die Kinnlade herunter. „Was glaubst du denn, warum ich mich seit ein paar Tagen nur noch in einer Sänfte durch die Stadt bewege? An allen Ecken kann man es sehen – und riechen…“ „Quintus!“ Larcia war sichtlich entsetzt. „Tut mir Leid, meine Liebe, aber so sieht es gerade in Rom aus: Die Ädilen klagen im Senat, dass sie die öffentliche Ordnung und Hygiene so nicht mehr aufrecht erhalten können, zumal bei dieser Hitze. Die Ädilen warnen ernsthaft vor dem Ausbruch einer Seuche.“ Quintus hielt einen Augenblick inne. „Ja, ich halte es sogar für das Beste, wenn wir Rom erst einmal verlassen und die nächsten Tage bis nach der Wahl in Baiae verbringen.“
            Keiner sagte etwas. Larcia sog hörbar die Luft ein. Alle waren geschockt, das konnte Rufus an ihren Gesichtern ablesen. „Beim Herkules, Quintus! Das kann doch unmöglich dein Ernst sein!“, polterte Larcia schließlich. „Du kannst doch nicht ernsthaft vorhaben, Rom vor den Wahlen den Rücken zu kehren und dir ein paar schöne Tage am Meer zu machen, während in Rom der Pöbel tobt! Was ist mit der glorreichen Tradition der Fabier? Du hast eine Verantwortung der Republik gegenüber, wenn du dich schon im Senat so zurückhältst!“ Quintus blickte etwas verärgert zu seiner Frau hinüber. „Beim Jupiter, Frau, ich habe auch eine Verantwortung meiner Familie gegenüber! Du weißt doch noch, wie es bei Sulla zuging, oder? Wenn es hart auf hart kommt, schont niemand Frauen und Kinder, wenn sie einem vor Schwert, Knüppel oder Dolch laufen! […] und es sind nicht nur die Leute Catilinas, die Ärger machen: Die Veteranen des Lucullus sind nach seinem Triumph gleich in der Stadt geblieben, als Wahlkampfhilfe für seinen Schützling Murena. Bei dem Triumphzug seinen General so prächtig in Szene zu setzen – Lucullus weiß eben, was beim Wähler ankommt. Und jetzt hat er alle seine Männer aufgeboten, um Murena zu unterstützen, auch die Soldaten, die jetzt auf dem Marsfeld herumlungern. Ich muss euch nicht sagen, welche Gefahr das bedeutet.“ Larcia verzog das Gesicht. „So schlimm wird es schon nicht sein. […]“
            […] „[…] Catilina ist weder taub noch blind: Gegen die Männer des Murena und Lucullus mobilisiert er jetzt die allerletzen seiner Anhänger. Zu den Massen in der Stadt strömen nun noch alle möglichen zerlumpten und gewalttätigen Gestalten, vor allem aus dem Nordwesten: Aus ganz Etrurien scheinen sich sämtliche Herumtreiber, Viehhüter und ehemaligen Legionäre des Diktators Sulla aufgemacht zu haben.“ Larcia gab sich noch immer kämpferisch. „Einen echten Römer darf dies aber nicht schrecken! Und wenn die Kämpfer des Murena und des Catilina sämtliche Straßen verstopfen: Ein Grund mehr, dass du deine Pflichten als Bürger erfüllst und zur Wahl gehst. Denk nur daran, wie deine Vorfahren sich an der Cremera bis zum letzten Mann für Rom geopfert haben! Die Fabier waren schon immer ein leuchtendes Vorbild für alle Römer. Wenn sich alle anständigen Männer abschrecken lassen, dann hat Catilina gleich gewonnen! Oder willst du etwa, dass ein Mann wie Catilina Konsul wird? Umsturz und Revolution! Denk einmal an deine Geschäfte! Geplündert würden deine Lager und Niederlassungen, die Handelswege wären voll von feindlichen Bürgerkriegssoldaten und marodierenden Banden. Denk an Sulla, selbst nach den Proskriptionen…“
            „Sulla – genau daran denke ich ja gerade. […] Zwischen den beiden Anhängerschaften sind Zusammenstöße an der Tagesordnung: Männer werden zu Tode geprügelt, andere in den Tiber geworfen oder sicherheitshalber gleich von Hand ertränkt. […] Nein besser wir fahren, solange wir noch können…
[…]
[Weiterlesen in Kapitel 4 Baiae]

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